Nienburg/Kanazawa

Mit Buddhismus gegen Corona: Nienburger Forscher über Strategien zum Umgang mit der Pandemie

Sebastian Stüben

Prof. Dr. Achim Bayer sieht in der japanischen Fähigkeit, Schicksalsschläge anzunehmen, einen Schlüssel in Japans bislang erfolgreichen Kampf gegen das Corona-Virus. - © Foto: privat
Prof. Dr. Achim Bayer sieht in der japanischen Fähigkeit, Schicksalsschläge anzunehmen, einen Schlüssel in Japans bislang erfolgreichen Kampf gegen das Corona-Virus. (© Foto: privat)

Nienburg/Kanazawa. Der ehemalige Nienburger Achim Bayer (49) arbeitet als Professor für vergleichende Kulturwissenschaft und Buddhismuskunde an der Seiryo Universität Kanazawa in Japan. Im Interview mit der Tageszeitung Die Harke spricht der Wissenschaftler darüber, dass die Deutschen viel von den Japanern lernen können, was den Umgang mit der Corona-Krise angeht. Von 1977 bis zum Abitur hat Bayer in Nienburg gelebt. Von 1999 bis 2004 war er als Forschungsstipendiat an der Universität Kyoto tätig, von 2010 bis 2016 als Assistenzprofessor an der Dongguk Universität in Seoul.

Können Sie kurz beschreiben, mit welchen Fragen Sie sich als Professor für Buddhismuskunde beschäftigen?

Da gibt es natürlich eine Menge Themen, über die ich forsche und schreibe. Zum Beispiel waren viele buddhistische Mönche „Ionier“. Also einfach gesagt, Griechen. Dieser Teil der Geschichte ist weitgehend vergessenen. Darüber hinaus erforsche ich auch vor Ort, wie sich Buddhismus in der modernen Gesellschaft umsetzen lässt. Für die Corona-Situation ist wohl besonders die Frage nach Individualismus oder Kollektivismus wichtig. Und die Frage, wie man mit schwierigen Situationen im Leben umgeht.

Sie sagen, Japan ist in der Coronakrise bislang glimpflich davongekommen. Wie sieht die Situation dort zurzeit aus?

In Japan gab es seit den ersten Fällen ein Bewusstsein dafür, dass die Ausbreitung von Covid-19 so früh wie möglich gestoppt werden muss. Deswegen gehört Japan zu den wenigen Ländern, in denen sich das Virus recht langsam ausgebreitet hat. Hier in Kanazawa, an der japanischen Nordküste, ist es besonders ruhig. Es gab nur wenige Fälle, die aber sofort isoliert werden konnten. Ein Urlauber, der aus Ägypten zurückkam, hat sich sofort beim Gesundheitsamt gemeldet. Wenn es so bleibt, kann der Schulunterricht im April, also nach der Kirschblüte, wieder beginnen.

Hat die Regierung auch in Japan Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung verhängt?

Ja. Im Februar kam ein Kreuzfahrtschiff aus Hongkong, von dem Covid-19-Fälle gemeldet wurden. Die japanische Regierung hat das Schiff daraufhin vor der Küste in Quarantäne gestellt. Ob die Quarantäne-Bedingungen an Bord angemessen waren, kann man schwer sagen. Aber auf jeden Fall hat die Regierung von Anfang an gezeigt, dass sie das Problem ernst nimmt. Ende Februar hat der Premierminister dann gebeten, alle Schulen zu schließen. Natürlich kann der Regierungschef so etwas nicht verfügen, wie auch in Deutschland. Also hat er es einfach als Bitte formuliert, und die lokalen Behörden haben dann vor Ort entschieden. Veranstaltungen wurden abgesagt, soweit es geht sogar Besprechungen in Firmen und Behörden.

Sie sagen die japanische Kultur würde dazu beitragen, dass sich das Virus nicht so stark verbreitet. Warum ist das so?

In Norddeutschland ist das Leben in der Regel recht sicher. Es wird nicht auf einmal in Hildesheim ein Vulkan ausbrechen. In Japan ist man eher an Ereignisse wie Erdbeben, Tsunamis, Taifune und sogar Vulkanausbrüche gewöhnt. Das hat die Kultur stark geprägt. Es war schon immer eine wichtige Kunst, nach Schicksalsschlägen wieder in geordnete Bahnen zu kommen. Das ist einer der elementarsten Faktoren.

Hängt das auch mit dem Buddhismus zusammen?

Das passt natürlich sehr gut zu den Grundlehren des Buddhismus. Da gibt es zunächst mal die wichtige Einsicht, dass es im Leben Schwierigkeiten gibt, die man einfach verstehen und annehmen muss. In gewisser Hinsicht ist diese Einsicht zwar ein normaler Teil des Erwachsenwerdens, es hat aber im Buddhismus einen besonderen Stellenwert. Dazu kommt noch die Vorstellung, dass sich im kleinsten Teil des Universums das ganze Universum widerspiegelt, sodass auch jeder Einzelne mit seinen Handlungen alle anderen Menschen mit beeinflusst.

Was können Sie den Menschen in der Heimat für die bevorstehende Zeit mit auf den Weg geben?

Hier in Kanazawa gab es im Februar eine schlimme Influenza-Welle, die man nebenbei mit in den Griff gekriegt hat. Ein positiver Nebeneffekt von Covid-19 sozusagen. Das Argument, „Warum Hygiene, die normale Influenza ist fast genauso schlimm?“, gilt also nicht. Ganz im Gegenteil. Hier in Japan ist man sich wohl auch bewusst, dass nicht unbedingt die Regierung schuld ist, wenn es mal ein Erdbeben oder einen Taifun gibt. Und: In der Ruhe liegt die Kraft.

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Nienburg/KanazawaMit Buddhismus gegen Corona: Nienburger Forscher über Strategien zum Umgang mit der PandemieSebastian StübenNienburg/Kanazawa. Der ehemalige Nienburger Achim Bayer (49) arbeitet als Professor für vergleichende Kulturwissenschaft und Buddhismuskunde an der Seiryo Universität Kanazawa in Japan. Im Interview mit der Tageszeitung Die Harke spricht der Wissenschaftler darüber, dass die Deutschen viel von den Japanern lernen können, was den Umgang mit der Corona-Krise angeht. Von 1977 bis zum Abitur hat Bayer in Nienburg gelebt. Von 1999 bis 2004 war er als Forschungsstipendiat an der Universität Kyoto tätig, von 2010 bis 2016 als Assistenzprofessor an der Dongguk Universität in Seoul. Können Sie kurz beschreiben, mit welchen Fragen Sie sich als Professor für Buddhismuskunde beschäftigen? Da gibt es natürlich eine Menge Themen, über die ich forsche und schreibe. Zum Beispiel waren viele buddhistische Mönche „Ionier“. Also einfach gesagt, Griechen. Dieser Teil der Geschichte ist weitgehend vergessenen. Darüber hinaus erforsche ich auch vor Ort, wie sich Buddhismus in der modernen Gesellschaft umsetzen lässt. Für die Corona-Situation ist wohl besonders die Frage nach Individualismus oder Kollektivismus wichtig. Und die Frage, wie man mit schwierigen Situationen im Leben umgeht. Sie sagen, Japan ist in der Coronakrise bislang glimpflich davongekommen. Wie sieht die Situation dort zurzeit aus? In Japan gab es seit den ersten Fällen ein Bewusstsein dafür, dass die Ausbreitung von Covid-19 so früh wie möglich gestoppt werden muss. Deswegen gehört Japan zu den wenigen Ländern, in denen sich das Virus recht langsam ausgebreitet hat. Hier in Kanazawa, an der japanischen Nordküste, ist es besonders ruhig. Es gab nur wenige Fälle, die aber sofort isoliert werden konnten. Ein Urlauber, der aus Ägypten zurückkam, hat sich sofort beim Gesundheitsamt gemeldet. Wenn es so bleibt, kann der Schulunterricht im April, also nach der Kirschblüte, wieder beginnen. Hat die Regierung auch in Japan Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung verhängt? Ja. Im Februar kam ein Kreuzfahrtschiff aus Hongkong, von dem Covid-19-Fälle gemeldet wurden. Die japanische Regierung hat das Schiff daraufhin vor der Küste in Quarantäne gestellt. Ob die Quarantäne-Bedingungen an Bord angemessen waren, kann man schwer sagen. Aber auf jeden Fall hat die Regierung von Anfang an gezeigt, dass sie das Problem ernst nimmt. Ende Februar hat der Premierminister dann gebeten, alle Schulen zu schließen. Natürlich kann der Regierungschef so etwas nicht verfügen, wie auch in Deutschland. Also hat er es einfach als Bitte formuliert, und die lokalen Behörden haben dann vor Ort entschieden. Veranstaltungen wurden abgesagt, soweit es geht sogar Besprechungen in Firmen und Behörden. Sie sagen die japanische Kultur würde dazu beitragen, dass sich das Virus nicht so stark verbreitet. Warum ist das so? In Norddeutschland ist das Leben in der Regel recht sicher. Es wird nicht auf einmal in Hildesheim ein Vulkan ausbrechen. In Japan ist man eher an Ereignisse wie Erdbeben, Tsunamis, Taifune und sogar Vulkanausbrüche gewöhnt. Das hat die Kultur stark geprägt. Es war schon immer eine wichtige Kunst, nach Schicksalsschlägen wieder in geordnete Bahnen zu kommen. Das ist einer der elementarsten Faktoren. Hängt das auch mit dem Buddhismus zusammen? Das passt natürlich sehr gut zu den Grundlehren des Buddhismus. Da gibt es zunächst mal die wichtige Einsicht, dass es im Leben Schwierigkeiten gibt, die man einfach verstehen und annehmen muss. In gewisser Hinsicht ist diese Einsicht zwar ein normaler Teil des Erwachsenwerdens, es hat aber im Buddhismus einen besonderen Stellenwert. Dazu kommt noch die Vorstellung, dass sich im kleinsten Teil des Universums das ganze Universum widerspiegelt, sodass auch jeder Einzelne mit seinen Handlungen alle anderen Menschen mit beeinflusst. Was können Sie den Menschen in der Heimat für die bevorstehende Zeit mit auf den Weg geben? Hier in Kanazawa gab es im Februar eine schlimme Influenza-Welle, die man nebenbei mit in den Griff gekriegt hat. Ein positiver Nebeneffekt von Covid-19 sozusagen. Das Argument, „Warum Hygiene, die normale Influenza ist fast genauso schlimm?“, gilt also nicht. Ganz im Gegenteil. Hier in Japan ist man sich wohl auch bewusst, dass nicht unbedingt die Regierung schuld ist, wenn es mal ein Erdbeben oder einen Taifun gibt. Und: In der Ruhe liegt die Kraft.