Stein des Anstoßes: Die Mannschaft des TuS 97 im umstrittenen Trikot mit der Nachtclub-Werbung. - © Andreas Zobe/nw
Stein des Anstoßes: Die Mannschaft des TuS 97 im umstrittenen Trikot mit der Nachtclub-Werbung. (© Andreas Zobe/nw)

Ein Bordell als Trikotsponsor sorgt für Aufregung

Gregor Winkler

Bielefeld (nw). Hochkarätige Neuverpflichtungen, die sich nahtlos ins funktionierende Mannschaftsgefüge einfinden. Eine starke Leistung im ersten Saisonspiel mit einem achtbaren Remis. Die zweite und dritte Mannschaft eröffneten die Spielzeit sogar mit einem Sieg – sportlich läuft’s beim TuS 97 Bielefeld-Jöllenbeck.

Und trotzdem herrscht bereits dicke Luft. Grund ist ein neuer Sponsor, dessen Werbung die Trikots der ersten Mannschaft ziert: Das „Moonlight". Ein Nachtclub, im Herforder Ortsteil Laar gelegen, der auch sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung anbietet. Entrüstung ist programmiert.

„Hier wird offen für Prostitution geworben . . .", echauffiert sich der Verfasser („Handballfan") eines Kommentars im Internet, der seinen wahren Namen allerdings nicht angibt. Viele werden so denken. Das Problem ist offensichtlich: Der TuS 97 hat neben den fünf Männermannschaften auch Frauen- und vor allem Jugendteams im Spielbetrieb. Gerade auf die Nachwuchsarbeit ist man besonders stolz. „Dass dieser Sponsor ein absolutes No-Go für einen jugendorientierten Verein ist, ist unbestritten", sagt der langjährige Jugendwart, Nachwuchstrainer und Spieler des Klubs, Heiko Nossek.

Wer die Verantwortung für den neuen Sponsor auf den Leibchen trägt ist umstritten

Wer die konkrete Verantwortung für den Auftritt in den neuen Leibchen trägt, und wie viele Vorstands- und Mannschaftsmitglieder eingeweiht waren, ist umstritten. Karl Heinz Tiemeyer, ehemaliger Spieler- und offenbar auch Sponsorenvermittler, sei mit der Anfrage an die Marketingabteilung des TuS 97 heran getreten. Deren Chef Wilhelm Boekstiegel erklärt: „Das ist ein ganz normaler Sponsorenvertrag mit einem Partner, der mit uns zusammenarbeiten will." Mit dem Betrag ließe sich einiges für den Verein realisieren. Zum Erscheinungsbild unterstreicht er: „Da ist ja keine nackte Frau dargestellt, sondern lediglich der Name des Clubs. Wir haben uns ein Mustertrikot vor der Produktion angeschaut."

Der Vorsitzende des TuS 97, Ralf Klusmann, war vom 17. August bis zum vergangenen Sonntag im Urlaub. „Als ich fuhr, war noch eine Werbefläche auf der Brust, und eine auf der Hose frei", erinnert er sich. Laut Boekstiegel sei er aber ständig über die Entwicklung auf dem Laufenden gehalten worden. Vorstandsmitglied Christian Heidemann betont mit Nachdruck: „Der gesamte Vorstand war nicht über den Vorgang informiert."

„Es ist klar, dass Handlungsbedarf besteht", sagt Klusmann vor der heute stattfindenden Vorstandssitzung. Ein anderer Sponsor hat bekanntgegeben, dass er seinen Namen vom Trikot haben möchte, falls der Nachtclub drauf bleibt. „Er will sein Engagement aber grundsätzlich fortsetzen und auf den Aufwärmshirts werben", ergänzt Boekstiegel, der noch meint: „Ich habe am Samstag in der Halle sicher hundert Gespräche zu dem Thema geführt, keine fünf davon waren negativ."

Ein Spieler, der zurzeit eine Abschlussarbeit in Soziologie über Frauenrechte schreibt, wollte am Samstag nicht in dem umstrittenen Trikot auflaufen. Ein anderer, der auch als Jugendtrainer tätig ist, verwies auf seine Vorbildfunktion. „Kein Spieler hat sich letztlich geweigert, aufzulaufen", entgegnet Boekstiegel. Ein ebenfalls namenloser Kommentator im Internet findet: „Der aktuelle Hauptsponsor ist ein Skandal! Ich hoffe, das stört noch ein paar mehr!" Die Diskussion ist längst voll ausgebrochen.



Kommentar

Zu viel Geschmäckle

von Hans-Joachim Kaspers

Nein! Die Kritik am neuen Trikotsponsor des TuS 97, einer Liebesdienste anbietenden Lokalität, kommt nicht von prüden oder verklemmten Zeitgenossen. Sondern von Menschen, die ein bisschen mehr über das Geschmäckle, das mit der Auswahl dieser Firma verbunden ist, nachgedacht haben, als es offenbar der eine oder andere Funktionär im Vorfeld der Vertragsanbahnung getan hat.

Denn immerhin legt der TuS 97 Bielefeld-Jöllenbeck in seiner Außendarstellung seit je her großen Wert darauf, dass er ein Verein ist, dessen wichtigste Aufgabe die Förderung des Jugendhandballs ist. Und es gehört wirklich viel Beharrungsvermögen und ein gehöriger Schuss Ignoranz dazu, in einem so aufgestellten Verein zu behaupten, der neue Unterstützer sei doch ein Sponsor wie jeder andere. Deshalb, liebe Entscheider beim TuS 97: Denkt nochmal über diese Sache nach! Denn die tut dem Verein nicht wirklich gut.





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Ein Bordell als Trikotsponsor sorgt für AufregungGregor WinklerBielefeld (nw). Hochkarätige Neuverpflichtungen, die sich nahtlos ins funktionierende Mannschaftsgefüge einfinden. Eine starke Leistung im ersten Saisonspiel mit einem achtbaren Remis. Die zweite und dritte Mannschaft eröffneten die Spielzeit sogar mit einem Sieg – sportlich läuft’s beim TuS 97 Bielefeld-Jöllenbeck. Und trotzdem herrscht bereits dicke Luft. Grund ist ein neuer Sponsor, dessen Werbung die Trikots der ersten Mannschaft ziert: Das „Moonlight". Ein Nachtclub, im Herforder Ortsteil Laar gelegen, der auch sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung anbietet. Entrüstung ist programmiert. „Hier wird offen für Prostitution geworben . . .", echauffiert sich der Verfasser („Handballfan") eines Kommentars im Internet, der seinen wahren Namen allerdings nicht angibt. Viele werden so denken. Das Problem ist offensichtlich: Der TuS 97 hat neben den fünf Männermannschaften auch Frauen- und vor allem Jugendteams im Spielbetrieb. Gerade auf die Nachwuchsarbeit ist man besonders stolz. „Dass dieser Sponsor ein absolutes No-Go für einen jugendorientierten Verein ist, ist unbestritten", sagt der langjährige Jugendwart, Nachwuchstrainer und Spieler des Klubs, Heiko Nossek. Wer die Verantwortung für den neuen Sponsor auf den Leibchen trägt ist umstritten Wer die konkrete Verantwortung für den Auftritt in den neuen Leibchen trägt, und wie viele Vorstands- und Mannschaftsmitglieder eingeweiht waren, ist umstritten. Karl Heinz Tiemeyer, ehemaliger Spieler- und offenbar auch Sponsorenvermittler, sei mit der Anfrage an die Marketingabteilung des TuS 97 heran getreten. Deren Chef Wilhelm Boekstiegel erklärt: „Das ist ein ganz normaler Sponsorenvertrag mit einem Partner, der mit uns zusammenarbeiten will." Mit dem Betrag ließe sich einiges für den Verein realisieren. Zum Erscheinungsbild unterstreicht er: „Da ist ja keine nackte Frau dargestellt, sondern lediglich der Name des Clubs. Wir haben uns ein Mustertrikot vor der Produktion angeschaut." Der Vorsitzende des TuS 97, Ralf Klusmann, war vom 17. August bis zum vergangenen Sonntag im Urlaub. „Als ich fuhr, war noch eine Werbefläche auf der Brust, und eine auf der Hose frei", erinnert er sich. Laut Boekstiegel sei er aber ständig über die Entwicklung auf dem Laufenden gehalten worden. Vorstandsmitglied Christian Heidemann betont mit Nachdruck: „Der gesamte Vorstand war nicht über den Vorgang informiert." „Es ist klar, dass Handlungsbedarf besteht", sagt Klusmann vor der heute stattfindenden Vorstandssitzung. Ein anderer Sponsor hat bekanntgegeben, dass er seinen Namen vom Trikot haben möchte, falls der Nachtclub drauf bleibt. „Er will sein Engagement aber grundsätzlich fortsetzen und auf den Aufwärmshirts werben", ergänzt Boekstiegel, der noch meint: „Ich habe am Samstag in der Halle sicher hundert Gespräche zu dem Thema geführt, keine fünf davon waren negativ." Ein Spieler, der zurzeit eine Abschlussarbeit in Soziologie über Frauenrechte schreibt, wollte am Samstag nicht in dem umstrittenen Trikot auflaufen. Ein anderer, der auch als Jugendtrainer tätig ist, verwies auf seine Vorbildfunktion. „Kein Spieler hat sich letztlich geweigert, aufzulaufen", entgegnet Boekstiegel. Ein ebenfalls namenloser Kommentator im Internet findet: „Der aktuelle Hauptsponsor ist ein Skandal! Ich hoffe, das stört noch ein paar mehr!" Die Diskussion ist längst voll ausgebrochen. Kommentar Zu viel Geschmäckle von Hans-Joachim Kaspers Nein! Die Kritik am neuen Trikotsponsor des TuS 97, einer Liebesdienste anbietenden Lokalität, kommt nicht von prüden oder verklemmten Zeitgenossen. Sondern von Menschen, die ein bisschen mehr über das Geschmäckle, das mit der Auswahl dieser Firma verbunden ist, nachgedacht haben, als es offenbar der eine oder andere Funktionär im Vorfeld der Vertragsanbahnung getan hat. Denn immerhin legt der TuS 97 Bielefeld-Jöllenbeck in seiner Außendarstellung seit je her großen Wert darauf, dass er ein Verein ist, dessen wichtigste Aufgabe die Förderung des Jugendhandballs ist. Und es gehört wirklich viel Beharrungsvermögen und ein gehöriger Schuss Ignoranz dazu, in einem so aufgestellten Verein zu behaupten, der neue Unterstützer sei doch ein Sponsor wie jeder andere. Deshalb, liebe Entscheider beim TuS 97: Denkt nochmal über diese Sache nach! Denn die tut dem Verein nicht wirklich gut.