Dokumentarfilm zur Nordumgehung feiert in Leipzig Premiere

Nicole Sielermann

Mit einer Mission: Johann Pauls möchte an der Kanalstraße für Jesus begeistern. - © David Schittek
Mit einer Mission: Johann Pauls möchte an der Kanalstraße für Jesus begeistern. (© David Schittek)

Bad Oeynhausen (nw). Es klingt nach der Vorlage für einen Roman. Ein Holländer, der auf seinem Weg nach Berlin immer wieder im Stau auf der Mindener Straße steht, macht sich auf die Suche nach der Geschichte hinter der Straße, nach den Menschen, die dort leben. Und er dreht einen Film. "Autobahn" heißt der. Und bei dem liegt neben der alten Stadtautobahn der Fokus auch auf der Nordumgehung. Nach rund neun Jahren Dreh- und Produktionszeit feiert die Doku von Daniel Abma nun Premiere bei einem der renommiertesten Filmfestivals Europas. In Leipzig. Genau in der Stadt, in der 2008 das Urteil zu Gunsten der Nordumgehung fiel.

Zwischen Heimat und Hochschule pendelte der inzwischen 41-Jährige jahrelang, um in nervenaufreibender Regelmäßigkeit im Stau auf Bad Oeynhausens Ortsdurchfahrt zu stecken. Der gebürtige Groninger studierte an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf (früher Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen (HFF)) und fand in Bad Oeynhausen reichlich Material für sein Abschlussprojekt. Den Abschluss hat er inzwischen lange in der Tasche, arbeitet mittlerweile selbst als Dozent an der Hochschule - doch erst jetzt ist auch der Film über Bad Oeynhausen fertig.

Sexshops, Autohäuser, der Rest vergammelt

Bei den Dreharbeiten: Unter anderem 2014 war das Filmteam an der Nordumgehung unterwegs und hatte auch Heinz Weihe vor der Kamera. - © Peter Steinert
Bei den Dreharbeiten: Unter anderem 2014 war das Filmteam an der Nordumgehung unterwegs und hatte auch Heinz Weihe vor der Kamera. (© Peter Steinert)

"Was ist das eigentlich für ein merkwürdiger Ort?", fragte sich Daniel Abma, als er immer wieder nur im Schneckentempo durch die Stadt kroch. Sexshops, Autohäuser, der Rest vergammelt - so beschreibt Abma seinen ersten Eindruck von Bad Oeynhausen. "Die Autobahn mitten in der Stadt - das war schon eine einzigartige Situation, die es nirgendwo anders so gibt", findet er. Und als ihm dann noch ein Baustellenschild, das auf den Bau des Lückenschlusses hinwies, ins Auge fiel, war die Entscheidung klar: "Das wird alles verschwinden, das müssen wir doch im Bild festhalten, müssen zeigen, wie es war", habe er damals gedacht. Also schnappte sich Abma Kameramann David Schittek und reiste 2011 ein Wochenende nach Bad Oeynhausen. "Wir wollten uns umschauen."

Im Wahlkampf: Klaus Mueller-Zahlmann hatte immer vor, die Nordumgehung offiziell zu eröffnen. Letztlich war er außer Dienst - er hatte die Wahl verloren. - © David Schittek
Im Wahlkampf: Klaus Mueller-Zahlmann hatte immer vor, die Nordumgehung offiziell zu eröffnen. Letztlich war er außer Dienst - er hatte die Wahl verloren. (© David Schittek)

Rund 15 Mal waren Abma und Schittek seitdem vor Ort. Im Gepäck die Produzenten der Doku, die Bad Oeynhausener Johannes Wöpkemeier und Niklas Burghardt - beide ebenfalls Absolventen der Potsdamer Hochschule. Budget für den Film gab's nicht. "Wir hatten lediglich einen ganz kleinen Beitrag von der Filmuniversität bekommen, von dem wir die Spritkosten Berlin - Bad Oeynhausen bezahlen konnten. Mehr nicht." Somit habe das gesamte Filmteam neun Jahre ehrenamtlich gearbeitet. "Wir haben unheimlich viel Herzblut in die Sache gesteckt." Es gebe Projekte, mit denen man Geld verdienen könne, und es gebe Projekte, die man aus Liebe mache. Wie dieses.

Gleich bei ihrem ersten Besuch trafen Regisseur und Kameramann 2011 auf die ersten ihrer späteren Hauptprotagonisten: das Ehepaar Weihe aus Werste. Bei ihnen führt mittlerweile die Nordumgehung direkt an der Haustür vorbei. Aber auch Stefan Höckenschnieder und seine Freundin Anja, Alt-Bürgermeister Klaus Mueller-Zahlmann, der Jesus-Mann Johann Pauls an der Kanalstraße oder Karin Braun vom gleichnamigen Handarbeitsgeschäft an der Ortsdurchfahrt haben ihre Rolle in der Doku bekommen. "Wir haben schon während der Drehzeit immer mal wieder Material gesichtet - da entwickelt man ein Gefühl für Themen und Protagonisten", sagt Daniel Abma. Da sei klar geworden, "Person A und B interessieren uns, Person C fliegt raus". Die Hauptdarsteller - neben der alten und der neuen Autobahn - nahmen genauso eine Entwicklung wie die Geschichte an sich. "Wir hatten eine grobe Idee, was wir zeigen wollten", erinnert sich Abma. Der eigentliche Plan habe sich im Laufe der Jahre erst entwickelt. "So manches Mal mussten wir umschwenken, umplanen." Das, was aber von Anfang an klar war: "Der Film endet mit der Eröffnung der Nordumgehung." Und genauso ist es. "Das ist unser letztes Bild", verrät der Regisseur.

120 Stunden Material für 85 Minuten Doku

120 Stunden Material hatte das Filmteam beisammen. Entstanden ist ein 85 Minuten langer Dokumentarfilm, für den derzeit noch der Ton gemischt wird. "Wir sind fast fertig", vermeldet Abma. Muss er auch sein. Denn Ende Oktober ist Premiere. "Das ist eine große Nummer", betont der Niederländer. Bei dem ältesten Dokumentarfilmfestival Europas wurden 3.000 Filme eingereicht. Nun ist der Bad Oeynhausener Film einer der Auserwählten. "Wir hatten Glück und waren gut", sagt Abma lachend. "Das ist der beste Auftakt für den Film, den man sich wünschen kann", ist er überzeugt. Und längst nicht das Ende für "Autobahn". Denn Abmas letzte Doku war auf insgesamt 65 Festivals zu sehen.

Wenn der Film am Dienstag, 29. Oktober, um 19.30 Uhr auf der Leinwand im Leipziger Hauptbahnhof Premiere feiert, wird Klaus Mueller-Zahlmann dabei sein. Und auch das Ehepaar Weihe ist als Ehrengast geladen. "Aber wir werden den Film im kommenden Frühjahr auf jeden Fall auch in Bad Oeynhausen zeigen", verspricht Daniel Abma. Der aber zuallererst ganz glücklich ist mit dem Ort der Premiere: "Der Hauptbahnhof ist einer der Highlight-Orte des Festivals. Für ein großes Publikum", sagt er schwärmend. Da würden insgesamt nur fünf Filme gezeigt. Und damit kehrt die Nordumgehung dahin zurück, wo einst über die entschieden wurde. Nach Leipzig.

Information

DOK Leipzig

Das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, kurz DOK Leipzig, ist das größte deutsche und zweitgrößte europäische Festival für den künstlerischen Dokumentarfilm. Zudem ist es das älteste Dokumentarfilmfestival der Welt. 1955 gegründet und in Zeiten des Kalten Krieges ein einzigartiger Ort der Begegnung von Filmemachern aus Ost und West, hat sich das Leipziger Festival nach dem Fall der Mauer mit einem qualitativ hochwertigen Programm und seit 2004 mit neuen Branchenangeboten zu einem der weltweit dynamischsten Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm entwickelt.Jährlich werden mehr als 300 Filme aus rund 50 Ländern gezeigt. Das DOK Leipzig ist ein Mekka für Filmliebhaber. Mit zuletzt 45.000 Besuchern hat sich das Festival zu einem wahren Publikumsmagneten entwickelt. Außerdem ist es ein jährlicher Treffpunkt der deutschen Dokumentarfilmbranche mit internationaler Strahlkraft. Inzwischen lockt das DOK rund 1.800 deutsche und internationale Fachbesucher in die Messestadt. (nisi)

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Dokumentarfilm zur Nordumgehung feiert in Leipzig PremiereNicole SielermannBad Oeynhausen (nw). Es klingt nach der Vorlage für einen Roman. Ein Holländer, der auf seinem Weg nach Berlin immer wieder im Stau auf der Mindener Straße steht, macht sich auf die Suche nach der Geschichte hinter der Straße, nach den Menschen, die dort leben. Und er dreht einen Film. "Autobahn" heißt der. Und bei dem liegt neben der alten Stadtautobahn der Fokus auch auf der Nordumgehung. Nach rund neun Jahren Dreh- und Produktionszeit feiert die Doku von Daniel Abma nun Premiere bei einem der renommiertesten Filmfestivals Europas. In Leipzig. Genau in der Stadt, in der 2008 das Urteil zu Gunsten der Nordumgehung fiel. Zwischen Heimat und Hochschule pendelte der inzwischen 41-Jährige jahrelang, um in nervenaufreibender Regelmäßigkeit im Stau auf Bad Oeynhausens Ortsdurchfahrt zu stecken. Der gebürtige Groninger studierte an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf (früher Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen (HFF)) und fand in Bad Oeynhausen reichlich Material für sein Abschlussprojekt. Den Abschluss hat er inzwischen lange in der Tasche, arbeitet mittlerweile selbst als Dozent an der Hochschule - doch erst jetzt ist auch der Film über Bad Oeynhausen fertig. Sexshops, Autohäuser, der Rest vergammelt "Was ist das eigentlich für ein merkwürdiger Ort?", fragte sich Daniel Abma, als er immer wieder nur im Schneckentempo durch die Stadt kroch. Sexshops, Autohäuser, der Rest vergammelt - so beschreibt Abma seinen ersten Eindruck von Bad Oeynhausen. "Die Autobahn mitten in der Stadt - das war schon eine einzigartige Situation, die es nirgendwo anders so gibt", findet er. Und als ihm dann noch ein Baustellenschild, das auf den Bau des Lückenschlusses hinwies, ins Auge fiel, war die Entscheidung klar: "Das wird alles verschwinden, das müssen wir doch im Bild festhalten, müssen zeigen, wie es war", habe er damals gedacht. Also schnappte sich Abma Kameramann David Schittek und reiste 2011 ein Wochenende nach Bad Oeynhausen. "Wir wollten uns umschauen." Rund 15 Mal waren Abma und Schittek seitdem vor Ort. Im Gepäck die Produzenten der Doku, die Bad Oeynhausener Johannes Wöpkemeier und Niklas Burghardt - beide ebenfalls Absolventen der Potsdamer Hochschule. Budget für den Film gab's nicht. "Wir hatten lediglich einen ganz kleinen Beitrag von der Filmuniversität bekommen, von dem wir die Spritkosten Berlin - Bad Oeynhausen bezahlen konnten. Mehr nicht." Somit habe das gesamte Filmteam neun Jahre ehrenamtlich gearbeitet. "Wir haben unheimlich viel Herzblut in die Sache gesteckt." Es gebe Projekte, mit denen man Geld verdienen könne, und es gebe Projekte, die man aus Liebe mache. Wie dieses. Gleich bei ihrem ersten Besuch trafen Regisseur und Kameramann 2011 auf die ersten ihrer späteren Hauptprotagonisten: das Ehepaar Weihe aus Werste. Bei ihnen führt mittlerweile die Nordumgehung direkt an der Haustür vorbei. Aber auch Stefan Höckenschnieder und seine Freundin Anja, Alt-Bürgermeister Klaus Mueller-Zahlmann, der Jesus-Mann Johann Pauls an der Kanalstraße oder Karin Braun vom gleichnamigen Handarbeitsgeschäft an der Ortsdurchfahrt haben ihre Rolle in der Doku bekommen. "Wir haben schon während der Drehzeit immer mal wieder Material gesichtet - da entwickelt man ein Gefühl für Themen und Protagonisten", sagt Daniel Abma. Da sei klar geworden, "Person A und B interessieren uns, Person C fliegt raus". Die Hauptdarsteller - neben der alten und der neuen Autobahn - nahmen genauso eine Entwicklung wie die Geschichte an sich. "Wir hatten eine grobe Idee, was wir zeigen wollten", erinnert sich Abma. Der eigentliche Plan habe sich im Laufe der Jahre erst entwickelt. "So manches Mal mussten wir umschwenken, umplanen." Das, was aber von Anfang an klar war: "Der Film endet mit der Eröffnung der Nordumgehung." Und genauso ist es. "Das ist unser letztes Bild", verrät der Regisseur. 120 Stunden Material für 85 Minuten Doku 120 Stunden Material hatte das Filmteam beisammen. Entstanden ist ein 85 Minuten langer Dokumentarfilm, für den derzeit noch der Ton gemischt wird. "Wir sind fast fertig", vermeldet Abma. Muss er auch sein. Denn Ende Oktober ist Premiere. "Das ist eine große Nummer", betont der Niederländer. Bei dem ältesten Dokumentarfilmfestival Europas wurden 3.000 Filme eingereicht. Nun ist der Bad Oeynhausener Film einer der Auserwählten. "Wir hatten Glück und waren gut", sagt Abma lachend. "Das ist der beste Auftakt für den Film, den man sich wünschen kann", ist er überzeugt. Und längst nicht das Ende für "Autobahn". Denn Abmas letzte Doku war auf insgesamt 65 Festivals zu sehen. Wenn der Film am Dienstag, 29. Oktober, um 19.30 Uhr auf der Leinwand im Leipziger Hauptbahnhof Premiere feiert, wird Klaus Mueller-Zahlmann dabei sein. Und auch das Ehepaar Weihe ist als Ehrengast geladen. "Aber wir werden den Film im kommenden Frühjahr auf jeden Fall auch in Bad Oeynhausen zeigen", verspricht Daniel Abma. Der aber zuallererst ganz glücklich ist mit dem Ort der Premiere: "Der Hauptbahnhof ist einer der Highlight-Orte des Festivals. Für ein großes Publikum", sagt er schwärmend. Da würden insgesamt nur fünf Filme gezeigt. Und damit kehrt die Nordumgehung dahin zurück, wo einst über die entschieden wurde. Nach Leipzig.