Nach der Bluttat von Hanau

Rechte Gewalt schockiert Migranten aus OWL

Jan-Henrik Gerdener

Redur S. (l.) und Tayfun Avan haben nach dem Anschlag von Hanau auch im Alltag Angst. - © Jan-Henrik Gerdener
Redur S. (l.) und Tayfun Avan haben nach dem Anschlag von Hanau auch im Alltag Angst. (© Jan-Henrik Gerdener)

Bielefeld (nw/mt/ps). Kaum eine Woche nachdem die mutmaßliche rechtsextreme Terrorgruppe „Der harte Kern" aufgedeckt wurde, kommt der Anschlag von Hanau. Während die Terrorgruppe, von der vier mutmaßliche Mitglieder aus NRW kommen, Anschläge auf Moscheen geplant haben soll, nahm der Attentäter von Hanau eine Shisha-Bar ins Visier. In beiden Fällen das Ziel: Menschen mit Migrationshintergrund.

„Ich bin jetzt beunruhigt, wenn ich zur Arbeit gehe. Hier geht die Tür 500-mal am Tag auf und zu und es muss ja nur einmal der Falsche reinkommen,", sagt Tayfun Avan. Er arbeitet in Bielefeld in der „Vanilla Shisha Lounge". „Ich habe das Gefühl, es wird immer schlimmer hier in Deutschland." Zwar habe er schon selbst Erfahrungen mit Rassisten machen müssen, doch die politischen Entwicklungen der letzten Zeit lassen ihn die Zukunft sehr schwarz sehen.

Etwas anders sieht es sein Kollege Aleks K. (Name von der Redaktion geändert). Er arbeitet in der Lounge, aber: „Ich lasse mein Leben davon nicht beeinträchtigen." Aber auch er ist geschockt. „Ich verstehe nicht, wie ein Mensch so etwas machen kann."

Wie kann so etwas im 21. Jahrhundert passieren?

Ähnlich betroffen sind ihre Gäste. „Die rechte Gewalt häuft sich mittlerweile so, dass man schon im Alltag damit rechnet. Theoretisch kann es ja überall passieren", sagt Redur S. Auch Gast Mervan Celik findet es traurig, dass ein derartiger Anschlag in einem Land wie Deutschland passieren kann, das für ihn vor allem Heimat ist. „Natürlich bin ich auch stolz darauf, kurdisch zu sein, aber ich fühle mich als Deutscher. Und meine besten Freunde sind ein Deutscher, ein Iraker und ein Russe. Wie kann so etwas dann im 21. Jahrhundert noch passieren?" Einig sind sich in dieser Shisha-Bar die meisten: Von Politik und Staat fühlen sie sich nicht ausreichend vor rechtem Terror geschützt.

Birosk Mirza, Inhaber von drei Shisha-Bars in Minden und Hameln, ist ebenfalls entsetzt. Dennoch werde er keine zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen treffen: „Das ist genau das, was die Täter wollen." In seinen Bars, so Mirza, verkehren vor allem deutsche Staatsbürger. „Da bin ich manchmal der einzige Ausländer", sagt der Mindener. Er selbst glaubt, dass ein Attentat auch woanders verübt werden könne, und verweist auf den neunfachen Mord im Münchener Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016. Der galt jahrelang als Amoklauf, wurde aber letztlich als rechter Terror eingestuft.

Bewegende Worte zu Hanau findet auch Cuma Yücel, Vorsitzender der Ditib Türkisch-Islamischen Gemeinde Minden. „Das war eine abscheuliche Tat und unsere Gedanken sind bei den Familien der Verstorbenen", sagt der 45-Jährige, der seit 43 Jahren in Deutschland lebt. Er denkt, dass sich der Hass gegen Menschen mit Migrationshintergrund in den letzten Jahren verstärkt hat. Denn auch die Mindener Moschee der Türkisch-Islamischen Gemeinde fiel einem fremdenfeindlichen Angriff erst im letzten Jahr zum Opfer.

Angst hat der 45-Jährige trotzdem nicht. Ihm ist es wichtig, „die Sprache des Hasses zu beenden und endlich Mensch zu sein." Er wünscht sich, dass sich die Gesellschaft durch solche Taten nicht einschüchtern lässt. Yücel hofft deshalb auf eine rege Beteiligung an der Mahnwache „Minden gegen Rechtsruck" am kommenden Samstag. Auch die Türkisch-Islamische Gemeinde werde dabei sein und sich für die Menschlichkeit stark machen, bestätigt Yücel.

Dass die rechte Bedrohung für Muslime ein Stück weit Teil des Alltags geworden ist, zeigt sich in Moscheen. So pflegen die muslimischen Gemeinden in Paderborn einen guten Kontakt zur Polizei und nehmen bei Großveranstaltungen auch Polizeischutz in Anspruch, sagt Emin Özel, Sprecher der Schura, des Rats der Paderborner Muslime. Zum Glück habe es in Paderborn noch keine Übergriffe gegeben, aber die Gemeinden wollten auf Nummer sicher gehen.

Von der Politik wird besserer Schutz gewünscht

Die Nachrichten der letzten Wochen sieht Özel mit Sorge. „Die Angst ist durch Hanau stärker geworden. Es gibt einige, die sich Gedanken machen, ob sie in Deutschland noch sicher sind – vor allem die mit einer sehr dunklen Haut- und Haarfarbe." Daher wünscht er sich von der Politik einen besseren Schutz: „Man war zu lange auf dem rechten Auge blind. Jetzt muss man wach werden."

Özel hält viel vom Austausch von Religionen und Kulturen. Für ihn ist das der Weg, um Vorurteile abzubauen. Doch Hanau erschüttert diesen Glauben: „Ich weiß nicht, ob man das durch mehr Austausch hätte verhindern können." Für einen Dialog miteinander wirbt auch Mehmet Ali Ölmez, Vorsitzender des Integrationsrates Bielefeld. So habe er auch tatsächlich einmal eine Frau bekehrt, die ihn mehrfach bedroht habe. „Doch ich mache mir trotzdem Sorgen, dass sich meine Kinder und Enkelkinder hier in Zukunft nicht mehr wohlfühlen", sagt Ölmez.

Temel Bulut von der Moscheengemeinde Löhne wünscht sich auch von seinen Mitbürgern ein Engagement gegen rechts im Alltag. „Dass die Leute etwas sagen, wenn jemand blöde Sprüche klopft. Dass man Faschismus in jeder Form entgegen tritt." Auch seine Gemeinde blieb bisher von Übergriffen verschont. Trotzdem wird der Kontakt zur Polizei zur Sicherheit gepflegt. Dennoch: „Auch wenn man die Angst im Kopf hat, will man sich seine Freiheiten nicht nehmen lassen", so Bulut. So will er auch weiter regelmäßig seine Moschee aufsuchen.

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Nach der Bluttat von HanauRechte Gewalt schockiert Migranten aus OWLJan-Henrik GerdenerBielefeld (nw/mt/ps). Kaum eine Woche nachdem die mutmaßliche rechtsextreme Terrorgruppe „Der harte Kern" aufgedeckt wurde, kommt der Anschlag von Hanau. Während die Terrorgruppe, von der vier mutmaßliche Mitglieder aus NRW kommen, Anschläge auf Moscheen geplant haben soll, nahm der Attentäter von Hanau eine Shisha-Bar ins Visier. In beiden Fällen das Ziel: Menschen mit Migrationshintergrund. „Ich bin jetzt beunruhigt, wenn ich zur Arbeit gehe. Hier geht die Tür 500-mal am Tag auf und zu und es muss ja nur einmal der Falsche reinkommen,", sagt Tayfun Avan. Er arbeitet in Bielefeld in der „Vanilla Shisha Lounge". „Ich habe das Gefühl, es wird immer schlimmer hier in Deutschland." Zwar habe er schon selbst Erfahrungen mit Rassisten machen müssen, doch die politischen Entwicklungen der letzten Zeit lassen ihn die Zukunft sehr schwarz sehen. Etwas anders sieht es sein Kollege Aleks K. (Name von der Redaktion geändert). Er arbeitet in der Lounge, aber: „Ich lasse mein Leben davon nicht beeinträchtigen." Aber auch er ist geschockt. „Ich verstehe nicht, wie ein Mensch so etwas machen kann." Wie kann so etwas im 21. Jahrhundert passieren? Ähnlich betroffen sind ihre Gäste. „Die rechte Gewalt häuft sich mittlerweile so, dass man schon im Alltag damit rechnet. Theoretisch kann es ja überall passieren", sagt Redur S. Auch Gast Mervan Celik findet es traurig, dass ein derartiger Anschlag in einem Land wie Deutschland passieren kann, das für ihn vor allem Heimat ist. „Natürlich bin ich auch stolz darauf, kurdisch zu sein, aber ich fühle mich als Deutscher. Und meine besten Freunde sind ein Deutscher, ein Iraker und ein Russe. Wie kann so etwas dann im 21. Jahrhundert noch passieren?" Einig sind sich in dieser Shisha-Bar die meisten: Von Politik und Staat fühlen sie sich nicht ausreichend vor rechtem Terror geschützt. Birosk Mirza, Inhaber von drei Shisha-Bars in Minden und Hameln, ist ebenfalls entsetzt. Dennoch werde er keine zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen treffen: „Das ist genau das, was die Täter wollen." In seinen Bars, so Mirza, verkehren vor allem deutsche Staatsbürger. „Da bin ich manchmal der einzige Ausländer", sagt der Mindener. Er selbst glaubt, dass ein Attentat auch woanders verübt werden könne, und verweist auf den neunfachen Mord im Münchener Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016. Der galt jahrelang als Amoklauf, wurde aber letztlich als rechter Terror eingestuft. Bewegende Worte zu Hanau findet auch Cuma Yücel, Vorsitzender der Ditib Türkisch-Islamischen Gemeinde Minden. „Das war eine abscheuliche Tat und unsere Gedanken sind bei den Familien der Verstorbenen", sagt der 45-Jährige, der seit 43 Jahren in Deutschland lebt. Er denkt, dass sich der Hass gegen Menschen mit Migrationshintergrund in den letzten Jahren verstärkt hat. Denn auch die Mindener Moschee der Türkisch-Islamischen Gemeinde fiel einem fremdenfeindlichen Angriff erst im letzten Jahr zum Opfer. Angst hat der 45-Jährige trotzdem nicht. Ihm ist es wichtig, „die Sprache des Hasses zu beenden und endlich Mensch zu sein." Er wünscht sich, dass sich die Gesellschaft durch solche Taten nicht einschüchtern lässt. Yücel hofft deshalb auf eine rege Beteiligung an der Mahnwache „Minden gegen Rechtsruck" am kommenden Samstag. Auch die Türkisch-Islamische Gemeinde werde dabei sein und sich für die Menschlichkeit stark machen, bestätigt Yücel. Dass die rechte Bedrohung für Muslime ein Stück weit Teil des Alltags geworden ist, zeigt sich in Moscheen. So pflegen die muslimischen Gemeinden in Paderborn einen guten Kontakt zur Polizei und nehmen bei Großveranstaltungen auch Polizeischutz in Anspruch, sagt Emin Özel, Sprecher der Schura, des Rats der Paderborner Muslime. Zum Glück habe es in Paderborn noch keine Übergriffe gegeben, aber die Gemeinden wollten auf Nummer sicher gehen. Von der Politik wird besserer Schutz gewünscht Die Nachrichten der letzten Wochen sieht Özel mit Sorge. „Die Angst ist durch Hanau stärker geworden. Es gibt einige, die sich Gedanken machen, ob sie in Deutschland noch sicher sind – vor allem die mit einer sehr dunklen Haut- und Haarfarbe." Daher wünscht er sich von der Politik einen besseren Schutz: „Man war zu lange auf dem rechten Auge blind. Jetzt muss man wach werden." Özel hält viel vom Austausch von Religionen und Kulturen. Für ihn ist das der Weg, um Vorurteile abzubauen. Doch Hanau erschüttert diesen Glauben: „Ich weiß nicht, ob man das durch mehr Austausch hätte verhindern können." Für einen Dialog miteinander wirbt auch Mehmet Ali Ölmez, Vorsitzender des Integrationsrates Bielefeld. So habe er auch tatsächlich einmal eine Frau bekehrt, die ihn mehrfach bedroht habe. „Doch ich mache mir trotzdem Sorgen, dass sich meine Kinder und Enkelkinder hier in Zukunft nicht mehr wohlfühlen", sagt Ölmez. Temel Bulut von der Moscheengemeinde Löhne wünscht sich auch von seinen Mitbürgern ein Engagement gegen rechts im Alltag. „Dass die Leute etwas sagen, wenn jemand blöde Sprüche klopft. Dass man Faschismus in jeder Form entgegen tritt." Auch seine Gemeinde blieb bisher von Übergriffen verschont. Trotzdem wird der Kontakt zur Polizei zur Sicherheit gepflegt. Dennoch: „Auch wenn man die Angst im Kopf hat, will man sich seine Freiheiten nicht nehmen lassen", so Bulut. So will er auch weiter regelmäßig seine Moschee aufsuchen.