Hannover

Rammstein-Frontmann Till Lindemann begeistert bei Solo-Premiere in Hannover

Thomas Kühlmann

Ganz in Weiß, aber ohne Blumenstrauß: Till Lindemann beim Auftaktkonzert seiner Solo-Tour in Hannover. MT- - © Foto: Thomas Kühlmann
Ganz in Weiß, aber ohne Blumenstrauß: Till Lindemann beim Auftaktkonzert seiner Solo-Tour in Hannover. MT- (© Foto: Thomas Kühlmann)

Hannover. Till Lindemann ist ein Meister der permanenten, ab und an sogar witzigen und den Spiegel vorhaltenden Provokation – nicht nur als Mastermind der Brachialrocker von Rammstein. Auch mit seinem nach ihm benannten Alternative-Metal-Projekt an der Seite des schwedischen Gitarristen Peter Tägtgren lässt der hoch aufgeschossene ehemalige DDR-Leistungsschwimmer keine Gelegenheit aus, um mit öbszönen Texten und lasziven Gesten die Grenzen des guten Geschmacks auszureizen und nicht selten auch zu überschreiten.

Davon dürfen sich auch die Zuschauer – der Zutritt ist ausschließlich volljährigen Besuchern gestattet – beim Tourauftakt in der seit Monaten ausverkauften Swiss Life Hall in Hannover überzeugen lassen. Für Lindemann muss es einem Klub-Konzert gleichkommen, dieses Mal vor „nur“ 5.000 Fans anstatt in Stadien mit mehr als 50.000 Anhängern seinen typisch sonoren Gesang mit dem rollenden „R“ zu zelebrieren, während Tägtgren und die bestens eingespielte Begleitband für die nötigen harten Töne sorgen.

Rammstein-Frontmann Till Lindemann in Hannover (Plus-Inhalt)

Dabei ist der Auftritt alles andere als ein „Rammstein-Light“-Gig, auch wenn oder gerade weil die bombastische Pyrotechnik mit Flammenwerfern und Magnesiumblitzen dieses Mal ganz fehlt. Dafür setzt der ehemalige Olympiakader-Teilnehmer der Sommerspiele 1980, aus dem er wegen abwertender Äußerungen in Richtung DDR-Regime kurzfristig vor der Eröffnungsfeier verbannt worden war, bei seinem Solo-Auftritt auf die Macht der bewegten Bilder. Sie werden projiziert auf eine riesige Videoleinwand im Rücken der Band und sind bestens sichtbar bis in den letzten Winkel der Halle. Und diese optischen Happen haben es bekanntlich in sich und sind selten leicht bekömmliche Kost.

Denn es wäre nicht Till Lindemann, wenn nicht wenigstens einige dieser Clips auf dem Index gelandet sind und damit die nötige Publicity für den Künstler in jedem Fall gesichert ist. Das Video zu „Platz eins“ vom neuen Album „F & M“ ist ein Paradebeispiel. Wer es unzensiert sehen möchte, muss sich auf eine einschlägigen Pornoseite leiten lassen. Amputierte Körper, drangsalierte Menschen und eine ausschweifende Sex-Party mit vielen Frauen machen dort die Runde – und der Maestro ist selbst mittendrin und gibt sein Bestes – Gerüchten zufolge ohne Double.

Ganz in Weiß gekleidet, mit dunkel geschminkten Augen und seinen zahlreichen Piercings allerdings auch im feinen Anzug furchteinflößend, lässt Lindemann mit seinen Mitstreitern die Fans in Hannover nach zwei Support-Bands lange warten, ehe er kurz nach 21.30 Uhr die Bühne entert und mit „Skills in pills“, „Loverboy“ und „Fat“ drei Songs seines Debütalbums „Skills in pills“ zum Besten gebt. Schon früh im Programm wird auch „Knebel“, die aktuelle Single-Auskopplung des Longplayers „F & M“ von den Fans mitgegrölt, während im Hintergrund – wie soll es auch anders sein – die zensierte Fassung des Videos abläuft und Gitarrist Peter Tägtgren am Ende des Songs sogar in Manier des The-Who-Gitarrengenies Pete Townshend sein Saiteninstrument auf der Bühne theatralisch kaputt schlägt. Die Massen fühlen sich bestens unterhalten und stacheln mit lang anhaltendem Beifall ihre Helden zu immer neuen Höllenritten und Extravaganzen an, bevor nach 100 Minuten inklusive dreier Zugaben endgültig Schluss ist.

Wer irgendwie insgeheim doch auf eine Rammstein-Nummer als Betthupferl gehofft hat, der schaut in die Röhre. Doch der Meister des deutschen Schockrocks hat auch mit seinem ersten Solo-Repertoire ausreichend Diskussionsstoff zurück- und keine Wünsche offen gelassen.

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HannoverRammstein-Frontmann Till Lindemann begeistert bei Solo-Premiere in HannoverThomas KühlmannHannover. Till Lindemann ist ein Meister der permanenten, ab und an sogar witzigen und den Spiegel vorhaltenden Provokation – nicht nur als Mastermind der Brachialrocker von Rammstein. Auch mit seinem nach ihm benannten Alternative-Metal-Projekt an der Seite des schwedischen Gitarristen Peter Tägtgren lässt der hoch aufgeschossene ehemalige DDR-Leistungsschwimmer keine Gelegenheit aus, um mit öbszönen Texten und lasziven Gesten die Grenzen des guten Geschmacks auszureizen und nicht selten auch zu überschreiten. Davon dürfen sich auch die Zuschauer – der Zutritt ist ausschließlich volljährigen Besuchern gestattet – beim Tourauftakt in der seit Monaten ausverkauften Swiss Life Hall in Hannover überzeugen lassen. Für Lindemann muss es einem Klub-Konzert gleichkommen, dieses Mal vor „nur“ 5.000 Fans anstatt in Stadien mit mehr als 50.000 Anhängern seinen typisch sonoren Gesang mit dem rollenden „R“ zu zelebrieren, während Tägtgren und die bestens eingespielte Begleitband für die nötigen harten Töne sorgen. Dabei ist der Auftritt alles andere als ein „Rammstein-Light“-Gig, auch wenn oder gerade weil die bombastische Pyrotechnik mit Flammenwerfern und Magnesiumblitzen dieses Mal ganz fehlt. Dafür setzt der ehemalige Olympiakader-Teilnehmer der Sommerspiele 1980, aus dem er wegen abwertender Äußerungen in Richtung DDR-Regime kurzfristig vor der Eröffnungsfeier verbannt worden war, bei seinem Solo-Auftritt auf die Macht der bewegten Bilder. Sie werden projiziert auf eine riesige Videoleinwand im Rücken der Band und sind bestens sichtbar bis in den letzten Winkel der Halle. Und diese optischen Happen haben es bekanntlich in sich und sind selten leicht bekömmliche Kost. Denn es wäre nicht Till Lindemann, wenn nicht wenigstens einige dieser Clips auf dem Index gelandet sind und damit die nötige Publicity für den Künstler in jedem Fall gesichert ist. Das Video zu „Platz eins“ vom neuen Album „F & M“ ist ein Paradebeispiel. Wer es unzensiert sehen möchte, muss sich auf eine einschlägigen Pornoseite leiten lassen. Amputierte Körper, drangsalierte Menschen und eine ausschweifende Sex-Party mit vielen Frauen machen dort die Runde – und der Maestro ist selbst mittendrin und gibt sein Bestes – Gerüchten zufolge ohne Double. Ganz in Weiß gekleidet, mit dunkel geschminkten Augen und seinen zahlreichen Piercings allerdings auch im feinen Anzug furchteinflößend, lässt Lindemann mit seinen Mitstreitern die Fans in Hannover nach zwei Support-Bands lange warten, ehe er kurz nach 21.30 Uhr die Bühne entert und mit „Skills in pills“, „Loverboy“ und „Fat“ drei Songs seines Debütalbums „Skills in pills“ zum Besten gebt. Schon früh im Programm wird auch „Knebel“, die aktuelle Single-Auskopplung des Longplayers „F & M“ von den Fans mitgegrölt, während im Hintergrund – wie soll es auch anders sein – die zensierte Fassung des Videos abläuft und Gitarrist Peter Tägtgren am Ende des Songs sogar in Manier des The-Who-Gitarrengenies Pete Townshend sein Saiteninstrument auf der Bühne theatralisch kaputt schlägt. Die Massen fühlen sich bestens unterhalten und stacheln mit lang anhaltendem Beifall ihre Helden zu immer neuen Höllenritten und Extravaganzen an, bevor nach 100 Minuten inklusive dreier Zugaben endgültig Schluss ist. Wer irgendwie insgeheim doch auf eine Rammstein-Nummer als Betthupferl gehofft hat, der schaut in die Röhre. Doch der Meister des deutschen Schockrocks hat auch mit seinem ersten Solo-Repertoire ausreichend Diskussionsstoff zurück- und keine Wünsche offen gelassen.