Hausberge

Genesen: Wie ein Portaner seine Zeit als Corona-Infizierter in Quarantäne erlebte

Dirk Haunhorst

Wiedersehensfreude auf dem Supermarkt-Parkplatz. York von Kölln begrüßte gestern mehrere Kunden. - © Dirk Haunhorst
Wiedersehensfreude auf dem Supermarkt-Parkplatz. York von Kölln begrüßte gestern mehrere Kunden. (© Dirk Haunhorst)

Porta Westfalica-Hausberge. Das Hallo auf dem WEZ-Parkplatz ist groß, die Wiedersehensfreude steht York von Kölln ins Gesicht geschrieben. „Ja, ich darf wieder raus“, ruft er einem Bekannten zu. 14 Tage verbrachte von Kölln in häuslicher Quarantäne. Jetzt ist er seit Tagen symptomfrei, gilt als genesen und darf die Arbeit in seiner Tabakbörse im Supermarkt wieder aufnehmen. Dort hielten seine Mitarbeiter zwei Wochen lang die Stellung.

„Mir geht es gut“, sagt von Kölln immer wieder. Eigentlich ging es ihm in den vergangenen Wochen nie wirklich schlecht. Ein wenig Schnupfen, leicht erhöhte Temperatur, ein bisschen Husten. „Na ja“, sagt von Kölln mit einem Schmunzeln, „als Raucher hustet man ja immer ein wenig.“ Dann fügt er nachdenklich hinzu: „Wenn es blöd gelaufen wäre, hätte ich halb Hausberge anstecken können.“

Mit seiner Ski-Clique war der 50-Jährige Ende Februar für eine Woche nach Sölden in Tirol gereist. Seit Mitte März steht der Ort wie viele andere Skigebiete wegen mehrerer Coronafälle unter Quarantäne. Die fünf Freunde kehrten am 7. März zurück. Einen Tag später, am Sonntag, feierte von Kölln mit 35 Leuten den Geburtstag seiner Freundin. Dienstag ging es ihm ein paar Stunden nicht gut. Schnupfen, Husten und eine Körpertemperatur knapp über 37 Grad Celsius. „Gleich am nächsten Morgen fühlte ich mich wieder super.“

Von Kölln war verunsichert, auch wegen zunehmender Meldungen über Coronafälle aus Skigebieten, und meldete sich beim Hausarzt. Der habe gesagt, dass er über keine Tests und ausreichende Sicherheitsmaßnahmen verfüge, und auf das Gesundheitsamt verwiesen. Das wiederum nannte von Kölln den Hausarzt als erste Adresse. „Irgendwie war das für mich ein Teufelskreis.“ Auch die Bandansage beim ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117) habe ihm nicht geholfen. Die Weiterleitung per Tastendruck habe nicht geklappt.

Es war dann eher Zufall, dass von Kölln am Mittwoch doch noch einen Test machen ließ: „Weil ich in der Nähe des Klinikums unterwegs war, habe ich dort spontan vorbeigeschaut und mich testen lassen.“ Vor 14 Tagen standen dort das „Corona-Mobil“ und erste Zelte. Inzwischen hat das Klinikum ein zentrales Diagnose- und Behandlungszentrum, das allen Patienten im Kreis von 6 bis 22 Uhr zur Verfügung steht. Gleichwohl, so die Mühlenkreiskliniken, sollten Patienten vor einem Besuch nach Möglichkeit den Hausarzt oder die Rufnummer 116 117 kontaktieren.

Einen Tag nach dem Test bekam von Kölln das Ergebnis: Er hatte sich tatsächlich mit dem Corona-Virus infiziert. Das Gesundheitsamt verlangte von ihm eine Liste mit allen Kontakt-Personen. Die Ski-Kumpel, die Partygäste, alle wurden untersucht und mussten in Quarantäne – einige 48 Stunden, andere sogar zwei Wochen, berichtet von Kölln – je nachdem, welche Vorschriften in den jeweiligen Herkunftsorten galten. Die folgenden Testergebnisse seien zum Glück alle negativ gewesen. „Selbst das Ergebnis meiner Partnerin.“

Von Kölln und seine Lebenspartnerin sowie deren Tochter wurden aus dem Verkehr gezogen. Sie verbrachten die vergangenen 14 Tage zu Hause. Das Schreibwarengeschäft, das von Kölln ebenfalls in Hausberge betreibt, musste schließen, weil er sich dort kurz nach dem Urlaub aufgehalten hatte. Aufgrund neuer Verordnungen in der Coronakrise hätte der Laden, in dem zwei Mitarbeiter beschäftigt sind, später ohnehin zumachen müssen. „Zum ersten Mal im Leben habe ich Kurzarbeit angemeldet.“ Die Tabakbörse, in der sich auch die Postfiliale befindet, läuft hingegen weiter. Dort war von Kölln nach seinem Urlaub nicht gewesen. Zum Glück, denn sonst wäre der Betrieb unterbrochen worden.

Die Zeit der Quarantäne sei kein großes Problem gewesen, berichtet der 50-Jährige. Er fühlte sich zwischendurch mal besser, mal etwas schlechter, der Verlauf sei mild gewesen. „Das kam wellenförmig.“ Eine normale Erkältung empfinde er als schlimmer. Über WhatsApp und andere Kanäle hielt er Kontakt nach draußen, viele aus dem Bekannten-, Freundes- und Kundenkreis wussten Bescheid. Auch die Verbindung zum Gesundheitsamt sei gut gewesen. Von dort habe sich regelmäßig jemand gemeldet und nach dem Stand der Dinge erkundigt.

Von Kölln hat in den vergangenen 14 Tagen öfter darüber nachgedacht, wo er sich angesteckt haben könnte und warum es seine Freunde nicht erwischt hat. Eine mögliche Erklärung: „Am letzten Abend in Sölden war ich der einzige von uns, der aus einem Glas getrunken hat. Die anderen hatten Flaschen. Vielleicht lag es daran.“

In den vergangenen 14 Tagen hat sich die Welt verändert. Von Kölln ist als Virusträger gewissermaßen früh dran gewesen. In der Statistik fürs Kreisgebiet war er anfangs einer von lediglich zwei Portanern, die sich erwiesenermaßen infiziert hatten. Inzwischen sind es fünf Infizierte in Porta und zwei Genesene, einer ist von Kölln.

Vor zwei Wochen gab es vor allem Vorsichtsmaßnahmen, inzwischen haben die Regierenden eine Kontaktsperre erlassen. An manche Veränderungen muss sich auch von Kölln noch gewöhnen. Als er gestern zu seinem Laden will, wird er von einem Sicherheitsdienst am Supermarkt darauf hingewiesen, dass er wie alle einen Einkaufwagen nehmen muss, damit die Kunden untereinander Abstand halten. Von Kölln ist irritiert: „Ich will doch nur in meinen Laden.“ „Trotzdem“, sagt der Sicherheitsmann. Von Kölln gehorcht, holt sich einen Einkaufswagen und wird auf dem kurzen Weg in den Markt noch von einem Kunden begrüßt. „Nach den 14 Tagen Quarantäne bin ich jetzt in einer Art Ruhemodus“, sagt der Genesene und lächelt. „Das kannte ich vorher gar nicht.“ Er müsse sich an die Arbeit wohl erst wieder gewöhnen. Dann schiebt er den Einkaufswagen in Richtung Tabakbörse.

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HausbergeGenesen: Wie ein Portaner seine Zeit als Corona-Infizierter in Quarantäne erlebteDirk HaunhorstPorta Westfalica-Hausberge. Das Hallo auf dem WEZ-Parkplatz ist groß, die Wiedersehensfreude steht York von Kölln ins Gesicht geschrieben. „Ja, ich darf wieder raus“, ruft er einem Bekannten zu. 14 Tage verbrachte von Kölln in häuslicher Quarantäne. Jetzt ist er seit Tagen symptomfrei, gilt als genesen und darf die Arbeit in seiner Tabakbörse im Supermarkt wieder aufnehmen. Dort hielten seine Mitarbeiter zwei Wochen lang die Stellung. „Mir geht es gut“, sagt von Kölln immer wieder. Eigentlich ging es ihm in den vergangenen Wochen nie wirklich schlecht. Ein wenig Schnupfen, leicht erhöhte Temperatur, ein bisschen Husten. „Na ja“, sagt von Kölln mit einem Schmunzeln, „als Raucher hustet man ja immer ein wenig.“ Dann fügt er nachdenklich hinzu: „Wenn es blöd gelaufen wäre, hätte ich halb Hausberge anstecken können.“ Mit seiner Ski-Clique war der 50-Jährige Ende Februar für eine Woche nach Sölden in Tirol gereist. Seit Mitte März steht der Ort wie viele andere Skigebiete wegen mehrerer Coronafälle unter Quarantäne. Die fünf Freunde kehrten am 7. März zurück. Einen Tag später, am Sonntag, feierte von Kölln mit 35 Leuten den Geburtstag seiner Freundin. Dienstag ging es ihm ein paar Stunden nicht gut. Schnupfen, Husten und eine Körpertemperatur knapp über 37 Grad Celsius. „Gleich am nächsten Morgen fühlte ich mich wieder super.“ Von Kölln war verunsichert, auch wegen zunehmender Meldungen über Coronafälle aus Skigebieten, und meldete sich beim Hausarzt. Der habe gesagt, dass er über keine Tests und ausreichende Sicherheitsmaßnahmen verfüge, und auf das Gesundheitsamt verwiesen. Das wiederum nannte von Kölln den Hausarzt als erste Adresse. „Irgendwie war das für mich ein Teufelskreis.“ Auch die Bandansage beim ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117) habe ihm nicht geholfen. Die Weiterleitung per Tastendruck habe nicht geklappt. Es war dann eher Zufall, dass von Kölln am Mittwoch doch noch einen Test machen ließ: „Weil ich in der Nähe des Klinikums unterwegs war, habe ich dort spontan vorbeigeschaut und mich testen lassen.“ Vor 14 Tagen standen dort das „Corona-Mobil“ und erste Zelte. Inzwischen hat das Klinikum ein zentrales Diagnose- und Behandlungszentrum, das allen Patienten im Kreis von 6 bis 22 Uhr zur Verfügung steht. Gleichwohl, so die Mühlenkreiskliniken, sollten Patienten vor einem Besuch nach Möglichkeit den Hausarzt oder die Rufnummer 116 117 kontaktieren. Einen Tag nach dem Test bekam von Kölln das Ergebnis: Er hatte sich tatsächlich mit dem Corona-Virus infiziert. Das Gesundheitsamt verlangte von ihm eine Liste mit allen Kontakt-Personen. Die Ski-Kumpel, die Partygäste, alle wurden untersucht und mussten in Quarantäne – einige 48 Stunden, andere sogar zwei Wochen, berichtet von Kölln – je nachdem, welche Vorschriften in den jeweiligen Herkunftsorten galten. Die folgenden Testergebnisse seien zum Glück alle negativ gewesen. „Selbst das Ergebnis meiner Partnerin.“ Von Kölln und seine Lebenspartnerin sowie deren Tochter wurden aus dem Verkehr gezogen. Sie verbrachten die vergangenen 14 Tage zu Hause. Das Schreibwarengeschäft, das von Kölln ebenfalls in Hausberge betreibt, musste schließen, weil er sich dort kurz nach dem Urlaub aufgehalten hatte. Aufgrund neuer Verordnungen in der Coronakrise hätte der Laden, in dem zwei Mitarbeiter beschäftigt sind, später ohnehin zumachen müssen. „Zum ersten Mal im Leben habe ich Kurzarbeit angemeldet.“ Die Tabakbörse, in der sich auch die Postfiliale befindet, läuft hingegen weiter. Dort war von Kölln nach seinem Urlaub nicht gewesen. Zum Glück, denn sonst wäre der Betrieb unterbrochen worden. Die Zeit der Quarantäne sei kein großes Problem gewesen, berichtet der 50-Jährige. Er fühlte sich zwischendurch mal besser, mal etwas schlechter, der Verlauf sei mild gewesen. „Das kam wellenförmig.“ Eine normale Erkältung empfinde er als schlimmer. Über WhatsApp und andere Kanäle hielt er Kontakt nach draußen, viele aus dem Bekannten-, Freundes- und Kundenkreis wussten Bescheid. Auch die Verbindung zum Gesundheitsamt sei gut gewesen. Von dort habe sich regelmäßig jemand gemeldet und nach dem Stand der Dinge erkundigt. Von Kölln hat in den vergangenen 14 Tagen öfter darüber nachgedacht, wo er sich angesteckt haben könnte und warum es seine Freunde nicht erwischt hat. Eine mögliche Erklärung: „Am letzten Abend in Sölden war ich der einzige von uns, der aus einem Glas getrunken hat. Die anderen hatten Flaschen. Vielleicht lag es daran.“ In den vergangenen 14 Tagen hat sich die Welt verändert. Von Kölln ist als Virusträger gewissermaßen früh dran gewesen. In der Statistik fürs Kreisgebiet war er anfangs einer von lediglich zwei Portanern, die sich erwiesenermaßen infiziert hatten. Inzwischen sind es fünf Infizierte in Porta und zwei Genesene, einer ist von Kölln. Vor zwei Wochen gab es vor allem Vorsichtsmaßnahmen, inzwischen haben die Regierenden eine Kontaktsperre erlassen. An manche Veränderungen muss sich auch von Kölln noch gewöhnen. Als er gestern zu seinem Laden will, wird er von einem Sicherheitsdienst am Supermarkt darauf hingewiesen, dass er wie alle einen Einkaufwagen nehmen muss, damit die Kunden untereinander Abstand halten. Von Kölln ist irritiert: „Ich will doch nur in meinen Laden.“ „Trotzdem“, sagt der Sicherheitsmann. Von Kölln gehorcht, holt sich einen Einkaufswagen und wird auf dem kurzen Weg in den Markt noch von einem Kunden begrüßt. „Nach den 14 Tagen Quarantäne bin ich jetzt in einer Art Ruhemodus“, sagt der Genesene und lächelt. „Das kannte ich vorher gar nicht.“ Er müsse sich an die Arbeit wohl erst wieder gewöhnen. Dann schiebt er den Einkaufswagen in Richtung Tabakbörse.