Warum sich eine Familie aus Bünde für die Hausgeburt entschieden hat

Katharina Eisele

Sylvia und Marcus Rattai sitzen mit ihrer Tochter Anny an der Stelle in ihrem Wohnzimmer, wo das kleine Mädchen auch ihren ersten Atemzug gemacht hat. - © Katharina Eisele
Sylvia und Marcus Rattai sitzen mit ihrer Tochter Anny an der Stelle in ihrem Wohnzimmer, wo das kleine Mädchen auch ihren ersten Atemzug gemacht hat. (© Katharina Eisele)

Bünde. „Ich wollte möglichst wenig Stress", sagt Sylvia Rattai. Und ihr Zuhause ist der Ort, an dem sie sich am wohlsten fühlt. Daher ist für die 30-Jährige ziemlich früh klar gewesen, dass sie ihr Kind zu Hause in Ahle bekommen möchte und nicht im Krankenhaus. Ehemann Marcus unterstützte sie dabei: „Wenn das dein Wunsch ist, dann machen wir das so."

Ein halbes Jahr ist das jetzt her. Und die jungen Eltern erzählen gerne von ihrer Erfahrung: „Das war einfach ein tolles Erlebnis", sagt Marcus Rattai. Beide möchten anderen Eltern mit ihrer Geschichte Mut machen, die über eine Hausgeburt nachdenken.

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Neue Gruppe: Familien im Bünder Land

Angebote für Familien gibt es zahlreich rund um Bünde, Kirchlengern und Rödinghausen. Aber sie zu finden, das ist nicht immer einfach. Und wie froh wäre man in den nächsten Ferien über einen neuen Ausflugstipp! Sie wollen andere Eltern kennenlernen? Sie planen einen Kindertreff in den Ferien und suchen Unterstützung? Wir haben die Lösung: In der neuen Lokalportal-Gruppe „Familien im Bünder Land" bündelt die NW-Redaktion alle Informationen, die zum Thema bei uns auflaufen. Zusätzlich können sich Familien dort austauschen und sich gegenseitig unterstützen.

Dass am Ende alles tatsächlich gut laufen würde, sei natürlich vorher nicht klar gewesen. Für den Notfall gab es einen Plan. Außerdem mussten viele Voraussetzungen erfüllt sein: „Ich würde sagen, eine Hausgeburt ist viel durchgeplanter als eine Geburt in einem Krankenhaus", sagt Sylvia Rattai. Überhaupt wird das Wort „Plan" in dem Zusammenhang häufig verwendet. Denn nichts anderes sei eine Hausgeburt am Anfang: „Es gehen ja noch einige Monate ins Land, bevor es so weit ist. Es kann noch ganz anders kommen."

»Ich hatte so viel Kraft«

Um Zuhause zu entbinden, müssen Mutter und Kind einige Voraussetzungen erfüllen: Während der Schwangerschaft dürfen keine Komplikationen auftreten. „Nach den ersten drei Monaten ging es mir sehr gut. Ich hatte so viel Kraft", erinnert sich Sylvia Rattai. Hätte sich ihre Tochter früher als in der 37 Schwangerschaftswoche auf den Weg gemacht, hätte sie trotzdem in einer Klinik entbinden müssen. Darauf war das Ehepaar vorbereitet, hatte sich verschiedene Einrichtungen angeschaut. „Wir waren vorsichtshalber auch in einem Krankenhaus angemeldet", erklärt Marcus Rattai.

Zudem brauchte das Ehepaar eine Hebamme, die überhaupt Hausgeburten durchführt. Mit Katharina Fischer aus Herford fanden sie eine Geburtshelferin, deren Schwerpunkt sogar auf Hausgeburten liegt: „Sie hat uns toll begleitet und unterstützt." Nach dem Wechsel der Gynäkologin fanden sie auch dort Beistand für ihren Wunsch.

Mit dem Fachwissen ihrer Hebamme wurde die Vorbereitungsliste noch einmal länger und ihr Inhalt pragmatischer: „Laken, Handtücher, Malerplane, Wäschekörbe, Müllsäcke", zählt Sylvia Rattai beispielhaft auf. Außerdem hatte sie sich eine Wassergeburt gewünscht. Dafür wurde kurzerhand der Esstisch samt Stühlen rausgeräumt und ein Pool aufgestellt. Im angrenzenden Wohnzimmer, das offen zum Esszimmer gestaltet ist, hatte das Paar außerdem das Sofa passend präpariert: mit besagter Malerplane, Tüchern und Laken.

Angst vor Komplikationen

Normalerweise werden die Augen des Gegenüber groß, wenn die Plane erwähnt wird: „Das war aber keine Blutschlacht", sagt Sylvia Rattai, „es ist nicht mal Blut auf dem Boden gewesen." Davor haben offenbar viele Menschen Angst. Und vor Komplikationen. „Die Reaktionen reichen von ,Wow, mutig’ bis hin zu ,Wie kannst du nur?’", berichtet die junge Mutter. Da spiele auch Unwissenheit eine Rolle.

Für Rattais liegen die Vorteile auf der Hand: „Stress legt Hormone lahm und kann die Geburt verzögern", sagt Sylvia Rattai. Außerdem habe sie so eine Eins-zu-eins-Betreuung durch ihre Hebamme gehabt. Die wiederum habe die beiden ebenfalls mit ihrer langjährigen Erfahrung beruhigt: „Hätten sich Komplikationen abgezeichnet, hätte sie uns frühzeitig verlegen lassen", sagt die 30-Jährige. Aber solche Notfälle seien sehr selten. Und ein Rettungswagen sei durch den Standort bei der EWB in wenigen Minuten vor Ort. So weit ist es aber zum Glück nicht gekommen. Im Gegenteil: „Die Geburt war ein schönes Erlebnis."

Die beiden erzählen so entspannt von der Hausgeburt, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Dabei gab es dann doch noch einen Schreckmoment: „Meine Fruchtblase war am Sonntagmorgen geplatzt", erzählt Sylvia Rattai. Nun musste die Geburt in den nächsten 24 Stunden beginnen, um eine Infektion zu vermeiden. Sonst wäre sie doch noch in eine Klinik gebracht worden.

Richtige Entscheidung für die stolzen Eltern

Zwar hatte die Tierheilpraktikerin Wehen, aber eher schwach. Um vier Uhr am nächsten Morgen ging es dann richtig los: „Ich bin kaum die Treppe vom Schlafzimmer ins Erdgeschoss heruntergekommen", erinnert sich die Ahlerin. Ehemann Marcus informierte die Hebamme und hatte „zum Glück" einiges zu tun, zum Beispiel Wasser in den Pool einzulassen. „Ich war für jede Ablenkung dankbar."

Die Stimmung im Haus sei dann „ganz zauberhaft" gewesen, erinnert sich Sylvia Rattai. Die meiste Zeit verbrachte sie tatsächlich im Pool, so wie sie es sich für die Geburt gewünscht hatte. Weil ein kleines Äderchen geplatzt war und die Hebamme untersuchen musste, woher das Blut kam, wechselte sie aufs Sofa, wo Tochter Anny kurz darauf das Licht der Welt erblickte.

„Das war wirklich der Wahnsinn, so nah dabei zu sein", sagt ihr Mann. Zwar habe er noch keine Geburt in einem Krankenhaus miterlebt, ist sich aber sicher, dass es so, ohne viel Rummel, ohne Ärzte oder Hebammen, die den Raum verlassen, um auch andere Frauen zu betreuen, am besten war.

„Wir würden das immer wieder so machen", sind sich die stolzen Eltern einig.

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Warum sich eine Familie aus Bünde für die Hausgeburt entschieden hatKatharina EiseleBünde. „Ich wollte möglichst wenig Stress", sagt Sylvia Rattai. Und ihr Zuhause ist der Ort, an dem sie sich am wohlsten fühlt. Daher ist für die 30-Jährige ziemlich früh klar gewesen, dass sie ihr Kind zu Hause in Ahle bekommen möchte und nicht im Krankenhaus. Ehemann Marcus unterstützte sie dabei: „Wenn das dein Wunsch ist, dann machen wir das so." Ein halbes Jahr ist das jetzt her. Und die jungen Eltern erzählen gerne von ihrer Erfahrung: „Das war einfach ein tolles Erlebnis", sagt Marcus Rattai. Beide möchten anderen Eltern mit ihrer Geschichte Mut machen, die über eine Hausgeburt nachdenken. Dass am Ende alles tatsächlich gut laufen würde, sei natürlich vorher nicht klar gewesen. Für den Notfall gab es einen Plan. Außerdem mussten viele Voraussetzungen erfüllt sein: „Ich würde sagen, eine Hausgeburt ist viel durchgeplanter als eine Geburt in einem Krankenhaus", sagt Sylvia Rattai. Überhaupt wird das Wort „Plan" in dem Zusammenhang häufig verwendet. Denn nichts anderes sei eine Hausgeburt am Anfang: „Es gehen ja noch einige Monate ins Land, bevor es so weit ist. Es kann noch ganz anders kommen." »Ich hatte so viel Kraft« Um Zuhause zu entbinden, müssen Mutter und Kind einige Voraussetzungen erfüllen: Während der Schwangerschaft dürfen keine Komplikationen auftreten. „Nach den ersten drei Monaten ging es mir sehr gut. Ich hatte so viel Kraft", erinnert sich Sylvia Rattai. Hätte sich ihre Tochter früher als in der 37 Schwangerschaftswoche auf den Weg gemacht, hätte sie trotzdem in einer Klinik entbinden müssen. Darauf war das Ehepaar vorbereitet, hatte sich verschiedene Einrichtungen angeschaut. „Wir waren vorsichtshalber auch in einem Krankenhaus angemeldet", erklärt Marcus Rattai. Zudem brauchte das Ehepaar eine Hebamme, die überhaupt Hausgeburten durchführt. Mit Katharina Fischer aus Herford fanden sie eine Geburtshelferin, deren Schwerpunkt sogar auf Hausgeburten liegt: „Sie hat uns toll begleitet und unterstützt." Nach dem Wechsel der Gynäkologin fanden sie auch dort Beistand für ihren Wunsch. Mit dem Fachwissen ihrer Hebamme wurde die Vorbereitungsliste noch einmal länger und ihr Inhalt pragmatischer: „Laken, Handtücher, Malerplane, Wäschekörbe, Müllsäcke", zählt Sylvia Rattai beispielhaft auf. Außerdem hatte sie sich eine Wassergeburt gewünscht. Dafür wurde kurzerhand der Esstisch samt Stühlen rausgeräumt und ein Pool aufgestellt. Im angrenzenden Wohnzimmer, das offen zum Esszimmer gestaltet ist, hatte das Paar außerdem das Sofa passend präpariert: mit besagter Malerplane, Tüchern und Laken. Angst vor Komplikationen Normalerweise werden die Augen des Gegenüber groß, wenn die Plane erwähnt wird: „Das war aber keine Blutschlacht", sagt Sylvia Rattai, „es ist nicht mal Blut auf dem Boden gewesen." Davor haben offenbar viele Menschen Angst. Und vor Komplikationen. „Die Reaktionen reichen von ,Wow, mutig’ bis hin zu ,Wie kannst du nur?’", berichtet die junge Mutter. Da spiele auch Unwissenheit eine Rolle. Für Rattais liegen die Vorteile auf der Hand: „Stress legt Hormone lahm und kann die Geburt verzögern", sagt Sylvia Rattai. Außerdem habe sie so eine Eins-zu-eins-Betreuung durch ihre Hebamme gehabt. Die wiederum habe die beiden ebenfalls mit ihrer langjährigen Erfahrung beruhigt: „Hätten sich Komplikationen abgezeichnet, hätte sie uns frühzeitig verlegen lassen", sagt die 30-Jährige. Aber solche Notfälle seien sehr selten. Und ein Rettungswagen sei durch den Standort bei der EWB in wenigen Minuten vor Ort. So weit ist es aber zum Glück nicht gekommen. Im Gegenteil: „Die Geburt war ein schönes Erlebnis." Die beiden erzählen so entspannt von der Hausgeburt, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Dabei gab es dann doch noch einen Schreckmoment: „Meine Fruchtblase war am Sonntagmorgen geplatzt", erzählt Sylvia Rattai. Nun musste die Geburt in den nächsten 24 Stunden beginnen, um eine Infektion zu vermeiden. Sonst wäre sie doch noch in eine Klinik gebracht worden. Richtige Entscheidung für die stolzen Eltern Zwar hatte die Tierheilpraktikerin Wehen, aber eher schwach. Um vier Uhr am nächsten Morgen ging es dann richtig los: „Ich bin kaum die Treppe vom Schlafzimmer ins Erdgeschoss heruntergekommen", erinnert sich die Ahlerin. Ehemann Marcus informierte die Hebamme und hatte „zum Glück" einiges zu tun, zum Beispiel Wasser in den Pool einzulassen. „Ich war für jede Ablenkung dankbar." Die Stimmung im Haus sei dann „ganz zauberhaft" gewesen, erinnert sich Sylvia Rattai. Die meiste Zeit verbrachte sie tatsächlich im Pool, so wie sie es sich für die Geburt gewünscht hatte. Weil ein kleines Äderchen geplatzt war und die Hebamme untersuchen musste, woher das Blut kam, wechselte sie aufs Sofa, wo Tochter Anny kurz darauf das Licht der Welt erblickte. „Das war wirklich der Wahnsinn, so nah dabei zu sein", sagt ihr Mann. Zwar habe er noch keine Geburt in einem Krankenhaus miterlebt, ist sich aber sicher, dass es so, ohne viel Rummel, ohne Ärzte oder Hebammen, die den Raum verlassen, um auch andere Frauen zu betreuen, am besten war. „Wir würden das immer wieder so machen", sind sich die stolzen Eltern einig.