Barkhausen

Wie eine Portaner Arztpraxis dem Bürokratie-Wahn trotzt

Anja Peper

Wenn einem die ausufernde Bürokratie in Arztpraxen über den Kopf steigt, hilft manchmal nur Humor: Dr. med. Antje van der Meij und ihr Assistenzarzt Dr. Ali Shala haben ihren eigenen Weg gefunden, damit umzugehen. MT- - © Foto: Alex Lehn
Wenn einem die ausufernde Bürokratie in Arztpraxen über den Kopf steigt, hilft manchmal nur Humor: Dr. med. Antje van der Meij und ihr Assistenzarzt Dr. Ali Shala haben ihren eigenen Weg gefunden, damit umzugehen. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Porta Westfalica-Barkhausen. Hausärzte werden dringend gesucht, vor allem auf dem Land. Doch viele Nachwuchsmediziner möchten sich lieber spezialisieren, als in die Allgemeinmedizin zu gehen. Was junge Leute offenbar abschreckt, ist die ausufernde Bürokratie, die eine eigene Praxis mit sich bringt. Aus ihrem Berufsalltag kennt Dr. med. Antje van der Meij reichlich Beispiele. Dokumentationen, Befundstellungen, Praxismanagement, Fortbildungen und natürlich die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO): All' das knabbert an der Zeit, die eigentlich für die Patienten da sein sollte.

Das ist einer der Gründe, warum Antje van der Meij (52) in ihrer Praxis in Barkhausen oft im Laufschritt unterwegs ist. „Geht gleich los!“, ruft sie im Vorbeigehen einem Patienten im Behandlungsraum zu. Vorher unterschreibt sie noch ein Rezept, trinkt einen Schluck, bespricht sich auf dem Flur kurz mit ihrem Assistenzarzt Dr. Ali Shala. Einige Patienten warten noch. „So, dann gebe ich mal Gas.“ Derzeit arbeitet sie rund 60 Stunden pro Woche. Dass Ärzte von bürokratischen Aufgaben entlastet würden, wäre der Medizinerin ein großes Anliegen.

Nach Auskunft der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) passiert das bereits. Die KBV veröffentlicht jährlich einen Bürokratieindex, der aktuelle erschien Ende November 2019. Darin heißt es: „Der Verwaltungsaufwand in deutschen Arztpraxen ist erstmals seit 2016 gesunken. (...) Damit mussten Ärzte und Psychotherapeuten rund eine Million Stunden weniger für Verwaltungstätigkeiten aufwenden als 2018.“ Das klingt zwar gut, doch der Bürokratieabbau ist zumindest in dieser Praxis (noch) nicht spürbar. Im Gegenteil: Viele Gesetze und Gesetzesvorhaben verursachten noch mehr Bürokratie.

  • Beispiel 1: 25 Sprechstunden pro Woche, die niedergelassene Ärzte seit dem vergangenen Jahr leisten müssen – früher waren es 20. Ziel: Gesetzlich Versicherte sollen weniger lange auf Arzttermine warten müssen. Antje van der Meij wollte daraufhin in Erfahrung bringen, mit welcher Zeit Hausbesuche angerechnet werden. „Sämtliche Anfragen bei den Kassenärztlichen Vereinigungen blieben unbeantwortet. Dann sagte mir einer der Justiziare ganz trocken, ich müsse 25 Stunden auf das Schild schreiben und die Patienten dann rigoros wegschicken.“ Das sei in der Praxis schlicht nicht machbar.
  • Beispiel 2: Trotz des Ärztemangels auf dem Lande werde es erschwert, Ärzte anzustellen: „Drei Zentimeter Papier und vier Monate Kampf“ seien erforderlich gewesen, bevor sie Assistenzarzt Dr. Shala einstellen konnte, der seine familiären Wurzeln in Jugoslawien hat. „Da hat doch nach sechs Wochen keiner mehr Lust, weitere Formulare auszufüllen.“ Inzwischen macht der Allgemeinmediziner bei ihr die Weiterbildung Diabetologie.
  • Beispiel 3: Die Soft- und Hardware. Es gibt eine Vielzahl von Softwarepaketen und Produkten. Notwendig sind unter anderem: ein Praxisverwaltungssystem (PVS), ein Laborprogramm, Datev (Lohnabrechnung, Finanzbuchführung), ein Programm für Arbeitsmedizin, das komplette Word Office, die Blutzuckerausleseprogramme der einzelnen Firmen. Entweder die Mitarbeiter bringen sich die Programme selber bei – oder es muss in Schulungen investiert werden. Für jedes medizinische Gerät ist eine andere Software erforderlich (Lungenfunktion, Perimeter, EKG, Ultraschall etc.). Dazu kommt der Anschlusszwang an die IT, die immer wieder Abstürze verursacht.
  • Beispiel 4: Die Suche nach Vertretungen. Die Urlaubsvertretung im Stadtgebiet von Porta Westfalica sei nur gewährleistet, weil viele Kollegen im Rentenalter derzeit noch im Dienst sind. „Manche von ihnen sind über 70“, sagt Antje van der Meij. Folglich wird es eng, besonders zu den prekären Zeiten in den Sommerferien, über Ostern und Weihnachten/Silvester.
  • Beispiel 5: Was die Praxen außerdem belastet, ist der Regressdruck wegen Arzneimitteln. „Wir bekommen regelmäßig Statistiken, ob wir bei bestimmten Medikamenten im Rahmen bleiben. Wenn nein, gibt es eine rote Ampel. Bei zwei roten Ampeln kann ein Regress folgen.“ Jede Leistung ist mit einem Zeitbudget hinterlegt. „Wir dürfen zum Beispiel nur bei etwa 50 Prozent der Patienten Gespräche führen, die länger als neun Minuten dauern.“

Weil Antje van der Meij ihr Budget um durchschnittlich 20 Prozent überschreitet, werden die Leistungen nur mit etwa 20 Prozent vergütet. „Zum Beispiel bekommen wir für ein Schilddrüsenultraschall 9,20 Euro, bei Überschreitung nur etwa 1.80 Euro. Die Überschreitung des Budgets passiert, obwohl die Praxis zwei Wochen im Quartal geschlossen bleibt.

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