Bielefelder wohnen über Weltkriegsbombe - ihnen droht 100.000-Euro-Rechnung

Jürgen Mahncke

Nicht überdimensionale Maulwürfe, sondern der Auswürfe von Probebohrungen verunstalten den geliebten Garten von Reinhard Stoll. - © Wolfgang Rudolf
Nicht überdimensionale Maulwürfe, sondern der Auswürfe von Probebohrungen verunstalten den geliebten Garten von Reinhard Stoll. (© Wolfgang Rudolf)

Bielefeld (nw). Anfang September vergangenen Jahres war die Welt in der Siedlung Grafenheide in Brake noch in Ordnung. Reinhard Stoll freute sich auf seinen Glasfaseranschluss mit schnellem Internet. Doch die Bauarbeiter machten einen großen Bogen um sein Haus. „Wir dürfen ihr Grundstück im Umkreis von 20 Metern nicht betreten", hieß es vom Bauunternehmen, das im Auftrag der BiTel das Gebiet mit Breitbandkabel versorgt. Es dürften keine Erschütterungen rund um das Einfamilienhaus stattfinden.

Auch der geflieste Kellerboden wird von Probebohrungen nicht verschont. - © Wolfgang Rudolf
Auch der geflieste Kellerboden wird von Probebohrungen nicht verschont. (© Wolfgang Rudolf)

Der 76-Jährige machte sich keine weiteren Gedanken und griff kurzentschlossen zur Spitzhacke, hob selbst per Hand einen rund 20 Meter langen und 60 Zentimeter tiefen Graben von seinem Haus bis zur Straße aus, in den dann erschütterungsfrei das Glasfaserkabel verlegt wurde. Die Freude über den Anschluss währte aber nicht lange.

Ein paar Tage später hielt Reinhard Stoll ein Schreiben der Stadt in der Hand mit dem Wortlaut: Auf Ihrem Grundstück gibt es einen Verdachtspunkt auf Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg. Vorschriftsmäßig hat das Telekommunikationsunternehmen vor den Baumaßnahmen das Gelände nach möglichen Blindgängern überprüfen lassen.

130.000 Luftaufnahmen von November 1944 bis April 1945

Dabei werden Luftbildaufnahmen der britischen Aufklärer aus dem Zweiten Weltkrieg ausgewertet. Rund 130.000 Luftaufnahmen von November 1944 bis April 1945 liegen vor. Deutlich zu erkennen sind Krater detonierter Bomben, aber auch Einschlaglöcher, in die Bomben bis zu einer Tiefe von sieben Metern eindrangen und dort immer noch als Blindgänger ruhen.

Zum Frühlingsanfang will Reinhard Stoll wieder sicher auf seiner Terrasse sitzen. - © Wolfgang Rudolf
Zum Frühlingsanfang will Reinhard Stoll wieder sicher auf seiner Terrasse sitzen. (© Wolfgang Rudolf)

In Reinhold Stoll und seiner Frau wuchs die Angst. An ruhigen Schlaf in der Nacht war kaum noch zu denken. „Seitdem wir das wissen, sind wir nicht mehr ruhig", erzählte Stoll. Sein Haus baute er 1956, der Anbau entstand 1978. Da gab es die Vorschrift noch nicht, vor Baubeginn das Gelände nach Blindgängern zu überprüfen. Vor zwei Wochen hatte Reinhold Stoll einen Ortstermin mit dem erfahrenen Kampfmittelräumer Gerd Matthee von der Bezirksregierung Arnsberg. Er informierte über die Problematik einer eventuellen Entschärfung.

Das ganze Grundstück durchlöchert

Vergangene Woche wurde es dann ernst. Ein Spezialunternehmen für Kampfmittelsondierungen rückte mit Bagger und Bohrern an. Drei Tage später sah es ihm Garten von Reinhold Stoll aus, als hätten überdimensionale Maulwürfe ihr Unwesen getrieben. Zweiundzwanzig Löcher wurden sieben Meter tief gebohrt, Kunststoffstangen eingelassen. Magnetsonden an deren Ende können Verzerrungen des Magnetfeldes in der Erde aufspüren und damit Eisenfunde wie zum Beispiel mögliche Blindgänger entdecken. Nicht genug der Löcher im Garten, auch auf der Terrasse und im Keller wurde an insgesamt elf Stellen gebohrt.

"Das wäre eine Katastrophe"

Nach ersten Auswertungen der Probebohrungen war Reinhold Stoll noch aufgeregter. Ihm wurde mitgeteilt, dass sich der vermutete Blindgänger unter seinem Anbau befinden könnte. „Würde sich das bewahrheiten, wäre es eine Katastrophe. Um den Blindgänger zu entschärfen, müsste eine Art Bergwerkstollen unter dem Haus gebaut werden, um an den Blindgänger heranzukommen", berichtete der Hauseigentümer.

Vorsorglich hatte er bereits Kontakt mit einem Bauingenieur aufgenommen und dessen mündlicher Kostenvoranschlag von 100.000 Euro inklusive Grundwasserabsenkung haute ihn „aus den Socken". Denn diese Kosten wird der Rentner vermutlich als Hauseigentümer nach einem Erlass des Landes Nordrhein-Westfalen selbst tragen müssen.

Reinhard Stoll ist jetzt in einer Zwickmühle. Sollte sich bewahrheiten, dass er über einer nicht detonierten Weltkriegsbombe lebt – womit wohl nach ersten Erkenntnissen zu rechnen ist –, steht ihm eine Rechnung von rund 100.000 Euro ins Haus, die seine finanziellen Mittel bei weitem übersteigen. Beim Verkauf seines Eigenheims müsste er dem neuen Eigentümer mitteilen, dass er „einen Verdachtspunkt Weltkriegsbombe" mit kauft. Der Verkaufspreis würde rapide fallen.

Eine andere Möglichkeit wäre, mit dem Blindgänger unter den vier Wänden weiterzuleben und trotzdem wieder in den Schlaf zu finden. Noch sind die Würfel nicht gefallen.

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Bielefelder wohnen über Weltkriegsbombe - ihnen droht 100.000-Euro-RechnungJürgen MahnckeBielefeld (nw). Anfang September vergangenen Jahres war die Welt in der Siedlung Grafenheide in Brake noch in Ordnung. Reinhard Stoll freute sich auf seinen Glasfaseranschluss mit schnellem Internet. Doch die Bauarbeiter machten einen großen Bogen um sein Haus. „Wir dürfen ihr Grundstück im Umkreis von 20 Metern nicht betreten", hieß es vom Bauunternehmen, das im Auftrag der BiTel das Gebiet mit Breitbandkabel versorgt. Es dürften keine Erschütterungen rund um das Einfamilienhaus stattfinden. Der 76-Jährige machte sich keine weiteren Gedanken und griff kurzentschlossen zur Spitzhacke, hob selbst per Hand einen rund 20 Meter langen und 60 Zentimeter tiefen Graben von seinem Haus bis zur Straße aus, in den dann erschütterungsfrei das Glasfaserkabel verlegt wurde. Die Freude über den Anschluss währte aber nicht lange. Ein paar Tage später hielt Reinhard Stoll ein Schreiben der Stadt in der Hand mit dem Wortlaut: Auf Ihrem Grundstück gibt es einen Verdachtspunkt auf Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg. Vorschriftsmäßig hat das Telekommunikationsunternehmen vor den Baumaßnahmen das Gelände nach möglichen Blindgängern überprüfen lassen. 130.000 Luftaufnahmen von November 1944 bis April 1945 Dabei werden Luftbildaufnahmen der britischen Aufklärer aus dem Zweiten Weltkrieg ausgewertet. Rund 130.000 Luftaufnahmen von November 1944 bis April 1945 liegen vor. Deutlich zu erkennen sind Krater detonierter Bomben, aber auch Einschlaglöcher, in die Bomben bis zu einer Tiefe von sieben Metern eindrangen und dort immer noch als Blindgänger ruhen. In Reinhold Stoll und seiner Frau wuchs die Angst. An ruhigen Schlaf in der Nacht war kaum noch zu denken. „Seitdem wir das wissen, sind wir nicht mehr ruhig", erzählte Stoll. Sein Haus baute er 1956, der Anbau entstand 1978. Da gab es die Vorschrift noch nicht, vor Baubeginn das Gelände nach Blindgängern zu überprüfen. Vor zwei Wochen hatte Reinhold Stoll einen Ortstermin mit dem erfahrenen Kampfmittelräumer Gerd Matthee von der Bezirksregierung Arnsberg. Er informierte über die Problematik einer eventuellen Entschärfung. Das ganze Grundstück durchlöchert Vergangene Woche wurde es dann ernst. Ein Spezialunternehmen für Kampfmittelsondierungen rückte mit Bagger und Bohrern an. Drei Tage später sah es ihm Garten von Reinhold Stoll aus, als hätten überdimensionale Maulwürfe ihr Unwesen getrieben. Zweiundzwanzig Löcher wurden sieben Meter tief gebohrt, Kunststoffstangen eingelassen. Magnetsonden an deren Ende können Verzerrungen des Magnetfeldes in der Erde aufspüren und damit Eisenfunde wie zum Beispiel mögliche Blindgänger entdecken. Nicht genug der Löcher im Garten, auch auf der Terrasse und im Keller wurde an insgesamt elf Stellen gebohrt. "Das wäre eine Katastrophe" Nach ersten Auswertungen der Probebohrungen war Reinhold Stoll noch aufgeregter. Ihm wurde mitgeteilt, dass sich der vermutete Blindgänger unter seinem Anbau befinden könnte. „Würde sich das bewahrheiten, wäre es eine Katastrophe. Um den Blindgänger zu entschärfen, müsste eine Art Bergwerkstollen unter dem Haus gebaut werden, um an den Blindgänger heranzukommen", berichtete der Hauseigentümer. Vorsorglich hatte er bereits Kontakt mit einem Bauingenieur aufgenommen und dessen mündlicher Kostenvoranschlag von 100.000 Euro inklusive Grundwasserabsenkung haute ihn „aus den Socken". Denn diese Kosten wird der Rentner vermutlich als Hauseigentümer nach einem Erlass des Landes Nordrhein-Westfalen selbst tragen müssen. Reinhard Stoll ist jetzt in einer Zwickmühle. Sollte sich bewahrheiten, dass er über einer nicht detonierten Weltkriegsbombe lebt – womit wohl nach ersten Erkenntnissen zu rechnen ist –, steht ihm eine Rechnung von rund 100.000 Euro ins Haus, die seine finanziellen Mittel bei weitem übersteigen. Beim Verkauf seines Eigenheims müsste er dem neuen Eigentümer mitteilen, dass er „einen Verdachtspunkt Weltkriegsbombe" mit kauft. Der Verkaufspreis würde rapide fallen. Eine andere Möglichkeit wäre, mit dem Blindgänger unter den vier Wänden weiterzuleben und trotzdem wieder in den Schlaf zu finden. Noch sind die Würfel nicht gefallen.