Ende einer Ära: August Oetker zieht sich aus dem Unternehmen zurück

Leandra Kubiak, Martin Krause und Matthias Bungeroth

August Oetker wird am Sonntag 75 Jahre alt. - © Oliver Krato
August Oetker wird am Sonntag 75 Jahre alt. (© Oliver Krato)

Bielefeld. Wenn August Oetker an diesem Sonntag 75 Jahre alt wird, ist das mehr als ein üblicher Geburtstag. Es ist auch das Ende einer Ära. Beinahe drei Jahrzehnte lang führte er ab 1981 als Chef der Gruppenleitung die Geschicke der Bielefelder Oetker-Gruppe und formte den Konzern zu seiner heutigen Gestalt.

Bedeutende Transaktionen wie die Übernahme der Brau- und Brunnen AG, die Oetker zum deutschen Marktführer im Braugeschäft machten, fielen in seine Zeit. Erfolgreich forcierte er die Internationalisierung. 2010 wechselte August Oetker in den Beirat und zog weiterhin die Fäden.

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Doch nach dem 75. Geburtstag wird er auch dieses Gremium verlassen. Nach insgesamt fast fünf Jahrzehnten im Dienst der Firma geht der gelernte Reederei-Kaufmann von Bord. Er bleibt aber Gesellschafter mit 12,5 Prozent der Anteile.

Er ist der Urenkel des gleichnamigen Unternehmensgründers

Der Urenkel des gleichnamigen Unternehmensgründers ist kein Selfmade-Mann – er wurde systematisch auf seine künftigen Aufgaben vorbereitet, besuchte das Elite-Internat Salem, studierte BWL in Hamburg und Münster, arbeitete eine Zeit lang in New York.

August Oetker wurde reich geboren, und ihm eigen ist eine lässige Souveränität. Er ist selbstbewusst, aber abgehoben oder gar hochnäsig wirkt er nie. Sein trockener Humor und sein persönlicher Mut kennzeichnen ihn. Mit freundlichem Lächeln kann Oetker auch zweischneidige Feststellungen sympathisch rüberbringen, und das Geschick im Umgang mit Menschen dürfte ihm bei seinen beruflichen Erfolgen geholfen haben.

Auf die Frage, ob ihm auch einmal etwas so richtig misslungen sei, flunkerte er im Interview mit dieser Zeitung charmant: „Ja sicher – aber ich weiß nicht mehr, was das war."

Als sein Bruder Richard Oetker 1976 entführt wurde, war es August, der die geforderten 21 Millionen Mark Lösegeld in einem Koffer überbrachte. In einem Untergeschoss am Münchener Stachus.

Offener Umgang mit der Familiengeschichte

Und als Oetker 2013 die Ergebnisse der Historikerkommission präsentierte, die mit der Aufarbeitung der Familiengeschichte während des Nationalsozialismus betraut worden war, sagte August Oetker über seinen Vater Rudolf-August Oetker unumwunden: „Ja, er war Nationalsozialist".

Hätte er weniger Courage besessen, hätte August Oetker sich vielleicht vor einer Stellungnahme drücken können.
Und manches andere wäre ihm möglich gewesen: „Er hätte sich auch an der Cote d’Azur ein angenehmes Leben machen können", sagt ein bekannter Bielefelder, der an August Oetker dessen Fleiß und Pflichtbewusstsein schätzt.

Doch der Milliardär, der sechs Kinder hat und in dritter Ehe mit Nina Oetker verheiratet ist, arbeitete voller Ehrgeiz nicht nur für das Familienunternehmen, sondern auch ehrenamtlich. Bis 2018 gehörte er zum Beispiel dem Präsidium der Industrie- und Handelskammer Bielefeld als Vizepräsident an.

"Er sucht lange den Weg zum Guten"

Dem Mann, der in aller Welt jahrzehntelang die Firma Dr. Oetker personifizierte (Lieblingsprodukt: „Vanillepudding mit Schokoladensoße"), dürfte der innerfamiliäre Streit mit den jüngeren Geschwistern Alfred, Carl-Ferdinand und Julia aus der dritten Ehe des 2007 verstorbenen Patriarchen Rudolf-August Oetker zugesetzt haben.

Gerade gibt es neuen Zank über die Beiratszusammensetzung. Welche privaten Verwerfungen den Zwist befeuern, bleibt für Beobachter spekulativ. Bekannt ist, dass die Jüngeren etwa Augusts Pläne für die Übernahme der Reederei Hapag-Lloyd vereitelten. „Er sucht lange den Weg zum Guten – aber irgendwann ist seine Geduld erschöpft. Dann wird er stur", sagt einer, der ihn kennt.

Nach dem Ausscheiden aus der Verantwortung wird man August Oetker die Rückkehr in ruhigere Fahrwasser wünschen. Den Geburtstag will er im Kreis seiner Familie feiern.

August Oetker wird 75 - Stimmen zum Abschied


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Ende einer Ära: August Oetker zieht sich aus dem Unternehmen zurückMartin Krause,Leandra Kubiak,Matthias BungerothBielefeld. Wenn August Oetker an diesem Sonntag 75 Jahre alt wird, ist das mehr als ein üblicher Geburtstag. Es ist auch das Ende einer Ära. Beinahe drei Jahrzehnte lang führte er ab 1981 als Chef der Gruppenleitung die Geschicke der Bielefelder Oetker-Gruppe und formte den Konzern zu seiner heutigen Gestalt. Bedeutende Transaktionen wie die Übernahme der Brau- und Brunnen AG, die Oetker zum deutschen Marktführer im Braugeschäft machten, fielen in seine Zeit. Erfolgreich forcierte er die Internationalisierung. 2010 wechselte August Oetker in den Beirat und zog weiterhin die Fäden. Doch nach dem 75. Geburtstag wird er auch dieses Gremium verlassen. Nach insgesamt fast fünf Jahrzehnten im Dienst der Firma geht der gelernte Reederei-Kaufmann von Bord. Er bleibt aber Gesellschafter mit 12,5 Prozent der Anteile. Er ist der Urenkel des gleichnamigen Unternehmensgründers Der Urenkel des gleichnamigen Unternehmensgründers ist kein Selfmade-Mann – er wurde systematisch auf seine künftigen Aufgaben vorbereitet, besuchte das Elite-Internat Salem, studierte BWL in Hamburg und Münster, arbeitete eine Zeit lang in New York. August Oetker wurde reich geboren, und ihm eigen ist eine lässige Souveränität. Er ist selbstbewusst, aber abgehoben oder gar hochnäsig wirkt er nie. Sein trockener Humor und sein persönlicher Mut kennzeichnen ihn. Mit freundlichem Lächeln kann Oetker auch zweischneidige Feststellungen sympathisch rüberbringen, und das Geschick im Umgang mit Menschen dürfte ihm bei seinen beruflichen Erfolgen geholfen haben. Auf die Frage, ob ihm auch einmal etwas so richtig misslungen sei, flunkerte er im Interview mit dieser Zeitung charmant: „Ja sicher – aber ich weiß nicht mehr, was das war." Als sein Bruder Richard Oetker 1976 entführt wurde, war es August, der die geforderten 21 Millionen Mark Lösegeld in einem Koffer überbrachte. In einem Untergeschoss am Münchener Stachus. Offener Umgang mit der Familiengeschichte Und als Oetker 2013 die Ergebnisse der Historikerkommission präsentierte, die mit der Aufarbeitung der Familiengeschichte während des Nationalsozialismus betraut worden war, sagte August Oetker über seinen Vater Rudolf-August Oetker unumwunden: „Ja, er war Nationalsozialist". Hätte er weniger Courage besessen, hätte August Oetker sich vielleicht vor einer Stellungnahme drücken können.Und manches andere wäre ihm möglich gewesen: „Er hätte sich auch an der Cote d’Azur ein angenehmes Leben machen können", sagt ein bekannter Bielefelder, der an August Oetker dessen Fleiß und Pflichtbewusstsein schätzt. Doch der Milliardär, der sechs Kinder hat und in dritter Ehe mit Nina Oetker verheiratet ist, arbeitete voller Ehrgeiz nicht nur für das Familienunternehmen, sondern auch ehrenamtlich. Bis 2018 gehörte er zum Beispiel dem Präsidium der Industrie- und Handelskammer Bielefeld als Vizepräsident an. "Er sucht lange den Weg zum Guten" Dem Mann, der in aller Welt jahrzehntelang die Firma Dr. Oetker personifizierte (Lieblingsprodukt: „Vanillepudding mit Schokoladensoße"), dürfte der innerfamiliäre Streit mit den jüngeren Geschwistern Alfred, Carl-Ferdinand und Julia aus der dritten Ehe des 2007 verstorbenen Patriarchen Rudolf-August Oetker zugesetzt haben. Gerade gibt es neuen Zank über die Beiratszusammensetzung. Welche privaten Verwerfungen den Zwist befeuern, bleibt für Beobachter spekulativ. Bekannt ist, dass die Jüngeren etwa Augusts Pläne für die Übernahme der Reederei Hapag-Lloyd vereitelten. „Er sucht lange den Weg zum Guten – aber irgendwann ist seine Geduld erschöpft. Dann wird er stur", sagt einer, der ihn kennt. Nach dem Ausscheiden aus der Verantwortung wird man August Oetker die Rückkehr in ruhigere Fahrwasser wünschen. Den Geburtstag will er im Kreis seiner Familie feiern.