Politik

Von Bonhoeffer bis Stauffenberg: Wie Rechte sich aus der Geschichte bedienen

Jan-Henrik Gerdener

Eigentlich war Dietrich Bonhoeffer NS-Widerstandskämpfer. Doch nun beziehen sich auch Rechte auf ihn. - © Picture Alliance
Eigentlich war Dietrich Bonhoeffer NS-Widerstandskämpfer. Doch nun beziehen sich auch Rechte auf ihn. (© Picture Alliance)

Bielefeld (nw). Was haben Dietrich Bonhoeffer, Graf von Stauffenberg, der Rapper Drake und "Grand Theft Auto" (GTA) gemeinsam? Zwei von ihnen sind natürlich Widerstandskämpfer aus der Zeit des Dritten Reichs. Doch Drake ist ein afroamerikanischer Rapper und GTA ein populäres Videospiel. Alle vier werden von rechtspopulistischen bis rechtsextremen Kreisen instrumentalisiert, um ihre Ideologie zu verbreiten.

Seit 2011 wird die Dietrich Bonhoeffer-Biographie "Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet" des Amerikaners Eric Metaxas auch in Deutschland verkauft. Laut Verlag SCM gingen rund 50.000 Ausgaben über die Ladentheke - für ein kirchliches Buch keine schlechten Zahlen. "Das Buch an sich ist nicht das, was ich bedenklich finde, sondern eher das, was Metaxas abseits davon behauptet", sagt Hartmut Rosenau. Er ist Vorsitzender des deutschen Teils der Internationalen Bonhoeffer Gesellschaft. "Metaxas spricht sich gegen jede Liberalisierung aus und wettert zum Beispiel gegen Homosexualität." Der Bonhoeffer-Biograph aus New York ist seit einigen Jahren auch ein großer Anhänger von US-Präsident Donald Trump. In einem Interview bezeichnete er die Gegner Trumps als von dämonischen Mächten besessen.

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Metaxas beruft sich für seinen Standpunkt auf Bonhoeffer, den er für einen Propheten wie den alttestamentarischen Jeremia hält. Der Autor ist aber nur Teil eines größeren Phänomens. "Es wird von rechts versucht, Bonhoeffer als Autorität für sich zu beanspruchen. Das trifft sowohl für politisch rechte Kreise, als auch für evangelikale, fundamentalistische Christen zu", sagt Rosenau. Der Einfluss von Metaxas' Buch selbst macht ihm dabei nicht so viel Sorgen, wie die Versuche von Politikern aus der AfD und von Trump selbst, sich auf Bonhoeffer zu berufen. Im Gedenken an die Opfer des KZ Flossenbürg, in dem auch Bonhoeffer ermordet wurde, spendete der US-Präsident eine Gedenkplakette. Im Zuge dessen habe der anwesende US-Botschafter auch Bonhoeffer für die Position Trumps vereinnahmt, so Rosenau. Er findet das bedenklich.

"Diese Taktik ist nicht neu und wird schon lange in der rechten bis rechtsextremen Szene verwendet", sagt Kira Ayyadi. Sie beobachtet für die Amadeu Antonio Stiftung rechte Onlineaktivität. Die Stiftung versucht, mit diversen Projekten über Rechtsextremismus aufzuklären. "Die Neuen Rechten versuchen, auch Widerstandskämpfer wie Stauffenberg für sich zu besetzen, indem sie sich mit ihnen vergleichen. Die historische Situation des Nationalsozialismus wird von ihnen als Parallele zu heute umgedeutet. Die heutige Regierung wird von ihnen so als Unrechtsstaat gesehen." Vor allem die AfD und die Identitäre Bewegung würden dies betreiben.

"Der Bezug auf Widerstandskämpfer aus der Zeit des Dritten Reichs geschieht auch als Teil einer strategischen Abgrenzung zum Nationalsozialismus", erklärt Ayyadi weiter. "Dadurch schaffen sie es auch, sich als Unterdrückte darzustellen." Diese Selbstbedienung von Rechts finde jedoch nicht nur bei historischen Persönlichkeiten statt, auch die Popkultur wird ihr Opfer. "Mit der gleichen Strategie versucht vor allem die Identitäre Bewegung, auch Jugendliche zu rekrutieren", so Ayyadi. "Zum Beispiel bieten sie T-Shirts mit abgewandelten Motiven aus dem Beliebten Videospiel GTA an - allerdings mit dem Slogan Defend Europe." Dabei werfen Rechtsextreme auch durchaus ihre eigenen Ideale über Bord, um Anschluss zu finden, und werben mit den Bildern eines schwarzen Mannes. "Im Internet nutzen die Identitären auch ein populäres "Meme" mit dem Rapper Drake", sagt die Expertin. Memes sind einschlägige Bilder, die im Internet mit immer wieder neuen, teils lustigen Texten hochgeladen werden. Statt Witzen findet sich bei der Identitären Variante des Drake-Memes rechte Propaganda.

Wie weitreichend und erfolgreich die rechte Strategie ist, ist schwer festzustellen. Die Bonhoeffer-Gesellschaft nimmt das Phänomen auf jeden Fall ernst, und will es auf ihrer nächsten Sitzung zum Thema machen. Denn am 9. April jährt sich Bonhoeffers Todestag wieder. Der Verlag SCM überlegt, diese Gelegenheit nutzen, um das Buch von Metaxas wieder ins Gespräch zu bringen. "Wir müssen wirklich aufpassen, dass politische Ideologien es nicht schaffen, Bonhoeffer für sich einzunehmen - vor allem nicht, wenn es Ideologien sind, die Ausgrenzung fordern", sagt Rosenau. "Das Denken von: Unsere Gruppe gegen "die anderen" passt nicht zu Bonhoeffer. Denn gerade er hat sich geweigert, in ein simples Gut-und-Böse-Denken zu verfallen."

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PolitikVon Bonhoeffer bis Stauffenberg: Wie Rechte sich aus der Geschichte bedienenJan-Henrik GerdenerBielefeld (nw). Was haben Dietrich Bonhoeffer, Graf von Stauffenberg, der Rapper Drake und "Grand Theft Auto" (GTA) gemeinsam? Zwei von ihnen sind natürlich Widerstandskämpfer aus der Zeit des Dritten Reichs. Doch Drake ist ein afroamerikanischer Rapper und GTA ein populäres Videospiel. Alle vier werden von rechtspopulistischen bis rechtsextremen Kreisen instrumentalisiert, um ihre Ideologie zu verbreiten. Seit 2011 wird die Dietrich Bonhoeffer-Biographie "Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet" des Amerikaners Eric Metaxas auch in Deutschland verkauft. Laut Verlag SCM gingen rund 50.000 Ausgaben über die Ladentheke - für ein kirchliches Buch keine schlechten Zahlen. "Das Buch an sich ist nicht das, was ich bedenklich finde, sondern eher das, was Metaxas abseits davon behauptet", sagt Hartmut Rosenau. Er ist Vorsitzender des deutschen Teils der Internationalen Bonhoeffer Gesellschaft. "Metaxas spricht sich gegen jede Liberalisierung aus und wettert zum Beispiel gegen Homosexualität." Der Bonhoeffer-Biograph aus New York ist seit einigen Jahren auch ein großer Anhänger von US-Präsident Donald Trump. In einem Interview bezeichnete er die Gegner Trumps als von dämonischen Mächten besessen. Metaxas beruft sich für seinen Standpunkt auf Bonhoeffer, den er für einen Propheten wie den alttestamentarischen Jeremia hält. Der Autor ist aber nur Teil eines größeren Phänomens. "Es wird von rechts versucht, Bonhoeffer als Autorität für sich zu beanspruchen. Das trifft sowohl für politisch rechte Kreise, als auch für evangelikale, fundamentalistische Christen zu", sagt Rosenau. Der Einfluss von Metaxas' Buch selbst macht ihm dabei nicht so viel Sorgen, wie die Versuche von Politikern aus der AfD und von Trump selbst, sich auf Bonhoeffer zu berufen. Im Gedenken an die Opfer des KZ Flossenbürg, in dem auch Bonhoeffer ermordet wurde, spendete der US-Präsident eine Gedenkplakette. Im Zuge dessen habe der anwesende US-Botschafter auch Bonhoeffer für die Position Trumps vereinnahmt, so Rosenau. Er findet das bedenklich. "Diese Taktik ist nicht neu und wird schon lange in der rechten bis rechtsextremen Szene verwendet", sagt Kira Ayyadi. Sie beobachtet für die Amadeu Antonio Stiftung rechte Onlineaktivität. Die Stiftung versucht, mit diversen Projekten über Rechtsextremismus aufzuklären. "Die Neuen Rechten versuchen, auch Widerstandskämpfer wie Stauffenberg für sich zu besetzen, indem sie sich mit ihnen vergleichen. Die historische Situation des Nationalsozialismus wird von ihnen als Parallele zu heute umgedeutet. Die heutige Regierung wird von ihnen so als Unrechtsstaat gesehen." Vor allem die AfD und die Identitäre Bewegung würden dies betreiben. "Der Bezug auf Widerstandskämpfer aus der Zeit des Dritten Reichs geschieht auch als Teil einer strategischen Abgrenzung zum Nationalsozialismus", erklärt Ayyadi weiter. "Dadurch schaffen sie es auch, sich als Unterdrückte darzustellen." Diese Selbstbedienung von Rechts finde jedoch nicht nur bei historischen Persönlichkeiten statt, auch die Popkultur wird ihr Opfer. "Mit der gleichen Strategie versucht vor allem die Identitäre Bewegung, auch Jugendliche zu rekrutieren", so Ayyadi. "Zum Beispiel bieten sie T-Shirts mit abgewandelten Motiven aus dem Beliebten Videospiel GTA an - allerdings mit dem Slogan Defend Europe." Dabei werfen Rechtsextreme auch durchaus ihre eigenen Ideale über Bord, um Anschluss zu finden, und werben mit den Bildern eines schwarzen Mannes. "Im Internet nutzen die Identitären auch ein populäres "Meme" mit dem Rapper Drake", sagt die Expertin. Memes sind einschlägige Bilder, die im Internet mit immer wieder neuen, teils lustigen Texten hochgeladen werden. Statt Witzen findet sich bei der Identitären Variante des Drake-Memes rechte Propaganda. Wie weitreichend und erfolgreich die rechte Strategie ist, ist schwer festzustellen. Die Bonhoeffer-Gesellschaft nimmt das Phänomen auf jeden Fall ernst, und will es auf ihrer nächsten Sitzung zum Thema machen. Denn am 9. April jährt sich Bonhoeffers Todestag wieder. Der Verlag SCM überlegt, diese Gelegenheit nutzen, um das Buch von Metaxas wieder ins Gespräch zu bringen. "Wir müssen wirklich aufpassen, dass politische Ideologien es nicht schaffen, Bonhoeffer für sich einzunehmen - vor allem nicht, wenn es Ideologien sind, die Ausgrenzung fordern", sagt Rosenau. "Das Denken von: Unsere Gruppe gegen "die anderen" passt nicht zu Bonhoeffer. Denn gerade er hat sich geweigert, in ein simples Gut-und-Böse-Denken zu verfallen."