Verpasste Anschlüsse und hohe Preise: Nutzer kritisieren Westfalentarif

Joern Spreen-Ledebur

In Rahden starten die Züge der Eurobahn auf der Linie RB 71 nach Bielefeld Hauptbahnhof. - © Foto: Joern Spreen-Ledebur/nw
In Rahden starten die Züge der Eurobahn auf der Linie RB 71 nach Bielefeld Hauptbahnhof. (© Foto: Joern Spreen-Ledebur/nw)

Lübbecke/Espelkamp (nw). Öffentliche Verkehrsmittel sind schnell. Auch aus ökologischen Gründen sollen und wollen viele Menschen den öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) nutzen. Derzeit steht der ÖPNV aber stark in der Kritik. Der neu eingeführte Westfalentarif wird von vielen Nutzern als Abzockerei empfunden.

Wer etwa von Espelkamp nach Paderborn möchte, kann einen Fahrschein lösen und zahlt dann 26 Euro für die einfache Fahrt. Er kann aber auch zwei Tickets lösen - Espelkamp-Bielefeld und Bielefeld-Paderborn. Dann werden „nur“ 20,10 Euro für die einfache Fahrt fällig.

Information
Weitere Strecken der Eurobahn

Zum nächsten Fahrplanwechsel im Dezember übernimmt die Eurobahn Leistungen auf Strecken von der Westfalenbahn und ist dann in Ostwestfalen-Lippe sehr präsent.

Neben der Strecke zwischen Herford und Altenbeken fährt die Eurobahn dann auch auf der Linie RB 78 von Bielefeld über Minden und Petershagen-Lahde nach Nienburg (Weser).

Zudem übernimmt die Eurobahn, deren Mutter Keolis zur französischen Staatsbahn SNCF gehört, die Linie RB 61. Die fährt bislang von Bielefeld über Bünde und Osnabrück nach Bad Bentheim.

Mit dem neuen Fahrplan wird die RB 61 ins niederländische Hengelo verlängert, wo dann Anschluss zum Netz der niederländischen Staatsbahn besteht.

Die Verlängerung bis Hengelo könne sich um wenige Wochen verzögen, verweist VVOWL-Geschäftsführer Ludger Siemer auf die Fahrzeugabnahme auf niederländischer Seite. „Aber das Ziel Bielefeld-Hengelo wird kommen.“

Der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) hatte das auf Nachfrage der Zeitung Neue Westfälischen als Fehler bezeichnet und darauf verwiesen, dass für den neuen Tarif 45 000 Verbindungen erfasst werden mussten. Die Frage, ob die Bahncard nicht mehr anerkannt wird, um mehr Gewinn zu machen, hatte der Zweckverband nicht beantwortet. Auch zur Nachfrage, warum der ÖPNV in Westfalen-Lippe im Vergleich zu anderen Regionen derart teuer ist, schwieg sich der NWL aus.

Unterschiedliche Preise gibt es auch für Fahrten etwa von Rahden nach Minden. Mal schlägt die Westfalentarifauskunft eine Kombination von Eurobahn und Bus vor, mal nur den Bus. Die Fahrt mit der Linie 605 über Hille kostet von Rahden nach Minden 6,80 Euro. Einfache Fahrt, versteht sich. Die gleiche Summe zahlt, wer mit dem Zug nach Espelkamp fährt und dort in die Buslinie 605 umsteigt.

Es geht aber im Westfalentarif auch teurer: Wer in Rahden in den Zug steigt, in Lübbecke dann in die Buslinie 513 nach Minden umsteigt, muss für die einfache Fahrt 8,40 Euro auf den Tisch legen.

Bei einem Monatsticket zwischen Rahden und Minden ergeben sich so deutliche Schwankungen - entweder 137,50 Euro oder 168,20 Euro für die Fahrt über Lübbecke mit dem anschließenden Schnellbus nach Minden. Wer nicht Gefahr laufen möchte, schwarz zu fahren oder zu viel zu bezahlen, der muss also ganz genau hinsehen.

Ganz genau hinsehen - das tun auch viele Bürger und Bürgerinnen aus dem Lübbecker Land, die mit der Eurobahn fahren. Wiederholt berichten sie von Verspätungen und verpassten Terminen oder verpassten Anschlüssen als Folge. Das Personalproblem bei der Eurobahn sei vor allem zu Beginn dieses Jahres sehr stark gewesen, sagte Ludger Siemer, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Ostwestfalen-Lippe (VVOWL). Das habe sich mittlerweile aber deutlich entspannt. Es sei bei der Eurobahn in den vergangenen Monaten personell zwar kein Spitzenwert gewesen, aber „unauffälliger Durchschnitt“.

Die Eurobahn wird im Dezember Zugleistungen von der Westfalenbahn übernehmen. Fast 100 Prozent der Triebfahrzeugführer und Kundenbetreuer, die derzeit noch bei der Westfalenbahn im Teuto-Weser-Netz arbeiten, wechseln zur Eurobahn, wie Keolis-Sprecherin Danica Dorawa mitteilte. „Das ist ein schönes Ergebnis unserer Rekrutierung.“

Zum 10. Dezember würden nach jetzigem Stand 82 Triebfahrzeugführer qualifiziert und einsatzfähig sein, um die neue Strecke zu befahren. Die Gruppe setze sich zusammen aus den Kollegen der Westfalenbahn, neu rekrutierten Zugführern und Absolventen aus zwei Ausbildungskursen, die vor Betriebsstart enden, so Dorawa.

Zum Jahresende werden die nächsten zwei Ausbildungskurse zum 31. Dezember enden. „Wir erwarten aus den Kursen rund 15 bestandene Abschlüsse, die das Team abschließend vervollständigen werden“. Ein weiterer Kurs habe am 10. Februar seinen Abschluss. Danica Dorawa: „Wir sind damit personell für die neuen Strecken gut aufgestellt“.

Das Personal sei das eine, die Pünktlichkeit etwas anderes, merkte Ludger Siemer an. „Aber da ist die Regionalbahn 71 durch die Infrastruktur und durch Dritte beeinflusst - so stark wie auf keiner anderen Strecke.“ Viele Dinge spielten hier hinein, und als Beispiele nannte Siemer die Disposition, den internationalen Güter- und Fernverkehr inklusive Verspätungen und die Infrastruktur.

Zwischen Bad Holzhausen und Bünde hatte die damalige Deutsche Bundesbahn, die die Strecke Bünde-Rahden-Bassum am liebsten komplett stillgelegt hätte, alle Kreuzungsmöglichkeiten abgebaut. Fernverkehr, auch wenn er verspätet ist, hat in Deutschland Vorrang vor dem Nahverkehr. Die Regionalbahn 71 ist davon auf den Abschnitten Rheda-Herford und Kirchlengern-Bünde betroffen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Verpasste Anschlüsse und hohe Preise: Nutzer kritisieren WestfalentarifJoern Spreen-LedeburLübbecke/Espelkamp (nw). Öffentliche Verkehrsmittel sind schnell. Auch aus ökologischen Gründen sollen und wollen viele Menschen den öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) nutzen. Derzeit steht der ÖPNV aber stark in der Kritik. Der neu eingeführte Westfalentarif wird von vielen Nutzern als Abzockerei empfunden.Wer etwa von Espelkamp nach Paderborn möchte, kann einen Fahrschein lösen und zahlt dann 26 Euro für die einfache Fahrt. Er kann aber auch zwei Tickets lösen - Espelkamp-Bielefeld und Bielefeld-Paderborn. Dann werden „nur“ 20,10 Euro für die einfache Fahrt fällig.Der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) hatte das auf Nachfrage der Zeitung Neue Westfälischen als Fehler bezeichnet und darauf verwiesen, dass für den neuen Tarif 45 000 Verbindungen erfasst werden mussten. Die Frage, ob die Bahncard nicht mehr anerkannt wird, um mehr Gewinn zu machen, hatte der Zweckverband nicht beantwortet. Auch zur Nachfrage, warum der ÖPNV in Westfalen-Lippe im Vergleich zu anderen Regionen derart teuer ist, schwieg sich der NWL aus.Unterschiedliche Preise gibt es auch für Fahrten etwa von Rahden nach Minden. Mal schlägt die Westfalentarifauskunft eine Kombination von Eurobahn und Bus vor, mal nur den Bus. Die Fahrt mit der Linie 605 über Hille kostet von Rahden nach Minden 6,80 Euro. Einfache Fahrt, versteht sich. Die gleiche Summe zahlt, wer mit dem Zug nach Espelkamp fährt und dort in die Buslinie 605 umsteigt.Es geht aber im Westfalentarif auch teurer: Wer in Rahden in den Zug steigt, in Lübbecke dann in die Buslinie 513 nach Minden umsteigt, muss für die einfache Fahrt 8,40 Euro auf den Tisch legen.Bei einem Monatsticket zwischen Rahden und Minden ergeben sich so deutliche Schwankungen - entweder 137,50 Euro oder 168,20 Euro für die Fahrt über Lübbecke mit dem anschließenden Schnellbus nach Minden. Wer nicht Gefahr laufen möchte, schwarz zu fahren oder zu viel zu bezahlen, der muss also ganz genau hinsehen.Ganz genau hinsehen - das tun auch viele Bürger und Bürgerinnen aus dem Lübbecker Land, die mit der Eurobahn fahren. Wiederholt berichten sie von Verspätungen und verpassten Terminen oder verpassten Anschlüssen als Folge. Das Personalproblem bei der Eurobahn sei vor allem zu Beginn dieses Jahres sehr stark gewesen, sagte Ludger Siemer, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Ostwestfalen-Lippe (VVOWL). Das habe sich mittlerweile aber deutlich entspannt. Es sei bei der Eurobahn in den vergangenen Monaten personell zwar kein Spitzenwert gewesen, aber „unauffälliger Durchschnitt“.Die Eurobahn wird im Dezember Zugleistungen von der Westfalenbahn übernehmen. Fast 100 Prozent der Triebfahrzeugführer und Kundenbetreuer, die derzeit noch bei der Westfalenbahn im Teuto-Weser-Netz arbeiten, wechseln zur Eurobahn, wie Keolis-Sprecherin Danica Dorawa mitteilte. „Das ist ein schönes Ergebnis unserer Rekrutierung.“Zum 10. Dezember würden nach jetzigem Stand 82 Triebfahrzeugführer qualifiziert und einsatzfähig sein, um die neue Strecke zu befahren. Die Gruppe setze sich zusammen aus den Kollegen der Westfalenbahn, neu rekrutierten Zugführern und Absolventen aus zwei Ausbildungskursen, die vor Betriebsstart enden, so Dorawa.Zum Jahresende werden die nächsten zwei Ausbildungskurse zum 31. Dezember enden. „Wir erwarten aus den Kursen rund 15 bestandene Abschlüsse, die das Team abschließend vervollständigen werden“. Ein weiterer Kurs habe am 10. Februar seinen Abschluss. Danica Dorawa: „Wir sind damit personell für die neuen Strecken gut aufgestellt“.Das Personal sei das eine, die Pünktlichkeit etwas anderes, merkte Ludger Siemer an. „Aber da ist die Regionalbahn 71 durch die Infrastruktur und durch Dritte beeinflusst - so stark wie auf keiner anderen Strecke.“ Viele Dinge spielten hier hinein, und als Beispiele nannte Siemer die Disposition, den internationalen Güter- und Fernverkehr inklusive Verspätungen und die Infrastruktur.Zwischen Bad Holzhausen und Bünde hatte die damalige Deutsche Bundesbahn, die die Strecke Bünde-Rahden-Bassum am liebsten komplett stillgelegt hätte, alle Kreuzungsmöglichkeiten abgebaut. Fernverkehr, auch wenn er verspätet ist, hat in Deutschland Vorrang vor dem Nahverkehr. Die Regionalbahn 71 ist davon auf den Abschnitten Rheda-Herford und Kirchlengern-Bünde betroffen.