Bielefeld

Säugling fast blind: Frühchen in Bielefelder Klinik zu spät untersucht

Nils Middelhauve

Ein Mediziner bei der Arbeit. - © Symbolfoto Pixabay
Ein Mediziner bei der Arbeit. (© Symbolfoto Pixabay)

Bielefeld (nw). Der Start ins Leben war alles andere als leicht: Als Jennifer (Name geändert) im Oktober 2013 das Licht der Welt erblickte, wog sie lediglich 560 Gramm. Ihre Mutter hatte sie in der 31. Schwangerschaftswoche im Evangelischen Klinikum Bethel entbunden. Da bei Frühchen mit derart geringem Gewicht zukünftige Augenschäden eine bekannte Komplikation darstellen, hätten die Augen von Jennifer in kurzen Abständen untersucht werden müssen.

Dies unterblieb jedoch für eine Weile - möglicherweise mit tragischen Folgen. Die Eltern des Kinds reichten Klage beim Landgericht ein, welches nun auf einen Behandlungsfehler seitens der Klinik sowie der konsiliarisch tätigen Augenarztpraxis erkannte.

Frühgeborene Kinder tragen ein deutlich erhöhtes Risiko, eine sogenannte Retinopathie - eine Erkrankung der Netzhaut - zu erleiden. In der Folge können Sehbeeinträchtigungen bis zur vollständigen Erblindung des Auges auftreten. Im vorliegenden Fall übernahmen Augenärzte einer Gemeinschaftspraxis konsiliarisch die Untersuchungen der zu früh zur Welt gekommenen Jennifer, während diese noch in der Klinik lag. Zwischen den einzelnen Terminen hätten lediglich einige Tage liegen sollen, doch blieben Untersuchungen in der Zeit vom 17. Dezember 2013 bis zum 3. Januar 2014 gänzlich aus.

Im Anschluss wurde das Mädchen in die Augenklinik in Münster verlegt, doch war das Ergebnis niederschmetternd: Auf einem Auge ist die heute fünf Jahre alte Jennifer blind, das andere verfügt nur noch über eine Sehkraft von lediglich 20 Prozent.

Die Eltern des Kinds verklagten die Klinik sowie die zuständige Augenarztpraxis mittels eines sogenannten Feststellungsantrags. Das Gericht hatte nun darüber zu befinden, ob den Ärzten ein Behandlungsfehler unterlaufen war, der möglicherweise ursächlich für die tragischen Folgen gewesen sein könnte. Dass dem Krankenhaus ein Behandlungsfehler unterlaufen war, darüber herrschte weitgehend Einigkeit - die Klinik erkannte die Klage an.

Etwas schwieriger gestaltet sich die Beantwortung der Frage, ob die hinzugezogenen Augenärzte eigenständig hätten tätig werden müssen. Ja, befand die 4. Zivilkammer des Landgerichts nun - in diesem speziellen Fall schon. Da die akute Gefahr einer Erblindung bei Jennifer vorgelegen habe, hätten die Konsiliarärzte nicht darauf vertrauen dürfen, im Zweifelsfall von der Klinik benachrichtigt zu werden. Vielmehr hätten sich die Ärzte eigeninitiativ um die weitere augenärztliche Betreuung von Jennifer kümmern müssen.

Diese Entscheidung bewertet jedoch lediglich die theoretische Möglichkeit, dass Jennifers Sehbehinderung durch die zeitweise unterbliebene augenärztliche Betreuung verursacht worden war. Nun obliegt es der Klägerin, ob sie in einem weiteren Verfahren Schmerzensgeld oder sonstige finanzielle Ansprüche geltend machen möchte.

Dann müsste die Sehbehinderung jedoch nachweislich durch den Behandlungsfehler eingetreten sein. Es ist fraglich, ob sich dies mit Bestimmtheit wird sagen lassen können: Gemäß den Gutachten zweier Sachverständiger ist es nicht auszuschließen, dass sich die tragischen Folgen auch bei korrektem Behandlungsablauf eingestellt hätten.

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BielefeldSäugling fast blind: Frühchen in Bielefelder Klinik zu spät untersuchtNils MiddelhauveBielefeld (nw). Der Start ins Leben war alles andere als leicht: Als Jennifer (Name geändert) im Oktober 2013 das Licht der Welt erblickte, wog sie lediglich 560 Gramm. Ihre Mutter hatte sie in der 31. Schwangerschaftswoche im Evangelischen Klinikum Bethel entbunden. Da bei Frühchen mit derart geringem Gewicht zukünftige Augenschäden eine bekannte Komplikation darstellen, hätten die Augen von Jennifer in kurzen Abständen untersucht werden müssen. Dies unterblieb jedoch für eine Weile - möglicherweise mit tragischen Folgen. Die Eltern des Kinds reichten Klage beim Landgericht ein, welches nun auf einen Behandlungsfehler seitens der Klinik sowie der konsiliarisch tätigen Augenarztpraxis erkannte. Frühgeborene Kinder tragen ein deutlich erhöhtes Risiko, eine sogenannte Retinopathie - eine Erkrankung der Netzhaut - zu erleiden. In der Folge können Sehbeeinträchtigungen bis zur vollständigen Erblindung des Auges auftreten. Im vorliegenden Fall übernahmen Augenärzte einer Gemeinschaftspraxis konsiliarisch die Untersuchungen der zu früh zur Welt gekommenen Jennifer, während diese noch in der Klinik lag. Zwischen den einzelnen Terminen hätten lediglich einige Tage liegen sollen, doch blieben Untersuchungen in der Zeit vom 17. Dezember 2013 bis zum 3. Januar 2014 gänzlich aus. Im Anschluss wurde das Mädchen in die Augenklinik in Münster verlegt, doch war das Ergebnis niederschmetternd: Auf einem Auge ist die heute fünf Jahre alte Jennifer blind, das andere verfügt nur noch über eine Sehkraft von lediglich 20 Prozent. Die Eltern des Kinds verklagten die Klinik sowie die zuständige Augenarztpraxis mittels eines sogenannten Feststellungsantrags. Das Gericht hatte nun darüber zu befinden, ob den Ärzten ein Behandlungsfehler unterlaufen war, der möglicherweise ursächlich für die tragischen Folgen gewesen sein könnte. Dass dem Krankenhaus ein Behandlungsfehler unterlaufen war, darüber herrschte weitgehend Einigkeit - die Klinik erkannte die Klage an. Etwas schwieriger gestaltet sich die Beantwortung der Frage, ob die hinzugezogenen Augenärzte eigenständig hätten tätig werden müssen. Ja, befand die 4. Zivilkammer des Landgerichts nun - in diesem speziellen Fall schon. Da die akute Gefahr einer Erblindung bei Jennifer vorgelegen habe, hätten die Konsiliarärzte nicht darauf vertrauen dürfen, im Zweifelsfall von der Klinik benachrichtigt zu werden. Vielmehr hätten sich die Ärzte eigeninitiativ um die weitere augenärztliche Betreuung von Jennifer kümmern müssen. Diese Entscheidung bewertet jedoch lediglich die theoretische Möglichkeit, dass Jennifers Sehbehinderung durch die zeitweise unterbliebene augenärztliche Betreuung verursacht worden war. Nun obliegt es der Klägerin, ob sie in einem weiteren Verfahren Schmerzensgeld oder sonstige finanzielle Ansprüche geltend machen möchte. Dann müsste die Sehbehinderung jedoch nachweislich durch den Behandlungsfehler eingetreten sein. Es ist fraglich, ob sich dies mit Bestimmtheit wird sagen lassen können: Gemäß den Gutachten zweier Sachverständiger ist es nicht auszuschließen, dass sich die tragischen Folgen auch bei korrektem Behandlungsablauf eingestellt hätten.