Bielefeld

Immer häufiger haben Bürgermeister kein Parteibuch

Judith Gladow

Bielefeld. In NRW gibt es seit längerem einen Trend zu parteilosen Bürgermeistern. Die meisten der aktuell 88 Amtierenden gibt es in kleinen bis mittleren Kommunen mit einer Einwohnerzahl unter 60.000. Zur Kommunalwahl 2020 zeichnet sich ab, dass noch einmal mehr kandidieren werden – auch in OWL.

So wie Meik Tischler, der in Steinhagen Bürgermeister-Urgestein Klaus Besser (SPD) herausfordert. Besser ist seit 1996 im Amt. „So eine Gemeindewahl ist ja eine Personenwahl. Man braucht das Vertrauen der Leute“, sagt Tischler, der als Fußballer in der dritten und zweiten Bundesliga gespielt hat und heute Lehrer an der Gesamtschule Quelle ist.

In Steinhagen (unten), Minden (oben r.) und Kirchlengern wollen unabhängige Kandidaten 2020 als Chef der Kommune in die Rathäuser einziehen. Fotos: Frank Jasper, Jan-Henning Rogge, Patrick Menzel - © Frank Jasper
In Steinhagen (unten), Minden (oben r.) und Kirchlengern wollen unabhängige Kandidaten 2020 als Chef der Kommune in die Rathäuser einziehen. Fotos: Frank Jasper, Jan-Henning Rogge, Patrick Menzel (© Frank Jasper)

Er selbst war bis vor sechs Jahren noch Sozialdemokrat. „Ich identifiziere mich nicht mehr mit der SPD“, erklärt er. Außerdem sei er für eine Partei auch zu unangenehm. „Ich bin kein Ja-Sager. Ich spreche auch mal Dinge an, die keiner gerne hören will“, sagt er. Genau das sieht er aber auch als Vorteil einer unabhängigen Kandidatur. Auch im Norden von OWL treten immer mehr parteilose Kandidaten an. In Lübbecke will Kathrin Böhning, unterstützt von CDU und Grünen, bewusst parteilos gegen Frank Haberbosch (SPD) antreten. Und in Porta Westfalica gibt es gleich zwei parteilose Bewerber: Uwe Siemonsmeier wird von CDU und FDP ins Rennen geschickt und Anke Grotjohann von den Grünen.

Rathaus Kirchlengern - © Patrick Menzel
Rathaus Kirchlengern (© Patrick Menzel)

In Minden versucht Jürgen Schnake erneut, Bürgermeister zu werden. Der PR-Berater hatte auch 2015 schon kandidiert. „Als Parteifreier habe ich keinerlei ideologische Schranken“, sagt er. Ausschlaggebend war für ihn, dass er fehlenden Mut zu Veränderungen beobachtet habe.

Komplett ohne Partei zu kandidieren, bedeutet auch, den Wahlkampf selbst zu organisieren. Die Parteilosen, die von Parteien ins Rennen geschickt werden, können auf die vorhandenen Strukturen zurückgreifen. Ein Netzwerk aus Ehrenamtlichen, die etwa Plakate kleben und aufstellen sowie Rückhalt und Hilfe bei komplexen Themen.

In einer zunehmenden Parteienverdrossenheit sehen die parteilosen Kandidaten einen Vorteil, wenn auch zum Teil mit einem weinenden Auge: „Es gibt ein Misstrauen in die politische Entscheidungsfindung“, sagt Ulrike Schwarze, die in Kirchlengern – unterstützt von der SPD – antritt. „Als unabhängige Kandidatin bin ich nicht an Parteivorgaben gebunden. Da folge ich nur meinem Gewissen.“ Die Pfarrerin sieht die parteilosen Kandidaturen aber auch als Warnzeichen für die Parteien. „Wir brauchen eine starke demokratische Mitte und eine Politik, die näher am Bürger ist.“

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BielefeldImmer häufiger haben Bürgermeister kein ParteibuchJudith GladowBielefeld. In NRW gibt es seit längerem einen Trend zu parteilosen Bürgermeistern. Die meisten der aktuell 88 Amtierenden gibt es in kleinen bis mittleren Kommunen mit einer Einwohnerzahl unter 60.000. Zur Kommunalwahl 2020 zeichnet sich ab, dass noch einmal mehr kandidieren werden – auch in OWL. So wie Meik Tischler, der in Steinhagen Bürgermeister-Urgestein Klaus Besser (SPD) herausfordert. Besser ist seit 1996 im Amt. „So eine Gemeindewahl ist ja eine Personenwahl. Man braucht das Vertrauen der Leute“, sagt Tischler, der als Fußballer in der dritten und zweiten Bundesliga gespielt hat und heute Lehrer an der Gesamtschule Quelle ist. Er selbst war bis vor sechs Jahren noch Sozialdemokrat. „Ich identifiziere mich nicht mehr mit der SPD“, erklärt er. Außerdem sei er für eine Partei auch zu unangenehm. „Ich bin kein Ja-Sager. Ich spreche auch mal Dinge an, die keiner gerne hören will“, sagt er. Genau das sieht er aber auch als Vorteil einer unabhängigen Kandidatur. Auch im Norden von OWL treten immer mehr parteilose Kandidaten an. In Lübbecke will Kathrin Böhning, unterstützt von CDU und Grünen, bewusst parteilos gegen Frank Haberbosch (SPD) antreten. Und in Porta Westfalica gibt es gleich zwei parteilose Bewerber: Uwe Siemonsmeier wird von CDU und FDP ins Rennen geschickt und Anke Grotjohann von den Grünen. In Minden versucht Jürgen Schnake erneut, Bürgermeister zu werden. Der PR-Berater hatte auch 2015 schon kandidiert. „Als Parteifreier habe ich keinerlei ideologische Schranken“, sagt er. Ausschlaggebend war für ihn, dass er fehlenden Mut zu Veränderungen beobachtet habe. Komplett ohne Partei zu kandidieren, bedeutet auch, den Wahlkampf selbst zu organisieren. Die Parteilosen, die von Parteien ins Rennen geschickt werden, können auf die vorhandenen Strukturen zurückgreifen. Ein Netzwerk aus Ehrenamtlichen, die etwa Plakate kleben und aufstellen sowie Rückhalt und Hilfe bei komplexen Themen. In einer zunehmenden Parteienverdrossenheit sehen die parteilosen Kandidaten einen Vorteil, wenn auch zum Teil mit einem weinenden Auge: „Es gibt ein Misstrauen in die politische Entscheidungsfindung“, sagt Ulrike Schwarze, die in Kirchlengern – unterstützt von der SPD – antritt. „Als unabhängige Kandidatin bin ich nicht an Parteivorgaben gebunden. Da folge ich nur meinem Gewissen.“ Die Pfarrerin sieht die parteilosen Kandidaturen aber auch als Warnzeichen für die Parteien. „Wir brauchen eine starke demokratische Mitte und eine Politik, die näher am Bürger ist.“