Porta Westfalica

Experte rät zu gelassenem Umgang mit Wolf

Michael Grundmeier

Wer einem Wolf begegnet, sollte sich bemerkbar machen. Verschwindet das Tier nicht, ist ein langsamer Rückzug des Menschen ratsam. Foto: dpa - © (c) ZB
Wer einem Wolf begegnet, sollte sich bemerkbar machen. Verschwindet das Tier nicht, ist ein langsamer Rückzug des Menschen ratsam. Foto: dpa (© (c) ZB)

Porta Westfalica (mig). Zu einem gelassenen, aber wachsamen Umgang mit dem Wolf hat Hubert Wichmann bei seinem Vortrag im Bürgerhaus geraten. Dem Wolfsberater ist wichtig, alle Seiten zu verstehen, dazu gehörten auch die Interessen der Nutztierhalter.

Wenige Wochen nach dem Wolfsriss in Kleinenbremen war das Interesse am Expertenvortrag groß. Etwa 60 Teilnehmer kamen ins Bürgerhaus, die Veranstaltung war von der BUND-Kreisgruppe Minden-Lübbecke organisiert worden. Sonja Fritzsch führte die Gäste in das Thema ein, in dem sie an den „Hausberger Problemwolf“ von 1760 erinnerte. Der habe 32 Schafe in einer Nacht gerissen, woraufhin die damalige Regierung eine „Großhatz“ angeordnet habe. „Heute gerät Porta nicht mehr in Panik, wenn es vom Wolf hört und eine Großhatz wird auch nicht angeordnet.“

Hubert Wichmann hatte auch eine Wolfslosung mitgebracht, die „dumpf und muffig“ riecht. Rechts Sonja Fritzsch von der BUND-Kreisgruppe Minden-Lübbecke. Foto: Michael Grundmeier - © Picasa
Hubert Wichmann hatte auch eine Wolfslosung mitgebracht, die „dumpf und muffig“ riecht. Rechts Sonja Fritzsch von der BUND-Kreisgruppe Minden-Lübbecke. Foto: Michael Grundmeier (© Picasa)

Einen Blick in die Praxis erlaubte der Vortrag von Hubert Wichmann vom Forstamt Nienburg. Seinen Job als Wolfsberater macht der Forstbeamte seit 2014 ehrenamtlich, wobei er in den vergangenen zwei Jahren fast schon wie ein „Hauptamtlicher“ gearbeitet habe, wie er sagt. „Es waren eben sehr viele Vorfälle, viel mehr als in den Vorjahren.“ Sein Eindruck sei deshalb, „dass das Wolfsberatersystem in Niedersachsen an seine Grenzen stößt“.

Eine Sache wollte Wichmann gleich zu Beginn klar stellen: „Der Wolf ist weder gut noch böse.“ Im Grunde ernähre er sich von alten und schwachen Tieren, gehe aber auch an Nutztiere, weil diese leichte Beute seien. „Es macht eben energiemäßig einen großen Unterschied, ob ich 1.000 Meter hinter einem Reh her hetze oder ein Schaf von der Weide reiße.“

Dass es im Landkreis Nienburg zu einer Häufung von Rissen gekommen ist, hält Wichmann nicht für ungewöhnlich. Hier gebe es weite, ungestörte Flächen, Moore und ähnliches. „Früher hat man ja gesagt, dass es einem Sechser im Lotto gleicht, wenn man einem Wolf begegnet. Da müssten bei uns gleich ganze Dörfer Millionäre sein“, meinte Wichmann scherzhaft. In manchen Gegenden sei es nicht ungewöhnlich, öfter einen Wolf zu sehen oder zu hören. „Für manche Menschen am Moor, mit Kindern oder mit Nutztieren, ist der Wolf eine Beschränkung ihrer Lebensqualität. Denen kann man tausendmal erzählen, was das für ein schönes Naturschauspiel ist.“ Ihm sei es deshalb wichtig, „beide Seiten unter einen Hut zu kriegen“. Die andere Seite: das sind auch die Nutztierhalter, „die ehemaligen Landwirte, die sich noch ein paar Schafe halten“ und sich keinen Hütehund leisten könnten.

Für den Spott in Internetforen, wo man sich über die Angst vor Wölfen lustig mache, hat Wichmann kein Verständnis. Damit werde eine „sachliche Diskussion“ zerstört. Genauso schlimm seien manche Jäger („ein ganz kleiner Prozentsatz“), die Wolfe hassten. Der Wolf sei streng geschützt und nur der Staat dürfe bei Problemen eingreifen. Allerdings werde auch das gerade mit Blick auf das EU-Recht geprüft.

Den Nutztierhaltern empfiehlt der Wolfsberater, Zäune in einer Höhe von mindestens 1,20 Meter. Nur wenn ein solcher vorhanden sei, gebe es eine Entschädigung. „Wölfe springen zwar nicht gerne, aber wenn sie es einmal raushaben, ist alles unter 1,20 Meter wertlos.“ Wölfe seien sehr kluge Tiere.

Bei einem Kontakt mit einem Wolf rät Wichmann zu Respekt. „Bleiben Sie stehen und wenn er Sie bemerkt, machen Sie sich als Mensch bemerkbar, reden, klatschen und rufen.“ Sollte er noch immer nicht weiter gehen, „ziehen sie sich langsam zurück“. Im Notfall könnte man auch einen Stein werfen.

Es gebe seit der Rückkehr des Wolfes keine einzigen Nachweis darüber, dass die Tiere gegenüber Menschen aggressiv geworden seien. Trotzdem: Je mehr Wölfe in Deutschland lebten, desto größer sei auch die Gefahr, dass einer darunter sei, der „anders ist“. Umso wichtiger sei es, das Verhalten der Wölfe zu beobachten, „damit im Zweifel entschieden werden kann, ob eingegriffen werden muss“.

Bei dem Kleinenbremer Wolf könnte es sich laut Wichmann auch um einen Nienburger gehandelt haben. „Vielleicht hat er unterwegs die Gelegenheit genutzt, sich hier zu stärken.“

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