Hier wurden die strafbaren Aufnahmen gemacht: Lidl-Markt an der Straße Am Hahlerbaum in Lübbecke. - © Foto: Frank Hartmann
Hier wurden die strafbaren Aufnahmen gemacht: Lidl-Markt an der Straße Am Hahlerbaum in Lübbecke. (© Foto: Frank Hartmann)

Heimlich installierte Toiletten-Kamera: 27-Jähriger verurteilt

Frank Hartmann

Lübbecke (nw). Als Richter Ulrich Stolte mit Blick auf die Zuhörerreihe gegen Ende der Verhandlung fragte, ob eine Entschuldigung des Angeklagten akzeptiert werde, kam ein vielstimmiges "Nein" zurück. Zu groß sind die seelischen Verletzungen der Lidl-Mitarbeiterinnen, die von ihrem ehemaligen Kollegen heimlich auf der Damentoilette gefilmt worden sind und den Prozess am Amtsgericht Lübbecke im Sitzungssaal zwei verfolgten. Als Zuhörerinnen, nicht als Zeuginnen, denn der Angeklagte hat die Tat gestanden.

27 Jahre alt ist der arbeitslose L., der in Pr. Oldendorf wohnt und sich fortwährend selbst als Opfer darstellte. Als Opfer eines gewalttätigen Vaters, der Trennung seiner Eltern, der eigenen Kinderlosigkeit, der Trennung von seiner Ehefrau, finanzieller Probleme - und seiner "Porno-Sucht". Mit der habe er seit frühester Kindheit versucht, Ängste und Minderwertigkeitsgefühle aufzufangen. Vergeblich: Bis heute habe er "kein Selbstwertgefühl aufbauen" können.

Information
Der Lebensmittelkonzern Lidl ist selbst mehrfach in die Schlagzeilen geraten. Gestützt auf Mitarbeiterbefragungen kritisierte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi etwa 2004 die Verletzung von Arbeitnehmerrechten, Verhinderung von Betriebsratswahlen, Video-Überwachung der Mitarbeiter und Leistung unbezahlter Überstunden. "Lidl ist billig auf Kosten der Beschäftigten", so ein Gewerkschafter. Es herrsche ein System der Angst.

2008 verlangten die obersten Datenschützer mehrerer Bundesländer wegen der Bespitzelung von Mitarbeitern Bußgelder von Lidl. Das Unternehmen kündigte an, die Sanktionen zu akzeptieren. Die Strafgelder wurden unter anderem wegen rechtswidriger Überwachung von Mitarbeitern durch Detektive erhoben.

Angeklagter schilderte Leidensgeschichte

Während der Angeklagte seine Leidensgeschichte zusammenfasste, atmete er immer wieder hörbar aus, stockte in seiner Schilderung, manchmal mitten im Satz, vermied er den Blickkontakt zu den betroffenen Frauen. Die tuschelten zwischendurch und flüsterten sich kritische Kommentare zu der einseitig auf sich bezogenen Darstellung des früheren Kollegen zu. Der hatte sie mit seinem auf der Damentoilette der Lidl-Filiale platzierten Handy in intimsten Momenten gefilmt und sich die Aufnahmen zuhause an seinem Mini-Computer-Tower angesehen. Das habe ihm geholfen, mit seinen Problemen und dem Druck fertig zu werden, den er als stellvertretender Schichtleiter fühlte.

Richter Stolte hörte sich das alles geduldig an, ging aber nicht auf die Versuche des Pr. Oldendorfers ein, Verständnis zu wecken. Stattdessen nahm er die Perspektive der Opfer ein, ausschließlich Mitarbeiterinnen: "Haben Sie sich gefragt, was das für die Frauen bedeutet?" Das sei ihm "bewusst" gewesen, so L.: "Aber ich bin da nicht mehr rausgekommen." Eine an die Frauen - darunter die Mitarbeiterin, die das Handy entdeckt hat - gerichtete Entschuldigung im Gerichtssaal blieb aber aus.

Mit einer Entschuldigung sei es nicht getan

Mit einer Entschuldigung sei es auch nicht getan, so die Lidl-Mitarbeiterinnen, als Stolte ihnen das Wort erteilte. Sie leide psychisch immer noch schwer, sagte eine der Frauen. Zudem habe der Angeklagte Witze gemacht, deren Bedeutung ihr erst klar geworden sei, nachdem das Handy gefunden worden war.

Der Richter war der Meinung, dass eine hohe Geldstrafe für diese "Schweinerei" allein nicht ausreiche: "Davon haben die Geschädigten nichts." Trotz des Hinweises des Verteidigers Reinhard Lührmann, angesichts der begrenzten Mittel seines arbeitslosen Mandanten könne man "keine großen Versprechen" machen, legte Stolte mit Zustimmung der Staatsanwältin ein Schmerzensgeld von 1.000 Euro für jedes der sechs Opfer fest. Das reduziere die Höhe der Geldstrafe. Eine Haftstrafe komme jedenfalls nicht in Frage, da es keine Vorstrafe gebe. Außerdem würden Handy und Mini-Tower "vernichtet".

Beim nächsten Gerichtstermin Mitte November muss L. belegen, dass er die Frauen finanziell entschädigt hat.

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Heimlich installierte Toiletten-Kamera: 27-Jähriger verurteiltFrank HartmannLübbecke (nw). Als Richter Ulrich Stolte mit Blick auf die Zuhörerreihe gegen Ende der Verhandlung fragte, ob eine Entschuldigung des Angeklagten akzeptiert werde, kam ein vielstimmiges "Nein" zurück. Zu groß sind die seelischen Verletzungen der Lidl-Mitarbeiterinnen, die von ihrem ehemaligen Kollegen heimlich auf der Damentoilette gefilmt worden sind und den Prozess am Amtsgericht Lübbecke im Sitzungssaal zwei verfolgten. Als Zuhörerinnen, nicht als Zeuginnen, denn der Angeklagte hat die Tat gestanden. 27 Jahre alt ist der arbeitslose L., der in Pr. Oldendorf wohnt und sich fortwährend selbst als Opfer darstellte. Als Opfer eines gewalttätigen Vaters, der Trennung seiner Eltern, der eigenen Kinderlosigkeit, der Trennung von seiner Ehefrau, finanzieller Probleme - und seiner "Porno-Sucht". Mit der habe er seit frühester Kindheit versucht, Ängste und Minderwertigkeitsgefühle aufzufangen. Vergeblich: Bis heute habe er "kein Selbstwertgefühl aufbauen" können. Angeklagter schilderte Leidensgeschichte Während der Angeklagte seine Leidensgeschichte zusammenfasste, atmete er immer wieder hörbar aus, stockte in seiner Schilderung, manchmal mitten im Satz, vermied er den Blickkontakt zu den betroffenen Frauen. Die tuschelten zwischendurch und flüsterten sich kritische Kommentare zu der einseitig auf sich bezogenen Darstellung des früheren Kollegen zu. Der hatte sie mit seinem auf der Damentoilette der Lidl-Filiale platzierten Handy in intimsten Momenten gefilmt und sich die Aufnahmen zuhause an seinem Mini-Computer-Tower angesehen. Das habe ihm geholfen, mit seinen Problemen und dem Druck fertig zu werden, den er als stellvertretender Schichtleiter fühlte. Richter Stolte hörte sich das alles geduldig an, ging aber nicht auf die Versuche des Pr. Oldendorfers ein, Verständnis zu wecken. Stattdessen nahm er die Perspektive der Opfer ein, ausschließlich Mitarbeiterinnen: "Haben Sie sich gefragt, was das für die Frauen bedeutet?" Das sei ihm "bewusst" gewesen, so L.: "Aber ich bin da nicht mehr rausgekommen." Eine an die Frauen - darunter die Mitarbeiterin, die das Handy entdeckt hat - gerichtete Entschuldigung im Gerichtssaal blieb aber aus. Mit einer Entschuldigung sei es nicht getan Mit einer Entschuldigung sei es auch nicht getan, so die Lidl-Mitarbeiterinnen, als Stolte ihnen das Wort erteilte. Sie leide psychisch immer noch schwer, sagte eine der Frauen. Zudem habe der Angeklagte Witze gemacht, deren Bedeutung ihr erst klar geworden sei, nachdem das Handy gefunden worden war. Der Richter war der Meinung, dass eine hohe Geldstrafe für diese "Schweinerei" allein nicht ausreiche: "Davon haben die Geschädigten nichts." Trotz des Hinweises des Verteidigers Reinhard Lührmann, angesichts der begrenzten Mittel seines arbeitslosen Mandanten könne man "keine großen Versprechen" machen, legte Stolte mit Zustimmung der Staatsanwältin ein Schmerzensgeld von 1.000 Euro für jedes der sechs Opfer fest. Das reduziere die Höhe der Geldstrafe. Eine Haftstrafe komme jedenfalls nicht in Frage, da es keine Vorstrafe gebe. Außerdem würden Handy und Mini-Tower "vernichtet". Beim nächsten Gerichtstermin Mitte November muss L. belegen, dass er die Frauen finanziell entschädigt hat.