Gutsbesitzer treten kostspieliges Erbe an MT-Serie: Herrensitze in Porta Westfalica / Erträge der Landwirtschaft reichen für große Häuser oft nicht mehr aus Von Frank Remmert Porta Westfalica (FR). Die Herrensitze in Porta Westfalica waren einst Machtzentren bedeutender Familien in der Region. Mal sind es prächtig-feudale Güter, mal bürgerlich-bescheidene. Einige wenige werden noch bewirtschaftet, andere verfallen oder stehen zum Verkauf. Das historische Erbe zu bewahren, ist keine leichte Aufgabe: Mancher Eigentümer ist damit schon gescheitert. Amorkamp, Eisbergen, Holzhausen, Rothenhoff, Wedigenstein: Die Namen klingen vertraut, seit Jahrhunderten prägen diese Herrensitze das Erscheinungsbild und die gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur der Dörfer. Oft verwehren Mauern und Verbotsschilder den Zutritt zu ihnen. Ihre Bewohner, sofern es sie noch gibt, scheinen ein mehr oder weniger exklusives Eigenleben zu führen. Und dabei an Traditionen anzuknüpfen, die für viele Menschen heute bedeutungslos sind.Hinter den Fassaden der Herrenhäuser aber nagt der Zahn der Zeit. Und der plagt alle, die das historische Erbe bewahren wollen, egal ob Adelige, Bürgerliche, Firmen, Kommunen oder den Denkmalschutz.Das öffentliche Interesse an den Rittergütern ist groß, viele Bürger sind durchaus stolz auf die nahen repräsentativen Zeugen vergangener Jahrhunderte. Die MT-Serie versucht einen Blick hinter die oftmals noch prächtige Fassade zu werfen und sowohl historische Bedeutung als auch die aktuellen Probleme bei dem Erhalt der Anwesen aufzuzeigen.Gut Eisbergen seit 250 Jahren in FamilienbesitzMit Landwirtschaft ist heute kaum noch Geld zu verdienen. Steigende Kosten, Preisdruck und technischer Fortschritt machen die Bewirtschaftung unrentabel und den Beruf des Landwirts unattraktiv.Gutsbesitzer Christoph Freiherr von Schellersheim in Eisbergen kennt weitere Gründe: "Es ist immer schwierig, Familienbesitz über Jahrhunderte zu erhalten. Das Problem ist, dass eine Generation ein großes Vermögen erworben hat, das dann aber von den Folgegenerationen nicht mehr gehalten werden kann." Hinzu komme, "dass durch Erbteilungen, Verkauf oder Zwangsabgaben an den Staat die landwirtschaftlichen Flächen immer kleiner geworden sind. Aber die Substanz der bewohnten Gutshäuser sei geblieben. "Das heißt: Sie sind zu groß, die Landwirtschaft trägt sie nicht mehr."Schellersheim weiß, wovon er spricht: Er ist in Porta Westfalica der letzte Adelige, der noch ein Rittergut bewirtschaftet. Seit mehr als 250 Jahren ist Eisbergen in Familienbesitz.Rittergut Amorkamp: Fass ohne BodenSein Onkel Diomed Freiherr von Schellersheim (1898 bis 1968) hatte da weniger Glück. Mit Rittergut Amorkamp in Holzhausen war ihm zwar ein großer Besitz in die Wiege gelegt worden, doch es fehlte ihm das Geschick, ihn zu halten. Wie viele Adelige seiner Zeit glaubte auch Schellersheim, sich ein standesgemäßes Leben zu schulden. So musste er bald immer größere Teile des Guts verkaufen, bis nur noch vier Morgen Land von einst 1900 Morgen übrig blieben.1964 veräußerte er, hoch verschuldet und ein gebrochener Mann, Amorkamp an den Unternehmer Edgar Spier. Damit endete die mehr als 200-jährige Geschichte der Familie Schellersheim in Holzhausen. Edgar Spier versuchte zu retten, was zu retten war. Aber auch er stellt sich heute die Frage, wie es mit dem Besitz weitergehen soll. Seine Mittel und Kräfte sind erschöpft.Rittergut Holzhausen vom Abriss bedrohtFantasie und Leidenschaft sind beim Wiederaufbau von Rittergut Holzhausen im gleichnamigen Stadtteil gefragt. Seit vielen Jahren steht das denkmalgeschützte Herrenhaus leer und verfällt zusehends - und das Drumherum sieht ebenfalls trostlos aus.Im Streit zwischen der Stadt Porta Westfalica und der Eigentümerin hat das Mindener Verwaltungsgericht 2010 den Abriss des Hauses verhindert - vorerst. Die Firma "Habitat Seniorenwohnheime" in Bad Sassendorf arbeitet an einem Entwicklungskonzept für das Gut, das viele Historiker als Keimzelle des Dorfs ansehen. Im Gespräch sind Wohnungen und Kleingewerbe.In dem 1690 erbauten Herrenhaus residierte bis 1945 die Familie von Oheimb (daher auch der Name "Gut Oheimb"). Landrat Alexander von Oheimb verdankt die Region das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, für dessen Bau und Standort er sich in Berlin einsetzte.Rothenhoff: Bedeutende Rolle in LokalgeschichteUm eine neue Nutzung bemüht sich auch Familie Harms für Rothenhoff in Costedt. Sie sucht einen Käufer für das Gut, das 1963 durch Erbschaft in die Familie kam. In der Vergangenheit spielte Rothenhoff immer wieder eine bedeutende Rolle in der Lokalgeschichte: Im Mittelalter war es Tafelgut der Mindener Bischöfe, unter Napoleon kaiserlich-französische Domäne, nach dem Zweiten Weltkrieg Wohnsitz des Oberbefehlshabers der Britischen Rheinarmee. Derzeit verwalten drei Erben der Eigentümerin Ursula Harms den großen Hof, der schon seit langem nicht mehr genutzt wird und der unter Denkmalschutz steht. In den 1980er-Jahren zerschlugen sich die Pläne der Familie, ihn in ein privates Sanatorium umzubauen. Die Anlage mit dem klassizistischen Herrenhaus, dem englischen Park und den gut erhaltenen Wirtschaftsgebäuden ist der wohl schönste Herrensitz in Porta Westfalica.Drei Generationen auf Gut WedigensteinWedigenstein an der B 61 in Barkhausen ist neben Eisbergen das einzige noch intakte Gut. Das verdankt es vor allem den behutsamen Modernisierungen und den Investitionen der Eigentümerfamilie Middelschulte. Seit 1913 gehört ihr das Anwesen, das, eingebettet in die sanften Hänge am Wiehengebirge, ein Kleinod großbürgerlicher Baukunst darstellt. Heute leben drei Generationen im Herrenhaus. Bewirtschaftet wird Wedigenstein nicht mehr, aber die immer noch umfangreichen Ländereien sind verpachtet.Der Eigentümer, der 36-jährige Hausarzt Arndt Middelschulte, versteht sich durchaus als "Hobbybauer", wenn er in seiner Freizeit auf den Traktor steigt oder Holz aus dem Wald holt. Dass Wedigenstein bisher nicht verkauft wurde, hat mit dem Mut der Familie zu tun, notwendige Reformen anzugehen. Mit dem Ergebnis, dass das Gut auch der nächsten Generation als Lebensgrundlage und Heimat dienen wird.Der erste Teil erscheint kommende Woche und handelt von Gut Amorkamp.

Gutsbesitzer treten kostspieliges Erbe an

Porta Westfalica (FR). Die Herrensitze in Porta Westfalica waren einst Machtzentren bedeutender Familien in der Region. Mal sind es prächtig-feudale Güter, mal bürgerlich-bescheidene. Einige wenige werden noch bewirtschaftet, andere verfallen oder stehen zum Verkauf. Das historische Erbe zu bewahren, ist keine leichte Aufgabe: Mancher Eigentümer ist damit schon gescheitert.

Historische Idylle: Diese Lithografie zeigt das Rittergut Holzhausen im 19. Jahrhundert, damals im Besitz von Landrat Alexander von Oheimb. - © Repro: Remmert/Sammlung Duncker
Historische Idylle: Diese Lithografie zeigt das Rittergut Holzhausen im 19. Jahrhundert, damals im Besitz von Landrat Alexander von Oheimb. - © Repro: Remmert/Sammlung Duncker

Amorkamp, Eisbergen, Holzhausen, Rothenhoff, Wedigenstein: Die Namen klingen vertraut, seit Jahrhunderten prägen diese Herrensitze das Erscheinungsbild und die gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur der Dörfer. Oft verwehren Mauern und Verbotsschilder den Zutritt zu ihnen. Ihre Bewohner, sofern es sie noch gibt, scheinen ein mehr oder weniger exklusives Eigenleben zu führen. Und dabei an Traditionen anzuknüpfen, die für viele Menschen heute bedeutungslos sind.

Heutige Realität: Das Herrenhaus von Gut Oheimb steht seit Jahren leer, sein Verfall tritt immer deutlicher zutage, sogar über einen Abriss wird spekuliert. - © Foto: Frank Remmert
Heutige Realität: Das Herrenhaus von Gut Oheimb steht seit Jahren leer, sein Verfall tritt immer deutlicher zutage, sogar über einen Abriss wird spekuliert. - © Foto: Frank Remmert
Der letzte Adelige in Porta, der ein Rittergut bewirtschaftet: Christoph Freiherr von Schellersheim aus Eisbergen. - © Foto: Ruben Silberling
Der letzte Adelige in Porta, der ein Rittergut bewirtschaftet: Christoph Freiherr von Schellersheim aus Eisbergen. - © Foto: Ruben Silberling

Hinter den Fassaden der Herrenhäuser aber nagt der Zahn der Zeit. Und der plagt alle, die das historische Erbe bewahren wollen, egal ob Adelige, Bürgerliche, Firmen, Kommunen oder den Denkmalschutz.

Das öffentliche Interesse an den Rittergütern ist groß, viele Bürger sind durchaus stolz auf die nahen repräsentativen Zeugen vergangener Jahrhunderte. Die MT-Serie versucht einen Blick hinter die oftmals noch prächtige Fassade zu werfen und sowohl historische Bedeutung als auch die aktuellen Probleme bei dem Erhalt der Anwesen aufzuzeigen.

Gut Eisbergen seit 250 Jahren in Familienbesitz

Mit Landwirtschaft ist heute kaum noch Geld zu verdienen. Steigende Kosten, Preisdruck und technischer Fortschritt machen die Bewirtschaftung unrentabel und den Beruf des Landwirts unattraktiv.

Gutsbesitzer Christoph Freiherr von Schellersheim in Eisbergen kennt weitere Gründe: "Es ist immer schwierig, Familienbesitz über Jahrhunderte zu erhalten. Das Problem ist, dass eine Generation ein großes Vermögen erworben hat, das dann aber von den Folgegenerationen nicht mehr gehalten werden kann." Hinzu komme, "dass durch Erbteilungen, Verkauf oder Zwangsabgaben an den Staat die landwirtschaftlichen Flächen immer kleiner geworden sind. Aber die Substanz der bewohnten Gutshäuser sei geblieben. "Das heißt: Sie sind zu groß, die Landwirtschaft trägt sie nicht mehr."

Schellersheim weiß, wovon er spricht: Er ist in Porta Westfalica der letzte Adelige, der noch ein Rittergut bewirtschaftet. Seit mehr als 250 Jahren ist Eisbergen in Familienbesitz.

Rittergut Amorkamp: Fass ohne Boden

Sein Onkel Diomed Freiherr von Schellersheim (1898 bis 1968) hatte da weniger Glück. Mit Rittergut Amorkamp in Holzhausen war ihm zwar ein großer Besitz in die Wiege gelegt worden, doch es fehlte ihm das Geschick, ihn zu halten. Wie viele Adelige seiner Zeit glaubte auch Schellersheim, sich ein standesgemäßes Leben zu schulden. So musste er bald immer größere Teile des Guts verkaufen, bis nur noch vier Morgen Land von einst 1900 Morgen übrig blieben.

1964 veräußerte er, hoch verschuldet und ein gebrochener Mann, Amorkamp an den Unternehmer Edgar Spier. Damit endete die mehr als 200-jährige Geschichte der Familie Schellersheim in Holzhausen. Edgar Spier versuchte zu retten, was zu retten war. Aber auch er stellt sich heute die Frage, wie es mit dem Besitz weitergehen soll. Seine Mittel und Kräfte sind erschöpft.

Rittergut Holzhausen vom Abriss bedroht

Fantasie und Leidenschaft sind beim Wiederaufbau von Rittergut Holzhausen im gleichnamigen Stadtteil gefragt. Seit vielen Jahren steht das denkmalgeschützte Herrenhaus leer und verfällt zusehends - und das Drumherum sieht ebenfalls trostlos aus.

Im Streit zwischen der Stadt Porta Westfalica und der Eigentümerin hat das Mindener Verwaltungsgericht 2010 den Abriss des Hauses verhindert - vorerst. Die Firma "Habitat Seniorenwohnheime" in Bad Sassendorf arbeitet an einem Entwicklungskonzept für das Gut, das viele Historiker als Keimzelle des Dorfs ansehen. Im Gespräch sind Wohnungen und Kleingewerbe.

In dem 1690 erbauten Herrenhaus residierte bis 1945 die Familie von Oheimb (daher auch der Name "Gut Oheimb"). Landrat Alexander von Oheimb verdankt die Region das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, für dessen Bau und Standort er sich in Berlin einsetzte.

Rothenhoff: Bedeutende Rolle in Lokalgeschichte

Um eine neue Nutzung bemüht sich auch Familie Harms für Rothenhoff in Costedt. Sie sucht einen Käufer für das Gut, das 1963 durch Erbschaft in die Familie kam. In der Vergangenheit spielte Rothenhoff immer wieder eine bedeutende Rolle in der Lokalgeschichte: Im Mittelalter war es Tafelgut der Mindener Bischöfe, unter Napoleon kaiserlich-französische Domäne, nach dem Zweiten Weltkrieg Wohnsitz des Oberbefehlshabers der Britischen Rheinarmee. Derzeit verwalten drei Erben der Eigentümerin Ursula Harms den großen Hof, der schon seit langem nicht mehr genutzt wird und der unter Denkmalschutz steht. In den 1980er-Jahren zerschlugen sich die Pläne der Familie, ihn in ein privates Sanatorium umzubauen. Die Anlage mit dem klassizistischen Herrenhaus, dem englischen Park und den gut erhaltenen Wirtschaftsgebäuden ist der wohl schönste Herrensitz in Porta Westfalica.

Drei Generationen auf Gut Wedigenstein

Wedigenstein an der B 61 in Barkhausen ist neben Eisbergen das einzige noch intakte Gut. Das verdankt es vor allem den behutsamen Modernisierungen und den Investitionen der Eigentümerfamilie Middelschulte. Seit 1913 gehört ihr das Anwesen, das, eingebettet in die sanften Hänge am Wiehengebirge, ein Kleinod großbürgerlicher Baukunst darstellt. Heute leben drei Generationen im Herrenhaus. Bewirtschaftet wird Wedigenstein nicht mehr, aber die immer noch umfangreichen Ländereien sind verpachtet.

Der Eigentümer, der 36-jährige Hausarzt Arndt Middelschulte, versteht sich durchaus als "Hobbybauer", wenn er in seiner Freizeit auf den Traktor steigt oder Holz aus dem Wald holt. Dass Wedigenstein bisher nicht verkauft wurde, hat mit dem Mut der Familie zu tun, notwendige Reformen anzugehen. Mit dem Ergebnis, dass das Gut auch der nächsten Generation als Lebensgrundlage und Heimat dienen wird.

Der erste Teil erscheint kommende Woche und handelt von Gut Amorkamp.

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