33 „Megagefahren“ am Wolfsschluchtweg: NRW-Ministerium äußert sich zur umstrittenen Sperrung Dirk Haunhorst Porta Westfalica. Elke Brandt ist „sehr erschrocken" über das, was sie da lesen muss. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Portaner CDU hat von ihrer Parteifreundin, der Landtagsabgeordneten Kirstin Korte gestern ein ausführliches Schreiben erhalten. Darin begründet das NRW-Umweltministerium auf Anfrage von Korte die Schließung des Wolfsschluchtweges. Dabei ist auch von "Megagefahren" die Rede. Das Resümee der Landespolitikerin in ihrem Brief an Brandt: „Aus meiner Laiensicht sind die Abläufe nachvollziehbar und die Sperrung des Weges ist – leider – eine logische Folge." Allerdings ist das Thema für Kirstin Korte noch nicht erledigt, wie sie gegenüber dem MT betonte. Sie habe aktuelle Informationen erhalten, dass es 2017 anlässlich der Ausweisung des Naturschutzgebietes, in dem der Wolfschluchtweg liegt, auch noch eine andere Sichtweise als die des Umweltministeriums gegeben habe. Konkretes könne sie noch nicht sagen, wolle dem Hinweis aber nachgehen und schauen, ob das ein möglicher Ansatzpunkt sei, die Sperrung des Weges zu überdenken. Im Grunde genommen zeige sich beim Wolfsschluchtweg ein klassisches Problem, so Korte: Man wolle etwas für den Naturschutz tun, sperre aber die Menschen aus, so dass diese die schützenswerten Besonderheiten gar nicht wahrnehmen könnten. Wie gestern berichtet, kämpft eine Initiative aus Barkhauser Politikern sowie Landschaftsführern und Heimatpflegern für die Öffnung des beliebten Wolfsschluchtweges, der Kaiser-Denkmal und Wittekindsburg verbindet. Daran halte man auch nach der Antwort des Ministeriums fest, bekräftigte gestern Dirk Rahnenführer (SPD), der ebenfalls das Korte-Schreiben gelesen hat. Der Vorsitzende des Barkhauser Bezirksausschusses wundert sich vor allem über so genannte „Megagefahren". Er kenne nur Bäume, die umstürzen, und Äste, die herabfallen können, so Rahnenführer. „Wer definiert denn, was eine Megagefahr darstellt?" Sollten die jüngsten trockenen Sommer solche Megagefahren mitverursacht haben, dann hätte man diese Gefahrenkategorie wohl nicht nur am Wolfsschluchtweg, sondern fast überall. Rahnenführer erwartet, dass die heimischen Landtagsabgeordneten in dieser Sache nachfassen. Eventuell müsse man über eine Petition zur Öffnung des Wolfsschluchtweges nachdenken. Das NRW-Umweltministerium hat der Abgeordneten Korte in seinem Schreiben folgenden Sachverhalt mitgeteilt: Der Südhang des Wittekindsberges ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen und Teil des FFH-Gebietes „Wälder bei Porta Westfalica". Er befindet sich im Eigentum des Landes NRW. Ein Teil dieses Südhangs ist zusätzlich 2017 als Wildnisentwicklungsgebiet ausgewiesen worden. Ein freiwilliger Verzicht auf eine forstliche Nutzung sowie Bestrebungen, das Gebiet aus naturschutzfachlichen Gründen möglichst zu beruhigen, existierten aber schon länger. Anlässlich der Änderung der jüngsten Änderung des Landschaftsplanes Porta Westfalica sei verstärkt über die Begehbarkeit der Wege diskutiert worden, auch über den Wolfsschluchtweg, der in weiten Teilen den Charakter eines Pfades aufweise. Die Verkehrssicherungspflicht obliegt dem Eigentümer, also dem Land NRW. Um zu ermitteln, welche Gefahren von den Bäumen entlang des Wolfsschluchtwegs ausgehen, gab der Landesbetrieb Wald und Holz NRW ein Gutachten in Auftrag. In der Expertise aus dem Jahr 2018 steht, dass insgesamt 33 Bäume (30 Buchen, zwei Eschen, eine Ulme) am Wolfsschluchtweg als „Megagefahren" anzusehen sind. Bei den Bäumen handele es sich um acht große und größtenteils vitale Buchen, zehn abgestorbene Bäume sowie um 16 tote Hochstubben mit einer Höhe zwischen acht und 18 Metern. Von diesen haben Gutachter zehn (neun Buchen und eine Eiche) als „markante Habitatbäume" ausgewiesen. Das sind Bäume, die wertvolle Strukturen wie Spechtlöcher, gelöste Rindenbereiche und Höhlungen aufweisen. Von diesen zehn Bäumen seien fünf bereits tot. Das Gutachten nenne diverse weitere Bäume, die in den kommenden Jahren nach und nach zu Megagefahren werden könnten, so das Umweltministerium. Es weist zudem auf eine Ortsbegehung hin, an der sich am 19. März 2019 neben dem Ministerium auch Naturschutz- und Forstbehörden beteiligt haben. Das protokollierte Ergebnis: Die Alters- und Zerfallsphase des Baumbestands entlang des Weges ist bereits deutlich erkennbar. Die Topographie des Geländes trägt dazu bei, dass jederzeit mit umstürzenden Bäumen gerechnet werden muss. „Die Situation wird dadurch verschärft, dass die große Trockenheit der Jahre 2018 und 2019 auch dazu beiträgt, dass einige Bäume vorzeitig absterben werden, Kronenäste durch Embolien abstoßen sowie Kronenbrüche auftreten können. Es besteht daher eine unmittelbar drohende Gefahr für Erholungssuchende, die den Wolfsschluchtweg betreten." Die zuständige Fachabteilung, so das Ministerium, sei dann zu folgendem Schluss gekommen: Um Spaziergänger zu schützen, müssten umsturzgefährdete Baume gefällt werden. Solche Verkehrssicherungsmaßnahmen kämen jedoch auf dem Wolfsschluchtweges nicht in Betracht, „da sie perspektivisch auf der gesamten Länge des Wildnisentwicklungsgebiets und bis in eine Tiefe von bis zu 30 Metern durchgeführt werden müssten". In den betroffenen Bereichen wäre dies unvereinbar mit der Erhaltung und Entwicklung naturnaher alt- und totholzreicher Waldflächen und der Schaffung eines an diese Alters- und Zerfallsphasen gebunden Lebensraums für Tiere und Pflanzen." Daher, so das Ministerium, habe die Fachabteilung per Erlass vom 2. Dezember 2019 die Sperrung des Weges verfügt. Eigentlich wollten die verantwortlichen Behörden die Sperrung des Weges im April in einer öffentlichen Veranstaltung erläutern. Diese sei wegen der Coronakrise entfallen, solle aber nachgeholt werden. Was heißt Megagefahr?Ina Bormann, Fachgebietsleiterin im Regionalforstamt OWL, äußerte sich gestern auf MT-Anfrage zu dem Begriff „Megagefahr". Dieser habe sich im Forstbereich als Bezeichnung für außergewöhnliche Gefahren eingebürgert, sei aber nicht gerichtsfest. Gemeint seien Gefahren, die weit über das waldtypische Gefahrenpotenzial hinausgingen und praktisch für jedermann erkennbar seien. Dazu zählten zum Beispiel gespaltene Stämme, auffälliger Schrägstand, gelockerte Wurzeln oder auch ein sichtbar großer Pilzbefall.

33 „Megagefahren“ am Wolfsschluchtweg: NRW-Ministerium äußert sich zur umstrittenen Sperrung

Holger-Karsten Raguse vom Regionalforstamt OWL verteidigte Ende März die Sperrung des Wolfsschluchtweges. MT- © Foto: Dirk Haunhorst

Porta Westfalica. Elke Brandt ist „sehr erschrocken" über das, was sie da lesen muss. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Portaner CDU hat von ihrer Parteifreundin, der Landtagsabgeordneten Kirstin Korte gestern ein ausführliches Schreiben erhalten. Darin begründet das NRW-Umweltministerium auf Anfrage von Korte die Schließung des Wolfsschluchtweges. Dabei ist auch von "Megagefahren" die Rede. Das Resümee der Landespolitikerin in ihrem Brief an Brandt: „Aus meiner Laiensicht sind die Abläufe nachvollziehbar und die Sperrung des Weges ist – leider – eine logische Folge."

Allerdings ist das Thema für Kirstin Korte noch nicht erledigt, wie sie gegenüber dem MT betonte. Sie habe aktuelle Informationen erhalten, dass es 2017 anlässlich der Ausweisung des Naturschutzgebietes, in dem der Wolfschluchtweg liegt, auch noch eine andere Sichtweise als die des Umweltministeriums gegeben habe. Konkretes könne sie noch nicht sagen, wolle dem Hinweis aber nachgehen und schauen, ob das ein möglicher Ansatzpunkt sei, die Sperrung des Weges zu überdenken. Im Grunde genommen zeige sich beim Wolfsschluchtweg ein klassisches Problem, so Korte: Man wolle etwas für den Naturschutz tun, sperre aber die Menschen aus, so dass diese die schützenswerten Besonderheiten gar nicht wahrnehmen könnten.

Schräg stehende, abgestorbene Buche: eine von 33 „Megagefahren“. Foto: Büro Ludwig/Forstamt OWL - © Raguse
Schräg stehende, abgestorbene Buche: eine von 33 „Megagefahren“. Foto: Büro Ludwig/Forstamt OWL - © Raguse

Wie gestern berichtet, kämpft eine Initiative aus Barkhauser Politikern sowie Landschaftsführern und Heimatpflegern für die Öffnung des beliebten Wolfsschluchtweges, der Kaiser-Denkmal und Wittekindsburg verbindet. Daran halte man auch nach der Antwort des Ministeriums fest, bekräftigte gestern Dirk Rahnenführer (SPD), der ebenfalls das Korte-Schreiben gelesen hat. Der Vorsitzende des Barkhauser Bezirksausschusses wundert sich vor allem über so genannte „Megagefahren". Er kenne nur Bäume, die umstürzen, und Äste, die herabfallen können, so Rahnenführer. „Wer definiert denn, was eine Megagefahr darstellt?" Sollten die jüngsten trockenen Sommer solche Megagefahren mitverursacht haben, dann hätte man diese Gefahrenkategorie wohl nicht nur am Wolfsschluchtweg, sondern fast überall. Rahnenführer erwartet, dass die heimischen Landtagsabgeordneten in dieser Sache nachfassen. Eventuell müsse man über eine Petition zur Öffnung des Wolfsschluchtweges nachdenken.

Das NRW-Umweltministerium hat der Abgeordneten Korte in seinem Schreiben folgenden Sachverhalt mitgeteilt: Der Südhang des Wittekindsberges ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen und Teil des FFH-Gebietes „Wälder bei Porta Westfalica". Er befindet sich im Eigentum des Landes NRW. Ein Teil dieses Südhangs ist zusätzlich 2017 als Wildnisentwicklungsgebiet ausgewiesen worden. Ein freiwilliger Verzicht auf eine forstliche Nutzung sowie Bestrebungen, das Gebiet aus naturschutzfachlichen Gründen möglichst zu beruhigen, existierten aber schon länger.

Anlässlich der Änderung der jüngsten Änderung des Landschaftsplanes Porta Westfalica sei verstärkt über die Begehbarkeit der Wege diskutiert worden, auch über den Wolfsschluchtweg, der in weiten Teilen den Charakter eines Pfades aufweise. Die Verkehrssicherungspflicht obliegt dem Eigentümer, also dem Land NRW. Um zu ermitteln, welche Gefahren von den Bäumen entlang des Wolfsschluchtwegs ausgehen, gab der Landesbetrieb Wald und Holz NRW ein Gutachten in Auftrag.

In der Expertise aus dem Jahr 2018 steht, dass insgesamt 33 Bäume (30 Buchen, zwei Eschen, eine Ulme) am Wolfsschluchtweg als „Megagefahren" anzusehen sind. Bei den Bäumen handele es sich um acht große und größtenteils vitale Buchen, zehn abgestorbene Bäume sowie um 16 tote Hochstubben mit einer Höhe zwischen acht und 18 Metern. Von diesen haben Gutachter zehn (neun Buchen und eine Eiche) als „markante Habitatbäume" ausgewiesen. Das sind Bäume, die wertvolle Strukturen wie Spechtlöcher, gelöste Rindenbereiche und Höhlungen aufweisen. Von diesen zehn Bäumen seien fünf bereits tot. Das Gutachten nenne diverse weitere Bäume, die in den kommenden Jahren nach und nach zu Megagefahren werden könnten, so das Umweltministerium.

Es weist zudem auf eine Ortsbegehung hin, an der sich am 19. März 2019 neben dem Ministerium auch Naturschutz- und Forstbehörden beteiligt haben. Das protokollierte Ergebnis: Die Alters- und Zerfallsphase des Baumbestands entlang des Weges ist bereits deutlich erkennbar. Die Topographie des Geländes trägt dazu bei, dass jederzeit mit umstürzenden Bäumen gerechnet werden muss. „Die Situation wird dadurch verschärft, dass die große Trockenheit der Jahre 2018 und 2019 auch dazu beiträgt, dass einige Bäume vorzeitig absterben werden, Kronenäste durch Embolien abstoßen sowie Kronenbrüche auftreten können. Es besteht daher eine unmittelbar drohende Gefahr für Erholungssuchende, die den Wolfsschluchtweg betreten."

Die zuständige Fachabteilung, so das Ministerium, sei dann zu folgendem Schluss gekommen: Um Spaziergänger zu schützen, müssten umsturzgefährdete Baume gefällt werden. Solche Verkehrssicherungsmaßnahmen kämen jedoch auf dem Wolfsschluchtweges nicht in Betracht, „da sie perspektivisch auf der gesamten Länge des Wildnisentwicklungsgebiets und bis in eine Tiefe von bis zu 30 Metern durchgeführt werden müssten". In den betroffenen Bereichen wäre dies unvereinbar mit der Erhaltung und Entwicklung naturnaher alt- und totholzreicher Waldflächen und der Schaffung eines an diese Alters- und Zerfallsphasen gebunden Lebensraums für Tiere und Pflanzen." Daher, so das Ministerium, habe die Fachabteilung per Erlass vom 2. Dezember 2019 die Sperrung des Weges verfügt.

Eigentlich wollten die verantwortlichen Behörden die Sperrung des Weges im April in einer öffentlichen Veranstaltung erläutern. Diese sei wegen der Coronakrise entfallen, solle aber nachgeholt werden.

Was heißt Megagefahr?
Ina Bormann, Fachgebietsleiterin im Regionalforstamt OWL, äußerte sich gestern auf MT-Anfrage zu dem Begriff „Megagefahr". Dieser habe sich im Forstbereich als Bezeichnung für außergewöhnliche Gefahren eingebürgert, sei aber nicht gerichtsfest. Gemeint seien Gefahren, die weit über das waldtypische Gefahrenpotenzial hinausgingen und praktisch für jedermann erkennbar seien. Dazu zählten zum Beispiel gespaltene Stämme, auffälliger Schrägstand, gelockerte Wurzeln oder auch ein sichtbar großer Pilzbefall.

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