Hausberge

Ein bewaffnetes Stadtoberhaupt? In Porta war das lange Zeit üblich

Hans-Martin Polte

Im heutigen Rathaus der Stadt Porta Westfalica, das bis zur Gebietsreform 1973 das Amtshaus des Amtes Hausberge war, gibt es seit den 1990er Jahren keine Dienstwaffe mehr. Foto: Hans-Martin Polte - © polte
Im heutigen Rathaus der Stadt Porta Westfalica, das bis zur Gebietsreform 1973 das Amtshaus des Amtes Hausberge war, gibt es seit den 1990er Jahren keine Dienstwaffe mehr. Foto: Hans-Martin Polte (© polte)

Porta Westfalica-Hausberge. Ist ein bewaffnetes Stadtoberhaupt bei uns heute denkbar? Spätestens nachdem der Bürgermeister von Kamp-Lintfort kürzlich einen großen Waffenschein beantragt hat, weil er sich massiv von der rechten Szene bedroht fühlt, wird über das Thema diskutiert. Was viele nicht wissen: Bis in die 1990er Jahre waren die Amts- sowie die späteren Stadtdirektoren in Porta Westfalica bewaffnet. Im Amtshaus, das 1973 zum Rathaus der Stadt wurde, gab es eine Dienstpistole, über die der jeweilige Verwaltungschef die Verfügungsgewalt hatte.

Im Laufe seiner Dienstzeit gab Stadtdirektor Gerhard Seega (1989 bis 1999) die Dienstwaffe, die er von seinem Vorgänger übernommen hatte, offiziell bei der Polizei ab. Seegas Vorgänger war der langjährige Stadtdirektor Dr. Wolf Berger (1978 bis 1989), der sich noch gut an die Pistole erinnern kann, wie er auf Nachfrage bestätigt: „Ich habe sie von meinem Vorgänger Heinz Borschel übernommen, habe sie eingeschlossen und nie benutzt.“

Er zog in einer Gaststätte die Pistole: Heinz Borschel, früherer Amtsdirektor und später Portas erster Stadtdirektor. Repro: MT
Er zog in einer Gaststätte die Pistole: Heinz Borschel, früherer Amtsdirektor und später Portas erster Stadtdirektor. Repro: MT

Zur jetzigen Debatte sagt Wolf Berger: „Ich bin strikt gegen die Bewaffnung eines Bürgermeisters. Wir leben in einem Rechtsstaat und können uns auf die Polizei verlassen. Eine solche Bewaffnung kann leicht eine fatale Signalwirkung nach außen haben und fördert ein Gedankengut, das uns in die Nähe der in Amerika geführten Debatten bringt.“ Nachdenklich fügt der ehemalige Stadtdirektor hinzu: „Wenn man weiß, man hat eine Waffe, dann läuft man Gefahr, sie auch mal zu benutzen.“

Dass man dazu verführt werden kann, zeigt ein denkwürdiges Ereignis, das mehr als sechs Jahrzehnte zurückliegt. Schlagzeilen machte der Waffengebrauch des früheren Amtsdirektors Heinz Borschel in der Veltheimer Gaststätte Buschmann im Jahre 1959. Der Verwaltungschef des Amtes Hausberge verwies mit vorgehaltener Pistole die Gäste aus dem Lokal, weil sie die Polizeistunde überschritten hatten.

Noch nach mehr als 60 Jahren ist älteren Portanern und besonders vielen Veltheimern die Aktion gut im Gedächtnis, zumal darüber im Mindener Tageblatt berichtet wurde. Anlass waren zwei Gerichtsverhandlungen am 9. Mai und 17. September 1959. Demnach spielte sich bei Buschmann folgendes Geschehen ab: Der Amtsdirektor war nach einer Gemeinderatssitzung mit mehreren Amtsvertretern und Gemeinderäten noch gegen 0.30 Uhr in die Gastwirtschaft eingekehrt und hatte sich dort bis etwa 2 Uhr – also bis weit über die Polizeistunde hinaus – aufgehalten. Als er heimfahren wollte, hatte sein Dienstwagen einen „Platten“. Der Amtsdirektor verdächtigte zwei junge Leute, die als Gäste im Lokal waren, ihm diesen „Streich“ gespielt zu haben. Doch die mutmaßlichen Täter verwahrten sich entschieden gegen diesen Vorwurf, den sie als Beleidigung empfanden. Altbürgermeister Heinrich Schäfer, selbst Veltheimer, weiß sogar noch die Namen der beiden: Heinz Kroll, der bei Buschmann öfters kellnerte, und Heinrich Müller.

Der Amtsdirektor fuhr dann mit einem anderen Wagen nach Hause. Nach einiger Zeit kam er mit seinem Privatwagen und einem zweiten Fahrer zurück. Die jungen Leute waren noch im Lokal. Nach übereinstimmenden Zeugenaussagen zog der Amtsdirektor eine Pistole, richtete sie auf die Gäste und sagte: „Meine Herren, es ist längst Polizeistunde – ich habe Amtsgewalt – verlassen Sie sofort das Lokal – sonst mache ich von meiner Schusswaffe Gebrauch.“ Die jungen Leute gingen widerspruchslos rückwärts hinaus – der Amtsdirektor folgte ihnen mit der Pistole bis zur Haustür.

Wegen Nötigung und Beleidigung wurde der Amtsdirektor vom Schöffengericht Minden zu drei Monaten Gefängnis mit Bewährung und 200 Mark Geldstrafe verurteilt. Diese Entscheidung wurde später in einer Berufungsverhandlung von der Strafkammer in Bielefeld bestätigt. Seiner Karriere tat dies keinen Abbruch: Heinz Borschel war nach der Gebietsreform, aus der die Stadt Porta Westfalica hervorging, ihr erster Stadtdirektor (1973 bis 1978).

Nach Stadtdirektor Gerhard Seega, der die Waffe abgegeben hatte, trat zunächst der hauptamtliche Bürgermeister Hilmar Wohlgemuth seinen Dienst an, gefolgt von Stephan Böhme. Eine „Wiederbewaffnung“ war und ist kein Thema. Der heutige Bürgermeister Bernd Hedtmann meint, dass der Besitz einer Dienstpistole einige Fragen aufwerfen würde: „Wann führe ich die Waffe mit? Gibt mir eine Waffe mehr Sicherheit? Ich sehe für mich keinen Vorteil. Darum ist das kein Thema, das wir im Rathaus diskutieren.“

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