Wie eine Portanerin einem Obdachlosen hilft und damit eine beispiellose Welle in Gang bringt Thomas Lieske Porta Westfalica-Hausberge (mt). Null Grad, die Luft ist feucht und bitterkalt. Im Scheinwerferlicht von Kathrin Klockes Wagen taucht ein Mann auf. Neben ihm sein Hund. Sie sitzen am Boden etwas abseits des Eingangs am Wez-Supermarkt in Hausberge. Kathrin Klocke stellt ihren Wagen ab, steigt aus und spricht den Obdachlosen an. Sie ahnt nicht, welchen Verlauf dieses kurze Gespräch nehmen wird. Es ist der Anfang eines verfrühten Weihnachtswunders. „Ich habe ihn gefragt, ob ich ihm etwas Gutes tun könnte", erzählt die Frau. Nein, er braucht nichts. Aber wenn sie eine Kleinigkeit für seinen Hund hätte, wäre das toll, sagt er. Kathrin Klocke geht in den Supermarkt. Kauft ein Netz Mandarinen, einen heißen Kaffee, eine Tüte Hundefutter. „Ich komme aus einer Polizistenfamilie. Helfen gehört für mich dazu", sagt sie. Eine Selbstverständlichkeit. Nichts, worüber sie lange nachdenkt. Auch nicht an diesem Abend. „Als der Mann das Netz mit Mandarinen in den Arm nahm und sich so sehr darüber freute, hatte ich einen richtigen Kloß im Hals." Er freut sich über etwas, das für viele eine selbstverständliche Kleinigkeit ist. Eine Mandarine, was ist daran schon besonders? Für den Obdachlosen bedeutet es in diesem Moment viel. „Das hat mich einfach berührt." Sie kommt mit dem Mann ins Gespräch. Erfährt, dass er aus Bad Oldesloe kommt und auf der Durchreise Richtung Bersenbrück ist. Er ist in Porta gestrandet, kennt sich nicht aus. Wo er und sein Hund in dieser Nacht schlafen? Das weiß er nicht. Kathrin Klocke will das so nicht stehen lassen. Sie kann sich das nicht vorstellen, versucht es bei der Polizei. „Die Beamten haben sich sofort gekümmert und die Unterkünfte abgeklappert." Doch keine Chance. Die eine ist nicht zu erreichen, die andere erlaubt keine Hunde. Ohne seinen Hund, sagt der Mann, geht er nirgendwo hin. Dann ein Anruf vom Ordnungsamt Porta. Ja, es gibt eine Notunterkunft. Aber: voll belegt, keine Hunde erlaubt. Eine Stunde, viele Telefonate später und durchgefroren, bleibt ihr nichts anderes übrig, als den Heimweg anzutreten. Den Mann mit seinem Hund zurückzulassen. In dieser Nacht gibt es keine Unterkunft für die beiden. Eine schreckliche Vorstellung. Eine, die sie nicht zur Ruhe kommen lässt. Die sie bewegt. Sie erzählt ihren Kindern davon. „Beide waren sehr betroffen. Wir haben überlegt, wie wir helfen können." Eine Flasche Tee ist schnell gekocht, dazu geschmierte Brote, eine Decke – hoffentlich ist der Obdachlose noch auf dem Parkplatz. Und noch immer ahnt die Frau nicht, was gleich passieren wird. Der Mann sitzt noch immer auf dem eiskalten Boden. Neben ihm ein Kinderwagen. Alles, was der Obdachlose hat, passt in den Wagen. Kathrin Klockes Blick schweift vom Kinderwagen ab, als der Obdachlose sie herzlich begrüßt: „Was machst du denn schon wieder hier?" Er kann sein Glück kaum fassen, als er sieht, was sie ihm mitgebracht hat. Die Tochter beschäftigt sich mit dem Hund, Kathrin Klocke unterhält sich weiter mit dem Mann. Die Lebensgeschichte berührt sie. Sie hört ihm aufmerksam zu. Trotzdem entgeht ihr nicht, wie immer mal wieder Leute stehen bleiben, einen kurzen Moment lang zuhören, weitergehen. Und dann geschieht etwas Wunderbares. Ein weiterer Passant bringt dem Obdachlosen etwas aus dem Supermarkt. „Ich war total verdutzt. Und der Mann auch", erinnert sich Kathrin Klocke. „Auf einmal hat sich das Ganze verselbstständigt." Immer mehr Supermarktkunden bringen etwas zu essen, zu trinken, zum Leben, zum Überleben vorbei. Obst, Getränke, Schokolade, Tee, Brötchen. „Eine Frau hat mir fünf Euro in die Hand gedrückt und darum gebeten, den Schein dem Mann zu geben", sagt Kathrin Klocke. Ein anderer Mann holt einen Campingkocher aus seinem Bulli und schenkt ihn dem Obdachlosen. „Ein nächster ging los und holte stilles Wasser aus dem Getränkemarkt, damit der Mann kochen kann." Kathrin Klocke ist gerührt. „Nach einer halben Stunde war der Kinderwagen voll." Ein Kunde bringt einen Sack Hundefutter. Doch der Hund ist allergisch gegen diese Sorte. Kathrin Klocke geht in den Markt und fragt an der Kasse höflich, ob ein Umtausch möglich ist. „Die Verkäuferin war hilfsbereit und hat mit uns Dinge im gleichen Wert zusammengesucht – sogar eine Fleischwurst für den Hund." Und der Mann draußen in der Kälte, ihm wird ganz warm. „Was ist denn hier los?", fragt er immer wieder. Das, was in Hausberge geschieht, sei nicht typisch. Seine Dankbarkeit, „ich konnte sie sehen, hören und fühlen", erzählt Kathrin Klocke. Mit einem etwas besseren Gefühl lässt sie den Mann schließlich am Supermarkt zurück. Eingedeckt mit warmen Decken, Essen, Futter für den Hund – mit einer großen Portion Menschlichkeit, wie sie später in einem Beitrag auf Facebook schreibt. Der wird bis Freitagabend mehr als 800-mal geteilt. Die Flut an Danksagungen unter ihrem Beitrag überrascht sie. „Meine Intention ist natürlich eine ganz andere. Ich will diesen Beitrag für mehr Menschlichkeit in die Welt schicken", sagt sie. #fürmehrmenschlichkeit, heißt schließlich der Hashtag, mit dem sie diesen Beitrag versieht. „Dieser Beitrag soll zeigen: Jeder kann etwas verrichten. Man muss sich einfach nur trauen." Sie will ein Bewusstsein dafür schaffen, in den richtigen Momenten hinzusehen, statt wegzuschauen. Kathrin Klocke ist noch nicht ganz weg, da will ihr der obdachlose Mann etwas zurückgeben. „Der Mann, der selbst nichts hat, ließ sich nicht davon abbringen, mir etwas zu schenken", erzählt die Frau. Der Mann übergibt ihr sein Reisetagebuch. Mit Aufzeichnungen aus diesem Jahr, Stempeln von Stadtverwaltungen, Postkarten, Notizen. „Ich mochte das gar nicht annehmen, aber er bestand darauf." Sie nimmt das Geschenk an, verabschiedet sich. Und schläft trotzdem unruhig. Wie es dem Mann nun wohl geht. Am nächsten Morgen sitzt er nicht mehr dort. Ist vielleicht schon weitergezogen. In Kathrin Klocke herrscht Ungewissheit. Am liebsten würde sie dem Mann weiter helfen. In dem Reisetagebuch hat sie eine Kopie seines Personalausweises gefunden – natürlich ohne Wohnsitzangabe. Diese Kopie ist nun die Verbindung zwischen ihr und dem Mann mit seinem Hund. Mittlerweile hat Kathrin Klocke zahlreiche private Hilfsangebote über Facebook bekommen. Der Mann war bis Freitag in Bad Eilsen in einer Pension untergebracht. Nun soll er nach Lerbeck kommen und darf dort bis Silvester in einem beheizten Raum leben.

Wie eine Portanerin einem Obdachlosen hilft und damit eine beispiellose Welle in Gang bringt

Kathrin Klocke wirbt #fürmehrmenschlichkeit.
© Thomas Lieske

Porta Westfalica-Hausberge (mt). Null Grad, die Luft ist feucht und bitterkalt. Im Scheinwerferlicht von Kathrin Klockes Wagen taucht ein Mann auf. Neben ihm sein Hund. Sie sitzen am Boden etwas abseits des Eingangs am Wez-Supermarkt in Hausberge. Kathrin Klocke stellt ihren Wagen ab, steigt aus und spricht den Obdachlosen an. Sie ahnt nicht, welchen Verlauf dieses kurze Gespräch nehmen wird. Es ist der Anfang eines verfrühten Weihnachtswunders.

„Ich habe ihn gefragt, ob ich ihm etwas Gutes tun könnte", erzählt die Frau. Nein, er braucht nichts. Aber wenn sie eine Kleinigkeit für seinen Hund hätte, wäre das toll, sagt er. Kathrin Klocke geht in den Supermarkt. Kauft ein Netz Mandarinen, einen heißen Kaffee, eine Tüte Hundefutter. „Ich komme aus einer Polizistenfamilie. Helfen gehört für mich dazu", sagt sie. Eine Selbstverständlichkeit. Nichts, worüber sie lange nachdenkt. Auch nicht an diesem Abend. „Als der Mann das Netz mit Mandarinen in den Arm nahm und sich so sehr darüber freute, hatte ich einen richtigen Kloß im Hals." Er freut sich über etwas, das für viele eine selbstverständliche Kleinigkeit ist. Eine Mandarine, was ist daran schon besonders? Für den Obdachlosen bedeutet es in diesem Moment viel. „Das hat mich einfach berührt."

Stadtwappen hat der Mann in seinem Tagebuch gesammelt. - © Thomas Lieske
Stadtwappen hat der Mann in seinem Tagebuch gesammelt. - © Thomas Lieske

Sie kommt mit dem Mann ins Gespräch. Erfährt, dass er aus Bad Oldesloe kommt und auf der Durchreise Richtung Bersenbrück ist. Er ist in Porta gestrandet, kennt sich nicht aus. Wo er und sein Hund in dieser Nacht schlafen? Das weiß er nicht. Kathrin Klocke will das so nicht stehen lassen. Sie kann sich das nicht vorstellen, versucht es bei der Polizei. „Die Beamten haben sich sofort gekümmert und die Unterkünfte abgeklappert." Doch keine Chance. Die eine ist nicht zu erreichen, die andere erlaubt keine Hunde. Ohne seinen Hund, sagt der Mann, geht er nirgendwo hin. Dann ein Anruf vom Ordnungsamt Porta. Ja, es gibt eine Notunterkunft. Aber: voll belegt, keine Hunde erlaubt. Eine Stunde, viele Telefonate später und durchgefroren, bleibt ihr nichts anderes übrig, als den Heimweg anzutreten. Den Mann mit seinem Hund zurückzulassen.

In dieser Nacht gibt es keine Unterkunft für die beiden. Eine schreckliche Vorstellung. Eine, die sie nicht zur Ruhe kommen lässt. Die sie bewegt. Sie erzählt ihren Kindern davon. „Beide waren sehr betroffen. Wir haben überlegt, wie wir helfen können." Eine Flasche Tee ist schnell gekocht, dazu geschmierte Brote, eine Decke – hoffentlich ist der Obdachlose noch auf dem Parkplatz. Und noch immer ahnt die Frau nicht, was gleich passieren wird.

Der Mann sitzt noch immer auf dem eiskalten Boden. Neben ihm ein Kinderwagen. Alles, was der Obdachlose hat, passt in den Wagen. Kathrin Klockes Blick schweift vom Kinderwagen ab, als der Obdachlose sie herzlich begrüßt: „Was machst du denn schon wieder hier?" Er kann sein Glück kaum fassen, als er sieht, was sie ihm mitgebracht hat. Die Tochter beschäftigt sich mit dem Hund, Kathrin Klocke unterhält sich weiter mit dem Mann. Die Lebensgeschichte berührt sie. Sie hört ihm aufmerksam zu. Trotzdem entgeht ihr nicht, wie immer mal wieder Leute stehen bleiben, einen kurzen Moment lang zuhören, weitergehen.

Und dann geschieht etwas Wunderbares. Ein weiterer Passant bringt dem Obdachlosen etwas aus dem Supermarkt. „Ich war total verdutzt. Und der Mann auch", erinnert sich Kathrin Klocke. „Auf einmal hat sich das Ganze verselbstständigt." Immer mehr Supermarktkunden bringen etwas zu essen, zu trinken, zum Leben, zum Überleben vorbei. Obst, Getränke, Schokolade, Tee, Brötchen. „Eine Frau hat mir fünf Euro in die Hand gedrückt und darum gebeten, den Schein dem Mann zu geben", sagt Kathrin Klocke. Ein anderer Mann holt einen Campingkocher aus seinem Bulli und schenkt ihn dem Obdachlosen. „Ein nächster ging los und holte stilles Wasser aus dem Getränkemarkt, damit der Mann kochen kann." Kathrin Klocke ist gerührt. „Nach einer halben Stunde war der Kinderwagen voll."

Ein Kunde bringt einen Sack Hundefutter. Doch der Hund ist allergisch gegen diese Sorte. Kathrin Klocke geht in den Markt und fragt an der Kasse höflich, ob ein Umtausch möglich ist. „Die Verkäuferin war hilfsbereit und hat mit uns Dinge im gleichen Wert zusammengesucht – sogar eine Fleischwurst für den Hund."

Und der Mann draußen in der Kälte, ihm wird ganz warm. „Was ist denn hier los?", fragt er immer wieder. Das, was in Hausberge geschieht, sei nicht typisch. Seine Dankbarkeit, „ich konnte sie sehen, hören und fühlen", erzählt Kathrin Klocke. Mit einem etwas besseren Gefühl lässt sie den Mann schließlich am Supermarkt zurück. Eingedeckt mit warmen Decken, Essen, Futter für den Hund – mit einer großen Portion Menschlichkeit, wie sie später in einem Beitrag auf Facebook schreibt. Der wird bis Freitagabend mehr als 800-mal geteilt.

Die Flut an Danksagungen unter ihrem Beitrag überrascht sie. „Meine Intention ist natürlich eine ganz andere. Ich will diesen Beitrag für mehr Menschlichkeit in die Welt schicken", sagt sie. #fürmehrmenschlichkeit, heißt schließlich der Hashtag, mit dem sie diesen Beitrag versieht. „Dieser Beitrag soll zeigen: Jeder kann etwas verrichten. Man muss sich einfach nur trauen." Sie will ein Bewusstsein dafür schaffen, in den richtigen Momenten hinzusehen, statt wegzuschauen.

Kathrin Klocke ist noch nicht ganz weg, da will ihr der obdachlose Mann etwas zurückgeben. „Der Mann, der selbst nichts hat, ließ sich nicht davon abbringen, mir etwas zu schenken", erzählt die Frau. Der Mann übergibt ihr sein Reisetagebuch. Mit Aufzeichnungen aus diesem Jahr, Stempeln von Stadtverwaltungen, Postkarten, Notizen. „Ich mochte das gar nicht annehmen, aber er bestand darauf." Sie nimmt das Geschenk an, verabschiedet sich. Und schläft trotzdem unruhig. Wie es dem Mann nun wohl geht. Am nächsten Morgen sitzt er nicht mehr dort. Ist vielleicht schon weitergezogen. In Kathrin Klocke herrscht Ungewissheit. Am liebsten würde sie dem Mann weiter helfen. In dem Reisetagebuch hat sie eine Kopie seines Personalausweises gefunden – natürlich ohne Wohnsitzangabe. Diese Kopie ist nun die Verbindung zwischen ihr und dem Mann mit seinem Hund.

Mittlerweile hat Kathrin Klocke zahlreiche private Hilfsangebote über Facebook bekommen. Der Mann war bis Freitag in Bad Eilsen in einer Pension untergebracht. Nun soll er nach Lerbeck kommen und darf dort bis Silvester in einem beheizten Raum leben.

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