Bielefeld

Corona: Häusliche Gewalt nimmt zu - Experten schlagen Alarm

Jens Reichenbach und Anneke Quasdorf

Bielefeld. Kitas und Schulen sind geschlossen, Familien größtenteils auf ihre Wohnungen beschränkt. Sorge, Verunsicherung und Stress aufgrund der Veränderungen durch das Corona-Virus sind an der Tagesordnung. In dieser Gemengelage wird das Ausmaß häuslicher Gewalt steigen, sagen Experten. Und die richtet sich immer gegen die Schwächsten. „Jedes Jahr sterben Kinder an häuslicher Gewalt, trotz umfassender Betreuungs- und Unterstützungsangebote“, sagt Margarete Müller, Fachbeauftrage für Kinder- und Jugendgewalt beim Kinderschutzbund NRW. „Und davon fallen gerade viele weg.“

Häusliche Gewalt: Experten befürchten, dass viele Frauen und Kinder unter den Quarantänebedingungen leiden. Foto: imago images - © imago images/Andreas Krone
Häusliche Gewalt: Experten befürchten, dass viele Frauen und Kinder unter den Quarantänebedingungen leiden. Foto: imago images (© imago images/Andreas Krone)

Rund 150 Paten hat allein der Kinderschutzbund Bielefeld. Sie besuchen ihre Familien ein bis zweimal pro Woche, bieten Unterstützung und verschaffen sich einen Überblick. Und sie sind nicht mehr im Einsatz. „Wir arbeiten aber gerade mit Hochdruck daran, die Hilfe auf telefonische Beratung umzustellen“, sagt Geschäftsführerin Dorothee Redeker. „Wichtig ist jetzt vor allem, Eltern weiter zu entlasten, für sie da zu sein.“

Information
Hotlines und Notrufnummern für Gewaltopfer

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: Tel. (08000)116016

AWO Frauenschutzhaus Minden, Tel. (0571) 23203
AWO-Frauenhaus Bielefeld, Tel. (0521) 521 36 36
Autonomes Frauenhaus Bielefeld, Tel. (0521) 17 73 76
Mädchenhaus Bielefeld, Tel. (0521) 17 30 16
Frauenhaus Gütersloh, Tel. (05241)34100
Frauenhaus Herford, Tel. (05221) 23883

Hotlines/Krisendienste Familienhotline
Kreis Lippe Tel. (05231) 62 17 77 Jugendamt
Bielefeld, Tel. (0521) 512084 Krisendienst
Gütersloh, Tel. (0241)531300
Frauenberatungsstelle Gütersloh: Tel. (05241) 25021
Allgemeiner Sozialer Dienst Paderborn, Tel. (05251) 3085188

Missbrauch Hilfetelefon sexueller Missbrauch: Tel. (0800) 2255530

Auch die Kommunen in OWL sind sich der Problemlage sehr bewusst. Hier versuchen die Jugendämter, den Kontakt zu belasteten Familien so intensiv wie möglich zu gewährleisten. „Die Unterstützung durch die ambulanten Hilfen werden von den Trägern so weit wie möglich aufrecht erhalten, insbesondere für Hilfen in Schutzkonzepten und besonders schwierigen Lebenssituationen“, sagt Jan Focken, Sprecher des Kreises Gütersloh. Dennoch versuche man auch hier, den persönlichen Kontakt möglichst über Telefonate und andere Medien herzustellen.

Eine vorsorgliche Unterbringung von Kindern belasteter Familien in Notfallbetreuungen ist nach Gesetzeslage nicht möglich, teilt Ingo Nürnberger, Dezernent für Soziales der Stadt Bielefeld auf Anfrage mit. Hier habe der Landschaftsverband beim Ministerium nachgefragt. Die Antwort: „Das Betretungsverbot gilt auch für Kinder, für die der Besuch einer Kindertageseinrichtung im Sinne des Kindeswohls verpflichtend gemacht wurde. In diesen Fällen muss von den Jugendämtern geklärt werden, ob andere Maßnahmen der Hilfe oder des Schutzes erforderlich sind und wie diese jeweils umgesetzt werden können. Doch nicht nur die Kinderschutzorganisationen, auch die Mädchen- und Frauenhäuser schlagen Alarm. Sylvia Krenzel, Diplom-Psychologin des Mädchenhauses Bielefeld, rechnet mit einem starken „Anstieg häuslicher oder sexualisierter Gewalt“. Sie betont: „Das eigene Zuhause ist oft kein sicherer Ort.“

Wie oft dieser Tage geht auch hier der vergleichende Blick nach China: Laut einer Frauenrechtsorganisation aus Peking war die Zahl der Hilferufe nach Fällen häuslicher Gewalt während der Quarantäne dreimal so hoch wie zuvor. Beatrice Tappmeier vom autonomen Frauenhaus Bielefeld erklärt, warum die Gewalt eskalieren kann: „Deutlich mehr Frauen arbeiten in aktuell systemrelevanten Berufen. Sie gehen weiterhin arbeiten. Dagegen müssen viele Männer plötzlich zu Hause bleiben.“ Das stelle die Rollenbilder vieler Männer auf den Kopf, sorge für Verunsicherung und Aggressionen.

Kitas und Schulen, Sportvereine und Arbeitsstätten fungierten für Kinder, Mädchen und Frauen in diesen Situationen nicht nur als Bildungs-, Förderungs- oder Verdienststätte, sondern in vielen Fällen schlicht als Ort, der soziale Kontrolle ermögliche. Verletzungen oder Missbrauch fielen eher auf, wenn jemand täglich von anderen Menschen gesehen werde.

Doch selbst im normalen Alltag ist, das offenbart die gerade für 2019 veröffentlichte Polizeistatistik, Gewalt gegenüber Kindern nicht zu verhindern, sondern nimmt immer weiter zu. Erschreckend sind in diesem Zusammenhang besonders die Missbrauchzahlen: Sie liegen mit 13.670 Straftaten um fast elf Prozent über der Vorjahreszahl.

Ein weiteres Thema sind Vernachlässigung und mangelnde Förderung. Viele Kinder erhalten nur deshalb Essen, weil sie in einer Ganztagsbetreuung sind oder zu Kindertafeln gehen. „Man muss sich fragen, wie die Versorgung dieser Kinder aktuell aussieht“, sagt die Landesgeschäftsführerin des Kinderschutzbundes, Krista Körbes.

Über eine halbe Million Kinder, darauf weist der Verband Bildung und Erziehung zudem hin, haben in Deutschland sonderpädagogischen Förderbedarf, dem man mit Unterricht zu Hause durch nicht ausgebildete Eltern nicht gerecht werden könne. „Die Schere zwischen Schülern mit und ohne Unterstützung von zu Hause wird weiter aufgehen“, sagte Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands.

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BielefeldCorona: Häusliche Gewalt nimmt zu - Experten schlagen AlarmAnneke Quasdorf,Jens ReichenbachBielefeld. Kitas und Schulen sind geschlossen, Familien größtenteils auf ihre Wohnungen beschränkt. Sorge, Verunsicherung und Stress aufgrund der Veränderungen durch das Corona-Virus sind an der Tagesordnung. In dieser Gemengelage wird das Ausmaß häuslicher Gewalt steigen, sagen Experten. Und die richtet sich immer gegen die Schwächsten. „Jedes Jahr sterben Kinder an häuslicher Gewalt, trotz umfassender Betreuungs- und Unterstützungsangebote“, sagt Margarete Müller, Fachbeauftrage für Kinder- und Jugendgewalt beim Kinderschutzbund NRW. „Und davon fallen gerade viele weg.“ Rund 150 Paten hat allein der Kinderschutzbund Bielefeld. Sie besuchen ihre Familien ein bis zweimal pro Woche, bieten Unterstützung und verschaffen sich einen Überblick. Und sie sind nicht mehr im Einsatz. „Wir arbeiten aber gerade mit Hochdruck daran, die Hilfe auf telefonische Beratung umzustellen“, sagt Geschäftsführerin Dorothee Redeker. „Wichtig ist jetzt vor allem, Eltern weiter zu entlasten, für sie da zu sein.“ Auch die Kommunen in OWL sind sich der Problemlage sehr bewusst. Hier versuchen die Jugendämter, den Kontakt zu belasteten Familien so intensiv wie möglich zu gewährleisten. „Die Unterstützung durch die ambulanten Hilfen werden von den Trägern so weit wie möglich aufrecht erhalten, insbesondere für Hilfen in Schutzkonzepten und besonders schwierigen Lebenssituationen“, sagt Jan Focken, Sprecher des Kreises Gütersloh. Dennoch versuche man auch hier, den persönlichen Kontakt möglichst über Telefonate und andere Medien herzustellen. Eine vorsorgliche Unterbringung von Kindern belasteter Familien in Notfallbetreuungen ist nach Gesetzeslage nicht möglich, teilt Ingo Nürnberger, Dezernent für Soziales der Stadt Bielefeld auf Anfrage mit. Hier habe der Landschaftsverband beim Ministerium nachgefragt. Die Antwort: „Das Betretungsverbot gilt auch für Kinder, für die der Besuch einer Kindertageseinrichtung im Sinne des Kindeswohls verpflichtend gemacht wurde. In diesen Fällen muss von den Jugendämtern geklärt werden, ob andere Maßnahmen der Hilfe oder des Schutzes erforderlich sind und wie diese jeweils umgesetzt werden können. Doch nicht nur die Kinderschutzorganisationen, auch die Mädchen- und Frauenhäuser schlagen Alarm. Sylvia Krenzel, Diplom-Psychologin des Mädchenhauses Bielefeld, rechnet mit einem starken „Anstieg häuslicher oder sexualisierter Gewalt“. Sie betont: „Das eigene Zuhause ist oft kein sicherer Ort.“ Wie oft dieser Tage geht auch hier der vergleichende Blick nach China: Laut einer Frauenrechtsorganisation aus Peking war die Zahl der Hilferufe nach Fällen häuslicher Gewalt während der Quarantäne dreimal so hoch wie zuvor. Beatrice Tappmeier vom autonomen Frauenhaus Bielefeld erklärt, warum die Gewalt eskalieren kann: „Deutlich mehr Frauen arbeiten in aktuell systemrelevanten Berufen. Sie gehen weiterhin arbeiten. Dagegen müssen viele Männer plötzlich zu Hause bleiben.“ Das stelle die Rollenbilder vieler Männer auf den Kopf, sorge für Verunsicherung und Aggressionen. Kitas und Schulen, Sportvereine und Arbeitsstätten fungierten für Kinder, Mädchen und Frauen in diesen Situationen nicht nur als Bildungs-, Förderungs- oder Verdienststätte, sondern in vielen Fällen schlicht als Ort, der soziale Kontrolle ermögliche. Verletzungen oder Missbrauch fielen eher auf, wenn jemand täglich von anderen Menschen gesehen werde. Doch selbst im normalen Alltag ist, das offenbart die gerade für 2019 veröffentlichte Polizeistatistik, Gewalt gegenüber Kindern nicht zu verhindern, sondern nimmt immer weiter zu. Erschreckend sind in diesem Zusammenhang besonders die Missbrauchzahlen: Sie liegen mit 13.670 Straftaten um fast elf Prozent über der Vorjahreszahl. Ein weiteres Thema sind Vernachlässigung und mangelnde Förderung. Viele Kinder erhalten nur deshalb Essen, weil sie in einer Ganztagsbetreuung sind oder zu Kindertafeln gehen. „Man muss sich fragen, wie die Versorgung dieser Kinder aktuell aussieht“, sagt die Landesgeschäftsführerin des Kinderschutzbundes, Krista Körbes. Über eine halbe Million Kinder, darauf weist der Verband Bildung und Erziehung zudem hin, haben in Deutschland sonderpädagogischen Förderbedarf, dem man mit Unterricht zu Hause durch nicht ausgebildete Eltern nicht gerecht werden könne. „Die Schere zwischen Schülern mit und ohne Unterstützung von zu Hause wird weiter aufgehen“, sagte Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands.