Kundenärger an der Oil-Tankstelle

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Abgeschaltet: Wegen technischer Probleme wurde die Anzeige am Preismast an der Oil-Tankstelle in Nettelstedt außer Betrieb gesetzt. Techniker begannen gestern morgen mit der Reparatur.
Abgeschaltet: Wegen technischer Probleme wurde die Anzeige am Preismast an der Oil-Tankstelle in Nettelstedt außer Betrieb gesetzt. Techniker begannen gestern morgen mit der Reparatur.

Lübbecke (nw). Zocken Tankstellenbetreiber ihre Kunden ab, indem sie ihnen an den Preismasten einen günstigen Literpreis vorgaukeln, der sich später aber nicht auf der Tankquittung wiederfindet? Diesen Eindruck gewinnt, wer einen Post und einen Diskussionsverlauf in einer Lübbecker Facebookgruppe verfolgt, der sich auf die Oil-Tankstelle in Nettelstedt bezieht. Doch auch andere Marken werden genannt.

Für Thomas Drott, Geschäftsführer des in Minden ansässigen Tankstellen-Bundesverbandes, ist das Thema nicht neu. "Das kennen wir von anderen Tankstellen auch", sagt er und nimmt die Tankstellenbetreiber in Schutz. Die haben ihm zufolge überhaupt keinen Einfluss auf den Preis für einen Liter Kraftstoff: "Den legen die Ölgesellschaften fest." Im Fall der Oil-Tankstelle in Nettelstedt ist das die Zentrale der Oil Tankstellen GmbH in Hamburg.

Im schlimmsten Fall vergehen bis zu zehn Minuten

Bis bei einem Wechsel der neue Preis am Mast - im Fachjargon Standarte genannt - angezeigt wird, können Drott zufolge im schlimmsten Fall bis zu zehn Minuten vergehen: "Je nachdem, wie alt die Säule ist." Weil ein Austausch alter Säulen richtig ins Geld gehe, tauschten selbst die Großen der Branche eine Säule nur alle zehn bis fünfzehn Jahre aus.

Hinweis: Ein Zettel an der Zapfsäule informiert die Kunden über die technischen Probleme am Preismast. Fotos: Heike von Schulz
Hinweis: Ein Zettel an der Zapfsäule informiert die Kunden über die technischen Probleme am Preismast. Fotos: Heike von Schulz

Unlautere Werbung an der Preis-Säule lohnt sich Drott zufolge aber schon deshalb nicht, weil der Betreiber einer Tankstelle lediglich eine kleine Provision erhält: einen Cent pro verkauftem Liter Kraftstoff. Er weist auch Vorstellungen zurück, dass die Mitarbeiter die Differenz zwischen dem am Masten angezeigten und dem tatsächlich gezahlten Preis erstatten müssten. "Mitarbeiter dürfen kein Geld rausgeben. Höchstens der Inhaber aus eigener Tasche." Wenn überhaupt, dann sollten Kunden versuchen, sich das zu viel gezahlte Geld von der Mineralölgesellschaft erstatten zu lassen.

Als Interessensvertreter der Autofahrer bestätigt Ralf Collatz vom ADAC in Bielefeld mehrere Aussagen Drotts: "Die Mitarbeiter einer Tankstelle haben keinen Einfluss auf den Preis. Den stellen zentral die Mineralölgesellschaften ein, was eine technische Umstellzeit nach sich zieht." Besonders wichtig: Was immer am Preismast stehe - "es gilt der an der Zapfsäule angezeigte Preis." Diese Auskunft erhalten alle Mitglieder, die sich an den ADAC wenden.

Laut Automobilclub beschweren sich viele der Mitglieder darüber, dass der Preis an der Zapfsäule höher ist als an der Standarte. Mit Betrug hat das nichts zu tun. Der ADAC setzt sich trotzdem seit Jahren dafür ein, dass der Preis an Standarte und Zapfsäule zeitgleich umgestellt wird. Bis dahin empfiehlt der Automobilclub: "Preis an der Zapfsäule kontrollieren und weiterfahren, wenn der Sprit da mehr kostet."

Die Pächterin ist die Leitragende

Dass die Pächterin der Oil-Tankstelle in Nettelstedt letztlich die Leidtragende ist, macht Oil-Vertriebsmitarbeiter Guido Kleie aus der Unternehmenszentrale deutlich. Weder sie noch die Mitarbeiter wüssten oft gar nichts von Preisveränderungen, bis die Kunden sie darauf ansprechen. Kleie bedauert in diesem Zusammenhang sehr, dass ein Oil-Kunde sich offenbar so "extrem aufgeregt" hat, dass kurzzeitig im Gespräch war, die Polizei zur Hilfe zu rufen.

Zur Preisgestaltung stellt Kleie klar: "Ob Pächter oder Eigentümer - die Partner unserer rund 220 Tankstellen erwerben nie das Eigentumsrecht an der Ware." Die Preishoheit liege immer in der Zentrale in Hamburg, wo die Preise je Liter festgelegt und programmiert würden. Die Umstellung an Preismast, Zapfsäule und Kassensystem erfolge dann über Datenleitungen.

Für den an der Zapfsäule und an der Kasse angezeigten Literpreis steht die Mineralölgesellschaft gerade: "Die Zapfsäule und die Kasse sind geeicht und miteinander verbunden." Auch der Preismast sei an die Datenleitung gekoppelt, aber "nicht Teil der Eichkette". Somit sei der dort angezeigte Preis "nicht rechtsgültig".

Insgesamt mussten 15 Mal Spezialtechniker kommen

Der Oil-Preismast in Nettelstedt, räumt Kleie ein, sei bereits im Dezember aufgefallen. Immer wieder seien Spezialtechniker gekommen und hätten Reparaturen vorgenommen - insgesamt 15 Mal. Die Preisanzeige habe zunächst auch funktioniert. Kurze Zeit später habe die Pächterin aber immer wieder neue Störungen gemeldet. Am Dienstag dieser Woche sei dann aufgrund der NW-Recherchen und der bei Facebook verbreiteten Beschwerden nach Rücksprache mit dem Hamburger Geschäftsführer die Entscheidung gefallen: "Wir ziehen den Stecker." Seitdem ist der Mast ohne Strom und zeigt überhaupt keine Preise mehr an. Der Benzinverkauf werde aber ganz normal fortgesetzt.

Und wie geht es weiter? Für Mittwoch hat Kleie angekündigt, "alle verfügbaren Techniker nach Nettelstedt zu schicken", um endlich den Fehler zu finden. Möglicherweise kann der von einem Aufzeichnungsgerät abgelesen werden, das zum Jahreswechsel vor Ort installiert wurde. Kleie vermutet ein Problem mit einer Schnittstelle im Datenstrom. Sollte sich das bestätigen, werde man wohl eine Neuverkabelung vornehmen.

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Kundenärger an der Oil-TankstelleLübbecke (nw). Zocken Tankstellenbetreiber ihre Kunden ab, indem sie ihnen an den Preismasten einen günstigen Literpreis vorgaukeln, der sich später aber nicht auf der Tankquittung wiederfindet? Diesen Eindruck gewinnt, wer einen Post und einen Diskussionsverlauf in einer Lübbecker Facebookgruppe verfolgt, der sich auf die Oil-Tankstelle in Nettelstedt bezieht. Doch auch andere Marken werden genannt. Für Thomas Drott, Geschäftsführer des in Minden ansässigen Tankstellen-Bundesverbandes, ist das Thema nicht neu. "Das kennen wir von anderen Tankstellen auch", sagt er und nimmt die Tankstellenbetreiber in Schutz. Die haben ihm zufolge überhaupt keinen Einfluss auf den Preis für einen Liter Kraftstoff: "Den legen die Ölgesellschaften fest." Im Fall der Oil-Tankstelle in Nettelstedt ist das die Zentrale der Oil Tankstellen GmbH in Hamburg. Im schlimmsten Fall vergehen bis zu zehn Minuten Bis bei einem Wechsel der neue Preis am Mast - im Fachjargon Standarte genannt - angezeigt wird, können Drott zufolge im schlimmsten Fall bis zu zehn Minuten vergehen: "Je nachdem, wie alt die Säule ist." Weil ein Austausch alter Säulen richtig ins Geld gehe, tauschten selbst die Großen der Branche eine Säule nur alle zehn bis fünfzehn Jahre aus. Unlautere Werbung an der Preis-Säule lohnt sich Drott zufolge aber schon deshalb nicht, weil der Betreiber einer Tankstelle lediglich eine kleine Provision erhält: einen Cent pro verkauftem Liter Kraftstoff. Er weist auch Vorstellungen zurück, dass die Mitarbeiter die Differenz zwischen dem am Masten angezeigten und dem tatsächlich gezahlten Preis erstatten müssten. "Mitarbeiter dürfen kein Geld rausgeben. Höchstens der Inhaber aus eigener Tasche." Wenn überhaupt, dann sollten Kunden versuchen, sich das zu viel gezahlte Geld von der Mineralölgesellschaft erstatten zu lassen. Als Interessensvertreter der Autofahrer bestätigt Ralf Collatz vom ADAC in Bielefeld mehrere Aussagen Drotts: "Die Mitarbeiter einer Tankstelle haben keinen Einfluss auf den Preis. Den stellen zentral die Mineralölgesellschaften ein, was eine technische Umstellzeit nach sich zieht." Besonders wichtig: Was immer am Preismast stehe - "es gilt der an der Zapfsäule angezeigte Preis." Diese Auskunft erhalten alle Mitglieder, die sich an den ADAC wenden. Laut Automobilclub beschweren sich viele der Mitglieder darüber, dass der Preis an der Zapfsäule höher ist als an der Standarte. Mit Betrug hat das nichts zu tun. Der ADAC setzt sich trotzdem seit Jahren dafür ein, dass der Preis an Standarte und Zapfsäule zeitgleich umgestellt wird. Bis dahin empfiehlt der Automobilclub: "Preis an der Zapfsäule kontrollieren und weiterfahren, wenn der Sprit da mehr kostet." Die Pächterin ist die Leitragende Dass die Pächterin der Oil-Tankstelle in Nettelstedt letztlich die Leidtragende ist, macht Oil-Vertriebsmitarbeiter Guido Kleie aus der Unternehmenszentrale deutlich. Weder sie noch die Mitarbeiter wüssten oft gar nichts von Preisveränderungen, bis die Kunden sie darauf ansprechen. Kleie bedauert in diesem Zusammenhang sehr, dass ein Oil-Kunde sich offenbar so "extrem aufgeregt" hat, dass kurzzeitig im Gespräch war, die Polizei zur Hilfe zu rufen. Zur Preisgestaltung stellt Kleie klar: "Ob Pächter oder Eigentümer - die Partner unserer rund 220 Tankstellen erwerben nie das Eigentumsrecht an der Ware." Die Preishoheit liege immer in der Zentrale in Hamburg, wo die Preise je Liter festgelegt und programmiert würden. Die Umstellung an Preismast, Zapfsäule und Kassensystem erfolge dann über Datenleitungen. Für den an der Zapfsäule und an der Kasse angezeigten Literpreis steht die Mineralölgesellschaft gerade: "Die Zapfsäule und die Kasse sind geeicht und miteinander verbunden." Auch der Preismast sei an die Datenleitung gekoppelt, aber "nicht Teil der Eichkette". Somit sei der dort angezeigte Preis "nicht rechtsgültig". Insgesamt mussten 15 Mal Spezialtechniker kommen Der Oil-Preismast in Nettelstedt, räumt Kleie ein, sei bereits im Dezember aufgefallen. Immer wieder seien Spezialtechniker gekommen und hätten Reparaturen vorgenommen - insgesamt 15 Mal. Die Preisanzeige habe zunächst auch funktioniert. Kurze Zeit später habe die Pächterin aber immer wieder neue Störungen gemeldet. Am Dienstag dieser Woche sei dann aufgrund der NW-Recherchen und der bei Facebook verbreiteten Beschwerden nach Rücksprache mit dem Hamburger Geschäftsführer die Entscheidung gefallen: "Wir ziehen den Stecker." Seitdem ist der Mast ohne Strom und zeigt überhaupt keine Preise mehr an. Der Benzinverkauf werde aber ganz normal fortgesetzt. Und wie geht es weiter? Für Mittwoch hat Kleie angekündigt, "alle verfügbaren Techniker nach Nettelstedt zu schicken", um endlich den Fehler zu finden. Möglicherweise kann der von einem Aufzeichnungsgerät abgelesen werden, das zum Jahreswechsel vor Ort installiert wurde. Kleie vermutet ein Problem mit einer Schnittstelle im Datenstrom. Sollte sich das bestätigen, werde man wohl eine Neuverkabelung vornehmen.