Herford

Cybermobbing, Sexualisierte Gewalt, Zwangsheirat: beunruhigende Entwicklung in Herford

Jan-Henrik Gerdener

Herford (nw). In 206 Fällen musste die Mädchenberatungsstelle Femina Vita 2018 aktiv werden. Viele dieser Fälle konfrontieren die Mitarbeiterinnen mit Gewalt und dem Missbrauch von jungen Frauen. Dennoch gab es auch positive Entwicklungen.

Cybermobbing kommt immer häufiger im Kreis Herford vor. - © Symbolfoto: Silvia Marks/dpa
Cybermobbing kommt immer häufiger im Kreis Herford vor. (© Symbolfoto: Silvia Marks/dpa)

So sehen die Mitarbeiterinnen nach dem Fall Lügde einen großen gesellschaftlichen Wandel. „Wir entwickeln uns von der Wegschaukultur zur Hinschaukultur. Das haben wir uns lange gewünscht“, sagt Geschäftsführerin Ingrid Schneider. Aber auch im Kreis Herford spiele Gewalt gegen Mädchen noch eine große Rolle. Diese findet in verschiedenen Formen statt. Vor allem durch die Digitalisierung entstehen neue Formen psychischer Gewalt.

Sexualisierte Gewalt weiterhin das wichtigste Thema

Sexualisierte Gewalt sei aber weiterhin das wichtigste Thema für Femina Vita. Es ist der Beratungsanlass in 65 behandelten Fällen. „Es dauert sehr lange bis die Mädchen sich trauen, darüber zu reden, weil es oft in sehr jungen Jahren passiert ist“, erzählt Psychotherapeutin Ulrike Horst-Stapel. „Dazu kommt, dass die Täter oft aus dem Nahbereich des Opfers kommen.“

Wie die NW berichtete, sind diese Fälle mit hoher Wahrscheinlichkeit nur ein Teil der tatsächlichen Fälle im Kreis. Zusätzlich zu den 88 Fällen der offiziellen Kriminalstatistik, verzeichneten die diversen Hilfsstellen in Herford mindestens 70 weitere Fälle sexualisierter Gewalt.

Digitale Gewalt nimmt zu

Dazu kommt ein neuer Trend. „Wir erleben es zunehmend, dass wir mit Fällen digitaler Gewalt konfrontiert werden“, berichtet Medienpädagogin Jasmin Rohani. Dies schlägt sich in der Statistik der Femina Vita noch nicht deutlich wieder. Hier sind drei Fälle von Cybermobbing und zwei Fälle sexualisierter Gewalt im Internet verzeichnet.

Dies liege aber daran, dass die betroffenen Mädchen oft auch unter anderen Formen von Gewalt zu leiden haben und dann diese als ihr Hauptanliegen angeben. „Außerdem bekommen wir auch bei unseren Präventionsveranstaltungen an Schulen viel mit, was nicht in die Statistik einfließt“, meint Rohani.

„Cybermobbing ist noch schlimmer als normales Mobbing, weil es durch das Internet die Kinder auch in ihrem sonst geschützten Zuhause erreicht“, ergänzt ihre Kollegin Sophie Kleimann. Ein weiteres Problem sei das Verschicken von Nacktbildern. „Viele Mädchen werden dazu gezwungen“, erzählt Rohani. „Da sagt der Freund dann: Wenn du mich wirklich liebst, würdest du mir ein Bild schicken.“

Oft würden solche Bilder dann im Klassenverband oder gleich in der ganzen Schule rumgereicht. In einzelnen Fällen helfe nicht einmal ein Schulwechsel, weil das Bild auch schon den Weg zu anderen Schulen gefunden habe.

„Wir versuchen bei unserer Prävention zu vermitteln, dass die Kontrolle weg ist, sobald ein Bild einmal hochgeladen ist“, so Rohani. Um dies zu vermitteln, versuchten sie mit Präventionsveranstaltungen den Schülerinnen und Schülern bei der Ausbildung ihrer Medienkompetenz zu helfen.

Vereinzelt Fälle von Zwangsheirat

Besonders belastend seien auch die Fälle von Zwangsheirat, mit denen die Mitarbeiterinnen von Femina Vita konfrontiert werden. „Vor allem besorgte Lehrer melden sich bei uns, weil sie befürchten, Schülerinnen nach den Sommerferien nicht wieder zu sehen“, sagt Schneider. „Das sind aber nur vereinzelte Fälle“, ordnet Kleimann ein. Für 2018 verzeichnet Femina Vita vier davon. Es gebe aber eine höhere Dunkelziffer nicht bekannter Fälle.

„In solchen Fällen, müssen wir den Betroffenen vor allem ihre Handlungsmöglichkeiten aufzeigen“, fährt Kleimann fort. Rohani fügt hinzu: „Das darf aber nicht mit dem gehobenen Zeigefinger passieren, wenn wir die jungen Frauen erreichen wollen.“

Damit viele Mädchen und junge Frauen, die von diesen oder anderen Formen von Gewalt betroffen sind, auch den Mut aufbringen können, sich bei Femina Vita zu melden, setzt die Stelle stark auf Präventionsangebote. Im letzten Jahr erreichten sie hiermit 259 Mädchen und 349 Erwachsene.

Außerdem bietet die Beratungsstelle auf www.feminavita.de eine Online-Beratung an. Ansonsten ist sie montags bis freitags unter der Telefonnummer (0 52 21) 5 06 22 zu erreichen. Termine werden nach Absprache getroffen.

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HerfordCybermobbing, Sexualisierte Gewalt, Zwangsheirat: beunruhigende Entwicklung in HerfordJan-Henrik GerdenerHerford (nw). In 206 Fällen musste die Mädchenberatungsstelle Femina Vita 2018 aktiv werden. Viele dieser Fälle konfrontieren die Mitarbeiterinnen mit Gewalt und dem Missbrauch von jungen Frauen. Dennoch gab es auch positive Entwicklungen. So sehen die Mitarbeiterinnen nach dem Fall Lügde einen großen gesellschaftlichen Wandel. „Wir entwickeln uns von der Wegschaukultur zur Hinschaukultur. Das haben wir uns lange gewünscht“, sagt Geschäftsführerin Ingrid Schneider. Aber auch im Kreis Herford spiele Gewalt gegen Mädchen noch eine große Rolle. Diese findet in verschiedenen Formen statt. Vor allem durch die Digitalisierung entstehen neue Formen psychischer Gewalt. Sexualisierte Gewalt weiterhin das wichtigste Thema Sexualisierte Gewalt sei aber weiterhin das wichtigste Thema für Femina Vita. Es ist der Beratungsanlass in 65 behandelten Fällen. „Es dauert sehr lange bis die Mädchen sich trauen, darüber zu reden, weil es oft in sehr jungen Jahren passiert ist“, erzählt Psychotherapeutin Ulrike Horst-Stapel. „Dazu kommt, dass die Täter oft aus dem Nahbereich des Opfers kommen.“ Wie die NW berichtete, sind diese Fälle mit hoher Wahrscheinlichkeit nur ein Teil der tatsächlichen Fälle im Kreis. Zusätzlich zu den 88 Fällen der offiziellen Kriminalstatistik, verzeichneten die diversen Hilfsstellen in Herford mindestens 70 weitere Fälle sexualisierter Gewalt. Digitale Gewalt nimmt zu Dazu kommt ein neuer Trend. „Wir erleben es zunehmend, dass wir mit Fällen digitaler Gewalt konfrontiert werden“, berichtet Medienpädagogin Jasmin Rohani. Dies schlägt sich in der Statistik der Femina Vita noch nicht deutlich wieder. Hier sind drei Fälle von Cybermobbing und zwei Fälle sexualisierter Gewalt im Internet verzeichnet. Dies liege aber daran, dass die betroffenen Mädchen oft auch unter anderen Formen von Gewalt zu leiden haben und dann diese als ihr Hauptanliegen angeben. „Außerdem bekommen wir auch bei unseren Präventionsveranstaltungen an Schulen viel mit, was nicht in die Statistik einfließt“, meint Rohani. „Cybermobbing ist noch schlimmer als normales Mobbing, weil es durch das Internet die Kinder auch in ihrem sonst geschützten Zuhause erreicht“, ergänzt ihre Kollegin Sophie Kleimann. Ein weiteres Problem sei das Verschicken von Nacktbildern. „Viele Mädchen werden dazu gezwungen“, erzählt Rohani. „Da sagt der Freund dann: Wenn du mich wirklich liebst, würdest du mir ein Bild schicken.“ Oft würden solche Bilder dann im Klassenverband oder gleich in der ganzen Schule rumgereicht. In einzelnen Fällen helfe nicht einmal ein Schulwechsel, weil das Bild auch schon den Weg zu anderen Schulen gefunden habe. „Wir versuchen bei unserer Prävention zu vermitteln, dass die Kontrolle weg ist, sobald ein Bild einmal hochgeladen ist“, so Rohani. Um dies zu vermitteln, versuchten sie mit Präventionsveranstaltungen den Schülerinnen und Schülern bei der Ausbildung ihrer Medienkompetenz zu helfen. Vereinzelt Fälle von Zwangsheirat Besonders belastend seien auch die Fälle von Zwangsheirat, mit denen die Mitarbeiterinnen von Femina Vita konfrontiert werden. „Vor allem besorgte Lehrer melden sich bei uns, weil sie befürchten, Schülerinnen nach den Sommerferien nicht wieder zu sehen“, sagt Schneider. „Das sind aber nur vereinzelte Fälle“, ordnet Kleimann ein. Für 2018 verzeichnet Femina Vita vier davon. Es gebe aber eine höhere Dunkelziffer nicht bekannter Fälle. „In solchen Fällen, müssen wir den Betroffenen vor allem ihre Handlungsmöglichkeiten aufzeigen“, fährt Kleimann fort. Rohani fügt hinzu: „Das darf aber nicht mit dem gehobenen Zeigefinger passieren, wenn wir die jungen Frauen erreichen wollen.“ Damit viele Mädchen und junge Frauen, die von diesen oder anderen Formen von Gewalt betroffen sind, auch den Mut aufbringen können, sich bei Femina Vita zu melden, setzt die Stelle stark auf Präventionsangebote. Im letzten Jahr erreichten sie hiermit 259 Mädchen und 349 Erwachsene. Außerdem bietet die Beratungsstelle auf www.feminavita.de eine Online-Beratung an. Ansonsten ist sie montags bis freitags unter der Telefonnummer (0 52 21) 5 06 22 zu erreichen. Termine werden nach Absprache getroffen.