Herford

Jahrelang eingezahlt: Wie ein Rentner trotzdem durchs System fällt

Ilja Regier

Hans Schmidt befindet sich hier noch in der Klinik Porta Westfalica. Er wünscht sich, dass sein Leben wieder in die richtige Spur kommt. - © Ilja Regier
Hans Schmidt befindet sich hier noch in der Klinik Porta Westfalica. Er wünscht sich, dass sein Leben wieder in die richtige Spur kommt. (© Ilja Regier)

Herford (nw). Im Raum liegen Mandalas, die Hans Schmidt (Name geändert) gerne ausmalt, im Schrank befinden sich die wenigen Klamotten, die er besitzt. Lesen und schreiben kann er nicht. Und doch hat er fast 50 Jahre bei einem Küchenhersteller als „Mädchen für alles" gearbeitet und immer brav in die Rentenkassen eingezahlt, sagt er und lehnt den schweren Oberkörper auf den Rollator. Geblieben ist ihm nichts. Nun befindet er sich seit Montag in einer Notunterkunft für Obdachlose.

Schmidt muss genau überlegen, wie alt er ist, wann er in Rente ging und wie lange er die Schule besuchte. Als der 64-Jährige über seine Probleme spricht, ist er nervös und verhaspelt sich beim Reden.

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Rückblick: Das Dilemma beginnt für Schmidt vor einem Jahr. Er wohnt zur Miete im Keller eines Hauses in Lippinghausen. Als seine Schwester zum Pflegefall wird, ist er alleine. Eine Frau oder Kinder hat er nicht. Wie Schmidt berichtet, wächst ihm alles über den Kopf. Mit den Finanzen kommt er nicht zurecht, zwischendurch hat er keine Übersicht, wer über sein Konto verfügt und was damit geschieht. Die Rente geht für Unterkunft und Verpflegung wie Essen auf Rädern drauf. Menschen, die ihm helfen könnten, kennt er nicht.

Hausverbot in den Geschäften

So sieht inzwischen das Grundstück des Hauses aus, in dem Schmidt lebte. - © Ilja Regier
So sieht inzwischen das Grundstück des Hauses aus, in dem Schmidt lebte. (© Ilja Regier)

Dann schaltet der Vermieter, so Schmidt, Strom und Wasser ab. Ein Jahr lebt er in einem Keller umgeben von Abfall und ist komplett überfordert. Er liegt herum, hört Radio und wartet. In den Geschäften erhält er Hausverbot, weil er sich nicht waschen kann und stinkt. „Ich habe versucht, mir die verfilzten Haare selbst zu schneiden", erinnert sich Schmidt und zeigt auf die Finger: „Die Nägel waren auch total lang." Irgendwann beschweren sich die Nachbarn beim Ordnungsamt. Der Geruch sei nicht mehr auszuhalten gewesen.

Eine Nachbarin hilft ihm, bringt Wärmeflaschen vorbei. Unter Tränen gesteht er ihr seine Lage und dass er nicht mehr weiter weiß. Er habe Angst vor dem Vermieter und dass er ihn anraunzt. Die Frau informiert Schmidts Schwester und den Schwager – beide haben lange nichts mehr von dem 64-Jährigen gehört und packen dennoch an.

Dann greifen Mechanismen, Schmidt bekommt eine Kurzzeitpflege im Haus Stephanus. Dort wird er gewaschen und rasiert. Von da aus kommt er in die Rehaklinik Porta Westfalica, wo er für drei Wochen aufgepäppelt werden soll. Das Ordnungsamt empfiehlt dem Amtsgericht eine gesetzliche Betreuerin, auch das klappt. Sie kümmert sich um seine Belange und muss klären, wohin Schmidts Geld samt Rente verschwunden ist.

Angehörige können oder wollen ihn nicht haben

In der Rehaklinik stellen die Ärzte unter anderem Diabetes sowie Inkontinenz fest und empfehlen eine Magenverkleinerung. Lange weiß Schmidt nicht, was die Zukunft bringt. Erst am Freitag erfährt er, dass er am Montag ins Obdachlosenheim gebracht wird. „Sie haben mir mitgeteilt, dass mich sonst keiner aufnehmen kann", sagt Schmidt.

Angehörige können oder wollen ihn nicht haben. In die alte Wohnung kann Schmidt nicht mehr, da das Haus wohl verkauft sei und damit der Mietvertrag erlischt. Im Garten stapelt sich jetzt noch der Müll.

Solche Fälle wie die von Schmidt mehren sich, sagt Holger Schuermann, Geschäftsführer der Klinik Porta Westfalica. Streng genommen habe sich Schmidt nicht für eine Reha geeignet. „Wir kümmern uns mehr um Patienten mit neuen Gelenken. Da man aber nicht wusste, wohin mit ihm, ist er bei uns gelandet." Für Schuermann zeige die Situation, wie schlecht die Ämter bei Einzelgängern wie Schmidt zusammenarbeiten und wie prekär die Lage im Sozialsystem sei.

Wie geht es mit Schmidt weiter?

Auch Schmidts Schwager kann nicht akzeptieren, wie mit dem 64-Jährigen umgegangen wird. „Hans nimmt alles wie gottgegeben hin. Dabei hat er so viele Jahre in die Kassen eingezahlt", bemerkt er. Der Schwager will anonym bleiben, geht auf die 80 zu und unterstützt Schmidt, wo er kann: „Meine Kräfte schwinden jedoch." Ihn ärgert, dass Schmidt nur in die Pflegestufe eins eingestuft wurde. Das bedeutet, dass er in kein betreutes Heim kommt. Dabei könne er sich nicht mal die Socken anziehen.

Wie geht es mit Schmidt weiter? Seine gesetzliche Betreuerin äußert sich nicht weiter und verweist auf die Schweigepflicht. Auch vom Sozialamt erfolgt nur eine vage Antwort. „Der Fall ist uns bekannt, wir sind nicht direkt zuständig, nur beratend", so Petra Scholz, Pressesprecherin des Kreises. Inzwischen hat Schmidt nur einen Wunsch: „Ich möchte, dass mein Leben wieder in die richtige Spur kommt."

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HerfordJahrelang eingezahlt: Wie ein Rentner trotzdem durchs System fälltIlja RegierHerford (nw). Im Raum liegen Mandalas, die Hans Schmidt (Name geändert) gerne ausmalt, im Schrank befinden sich die wenigen Klamotten, die er besitzt. Lesen und schreiben kann er nicht. Und doch hat er fast 50 Jahre bei einem Küchenhersteller als „Mädchen für alles" gearbeitet und immer brav in die Rentenkassen eingezahlt, sagt er und lehnt den schweren Oberkörper auf den Rollator. Geblieben ist ihm nichts. Nun befindet er sich seit Montag in einer Notunterkunft für Obdachlose. Schmidt muss genau überlegen, wie alt er ist, wann er in Rente ging und wie lange er die Schule besuchte. Als der 64-Jährige über seine Probleme spricht, ist er nervös und verhaspelt sich beim Reden. Rückblick: Das Dilemma beginnt für Schmidt vor einem Jahr. Er wohnt zur Miete im Keller eines Hauses in Lippinghausen. Als seine Schwester zum Pflegefall wird, ist er alleine. Eine Frau oder Kinder hat er nicht. Wie Schmidt berichtet, wächst ihm alles über den Kopf. Mit den Finanzen kommt er nicht zurecht, zwischendurch hat er keine Übersicht, wer über sein Konto verfügt und was damit geschieht. Die Rente geht für Unterkunft und Verpflegung wie Essen auf Rädern drauf. Menschen, die ihm helfen könnten, kennt er nicht. Hausverbot in den Geschäften Dann schaltet der Vermieter, so Schmidt, Strom und Wasser ab. Ein Jahr lebt er in einem Keller umgeben von Abfall und ist komplett überfordert. Er liegt herum, hört Radio und wartet. In den Geschäften erhält er Hausverbot, weil er sich nicht waschen kann und stinkt. „Ich habe versucht, mir die verfilzten Haare selbst zu schneiden", erinnert sich Schmidt und zeigt auf die Finger: „Die Nägel waren auch total lang." Irgendwann beschweren sich die Nachbarn beim Ordnungsamt. Der Geruch sei nicht mehr auszuhalten gewesen. Eine Nachbarin hilft ihm, bringt Wärmeflaschen vorbei. Unter Tränen gesteht er ihr seine Lage und dass er nicht mehr weiter weiß. Er habe Angst vor dem Vermieter und dass er ihn anraunzt. Die Frau informiert Schmidts Schwester und den Schwager – beide haben lange nichts mehr von dem 64-Jährigen gehört und packen dennoch an. Dann greifen Mechanismen, Schmidt bekommt eine Kurzzeitpflege im Haus Stephanus. Dort wird er gewaschen und rasiert. Von da aus kommt er in die Rehaklinik Porta Westfalica, wo er für drei Wochen aufgepäppelt werden soll. Das Ordnungsamt empfiehlt dem Amtsgericht eine gesetzliche Betreuerin, auch das klappt. Sie kümmert sich um seine Belange und muss klären, wohin Schmidts Geld samt Rente verschwunden ist. Angehörige können oder wollen ihn nicht haben In der Rehaklinik stellen die Ärzte unter anderem Diabetes sowie Inkontinenz fest und empfehlen eine Magenverkleinerung. Lange weiß Schmidt nicht, was die Zukunft bringt. Erst am Freitag erfährt er, dass er am Montag ins Obdachlosenheim gebracht wird. „Sie haben mir mitgeteilt, dass mich sonst keiner aufnehmen kann", sagt Schmidt. Angehörige können oder wollen ihn nicht haben. In die alte Wohnung kann Schmidt nicht mehr, da das Haus wohl verkauft sei und damit der Mietvertrag erlischt. Im Garten stapelt sich jetzt noch der Müll. Solche Fälle wie die von Schmidt mehren sich, sagt Holger Schuermann, Geschäftsführer der Klinik Porta Westfalica. Streng genommen habe sich Schmidt nicht für eine Reha geeignet. „Wir kümmern uns mehr um Patienten mit neuen Gelenken. Da man aber nicht wusste, wohin mit ihm, ist er bei uns gelandet." Für Schuermann zeige die Situation, wie schlecht die Ämter bei Einzelgängern wie Schmidt zusammenarbeiten und wie prekär die Lage im Sozialsystem sei. Wie geht es mit Schmidt weiter? Auch Schmidts Schwager kann nicht akzeptieren, wie mit dem 64-Jährigen umgegangen wird. „Hans nimmt alles wie gottgegeben hin. Dabei hat er so viele Jahre in die Kassen eingezahlt", bemerkt er. Der Schwager will anonym bleiben, geht auf die 80 zu und unterstützt Schmidt, wo er kann: „Meine Kräfte schwinden jedoch." Ihn ärgert, dass Schmidt nur in die Pflegestufe eins eingestuft wurde. Das bedeutet, dass er in kein betreutes Heim kommt. Dabei könne er sich nicht mal die Socken anziehen. Wie geht es mit Schmidt weiter? Seine gesetzliche Betreuerin äußert sich nicht weiter und verweist auf die Schweigepflicht. Auch vom Sozialamt erfolgt nur eine vage Antwort. „Der Fall ist uns bekannt, wir sind nicht direkt zuständig, nur beratend", so Petra Scholz, Pressesprecherin des Kreises. Inzwischen hat Schmidt nur einen Wunsch: „Ich möchte, dass mein Leben wieder in die richtige Spur kommt."