Wo Hitler das Bad in der Menge nahm - Bückeberg soll Lernort werden

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Der Historiker Bernhard Gelderblom steht am Bückeberg bei Hameln, wo die Nazis von 1933 bis 1937 das «Reichserntedankfest» feierten. In den Händen hält er ein historisches Foto aus seiner Sammlung, das das «Reichserntedankfest» am selben Ort zeigt. Foto: Ole Spata/dpa - © Ole Spata
Der Historiker Bernhard Gelderblom steht am Bückeberg bei Hameln, wo die Nazis von 1933 bis 1937 das «Reichserntedankfest» feierten. In den Händen hält er ein historisches Foto aus seiner Sammlung, das das «Reichserntedankfest» am selben Ort zeigt. Foto: Ole Spata/dpa (© Ole Spata)
Die Reproduktion zeigt Hitlers Architekt Albert Speer (2.v.l) und den Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels (M.) im Jahr 1935 während der Bauphase des Bückeberg bei Hameln, wo die Nazis von 1933 bis 1937 das «Reichserntedankfest» feierten. Foto: Sammlung Bernhard Gelderblom/Repro: Ole Spata/dpa - © Repro: Ole Spata
Die Reproduktion zeigt Hitlers Architekt Albert Speer (2.v.l) und den Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels (M.) im Jahr 1935 während der Bauphase des Bückeberg bei Hameln, wo die Nazis von 1933 bis 1937 das «Reichserntedankfest» feierten. Foto: Sammlung Bernhard Gelderblom/Repro: Ole Spata/dpa (© Repro: Ole Spata)

Emmerthal (dpa). Junge Frauen in Tracht jubeln dem „Führer" zu und scheinen der Ohnmacht nahe. Wie ein Popstar wird Adolf Hitler beim „Reichserntedankfest" am Bückeberg gefeiert, die Anhängerinnen strecken ihrem Idol begeistert den rechten Arm entgegen. Hunderttausende Menschen skandieren „Heil". Hitlers Bad in der Menge war zwischen 1933 und 1937 der Höhepunkt der jährlichen Massenkundgebung, die sich vor allem an die ländliche Bevölkerung richtete. „Die Leute waren wie betrunken", beschreibt es Bernhard Gelderblom, während er mit historischen Aufnahmen in der Hand den Hang hinaufgeht. Der pensionierte Geschichtslehrer setzt sich seit 20 Jahren dafür ein, den Bückeberg bei Hameln zu einem Dokumentations- und Lernort zu machen.

„Das Gelände soll lesbar gemacht werden", sagt der 74-Jährige. Am Bückeberg könnten die Selbstinszenierung und das Verführungspotenzial des NS-Regimes sichtbar gemacht werden. Hitlers Architekt Albert Speer hatte den etwa 800 mal 250 Meter großen Festplatz in der Gemeinde Emmerthal nach einer Idee von Propagandaminister Joseph Goebbels als eine Naturbühne gestaltet. Der wie ein Laufsteg erhöht gebaute „Führerweg" ist noch heute zu sehen, auch Stromkästen und die Reste der Tribüne, wo die Regierung und die Staatsgäste saßen. Seit Ende 2010 steht das Gelände oberhalb der Weser unter Denkmalschutz.

Jetzt soll hier ein geschwungener Grasweg entstehen mit acht Informationsinseln, die über die NS-Ideologie und die Propagandastätte Auskunft geben. Auf der ehemaligen Tribüne ist ein barrierefreier Steg geplant, außerdem soll ein wissenschaftlicher Leiter eingestellt werden. Der Hamelner Kreistag entscheidet am 13. März über die Gründung und finanzielle Ausstattung des Dokumentations- und Lernortes. Von der AfD und CDU gibt es Gegenanträge. Vor allem bei den Anwohnern in Emmerthal regt sich Widerstand. Die „Initiative Bückeberg" hat mehr als 2000 Unterschriften gegen das Konzept gesammelt und argumentiert unter anderem mit den Kosten.

Nach Beobachtung von Jens-Christian Wagner, dem Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, „schwindet das Bewusstsein dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus grundlegend für unsere demokratische Selbstverständigung ist". Die Stiftung unterstützt den geplanten Dokumentationsort. Das vermeintlich harmlose braune Bergfest habe einen Ausgangspunkt für die Verbrechen in Bergen-Belsen und zahllosen weiteren Lagern gebildet, sagt Wagner. Auf dem Bückeberg beschworen die Nationalsozialisten die radikal rassistisch aufgebaute „Volksgemeinschaft".

An anderen für das NS-Regime zentralen Orten in Deutschland gibt es inzwischen Informationsangebote. Mehr als 275 000 Besucher im Jahr zählt das Dokumentationzentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Die Dokumentation Obersalzberg an Hitlers Feriendomizil und zweitem Regierungssitz besuchen jährlich rund 170 000 Menschen. „Auch im weitgehend vergessenen Bückeberg steckt viel didaktisches Potenzial", meint der stellvertretene Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Albert Feiber. „Man kann zeigen, welche Verführungskraft vom NS-Regime ausging."

In der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel wurde im September 2016 eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen" eröffnet. In Berlin befindet sich das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors an den Orten, wo zwischen 1933 und 1945 Terrorzentralen des nationalsozialistischen Systems waren. 1,3 Millionen Besucher zählte es 2017. „Es geht im Kern um die Markierung eines historischen Ortes", sagt der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama. „Das Verschweigen der Geschichte ist jedenfalls keine Lösung."

Über die live im Radio übertragenen Jubelfeiern am Bückeberg wurde lange geschwiegen. An der noch von Speer mitgeplanten gepflasterten Straße entstanden in den 1970er Jahren schicke Einfamilienhäuser, sogar über eine komplette Bebauung des ehemaligen Nazi-Geländes wurde damals nachgedacht. Historiker Gelderblom kann nicht verstehen, warum die Emmerthaler die Pläne so erbittert bekämpfen. „Die Bausumme liegt bei etwa 450 000 Euro. Für über die Hälfte habe ich schon Finanzierungszusagen von Stiftungen", sagt er.

Mehr als eine Million Menschen strömten in den Jahren 1936 und 1937 zum „Reichserntedankfest", 250 Sonderzüge fuhren zu acht Bahnhöfen, davon zwei eigens gebauten. Neben Chören, Blaskapellen und Hitlers Rede als Hauptprogrammpunkt gab es stets eine Militärvorführung mit Panzern und teils sogar Kampfflugzeugen, angekündigt als „Schlacht der Zukunft".

Dort wo vor mehr als 80 Jahren für die Kämpfe eigens das „Bückedorf" aufgebaut wurde, liegt heute ein Baggersee. 1938 sei das Fest ausgefallen, weil die Sonderzüge gebraucht wurden, um Soldaten wegen der Sudetenkrise nach Tschechien zu bringen, sagt Gelderblom. 1939 hatte sich das Fest erübrigt. Deutschland hatte am 1. September mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg ausgelöst, der knapp 60 Millionen Menschen das Leben kostete.

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Wo Hitler das Bad in der Menge nahm - Bückeberg soll Lernort werdenEmmerthal (dpa). Junge Frauen in Tracht jubeln dem „Führer" zu und scheinen der Ohnmacht nahe. Wie ein Popstar wird Adolf Hitler beim „Reichserntedankfest" am Bückeberg gefeiert, die Anhängerinnen strecken ihrem Idol begeistert den rechten Arm entgegen. Hunderttausende Menschen skandieren „Heil". Hitlers Bad in der Menge war zwischen 1933 und 1937 der Höhepunkt der jährlichen Massenkundgebung, die sich vor allem an die ländliche Bevölkerung richtete. „Die Leute waren wie betrunken", beschreibt es Bernhard Gelderblom, während er mit historischen Aufnahmen in der Hand den Hang hinaufgeht. Der pensionierte Geschichtslehrer setzt sich seit 20 Jahren dafür ein, den Bückeberg bei Hameln zu einem Dokumentations- und Lernort zu machen.„Das Gelände soll lesbar gemacht werden", sagt der 74-Jährige. Am Bückeberg könnten die Selbstinszenierung und das Verführungspotenzial des NS-Regimes sichtbar gemacht werden. Hitlers Architekt Albert Speer hatte den etwa 800 mal 250 Meter großen Festplatz in der Gemeinde Emmerthal nach einer Idee von Propagandaminister Joseph Goebbels als eine Naturbühne gestaltet. Der wie ein Laufsteg erhöht gebaute „Führerweg" ist noch heute zu sehen, auch Stromkästen und die Reste der Tribüne, wo die Regierung und die Staatsgäste saßen. Seit Ende 2010 steht das Gelände oberhalb der Weser unter Denkmalschutz. Jetzt soll hier ein geschwungener Grasweg entstehen mit acht Informationsinseln, die über die NS-Ideologie und die Propagandastätte Auskunft geben. Auf der ehemaligen Tribüne ist ein barrierefreier Steg geplant, außerdem soll ein wissenschaftlicher Leiter eingestellt werden. Der Hamelner Kreistag entscheidet am 13. März über die Gründung und finanzielle Ausstattung des Dokumentations- und Lernortes. Von der AfD und CDU gibt es Gegenanträge. Vor allem bei den Anwohnern in Emmerthal regt sich Widerstand. Die „Initiative Bückeberg" hat mehr als 2000 Unterschriften gegen das Konzept gesammelt und argumentiert unter anderem mit den Kosten. Nach Beobachtung von Jens-Christian Wagner, dem Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, „schwindet das Bewusstsein dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus grundlegend für unsere demokratische Selbstverständigung ist". Die Stiftung unterstützt den geplanten Dokumentationsort. Das vermeintlich harmlose braune Bergfest habe einen Ausgangspunkt für die Verbrechen in Bergen-Belsen und zahllosen weiteren Lagern gebildet, sagt Wagner. Auf dem Bückeberg beschworen die Nationalsozialisten die radikal rassistisch aufgebaute „Volksgemeinschaft". An anderen für das NS-Regime zentralen Orten in Deutschland gibt es inzwischen Informationsangebote. Mehr als 275 000 Besucher im Jahr zählt das Dokumentationzentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Die Dokumentation Obersalzberg an Hitlers Feriendomizil und zweitem Regierungssitz besuchen jährlich rund 170 000 Menschen. „Auch im weitgehend vergessenen Bückeberg steckt viel didaktisches Potenzial", meint der stellvertretene Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Albert Feiber. „Man kann zeigen, welche Verführungskraft vom NS-Regime ausging." In der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel wurde im September 2016 eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen" eröffnet. In Berlin befindet sich das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors an den Orten, wo zwischen 1933 und 1945 Terrorzentralen des nationalsozialistischen Systems waren. 1,3 Millionen Besucher zählte es 2017. „Es geht im Kern um die Markierung eines historischen Ortes", sagt der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama. „Das Verschweigen der Geschichte ist jedenfalls keine Lösung." Über die live im Radio übertragenen Jubelfeiern am Bückeberg wurde lange geschwiegen. An der noch von Speer mitgeplanten gepflasterten Straße entstanden in den 1970er Jahren schicke Einfamilienhäuser, sogar über eine komplette Bebauung des ehemaligen Nazi-Geländes wurde damals nachgedacht. Historiker Gelderblom kann nicht verstehen, warum die Emmerthaler die Pläne so erbittert bekämpfen. „Die Bausumme liegt bei etwa 450 000 Euro. Für über die Hälfte habe ich schon Finanzierungszusagen von Stiftungen", sagt er. Mehr als eine Million Menschen strömten in den Jahren 1936 und 1937 zum „Reichserntedankfest", 250 Sonderzüge fuhren zu acht Bahnhöfen, davon zwei eigens gebauten. Neben Chören, Blaskapellen und Hitlers Rede als Hauptprogrammpunkt gab es stets eine Militärvorführung mit Panzern und teils sogar Kampfflugzeugen, angekündigt als „Schlacht der Zukunft". Dort wo vor mehr als 80 Jahren für die Kämpfe eigens das „Bückedorf" aufgebaut wurde, liegt heute ein Baggersee. 1938 sei das Fest ausgefallen, weil die Sonderzüge gebraucht wurden, um Soldaten wegen der Sudetenkrise nach Tschechien zu bringen, sagt Gelderblom. 1939 hatte sich das Fest erübrigt. Deutschland hatte am 1. September mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg ausgelöst, der knapp 60 Millionen Menschen das Leben kostete.