Bad Oeynhausen

Auf Corona-Streife: Ordnungshüter kontrollieren in Bad Oeynhausen die strengen Vorschriften zur Infektionsvorbeugung

Heidi Froreich

Ungewohnter Anblick: Die Bahnhofsvorhalle ist menschenleer. Auch im Kiosk warten keine Kunden. Fotos: Heidi Froreich
Ungewohnter Anblick: Die Bahnhofsvorhalle ist menschenleer. Auch im Kiosk warten keine Kunden. Fotos: Heidi Froreich

Bad Oeynhausen (nw). 100 Meter nach dem Start des Streifengangs am Schweinebrunnen beginnt schon der erste Einsatz. „Bitte steigen Sie ab, hier ist Fußgängerzone“, ruft Stefan Altrogge dem Radfahrer zu, der die Paul-Baehr-Straße befährt. „Auch in Zeiten von Corona gilt schließlich ein Fahrverbot in der City“, betont Altrogge. Seit vier Jahren ist er ordnungsbehördlicher Außendienstmitarbeiter der Stadt, zusammen mit Johann Funk bildet er an diesem Nachmittag das Team, das in der Innenstadt kontrolliert, ob sich die Bürger an die strengen Vorschriften zur Eindämmung des Infektionsrisikos halten. Und er macht gleich zu Beginn eine Ausnahme: Die Berichterstatterin macht aus dem Team eine (verbotene) Dreiergruppe, hält aber stets den vorgeschriebenen Abstand.

Das Verkehrshaus am Kurpark ist geschlossen, draußen stehen allerdings noch Tische und Stühle. Und die sind besetzt. „Aber mit ausreichend Abstand“, stellt Altrogge fest. Dass ihm das reicht, findet Rolf Sasse „super“. Er ist mit dem Rad aus Bünde gekommen, als Ersatz für das sonst gewohnte Fitness-Training in der Bali-Therme. „Gut, dass Sie hier Ihre Arbeit machen“, lobt er die beiden Kontrolleure. Eine Reaktion, die die beiden Männer freut, aber vor allem überrascht. „Ich bin ja sonst gar nicht gern gesehen“, erklärt Funk.

Ordnungsamts-Streifengänger Stefan Altrogge im Gespräch mit einer besorgten älteren Frau, die auf einer Parkbank eine kleine Verschnaufpause eingelegt hat.
Ordnungsamts-Streifengänger Stefan Altrogge im Gespräch mit einer besorgten älteren Frau, die auf einer Parkbank eine kleine Verschnaufpause eingelegt hat.

Er arbeitet sonst im Vollzugsdienst der Finanzbuchhaltung, muss unter anderem städtische Gebühren eintreiben. Weil der Einsatz in Privathaushalten derzeit möglichst unterbleiben soll, wurde er nun dem erweiterten Kontrollteam des Ordnungsamtes als „Seiteneinsteiger“ zugeteilt. Auch Altrogge hat Lob in der Vergangenheit eher selten gehört. „In den ersten Tagen mit der Kontakteinschränkung gab es viele hitzige Diskussionen“, erinnert er sich. Viele Bürger hätten sich uneinsichtig gezeigt, eine Kontrolleurin wurde bespuckt, 30 Ordnungswidrigkeitsverfahren wurden von ihm und den Kollegen bislang eingeleitet. „Aber jetzt hat sich die Lage beruhigt“, findet er.

Die Schulhöfe an den Schulzentren Süd und Nord, der Platz vor der Wichern-Grundschule, aber auch die Tribünen in der Flutmulde nennt er beispielhaft als Einsatzorte. Auch im Kurpark mussten mehrere Gruppen feiernder Jugendlicher aufgelöst werden. „Klare Kante zeigen, das hat Wirkung“, bilanziert Altrogge. Wer die Kontaktbeschränkungen verletzt, muss zahlen, wird nicht – wie der Radfahrer in der Fußgängerzone – nur ermahnt.

Auch Gabi Schätzke hat Angst, ein Ordnungsgeld zahlen zu müssen. Sie hat vor zwei Wochen in Hamburg ein neues Kniegelenk bekommen, hält sich jetzt zur Reha in der Klinik am Rosengarten auf – und steht nun mit ihren Gehhilfen vor einer Parkbank. „Ich brauche dringend eine Pause, aber die Bank darf ich wohl nicht benutzen“, befürchtet sie beim Blick auf das rot-weiße Flatterband. Doch Altrogge und Funk nehmen ihr die Angst: „Das Band soll nur dafür sorgen, dass der Abstand eingehalten wird“, erklären sie der Patientin. Und deshalb sei es selbstverständlich erlaubt, wenn sie ganz allein Platz nehme.

Auch bei Irene Forman sorgt der städtische Mitarbeiter damit für Beruhigung. Die 81-Jährige sitzt bereits auf einer Bank und fragt Altrogge, den sie in seiner Uniform sofort als Mann in dienstlicher Mission erkennt, besorgt: „Muss ich aufstehen und zahlen?“ Muss sie nicht. „Es gibt kein grundsätzliches Benutzungsverbot für Bänke in der Stadt“, stellt Altrogge klar, das Flatterband sei lediglich eine Präventivmaßnahme, um Gruppenbildungen zu verhindern.

Am ZOB gibt es die nicht. Der Platz ist nahezu menschenleer, niemand sitzt auf den Bänken, die beiden Kunden vor dem Imbiss halten gebührend Abstand. Auch hier zeigt das konsequente Durchgreifen vor ein paar Tagen offenbar noch Wirkung. Altrogge überzeugt sich noch davon, dass auch die Wartehalle verschlossen ist, und steuert dann mit seinem Kollegen einen weiteren Anziehungspunkt an. Aber auch vor und im Bahnhof gibt es keinen Grund zum Einschreiten. Das Gebäude ist leer, und auf den Bänken vor dem Gebäude sitzen nur zwei Passanten.

„Alle Vorschriften sind jetzt erfüllt“, stellen die Streifengänger fest, nachdem sie einen prüfenden Blick in den McGeiz-Markt an der Klosterstraße geworfen haben. Alle Waren, die nicht wie Drogerieartikel und Lebensmittel zum lebensnotwendigen Bedarf gehören, sind verhängt und daher vom Verkauf ausgeschlossen. Eine Maßnahme, die allerdings erst nach einem Besuch der Kontrolleure erfolgte.

Bei dem jungen Mann, der ihnen kurz vor dem Schweinebrunnen entgegenkommt, reicht schon Sichtkontakt mit der Uniform. Er ist zwar allein, aber mit dem Rad unterwegs. Und springt ab, noch bevor er ermahnt wird. „Wir hatten heute wenig zu tun, und das ist auch gut so“, sind sich Funk und Altrogge einig, loben das „vorbildliche Verhalten der Bürger“. Beide räumen allerdings ein, dass das durch die Streckenauswahl begünstigt wurde. Normalerweise kontrolliert das Innenstadt-Team auch den Sielpark und das angrenzende Gelände. „Dann nutzen wir das Auto“, erklärt Altrogge.

Darauf wurde heute verzichtet; drei in einem Fahrzeug – diese Ausnahme wird nun auch für die Berichterstatterin nicht gemacht. Ein zweites Team wurde stattdessen für die Kontrolle abgestellt.

Immerhin führt die verkürzte Streckenführung für Funk und Altrogge nicht zum frühzeitigen Feierabend. „Unsere Schicht endet erst um 20 Uhr“. Deshalb geht’s am Schweinebrunnen gleich weiter – zu einem weiteren Kontrollgang. Diesmal als Zweierteam – ganz wie vorgeschrieben.

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Bad OeynhausenAuf Corona-Streife: Ordnungshüter kontrollieren in Bad Oeynhausen die strengen Vorschriften zur InfektionsvorbeugungHeidi FroreichBad Oeynhausen (nw). 100 Meter nach dem Start des Streifengangs am Schweinebrunnen beginnt schon der erste Einsatz. „Bitte steigen Sie ab, hier ist Fußgängerzone“, ruft Stefan Altrogge dem Radfahrer zu, der die Paul-Baehr-Straße befährt. „Auch in Zeiten von Corona gilt schließlich ein Fahrverbot in der City“, betont Altrogge. Seit vier Jahren ist er ordnungsbehördlicher Außendienstmitarbeiter der Stadt, zusammen mit Johann Funk bildet er an diesem Nachmittag das Team, das in der Innenstadt kontrolliert, ob sich die Bürger an die strengen Vorschriften zur Eindämmung des Infektionsrisikos halten. Und er macht gleich zu Beginn eine Ausnahme: Die Berichterstatterin macht aus dem Team eine (verbotene) Dreiergruppe, hält aber stets den vorgeschriebenen Abstand. Das Verkehrshaus am Kurpark ist geschlossen, draußen stehen allerdings noch Tische und Stühle. Und die sind besetzt. „Aber mit ausreichend Abstand“, stellt Altrogge fest. Dass ihm das reicht, findet Rolf Sasse „super“. Er ist mit dem Rad aus Bünde gekommen, als Ersatz für das sonst gewohnte Fitness-Training in der Bali-Therme. „Gut, dass Sie hier Ihre Arbeit machen“, lobt er die beiden Kontrolleure. Eine Reaktion, die die beiden Männer freut, aber vor allem überrascht. „Ich bin ja sonst gar nicht gern gesehen“, erklärt Funk. Er arbeitet sonst im Vollzugsdienst der Finanzbuchhaltung, muss unter anderem städtische Gebühren eintreiben. Weil der Einsatz in Privathaushalten derzeit möglichst unterbleiben soll, wurde er nun dem erweiterten Kontrollteam des Ordnungsamtes als „Seiteneinsteiger“ zugeteilt. Auch Altrogge hat Lob in der Vergangenheit eher selten gehört. „In den ersten Tagen mit der Kontakteinschränkung gab es viele hitzige Diskussionen“, erinnert er sich. Viele Bürger hätten sich uneinsichtig gezeigt, eine Kontrolleurin wurde bespuckt, 30 Ordnungswidrigkeitsverfahren wurden von ihm und den Kollegen bislang eingeleitet. „Aber jetzt hat sich die Lage beruhigt“, findet er. Die Schulhöfe an den Schulzentren Süd und Nord, der Platz vor der Wichern-Grundschule, aber auch die Tribünen in der Flutmulde nennt er beispielhaft als Einsatzorte. Auch im Kurpark mussten mehrere Gruppen feiernder Jugendlicher aufgelöst werden. „Klare Kante zeigen, das hat Wirkung“, bilanziert Altrogge. Wer die Kontaktbeschränkungen verletzt, muss zahlen, wird nicht – wie der Radfahrer in der Fußgängerzone – nur ermahnt. Auch Gabi Schätzke hat Angst, ein Ordnungsgeld zahlen zu müssen. Sie hat vor zwei Wochen in Hamburg ein neues Kniegelenk bekommen, hält sich jetzt zur Reha in der Klinik am Rosengarten auf – und steht nun mit ihren Gehhilfen vor einer Parkbank. „Ich brauche dringend eine Pause, aber die Bank darf ich wohl nicht benutzen“, befürchtet sie beim Blick auf das rot-weiße Flatterband. Doch Altrogge und Funk nehmen ihr die Angst: „Das Band soll nur dafür sorgen, dass der Abstand eingehalten wird“, erklären sie der Patientin. Und deshalb sei es selbstverständlich erlaubt, wenn sie ganz allein Platz nehme. Auch bei Irene Forman sorgt der städtische Mitarbeiter damit für Beruhigung. Die 81-Jährige sitzt bereits auf einer Bank und fragt Altrogge, den sie in seiner Uniform sofort als Mann in dienstlicher Mission erkennt, besorgt: „Muss ich aufstehen und zahlen?“ Muss sie nicht. „Es gibt kein grundsätzliches Benutzungsverbot für Bänke in der Stadt“, stellt Altrogge klar, das Flatterband sei lediglich eine Präventivmaßnahme, um Gruppenbildungen zu verhindern. Am ZOB gibt es die nicht. Der Platz ist nahezu menschenleer, niemand sitzt auf den Bänken, die beiden Kunden vor dem Imbiss halten gebührend Abstand. Auch hier zeigt das konsequente Durchgreifen vor ein paar Tagen offenbar noch Wirkung. Altrogge überzeugt sich noch davon, dass auch die Wartehalle verschlossen ist, und steuert dann mit seinem Kollegen einen weiteren Anziehungspunkt an. Aber auch vor und im Bahnhof gibt es keinen Grund zum Einschreiten. Das Gebäude ist leer, und auf den Bänken vor dem Gebäude sitzen nur zwei Passanten. „Alle Vorschriften sind jetzt erfüllt“, stellen die Streifengänger fest, nachdem sie einen prüfenden Blick in den McGeiz-Markt an der Klosterstraße geworfen haben. Alle Waren, die nicht wie Drogerieartikel und Lebensmittel zum lebensnotwendigen Bedarf gehören, sind verhängt und daher vom Verkauf ausgeschlossen. Eine Maßnahme, die allerdings erst nach einem Besuch der Kontrolleure erfolgte. Bei dem jungen Mann, der ihnen kurz vor dem Schweinebrunnen entgegenkommt, reicht schon Sichtkontakt mit der Uniform. Er ist zwar allein, aber mit dem Rad unterwegs. Und springt ab, noch bevor er ermahnt wird. „Wir hatten heute wenig zu tun, und das ist auch gut so“, sind sich Funk und Altrogge einig, loben das „vorbildliche Verhalten der Bürger“. Beide räumen allerdings ein, dass das durch die Streckenauswahl begünstigt wurde. Normalerweise kontrolliert das Innenstadt-Team auch den Sielpark und das angrenzende Gelände. „Dann nutzen wir das Auto“, erklärt Altrogge. Darauf wurde heute verzichtet; drei in einem Fahrzeug – diese Ausnahme wird nun auch für die Berichterstatterin nicht gemacht. Ein zweites Team wurde stattdessen für die Kontrolle abgestellt. Immerhin führt die verkürzte Streckenführung für Funk und Altrogge nicht zum frühzeitigen Feierabend. „Unsere Schicht endet erst um 20 Uhr“. Deshalb geht’s am Schweinebrunnen gleich weiter – zu einem weiteren Kontrollgang. Diesmal als Zweierteam – ganz wie vorgeschrieben.