IT-Spezialist findet Nacktfotos: Physiotherapeut wegen Verdacht auf Kinderpornografie festgenommen

Nicole Sielermann

Ansprechpartner für Opfer: Die Polizei hat auf dem Mindener Marktplatz (Foto) und in der Bad Oeynhausener Innenstadt je einen Bulli mit zwei Beamten platziert. - © Nadine Conti/mt
Ansprechpartner für Opfer: Die Polizei hat auf dem Mindener Marktplatz (Foto) und in der Bad Oeynhausener Innenstadt je einen Bulli mit zwei Beamten platziert. (© Nadine Conti/mt)

Bad Oeynhausen/Minden/Düsseldorf (dpa/nw/mt/mob). Ein Missbrauchsskandal erschüttert den Mühlenkreis. Jahrelang soll ein 60-jähriger Physiotherapeut und Heilpraktiker in seiner Praxis in Bad Oeynhausen Kinder sexuell missbraucht und fotografiert haben.

Ansprechpartner für Opfer: Die Polizei hat in der Bad Oeynhausener Innenstadt (Foto) und auf dem Mindener Marktplatz je einen Bulli mit zwei Beamten platziert. - © Thorsten Gödecker/nw
Ansprechpartner für Opfer: Die Polizei hat in der Bad Oeynhausener Innenstadt (Foto) und auf dem Mindener Marktplatz je einen Bulli mit zwei Beamten platziert. (© Thorsten Gödecker/nw)

Die jetzt erhobenen Vorwürfe richten sich allerdings nicht nur gegen den Krankengymnasten, sondern auch gegen die Kreispolizei Minden-Lübbecke. Die soll den Vorwürfen nicht mit genügend Druck nachgegangen sein. Erst ein Einschreiten des Innenministeriums, das durch den Missbrauchsfall in Lügde alte Fälle neu bewerten ließ, führte zu Durchsuchungen und der jetzigen Festnahme. Inzwischen hat das Präsidium Dortmund den Fall übernommen und die Besondere Aufgabenorganisation „BAO Bali" gegründet.

Information
Telefonisch sind die Opferschutzbeauftragten und Ermittler ab sofort unter der Rufnummer der Dortmunder Polizei Tel. (02 31) 1 32 74 44 erreichbar.

Mögliche Betroffene und Zeugen können sich zudem an die Polizeidienststellen in Bad-Oeynhausen und Minden-Lübbecke wenden.

Erste Hinweise auf Rainer M. lieferte bereits im November 2017 ein IT-Spezialist, der den Computer des Bad Oeynhauseners gewartet hatte und die Polizei auf Nacktfotos von Kindern am Strand – heimlich mit einem Teleobjektiv aufgenommen – aufmerksam machte. Er sicherte die Daten und übergab sie der Polizei.

Doch monatelang geschah trotz Durchsuchungsbeschlusses der Staatsanwaltschaft Bielefeld nichts. Nach Informationen der Neuen Westfälischen soll es sich bei den zuerst gefundenen Aufnahmen um Fotos handeln, die keine sexuellen Handlungen an Kindern zeigten, aber durchaus in einer Grauzone anzuordnen seien. Die Mindener Beamten erwirkten erst im Februar 2018 einen Durchsuchungsbeschluss. Wiederum dauerte es Monate, bis M. das erste Mal aufgesucht wurde. Weil die Beamten aber niemanden antrafen, rückten sie wieder ab. Ebenso im Sommer 2018 und im Januar 2019, wo ihnen auch niemand öffnete.

Erst Anfang März dieses Jahres wurden die Räume des Therapeuten durchsucht und sechs Terabyte an Daten sichergestellt. Seitdem man Kenntnisse von den Dimensionen des Falles gehabt habe, so interne Polizeiinformationen, sei in Minden mit Hochdruck an der Sache gearbeitet und eine sechsköpfige Ermittlungskommission eingesetzt worden. Der Verdächtige sitzt seit dem 28. März wegen Wiederholungsgefahr in Untersuchungshaft. Bereits am 25. März hatte ihm das Kreisgesundheitsamt nach MT-Informationen formell verboten, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren zu behandeln

Aber nicht alle kritisieren die Mindener Polizei: Der Lügder-Sonderermittler Ingo Wünsch bewertete das Vorgehen der Mindener Behörde als „hochprofessionell": Die Ermittlungen seien umfassend und nachvollziehbar dokumentiert, so Innenminister Reul in seinem Bericht. „Trotzdem war die Verzögerung ein klarer Fehler. Gerade vor dem Hintergrund des Berufes des Beschuldigten – er ist Physiotherapeut für Kinder und Jugendliche – hätte die Bearbeitung dieses Falles höher priorisiert werden müssen", sagte er gestern im Innenausschuss des Landtags.

Landrat Dr. Ralf Niermann erklärte, „Die ersten Einschätzungen zu einem polizeilichen Fehler stelle ich keineswegs in Abrede", verwies dann aber auch auf die differenzierte Wünsch-Bewertung. Gegenüber dem MT erklärt er: „Wir brauchen eine Diskussion über die angemessene Ausstattung auch der Kriminalpolizei – nicht nur der Streifenpolizei, die sichtbar auf der Straße unterwegs ist." ⋌Seite 5

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IT-Spezialist findet Nacktfotos: Physiotherapeut wegen Verdacht auf Kinderpornografie festgenommenNicole SielermannBad Oeynhausen/Minden/Düsseldorf (dpa/nw/mt/mob). Ein Missbrauchsskandal erschüttert den Mühlenkreis. Jahrelang soll ein 60-jähriger Physiotherapeut und Heilpraktiker in seiner Praxis in Bad Oeynhausen Kinder sexuell missbraucht und fotografiert haben. Die jetzt erhobenen Vorwürfe richten sich allerdings nicht nur gegen den Krankengymnasten, sondern auch gegen die Kreispolizei Minden-Lübbecke. Die soll den Vorwürfen nicht mit genügend Druck nachgegangen sein. Erst ein Einschreiten des Innenministeriums, das durch den Missbrauchsfall in Lügde alte Fälle neu bewerten ließ, führte zu Durchsuchungen und der jetzigen Festnahme. Inzwischen hat das Präsidium Dortmund den Fall übernommen und die Besondere Aufgabenorganisation „BAO Bali" gegründet. Erste Hinweise auf Rainer M. lieferte bereits im November 2017 ein IT-Spezialist, der den Computer des Bad Oeynhauseners gewartet hatte und die Polizei auf Nacktfotos von Kindern am Strand – heimlich mit einem Teleobjektiv aufgenommen – aufmerksam machte. Er sicherte die Daten und übergab sie der Polizei. Doch monatelang geschah trotz Durchsuchungsbeschlusses der Staatsanwaltschaft Bielefeld nichts. Nach Informationen der Neuen Westfälischen soll es sich bei den zuerst gefundenen Aufnahmen um Fotos handeln, die keine sexuellen Handlungen an Kindern zeigten, aber durchaus in einer Grauzone anzuordnen seien. Die Mindener Beamten erwirkten erst im Februar 2018 einen Durchsuchungsbeschluss. Wiederum dauerte es Monate, bis M. das erste Mal aufgesucht wurde. Weil die Beamten aber niemanden antrafen, rückten sie wieder ab. Ebenso im Sommer 2018 und im Januar 2019, wo ihnen auch niemand öffnete. Erst Anfang März dieses Jahres wurden die Räume des Therapeuten durchsucht und sechs Terabyte an Daten sichergestellt. Seitdem man Kenntnisse von den Dimensionen des Falles gehabt habe, so interne Polizeiinformationen, sei in Minden mit Hochdruck an der Sache gearbeitet und eine sechsköpfige Ermittlungskommission eingesetzt worden. Der Verdächtige sitzt seit dem 28. März wegen Wiederholungsgefahr in Untersuchungshaft. Bereits am 25. März hatte ihm das Kreisgesundheitsamt nach MT-Informationen formell verboten, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren zu behandeln Aber nicht alle kritisieren die Mindener Polizei: Der Lügder-Sonderermittler Ingo Wünsch bewertete das Vorgehen der Mindener Behörde als „hochprofessionell": Die Ermittlungen seien umfassend und nachvollziehbar dokumentiert, so Innenminister Reul in seinem Bericht. „Trotzdem war die Verzögerung ein klarer Fehler. Gerade vor dem Hintergrund des Berufes des Beschuldigten – er ist Physiotherapeut für Kinder und Jugendliche – hätte die Bearbeitung dieses Falles höher priorisiert werden müssen", sagte er gestern im Innenausschuss des Landtags. Landrat Dr. Ralf Niermann erklärte, „Die ersten Einschätzungen zu einem polizeilichen Fehler stelle ich keineswegs in Abrede", verwies dann aber auch auf die differenzierte Wünsch-Bewertung. Gegenüber dem MT erklärt er: „Wir brauchen eine Diskussion über die angemessene Ausstattung auch der Kriminalpolizei – nicht nur der Streifenpolizei, die sichtbar auf der Straße unterwegs ist." ⋌Seite 5