Porta Westfalica

Ausgewiesen: Frau aus Afrika wird mitten in der Nacht von bewaffneten Polizisten abgeholt

Thomas Lieske

Per Flugzeug ging es für die Frau aus Afrika nach Frankreich. Am Flughafen in Paris erwartete sie eine böse Überraschung. Foto: Julian Stratenschulte/dpa - © (c) Copyright 2015, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Per Flugzeug ging es für die Frau aus Afrika nach Frankreich. Am Flughafen in Paris erwartete sie eine böse Überraschung. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (© (c) Copyright 2015, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten)

Porta Westfalica. Es müssen beängstigende Szenen in der Nacht zu Montag in einem Wohngebiet in Porta Westfalica sein. Mehrere bewaffnete Polizeibeamte umstellen gegen 4.30 Uhr ein Wohnhaus. Doch nicht wegen einer Durchsuchung. Die Ausländerbehörde des Kreises sucht mit ihrer Hilfe eine Frau aus Afrika, die nach dem sogenannten Dublin-Verfahren in ihr Erstankunftsland in der EU überstellt werden soll. Schnell werden die Beamten fündig, die Frau geht freiwillig mit. Dann geht alles ganz schnell: Sachen packen, ins Auto und ab zum Flughafen in Frankfurt am Main. Der Flieger in Richtung Frankreich startet um 12.20 Uhr. Dort wartet jedoch eine böse Überraschung.

Doch der Reihe nach: Die Frau war bei einer sogenannten Patenfamilie untergebracht. Zuvor lebte sie in einem Asylwohnheim der Stadt, wie Mitglieder des Portaner Vereins „Hilfe für Flüchtlinge", der die Frau betreut hatte, gegenüber dem MT schildern. Über einen Schleuser sei sie aus Afrika über Umwege nach Deutschland gelangt. Zu ihrem Pech soll ihr der Schleuser ein Visum für Frankreich ausgestellt und ihr vorgetäuscht haben, dass sie damit in alle sogenannten Schengenländer der EU einreisen dürfe. Ein Trugschluss, wie sich beim Interview des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) herausstellte.

Wegen des Dokuments aus Frankreich sei Deutschland rein rechtlich nicht zuständig für die Frau, erfuhr sie dort von einem Mitarbeiter.

Doch die eigentliche böse Überraschung wartet in Frankreich. Denn am Flughafen von Paris war offenbar niemand, der sich um die Frau kümmerte. Kein Polizist, kein Mitarbeiter eines Amtes. Die Frau war ohne Dach über dem Kopf in Frankreich gestrandet. Mittlerweile, so erfuhr das MT, hätten Mitstreiter des Vereins aus Porta Versuche gestartet, um die Frau zurückzuholen. Wo genau sie sich derzeit aufhält, ist unklar.

Kreissprecherin Sabine Ohnesorge bestätigt die nächtliche Aktion auf MT-Anfrage. Auch, dass die Frau nach Frankreich gebracht wurde. Ob Frankreich wirklich das Erstankunftsland war, ist unklar. Denn das Visum hatte die Frau von ihrem Schleuser erhalten. Wo er sie absetzte, war in den MT-Recherchen bisher nicht nachzuvollziehen.

Sabine Ohnesorge betont, dass die Ausländerbehörde des Kreises bei solchen Aktionen lediglich einen Beschluss des BAMF umsetze. „Die Entscheidung fällt dort, nicht hier bei uns." In der Regel arbeite die Behörde mit der Kreispolizeibehörde zusammen – so auch in diesem Fall. Ohnesorge weist auch darauf hin, dass die Behörden Abschiebungen und Überstellungen grundsätzlich ankündigen würden, „mit Briefen und auch in Gesprächen". Abschiebungen und Überstellungen seien „das letzte Mittel, wenn die Betroffenen sich nicht einsichtig zeigen". Dass die Überstellung bei Nacht geschah, liege an der Abflugzeit der Maschine am Flughafen in Frankfurt, die einen gewissen zeitlichen Vorlauf erfordert habe.

Wie es für die Frau weitergeht, bleibt offen. Mitglieder des Vereins „Hilfe für Flüchtlinge" stehen weiterhin mit ihr in Kontakt.

Übler Beigeschmack

Kommentar von Thomas Lieske

Gesetze bleiben Gesetze. Sie sind 
unabdingbar, und das ist auch gut so. Wie unschön deren Umsetzung allerdings sein kann, zeigt sich immer wieder bei Abschiebungen und Überstellungen nach dem Dublin-Verfahren. 
So auch Anfang dieser Woche in Porta Westfalica.

Was mag man denken, wenn es mitten in der Nacht an der Tür schellt? Wenn bewaffnete Polizisten das Haus umstellen? Wenn ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde die „Herausgabe" einer Frau fordert? Und sie dann in ein Land kommt, in dem sie nicht mal ein Obdach hat? Geschehen: mitten in Deutschland, dem Sozialstaat mit einem Grundgesetz, das von Menschenrechten erzählt.

Wer von Menschenrechten predigt, aber über Nacht Geflüchtete von bewaffneten Polizisten abholen lässt, verleiht seinem Ruf einen üblen Beigeschmack. Er steht einem Sozialstaat wie Deutschland jedenfalls nicht gut zu Gesicht. Das trifft immer wieder Menschen, die durch ihre Flucht aus einer oft lebensbedrohlichen Lage im Heimatland sowieso schon traumatisiert sind. Und es ist zeitgleich ein Schlag ins Gesicht jener, die ihre Freizeit opfern, um Geflüchteten überhaupt erstmal eine Basis für eine Chance auf Integration zu schaffen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

10 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Porta WestfalicaAusgewiesen: Frau aus Afrika wird mitten in der Nacht von bewaffneten Polizisten abgeholtThomas LieskePorta Westfalica. Es müssen beängstigende Szenen in der Nacht zu Montag in einem Wohngebiet in Porta Westfalica sein. Mehrere bewaffnete Polizeibeamte umstellen gegen 4.30 Uhr ein Wohnhaus. Doch nicht wegen einer Durchsuchung. Die Ausländerbehörde des Kreises sucht mit ihrer Hilfe eine Frau aus Afrika, die nach dem sogenannten Dublin-Verfahren in ihr Erstankunftsland in der EU überstellt werden soll. Schnell werden die Beamten fündig, die Frau geht freiwillig mit. Dann geht alles ganz schnell: Sachen packen, ins Auto und ab zum Flughafen in Frankfurt am Main. Der Flieger in Richtung Frankreich startet um 12.20 Uhr. Dort wartet jedoch eine böse Überraschung. Doch der Reihe nach: Die Frau war bei einer sogenannten Patenfamilie untergebracht. Zuvor lebte sie in einem Asylwohnheim der Stadt, wie Mitglieder des Portaner Vereins „Hilfe für Flüchtlinge", der die Frau betreut hatte, gegenüber dem MT schildern. Über einen Schleuser sei sie aus Afrika über Umwege nach Deutschland gelangt. Zu ihrem Pech soll ihr der Schleuser ein Visum für Frankreich ausgestellt und ihr vorgetäuscht haben, dass sie damit in alle sogenannten Schengenländer der EU einreisen dürfe. Ein Trugschluss, wie sich beim Interview des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) herausstellte. Wegen des Dokuments aus Frankreich sei Deutschland rein rechtlich nicht zuständig für die Frau, erfuhr sie dort von einem Mitarbeiter. Doch die eigentliche böse Überraschung wartet in Frankreich. Denn am Flughafen von Paris war offenbar niemand, der sich um die Frau kümmerte. Kein Polizist, kein Mitarbeiter eines Amtes. Die Frau war ohne Dach über dem Kopf in Frankreich gestrandet. Mittlerweile, so erfuhr das MT, hätten Mitstreiter des Vereins aus Porta Versuche gestartet, um die Frau zurückzuholen. Wo genau sie sich derzeit aufhält, ist unklar. Kreissprecherin Sabine Ohnesorge bestätigt die nächtliche Aktion auf MT-Anfrage. Auch, dass die Frau nach Frankreich gebracht wurde. Ob Frankreich wirklich das Erstankunftsland war, ist unklar. Denn das Visum hatte die Frau von ihrem Schleuser erhalten. Wo er sie absetzte, war in den MT-Recherchen bisher nicht nachzuvollziehen. Sabine Ohnesorge betont, dass die Ausländerbehörde des Kreises bei solchen Aktionen lediglich einen Beschluss des BAMF umsetze. „Die Entscheidung fällt dort, nicht hier bei uns." In der Regel arbeite die Behörde mit der Kreispolizeibehörde zusammen – so auch in diesem Fall. Ohnesorge weist auch darauf hin, dass die Behörden Abschiebungen und Überstellungen grundsätzlich ankündigen würden, „mit Briefen und auch in Gesprächen". Abschiebungen und Überstellungen seien „das letzte Mittel, wenn die Betroffenen sich nicht einsichtig zeigen". Dass die Überstellung bei Nacht geschah, liege an der Abflugzeit der Maschine am Flughafen in Frankfurt, die einen gewissen zeitlichen Vorlauf erfordert habe. Wie es für die Frau weitergeht, bleibt offen. Mitglieder des Vereins „Hilfe für Flüchtlinge" stehen weiterhin mit ihr in Kontakt. Übler Beigeschmack Kommentar von Thomas Lieske Gesetze bleiben Gesetze. Sie sind 
unabdingbar, und das ist auch gut so. Wie unschön deren Umsetzung allerdings sein kann, zeigt sich immer wieder bei Abschiebungen und Überstellungen nach dem Dublin-Verfahren. 
So auch Anfang dieser Woche in Porta Westfalica. Was mag man denken, wenn es mitten in der Nacht an der Tür schellt? Wenn bewaffnete Polizisten das Haus umstellen? Wenn ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde die „Herausgabe" einer Frau fordert? Und sie dann in ein Land kommt, in dem sie nicht mal ein Obdach hat? Geschehen: mitten in Deutschland, dem Sozialstaat mit einem Grundgesetz, das von Menschenrechten erzählt. Wer von Menschenrechten predigt, aber über Nacht Geflüchtete von bewaffneten Polizisten abholen lässt, verleiht seinem Ruf einen üblen Beigeschmack. Er steht einem Sozialstaat wie Deutschland jedenfalls nicht gut zu Gesicht. Das trifft immer wieder Menschen, die durch ihre Flucht aus einer oft lebensbedrohlichen Lage im Heimatland sowieso schon traumatisiert sind. Und es ist zeitgleich ein Schlag ins Gesicht jener, die ihre Freizeit opfern, um Geflüchteten überhaupt erstmal eine Basis für eine Chance auf Integration zu schaffen.