Porta Westfalica.

Eingepfercht in Güterwaggons: Am 1. April 1945 räumt das NS-Regime das KZ-Lager an der Porta

Dirk Haunhorst

Diese Aufnahme entstand nach Kriegsende und zeigt die Hofseite des Kaiserhof-Saals. Das Barkhauser Hotel war 1944 von der SS beschlagnahmt worden. Fotos: Dänisches Freiheitsmuseum - © Fotoarchiv des Dänischen Freiheitsmuseums
Diese Aufnahme entstand nach Kriegsende und zeigt die Hofseite des Kaiserhof-Saals. Das Barkhauser Hotel war 1944 von der SS beschlagnahmt worden. Fotos: Dänisches Freiheitsmuseum (© Fotoarchiv des Dänischen Freiheitsmuseums)

Porta Westfalica. KZ-Häftinge schufteten im letzten Kriegsjahr an der Porta, um in den Stollen beidseits der Weser Produktionsräume für kriegswichtige Industrie zu schaffen. Am 18. März 1944 trafen die ersten 300 Häftlinge aus dem KZ Buchenwald in Porta ein. Allein im Saal des Barkhauser Hotels Kaiserhof, das die SS beschlagnahmt hatte, pferchte das Regime ungefähr 1.500 Häftlinge aus 17 Nationen zusammen. Weitere Lager in Hausberge, Lerbeck und Vennebeck kamen hinzu. Angesichts der vorrückenden alliierten Truppen räumte die SS am 1. April 1945 die Lager an der Porta. Die Schreckenszeit war damit für viele Häftlinge aber nicht beendet, berichtet Thomas Lange, Geschäftsführer des Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica.

Alliierte Truppen befreiten 1945 mehrere Konzentrationslager. Was geschah am 1. April in den KZ-Lagern an der Porta?

Von einer Befreiung kann man in keinem Fall sprechen. Der 1. April 1945 war Ostersonntag, die Häftlinge hätten trotz des Feiertages zur Arbeit antreten müssen. Erst am 31. März wurde innerhalb der Lager verkündet, dass die Evakuierung kurz bevorsteht. Die spärlichen Lagerbestände der Küche wurden von sogenannten Funktionshäftlingen daraufhin geplündert.

Der Historiker Thomas Lange ist Geschäftsführer des Gedenkstättenvereins. - © Foto: Alex Lehn
Der Historiker Thomas Lange ist Geschäftsführer des Gedenkstättenvereins. (© Foto: Alex Lehn)

Was sind Funktionshäftlinge?

Gemeint sind dabei meist Lager- oder Stubenälteste, die Leitungs- und Kontrollfunktionen im Lager innehatten – sie stellten sozusagen die Verlängerung der SS-Herrschaft in die Lagergesellschaft dar. Aber es waren eben auch Häftlinge mit Funktionen in der Küche oder im Krankenbau. Im geschilderten Fall handelte es sich um den Lagerältesten und seine direkten Untergebenen, die in Porta ohnehin gefürchtet waren. Der direkte Nahrungszugriff war einer der überlebenswichtigen Vorteile, warum Häftlinge diese Position überhaupt annahmen. Georg Knögl, als Lagerältester sozusagen der oberste Funktionshäftling, wurde für seine Mitwirkungen an Mord und Folter im Lager nach dem Krieg von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.

- © Fotoarchiv des Dänischen Freiheitsmuseums
(© Fotoarchiv des Dänischen Freiheitsmuseums)

Wohin wurden die KZ-Häftlinge am Ostersonntag 1945 gebracht?

Die Häftlinge aller Portaner Lager marschierten in den frühen Morgenstunden zum Güterbahnhof, wo sie in Güterwaggons eingepfercht wurden. Bei Morgengrauen setzte der Zug sich in Bewegung. Wie viele Züge Porta Westfalica insgesamt verließen, ist unklar. In den Häftlingsberichten ist von einem langen Zug die Rede, der hinter Hannover geteilt wurde. Auch ob sich Männer und Frauen in den selben Zügen befanden, ist aus den Erinnerungsberichten nicht nachzuvollziehen.

- © Fotoarchiv des Dänischen Freiheitsmuseums
(© Fotoarchiv des Dänischen Freiheitsmuseums)

Welches Ziel hatten die Züge?

Klar ist, dass es mindestens vier Transportrouten gegeben hat, zwei Männer- und zwei Frauentransporte. Der erste Männertransport kam am 3. April im Lager Laagberg/Fallersleben an, Laagberg wiederum wurde am 8. April in Richtung Wöbbelin in Mecklenburg-Vorpommern geräumt. Der zweite Transport fuhr über Schandelah nach Beendorf in Sachsen-Anhalt, Beendorf wurde am 10. April ebenfalls in Richtung Wöbbelin geräumt. Wöbbelin wurde erst am 2. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit.

Was geschah mit den Frauen?

Sie sind ähnliche Routen abgefahren, allerdings waren die Ziele andere. Ein Transport fuhr über Laagberg/Fallersleben nach Salzwedel. Hier wurde ein Teil der Frauen aus Porta Westfalica am 14. April befreit. Der zweite Transport nahm die Strecke über Beendorf und fuhr von dort aus in Richtung Hamburg. Hier wurden die Frauen auf mehrere Lager verteilt, Sasel und Eidelstedt sind bekannt. Ein Großteil der Häftlinge dieser Lager hatte die Chance, noch Anfang Mai mit Bussen des Roten Kreuzes nach Schweden evakuiert zu werden.

Wie viele Häftlinge lebten zum Zeitpunkt der Evakuierung in Porta?

Eine Häftlingszählung aus dem März 1945 ergab, dass sich in Barkhausen um die 1.200 Männer befunden haben, in Lerbeck 469 Männer und in Hausberge 967 Frauen. Da die dänischen Häftlinge aus Barkhausen kurz vor der Räumung der Lager schon in Richtung des sogenannten „Skandinavierlagers“ in Neuengamme und von dort aus mit der Bernadotte-Aktion nach Schweden evakuiert worden sind, gleichzeitig aber ungefähr 200 Häftlinge aus Lengerich hinzu kamen, kann man die Häftlingszahl in Barkhausen nur ungefähr benennen.

In welchem Zustand befanden sich die Männer und Frauen am Tag ihrer Evakuierung?

Ihr Zustand war bereits mehr als katastrophal, sie waren unterernährt und durch die Misshandlungen von SS, Wachmannschaften und Zivilarbeitern gezeichnet. Die Häftlinge wurden auf dem Weg zum Bahnhof schikaniert und verprügelt. Berichte von Erschießungen lassen sich aber bis heute nicht bestätigen.

Wie ist die Quellenlage zur Lagerräumung in Porta?

Es gibt noch viel Forschungsbedarf. So gut wie alles Wissen zur Räumung der Lager basiert auf Häftlingsberichten, die nicht immer deckungsgleich sind, selbst wenn sich Häftlinge im selben Transport befunden haben. Aus neueren Archivfunden lässt sich außerdem nachweisen, dass mehrere Häftlinge bereits während des Bestehens des Lagers in andere KZs verlegt wurden. Auch hier gilt es noch weitere Forschungen anzustellen, um die Häftlingswege besser nachzeichnen zu können.

Gibt es Hinweise, wie dieBevölkerung auf das Ende derKZ-Lager reagierte?

Kaum. Allerdings ging die Räumung der Lager mit einer einsetzenden Flucht vor den Alliierten einher. Häftlinge beschreiben, dass am Osterwochenende rund um die Porta unzählige Menschen in Richtung Osten unterwegs waren.

Wie viele KZ-Häftlinge sind in den Portaner Lagern ums Lebengekommen?

Die Anzahl der Todesopfer ist weiterhin unklar, sie wird die Forschung auch noch einige Zeit beschäftigen. Im Totenbuch Neuengamme sind knapp über 100 Tote für alle Portaner Lager angegeben. Diese Zahl umfasst lediglich die Toten, deren Sterbeurkunde entweder in Barkhausen, Hausberge oder Neuengamme vorlag und deren Ableben man sicher so nachweisen kann. Nicht gezählt wurden hier die Häftlinge, die beispielsweise auf einen Rücktransport nach Neuengamme gegangen sind und dort starben, oder auch alle Häftlinge, die während der Evakuierungstransporte ums Leben kamen.

Wie viele Jahre verstrichen, bis die KZ-Zeit an der Porta systematisch aufgearbeitet wurde?

Die erste wirkliche Aufarbeitung fand in den 1980er Jahren statt, zwei Forschungsarbeiten und vor allen Dingen die Arbeit einer Schülergruppe am Gymnasium Porta Westfalica führten dazu, dass 1992 das Mahnmal für die Opfer der Außenlager an der Porta am Grünen Markt eingeweiht werden konnte. Für die Forschung interessant ist allerdings auch die Zeit zwischen 1945 und 1980. In diesen 35 Jahren spielten die Spätfolgen des Krieges selbstverständlich ebenfalls eine Rolle – hier wird unser Forschungsprojekt ebenfalls ansetzen.

Zur Aufklärung über die Konzentrationslager an der Porta soll eine neue Gedenkstätte beitragen. Wie weit ist dieses Projekt?

Wir sind aktuell mit den Projektbausteinen 1 und 2 befasst. Baustein 1 befasst sich mit der weiteren baulichen Sicherung und Ertüchtigung der Anlage Dachs 1 für die Führungen unter Tage, Baustein 2 mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung, die sich unter anderem mit den Fragen über die Umstände der Lagerräumung auseinandersetzt. Leider mussten wir einige Veranstaltungen wegen der aktuellen Corona-Lage verschieben. Die für Juni 2020 geplante Tagung in Zusammenarbeit mit dem LWL-Institut für Westfälische Regionalgeschichte ist beispielsweise auf 2021 verschoben worden.

Was passiert mit den geplanten Führungen im Jakobsberg?

Die Führungen in der ehemaligen Untertageverlagerung Dachs 1 sind für dieses Jahr weiterhin fest eingeplant, die Vorbereitungen laufen auch Hochtouren. Allerdings haben wir auch hier die aktuelle Pandemielage im Blick.

Erinnerungen von Häftlingen

„Morgens um fünf führte man uns auf die leere und ausgestorbene Straße. Außer uns gab es dort niemanden. Erst vor der Brücke sahen wir irgendwelche Militärs. Auf beiden Seiten der Brücke, dort wo die Übergänge für die Fußgänger waren, standen alle paar Meter ein paar Kisten, die untereinander mit Draht verbunden waren. Dynamit! Also mussten die Amerikaner ganz nah, ganz nah sein.“ Wielsaw Kielar, polnischer Häftling in Barkhausen

„Mit jedem Tag verließen uns die Kräfte mehr. Wir bekamen fast überhaupt nichts zum Essen; was bedeutete schon ein kleines Stückchen Brot für 24 Stunden? Da fast in jedem Waggon jemand starb, erlaubte man, sie an eine Stelle zu bringen, wo man sie vergraben sollte. In einem der letzten Waggons war das Lebensmittelmagazin. Die Leichenträger warfen sich plötzlich, als sie an diesem Waggon vorübergingen, darüber her. Weder Schießen noch Schläge hielten sie davon ab.“ Wieslaw Kielar über den Transport von Porta zum KZ Wöbbelin

„Während wir zum Bahnhof gingen, stimmten wir die Marseillaise an. Wir konnten sie nicht zu Ende singen, da Schläge und Tritte auf uns niederhagelten. Am Bahnhof wurden wir zu 100 oder 120 in den Waggons zusammengepfercht.“ Pierre Lecomte, französischer Häftling in Lerbeck

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Porta Westfalica.Eingepfercht in Güterwaggons: Am 1. April 1945 räumt das NS-Regime das KZ-Lager an der PortaDirk HaunhorstPorta Westfalica. KZ-Häftinge schufteten im letzten Kriegsjahr an der Porta, um in den Stollen beidseits der Weser Produktionsräume für kriegswichtige Industrie zu schaffen. Am 18. März 1944 trafen die ersten 300 Häftlinge aus dem KZ Buchenwald in Porta ein. Allein im Saal des Barkhauser Hotels Kaiserhof, das die SS beschlagnahmt hatte, pferchte das Regime ungefähr 1.500 Häftlinge aus 17 Nationen zusammen. Weitere Lager in Hausberge, Lerbeck und Vennebeck kamen hinzu. Angesichts der vorrückenden alliierten Truppen räumte die SS am 1. April 1945 die Lager an der Porta. Die Schreckenszeit war damit für viele Häftlinge aber nicht beendet, berichtet Thomas Lange, Geschäftsführer des Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Alliierte Truppen befreiten 1945 mehrere Konzentrationslager. Was geschah am 1. April in den KZ-Lagern an der Porta? Von einer Befreiung kann man in keinem Fall sprechen. Der 1. April 1945 war Ostersonntag, die Häftlinge hätten trotz des Feiertages zur Arbeit antreten müssen. Erst am 31. März wurde innerhalb der Lager verkündet, dass die Evakuierung kurz bevorsteht. Die spärlichen Lagerbestände der Küche wurden von sogenannten Funktionshäftlingen daraufhin geplündert. Was sind Funktionshäftlinge? Gemeint sind dabei meist Lager- oder Stubenälteste, die Leitungs- und Kontrollfunktionen im Lager innehatten – sie stellten sozusagen die Verlängerung der SS-Herrschaft in die Lagergesellschaft dar. Aber es waren eben auch Häftlinge mit Funktionen in der Küche oder im Krankenbau. Im geschilderten Fall handelte es sich um den Lagerältesten und seine direkten Untergebenen, die in Porta ohnehin gefürchtet waren. Der direkte Nahrungszugriff war einer der überlebenswichtigen Vorteile, warum Häftlinge diese Position überhaupt annahmen. Georg Knögl, als Lagerältester sozusagen der oberste Funktionshäftling, wurde für seine Mitwirkungen an Mord und Folter im Lager nach dem Krieg von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Wohin wurden die KZ-Häftlinge am Ostersonntag 1945 gebracht? Die Häftlinge aller Portaner Lager marschierten in den frühen Morgenstunden zum Güterbahnhof, wo sie in Güterwaggons eingepfercht wurden. Bei Morgengrauen setzte der Zug sich in Bewegung. Wie viele Züge Porta Westfalica insgesamt verließen, ist unklar. In den Häftlingsberichten ist von einem langen Zug die Rede, der hinter Hannover geteilt wurde. Auch ob sich Männer und Frauen in den selben Zügen befanden, ist aus den Erinnerungsberichten nicht nachzuvollziehen. Welches Ziel hatten die Züge? Klar ist, dass es mindestens vier Transportrouten gegeben hat, zwei Männer- und zwei Frauentransporte. Der erste Männertransport kam am 3. April im Lager Laagberg/Fallersleben an, Laagberg wiederum wurde am 8. April in Richtung Wöbbelin in Mecklenburg-Vorpommern geräumt. Der zweite Transport fuhr über Schandelah nach Beendorf in Sachsen-Anhalt, Beendorf wurde am 10. April ebenfalls in Richtung Wöbbelin geräumt. Wöbbelin wurde erst am 2. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit. Was geschah mit den Frauen? Sie sind ähnliche Routen abgefahren, allerdings waren die Ziele andere. Ein Transport fuhr über Laagberg/Fallersleben nach Salzwedel. Hier wurde ein Teil der Frauen aus Porta Westfalica am 14. April befreit. Der zweite Transport nahm die Strecke über Beendorf und fuhr von dort aus in Richtung Hamburg. Hier wurden die Frauen auf mehrere Lager verteilt, Sasel und Eidelstedt sind bekannt. Ein Großteil der Häftlinge dieser Lager hatte die Chance, noch Anfang Mai mit Bussen des Roten Kreuzes nach Schweden evakuiert zu werden. Wie viele Häftlinge lebten zum Zeitpunkt der Evakuierung in Porta? Eine Häftlingszählung aus dem März 1945 ergab, dass sich in Barkhausen um die 1.200 Männer befunden haben, in Lerbeck 469 Männer und in Hausberge 967 Frauen. Da die dänischen Häftlinge aus Barkhausen kurz vor der Räumung der Lager schon in Richtung des sogenannten „Skandinavierlagers“ in Neuengamme und von dort aus mit der Bernadotte-Aktion nach Schweden evakuiert worden sind, gleichzeitig aber ungefähr 200 Häftlinge aus Lengerich hinzu kamen, kann man die Häftlingszahl in Barkhausen nur ungefähr benennen. In welchem Zustand befanden sich die Männer und Frauen am Tag ihrer Evakuierung? Ihr Zustand war bereits mehr als katastrophal, sie waren unterernährt und durch die Misshandlungen von SS, Wachmannschaften und Zivilarbeitern gezeichnet. Die Häftlinge wurden auf dem Weg zum Bahnhof schikaniert und verprügelt. Berichte von Erschießungen lassen sich aber bis heute nicht bestätigen. Wie ist die Quellenlage zur Lagerräumung in Porta? Es gibt noch viel Forschungsbedarf. So gut wie alles Wissen zur Räumung der Lager basiert auf Häftlingsberichten, die nicht immer deckungsgleich sind, selbst wenn sich Häftlinge im selben Transport befunden haben. Aus neueren Archivfunden lässt sich außerdem nachweisen, dass mehrere Häftlinge bereits während des Bestehens des Lagers in andere KZs verlegt wurden. Auch hier gilt es noch weitere Forschungen anzustellen, um die Häftlingswege besser nachzeichnen zu können. Gibt es Hinweise, wie dieBevölkerung auf das Ende derKZ-Lager reagierte? Kaum. Allerdings ging die Räumung der Lager mit einer einsetzenden Flucht vor den Alliierten einher. Häftlinge beschreiben, dass am Osterwochenende rund um die Porta unzählige Menschen in Richtung Osten unterwegs waren. Wie viele KZ-Häftlinge sind in den Portaner Lagern ums Lebengekommen? Die Anzahl der Todesopfer ist weiterhin unklar, sie wird die Forschung auch noch einige Zeit beschäftigen. Im Totenbuch Neuengamme sind knapp über 100 Tote für alle Portaner Lager angegeben. Diese Zahl umfasst lediglich die Toten, deren Sterbeurkunde entweder in Barkhausen, Hausberge oder Neuengamme vorlag und deren Ableben man sicher so nachweisen kann. Nicht gezählt wurden hier die Häftlinge, die beispielsweise auf einen Rücktransport nach Neuengamme gegangen sind und dort starben, oder auch alle Häftlinge, die während der Evakuierungstransporte ums Leben kamen. Wie viele Jahre verstrichen, bis die KZ-Zeit an der Porta systematisch aufgearbeitet wurde? Die erste wirkliche Aufarbeitung fand in den 1980er Jahren statt, zwei Forschungsarbeiten und vor allen Dingen die Arbeit einer Schülergruppe am Gymnasium Porta Westfalica führten dazu, dass 1992 das Mahnmal für die Opfer der Außenlager an der Porta am Grünen Markt eingeweiht werden konnte. Für die Forschung interessant ist allerdings auch die Zeit zwischen 1945 und 1980. In diesen 35 Jahren spielten die Spätfolgen des Krieges selbstverständlich ebenfalls eine Rolle – hier wird unser Forschungsprojekt ebenfalls ansetzen. Zur Aufklärung über die Konzentrationslager an der Porta soll eine neue Gedenkstätte beitragen. Wie weit ist dieses Projekt? Wir sind aktuell mit den Projektbausteinen 1 und 2 befasst. Baustein 1 befasst sich mit der weiteren baulichen Sicherung und Ertüchtigung der Anlage Dachs 1 für die Führungen unter Tage, Baustein 2 mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung, die sich unter anderem mit den Fragen über die Umstände der Lagerräumung auseinandersetzt. Leider mussten wir einige Veranstaltungen wegen der aktuellen Corona-Lage verschieben. Die für Juni 2020 geplante Tagung in Zusammenarbeit mit dem LWL-Institut für Westfälische Regionalgeschichte ist beispielsweise auf 2021 verschoben worden. Was passiert mit den geplanten Führungen im Jakobsberg? Die Führungen in der ehemaligen Untertageverlagerung Dachs 1 sind für dieses Jahr weiterhin fest eingeplant, die Vorbereitungen laufen auch Hochtouren. Allerdings haben wir auch hier die aktuelle Pandemielage im Blick. Erinnerungen von Häftlingen „Morgens um fünf führte man uns auf die leere und ausgestorbene Straße. Außer uns gab es dort niemanden. Erst vor der Brücke sahen wir irgendwelche Militärs. Auf beiden Seiten der Brücke, dort wo die Übergänge für die Fußgänger waren, standen alle paar Meter ein paar Kisten, die untereinander mit Draht verbunden waren. Dynamit! Also mussten die Amerikaner ganz nah, ganz nah sein.“ Wielsaw Kielar, polnischer Häftling in Barkhausen „Mit jedem Tag verließen uns die Kräfte mehr. Wir bekamen fast überhaupt nichts zum Essen; was bedeutete schon ein kleines Stückchen Brot für 24 Stunden? Da fast in jedem Waggon jemand starb, erlaubte man, sie an eine Stelle zu bringen, wo man sie vergraben sollte. In einem der letzten Waggons war das Lebensmittelmagazin. Die Leichenträger warfen sich plötzlich, als sie an diesem Waggon vorübergingen, darüber her. Weder Schießen noch Schläge hielten sie davon ab.“ Wieslaw Kielar über den Transport von Porta zum KZ Wöbbelin „Während wir zum Bahnhof gingen, stimmten wir die Marseillaise an. Wir konnten sie nicht zu Ende singen, da Schläge und Tritte auf uns niederhagelten. Am Bahnhof wurden wir zu 100 oder 120 in den Waggons zusammengepfercht.“ Pierre Lecomte, französischer Häftling in Lerbeck