Chefarzt schlägt Alarm: Patienten verschweigen Corona-Kontakte

Martin Fröhlich

In Bielefeld verriet eine Patientin in der Aufwachphase nach einer OP, dass sie kurz zuvor Kontakt zu einem Corona-Patienten hatte. - © www.gerald-dunkel.com
In Bielefeld verriet eine Patientin in der Aufwachphase nach einer OP, dass sie kurz zuvor Kontakt zu einem Corona-Patienten hatte. (© www.gerald-dunkel.com)

Bielefeld (nw). Der ganz große Ansturm von schwerkranken Coronapatienten ist in den ostwestfälischen Krankenhäusern bislang ausgeblieben. Doch eine neue Sorge treibt die Klinikärzte und das Pflegepersonal um. Es geht um ein Phänomen, das dazu führen kann, dass einige Krankenhäuser kurzfristig lahm gelegt werden. "Und das wäre eine Katastrophe" sagt Mathias Löhnert, Chefarzt der Klinik für Allgemeinchirurgie und Koloproktologie am Städtischen Klinikum Bielefeld.

Gemeint sind Patienten, die verschweigen, dass sie Kontakt zu Corona-Patienten hatten oder Symptome verschweigen, die den Verdacht auf eine Infektion mit Covid-19 zulassen. Und das, so sagt Löhnert, kommt im Moment tatsächlich vor. Nach Informationen von nw.de hat es ähnliche Vorfälle an mindestens zwei anderen Kliniken in OWL gegeben.

Mathias Löhnert ist Chefarzt der Klinik Allgemeinchirurgie und Koloproktologie am Städtischen Klinikum Bielefeld. - © Klinikum Bielefeld
Mathias Löhnert ist Chefarzt der Klinik Allgemeinchirurgie und Koloproktologie am Städtischen Klinikum Bielefeld. (© Klinikum Bielefeld)

Konkret gab es an Löhnerts Fachbereich am Standort Rosenhöhe in Bielefeld zwei Fälle in nur drei Tagen. Einen davon schildert der Arzt. Eine Patientin befand sich demnach in der Aufwachphase nach einer Operation und in diesem halbbewussten Zustand sagte sie zu einer OP-Schwester: "Gut, dass Sie mich doch operiert haben, obwohl ich vor drei Tagen Kontakt zu einem Corona-Patienten hatte."

"Dann kämen wir ganz schnell an die Personalgrenze"

Das aber hatte die Frau im Vorfeld der OP dem Klinikpersonal verschwiegen. "Und daraus entstehen gleich zwei Gefahren für uns und die Patienten", kritisiert der Chefarzt. Zum einen drohe dem gesamten Klinikpersonal auf den betreffenden Stationen eine mindestens 14-tägige Quarantäne. "Damit käme ein Krankenhaus ganz schnell an die Personalgrenze und müsste Stationen schließen. Und das, wo wir doch unter Umständen in Kürze jede Pflegerin und jeden Arzt noch dringender brauchen als ohnehin."

Zum anderen würde das Klinikpersonal unwissentlich zum Überträger des Corona-Virus auf andere Patienten. "Im schlimmsten Fall entstehen so Seuchenherde in Krankenhäusern", warnt Löhnert. Ein Szenario, das möglicherweise ein Grund für die dramatische Entwicklung in Italien und Spanien sei.

Vor dieser Situation muss niemand Angst haben

Er appelliert an alle Patienten, die zu Operationen oder Untersuchungen in Krankenhäuser der Region kommen: "Verschweigen Sie nicht, wenn Sie Kontakt zu einem Corona-Patienten oder einem Verdachtsfall hatten und erwähnen Sie unbedingt, wenn Sie Erkältungssymptome haben." Man werde niemanden, der medizinisch versorgt werden müsse, abweisen. "Davor muss keiner Angst haben." Weil es noch keinen Schnelltest auf Covid-19 gebe, würden Patienten mit Verdachtsmomenten zunächst für einen Tag isoliert untergebracht, bis das Ergebnis des Standardtests vorliegt. "Das medizinische Personal trägt dann auch so lange Schutzkleidung, wenn es Kontakt zu diesen Patienten hat. Das schützt uns und alle anderen Patienten."

Am Standort Rosenhöhe sind derzeit nur rund die Hälfte der Betten belegt. Man halte Kapazitäten für einen befürchteten Ansturm von Corona-Fällen frei. "Einige Operationen etwa bei Krebspatienten müssen aber dennoch sein und die führen wir auch weiterhin durch", so Löhnert.

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Chefarzt schlägt Alarm: Patienten verschweigen Corona-KontakteMartin FröhlichBielefeld (nw). Der ganz große Ansturm von schwerkranken Coronapatienten ist in den ostwestfälischen Krankenhäusern bislang ausgeblieben. Doch eine neue Sorge treibt die Klinikärzte und das Pflegepersonal um. Es geht um ein Phänomen, das dazu führen kann, dass einige Krankenhäuser kurzfristig lahm gelegt werden. "Und das wäre eine Katastrophe" sagt Mathias Löhnert, Chefarzt der Klinik für Allgemeinchirurgie und Koloproktologie am Städtischen Klinikum Bielefeld. Gemeint sind Patienten, die verschweigen, dass sie Kontakt zu Corona-Patienten hatten oder Symptome verschweigen, die den Verdacht auf eine Infektion mit Covid-19 zulassen. Und das, so sagt Löhnert, kommt im Moment tatsächlich vor. Nach Informationen von nw.de hat es ähnliche Vorfälle an mindestens zwei anderen Kliniken in OWL gegeben. Konkret gab es an Löhnerts Fachbereich am Standort Rosenhöhe in Bielefeld zwei Fälle in nur drei Tagen. Einen davon schildert der Arzt. Eine Patientin befand sich demnach in der Aufwachphase nach einer Operation und in diesem halbbewussten Zustand sagte sie zu einer OP-Schwester: "Gut, dass Sie mich doch operiert haben, obwohl ich vor drei Tagen Kontakt zu einem Corona-Patienten hatte." "Dann kämen wir ganz schnell an die Personalgrenze" Das aber hatte die Frau im Vorfeld der OP dem Klinikpersonal verschwiegen. "Und daraus entstehen gleich zwei Gefahren für uns und die Patienten", kritisiert der Chefarzt. Zum einen drohe dem gesamten Klinikpersonal auf den betreffenden Stationen eine mindestens 14-tägige Quarantäne. "Damit käme ein Krankenhaus ganz schnell an die Personalgrenze und müsste Stationen schließen. Und das, wo wir doch unter Umständen in Kürze jede Pflegerin und jeden Arzt noch dringender brauchen als ohnehin." Zum anderen würde das Klinikpersonal unwissentlich zum Überträger des Corona-Virus auf andere Patienten. "Im schlimmsten Fall entstehen so Seuchenherde in Krankenhäusern", warnt Löhnert. Ein Szenario, das möglicherweise ein Grund für die dramatische Entwicklung in Italien und Spanien sei. Vor dieser Situation muss niemand Angst haben Er appelliert an alle Patienten, die zu Operationen oder Untersuchungen in Krankenhäuser der Region kommen: "Verschweigen Sie nicht, wenn Sie Kontakt zu einem Corona-Patienten oder einem Verdachtsfall hatten und erwähnen Sie unbedingt, wenn Sie Erkältungssymptome haben." Man werde niemanden, der medizinisch versorgt werden müsse, abweisen. "Davor muss keiner Angst haben." Weil es noch keinen Schnelltest auf Covid-19 gebe, würden Patienten mit Verdachtsmomenten zunächst für einen Tag isoliert untergebracht, bis das Ergebnis des Standardtests vorliegt. "Das medizinische Personal trägt dann auch so lange Schutzkleidung, wenn es Kontakt zu diesen Patienten hat. Das schützt uns und alle anderen Patienten." Am Standort Rosenhöhe sind derzeit nur rund die Hälfte der Betten belegt. Man halte Kapazitäten für einen befürchteten Ansturm von Corona-Fällen frei. "Einige Operationen etwa bei Krebspatienten müssen aber dennoch sein und die führen wir auch weiterhin durch", so Löhnert.