Porta Westfalica

Therapie auf Distanz - Die Portanerin Inga Bruckschen berichtet über die Arbeit von Kinder- und Jugendpsychologen in Corona-Zeiten

Dirk Haunhorst

Porta Westfalica. Auch die psychotherapeutische Hilfe für Kinder und Jugendliche ändert sich in der Corona-Zeit. Die Praxis von Inga Bruckschen hat komplett auf Videosprechstunde umgestellt. Diese Möglichkeit sei für sie besonders wichtig, berichtet die Diplom-Psychologin dem MT, weil sie infolge einer früheren Lungenentzündung immer wieder Probleme habe und selbst zur Risikogruppe gehöre.

- © haunhorst
(© haunhorst)

Vor einem Jahr wäre ein Therapiegespräch per Videoschalte noch undenkbar gewesen, so Bruckschen. Erst seit dem vergangenen Herbst sei das möglich, allerdings unter Auflagen. Erstkontakte müssen eigentlich weiterhin im persönlichen Gespräch erfolgen und normalerweise dürften lediglich 20 Prozent der Sprechstunden übers Video erfolgen. Diese Einschränkungen, so Bruckschen, seien während der Corona-Krise ausgesetzt.

Persönliche Kontakte sind bei Therapiegesprächen eigentlich üblich, Videosprechstunden bislang die Ausnahme. Doch auch das ändert sich in Coronazeiten. Für einige Jugendliche ist das sogar ein Vorteil. Foto: imago-images - © imago images / Panthermedia
Persönliche Kontakte sind bei Therapiegesprächen eigentlich üblich, Videosprechstunden bislang die Ausnahme. Doch auch das ändert sich in Coronazeiten. Für einige Jugendliche ist das sogar ein Vorteil. Foto: imago-images (© imago images / Panthermedia)

Das Gespräch via Video sei zwar eine Hilfe, schränke die Wahrnehmung der Therapeuten gleichwohl ein. Grundsätzlich wäre in manchen Situationen der direkte Kontakt zum Gegenüber wünschenswert, gibt die Portanerin zu. Denn um eine Person einschätzen zu können, spiele unter anderem die Gestik eine Rolle. Und die sei im Video nicht oder kaum wahrnehmbar.

Technikeinsatz ist vom Alter abhängig: Bei Kindern ab etwa acht Jahren sei ein Videogespräch gut möglich. Für einige Jugendliche, um die sich Bruckschen hauptsächlich kümmert, sei der Fernkontakt sogar von Vorteil, weil sie nicht in der Praxis erscheinen müssten. „Manche haben ja deutliche Antriebsschwächen und normalerweise deshalb schon Schwierigkeiten, immer zur Therapie zu erscheinen.“

Anders sehe es bei ihrer angestellten Psychotherapeutin aus, die Kinder betreue. Hier mache eine Videotherapie wenig Sinn, weil vieles über spielerische Methoden erfolge, sagt Bruckschen. „Dort brechen die Patientenzahlen deutlich ein. Deshalb musste ich auf Kurzarbeit zurückgreifen.“ Akute Fälle leite ihre Praxis derzeit direkt in die Notfallambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie weiter, berichtet Bruckschen.

Diagnostische Verfahren wie Intelligenztests, Tests zur Erfassung einer Lese- und Rechtschreibstörung oder einer Mathematikschwäche fallen wegen des notwendigen persönlichen Kontaktes komplett aus. Da die Schulen geschlossen seien, eilten solche Bescheinigungen allerdings nicht allzu sehr.

Als im Laufe des März das Thema Corona immer breiteren Raum in der öffentlichen Debatte einnahm, habe sich praktisch jede Therapiesitzung mit Corona beschäftigt, sagt Bruckschen. „Das war wichtig, um herauszufinden, wer Aufklärung benötigt, wer eher beruhigende Worte oder weitere Tipps zum Thema braucht.“ Eine zusätzliche Belastung sei die Coronakrise vor allem für Kinder und Jugendliche, die unter Angst- und Zwangsstörungen leiden. Dort drehe sich vieles um Hygiene und die mögliche Ausbreitung der Viren sowie mögliche Folgen für sich oder Familienmitglieder. Das Thema komme bei Angstpatienten oftmals nicht zur Ruhe, weil diese dazu neigten, an alle beruhigenden Erklärungen ein „Ja, aber“ dranzuhängen.

Grundsätzlich hänge die Beschäftigung mit dem Virusthema stark vom Alter ab. Für Kinder bis sechs Jahre spiele es kaum eine Rolle, zumal die Eltern es in der Regel schafften, altersgerecht aufzuklären und die Kinder nicht nervös zu machen. Zwischen dem siebten und zwölften Lebensjahr wüssten die Kinder deutlich mehr über die Folgen der Krise. Sie machten sich dann hauptsächlich Gedanken um ihre Großeltern, einige wenige um die finanzielle Lage zuhause.

„Ab dem 13. Lebensjahr gehen Jugendliche sehr unterschiedlich mit dem Thema um“, sagt Bruckschen. Einige seien besorgt, andere eher auf sich selbst fokussiert und extrem gelangweilt. Andere wiederum verstünden die Problematik gar nicht, fänden die Maßnahmen übertrieben und meinten irrtümlich, es träfe ausschließlich alte Leute. „Manchmal ist das schon erschreckend, wie wenig sie sich einfühlen können, wenn es altersmäßig noch so weit weg von ihnen ist.“ Es gebe aber auch durchaus viele gut informierte Jugendliche, die sich an die Anweisungen hielten und erfinderisch seien, um sich die Zeit zu vertreiben. „Zum Beispiel mit der App Houseparty, bei der es um Gruppenvideotelefonie geht.“

Die Psychologin plädiert beim alles beherrschenden Thema für Aufklärung. Es helfe Kindern und Jugendlichen, immer wieder darüber zu reden und deutlich zu machen, was man im Moment tun kann, um Infektionen zu vermeiden. Und dazu zähle nun einmal, Kontakte zu vermeiden, Hände zu waschen und Desinfektion. Am besten könnten Eltern beruhigend auf ihre Kinder einwirken und machten das in den allermeisten Fällen „einfach großartig“, so Inga Bruckschens Beobachtung.

Der Autor ist erreichbarunter Telefon (05 71) 882 164 oder Dirk.Haunhorst@MT.de

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Porta WestfalicaTherapie auf Distanz - Die Portanerin Inga Bruckschen berichtet über die Arbeit von Kinder- und Jugendpsychologen in Corona-ZeitenDirk HaunhorstPorta Westfalica. Auch die psychotherapeutische Hilfe für Kinder und Jugendliche ändert sich in der Corona-Zeit. Die Praxis von Inga Bruckschen hat komplett auf Videosprechstunde umgestellt. Diese Möglichkeit sei für sie besonders wichtig, berichtet die Diplom-Psychologin dem MT, weil sie infolge einer früheren Lungenentzündung immer wieder Probleme habe und selbst zur Risikogruppe gehöre. Vor einem Jahr wäre ein Therapiegespräch per Videoschalte noch undenkbar gewesen, so Bruckschen. Erst seit dem vergangenen Herbst sei das möglich, allerdings unter Auflagen. Erstkontakte müssen eigentlich weiterhin im persönlichen Gespräch erfolgen und normalerweise dürften lediglich 20 Prozent der Sprechstunden übers Video erfolgen. Diese Einschränkungen, so Bruckschen, seien während der Corona-Krise ausgesetzt. Das Gespräch via Video sei zwar eine Hilfe, schränke die Wahrnehmung der Therapeuten gleichwohl ein. Grundsätzlich wäre in manchen Situationen der direkte Kontakt zum Gegenüber wünschenswert, gibt die Portanerin zu. Denn um eine Person einschätzen zu können, spiele unter anderem die Gestik eine Rolle. Und die sei im Video nicht oder kaum wahrnehmbar. Technikeinsatz ist vom Alter abhängig: Bei Kindern ab etwa acht Jahren sei ein Videogespräch gut möglich. Für einige Jugendliche, um die sich Bruckschen hauptsächlich kümmert, sei der Fernkontakt sogar von Vorteil, weil sie nicht in der Praxis erscheinen müssten. „Manche haben ja deutliche Antriebsschwächen und normalerweise deshalb schon Schwierigkeiten, immer zur Therapie zu erscheinen.“ Anders sehe es bei ihrer angestellten Psychotherapeutin aus, die Kinder betreue. Hier mache eine Videotherapie wenig Sinn, weil vieles über spielerische Methoden erfolge, sagt Bruckschen. „Dort brechen die Patientenzahlen deutlich ein. Deshalb musste ich auf Kurzarbeit zurückgreifen.“ Akute Fälle leite ihre Praxis derzeit direkt in die Notfallambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie weiter, berichtet Bruckschen. Diagnostische Verfahren wie Intelligenztests, Tests zur Erfassung einer Lese- und Rechtschreibstörung oder einer Mathematikschwäche fallen wegen des notwendigen persönlichen Kontaktes komplett aus. Da die Schulen geschlossen seien, eilten solche Bescheinigungen allerdings nicht allzu sehr. Als im Laufe des März das Thema Corona immer breiteren Raum in der öffentlichen Debatte einnahm, habe sich praktisch jede Therapiesitzung mit Corona beschäftigt, sagt Bruckschen. „Das war wichtig, um herauszufinden, wer Aufklärung benötigt, wer eher beruhigende Worte oder weitere Tipps zum Thema braucht.“ Eine zusätzliche Belastung sei die Coronakrise vor allem für Kinder und Jugendliche, die unter Angst- und Zwangsstörungen leiden. Dort drehe sich vieles um Hygiene und die mögliche Ausbreitung der Viren sowie mögliche Folgen für sich oder Familienmitglieder. Das Thema komme bei Angstpatienten oftmals nicht zur Ruhe, weil diese dazu neigten, an alle beruhigenden Erklärungen ein „Ja, aber“ dranzuhängen. Grundsätzlich hänge die Beschäftigung mit dem Virusthema stark vom Alter ab. Für Kinder bis sechs Jahre spiele es kaum eine Rolle, zumal die Eltern es in der Regel schafften, altersgerecht aufzuklären und die Kinder nicht nervös zu machen. Zwischen dem siebten und zwölften Lebensjahr wüssten die Kinder deutlich mehr über die Folgen der Krise. Sie machten sich dann hauptsächlich Gedanken um ihre Großeltern, einige wenige um die finanzielle Lage zuhause. „Ab dem 13. Lebensjahr gehen Jugendliche sehr unterschiedlich mit dem Thema um“, sagt Bruckschen. Einige seien besorgt, andere eher auf sich selbst fokussiert und extrem gelangweilt. Andere wiederum verstünden die Problematik gar nicht, fänden die Maßnahmen übertrieben und meinten irrtümlich, es träfe ausschließlich alte Leute. „Manchmal ist das schon erschreckend, wie wenig sie sich einfühlen können, wenn es altersmäßig noch so weit weg von ihnen ist.“ Es gebe aber auch durchaus viele gut informierte Jugendliche, die sich an die Anweisungen hielten und erfinderisch seien, um sich die Zeit zu vertreiben. „Zum Beispiel mit der App Houseparty, bei der es um Gruppenvideotelefonie geht.“ Die Psychologin plädiert beim alles beherrschenden Thema für Aufklärung. Es helfe Kindern und Jugendlichen, immer wieder darüber zu reden und deutlich zu machen, was man im Moment tun kann, um Infektionen zu vermeiden. Und dazu zähle nun einmal, Kontakte zu vermeiden, Hände zu waschen und Desinfektion. Am besten könnten Eltern beruhigend auf ihre Kinder einwirken und machten das in den allermeisten Fällen „einfach großartig“, so Inga Bruckschens Beobachtung. Der Autor ist erreichbarunter Telefon (05 71) 882 164 oder Dirk.Haunhorst@MT.de