Porta Westfalica

Abgestürztes Segelflugzeug bleibt in Baumkrone hängen - Rettung kommt aus der Luft

Jan Henning Rogge

Vom Rettungshubschrauer werden die Insassen des Segelflugzeuges von einem Höhenretter in Sicherheit gebracht. - © Foto: Jan Henning Rogge
Vom Rettungshubschrauer werden die Insassen des Segelflugzeuges von einem Höhenretter in Sicherheit gebracht. (© Foto: Jan Henning Rogge)

Porta Westfalica (mt). Als der Hubschrauber endlich zu hören ist, ist die Erleichterung spürbar. Schon seit Stunden hängt das Segelflugzeug im Baum. In der Kanzel gefangen sind eine 17-Jährige und ein 21-Jähriger aus dem Kreis Lüchow-Dannenberg. Gegen 13.30 Uhr waren sie vom Flugplatz in Vennebeck gestartet. Gegen 14.30 Uhr meldete sich dann ein Spaziergänger in der Leitstelle, nachdem er das Flugzeug am Mindener Weg nahe dem Fernsehturm in der Baumkrone entdeckt hatte. Sofort rückt die Feuerwehr mit mehreren Löschgruppen aus. Doch viel können die Einsatzkräfte nicht unternehmen: Von unten kaum zu erkennen, hängt der Flieger mit dem Bug nach unten in etwa 35 Meter Höhe in der Baumkrone. Weder eine Drehleiter noch sonstiges schweres Gerät kann zwischen den hohen Buchen eingesetzt werden, die tragbaren Leitern sind zu kurz.

Schnell ist klar: Mit regulärem Gerät sind die eingeschlossenen Menschen dort oben nicht zu retten. Um die Gefahr bei einem eventuellen Absturz zumindest etwas zu mildern, stellen die Einsatzkräfte zwei große Luftkissen unterhalb des Flugzeuges auf. Mehr können sie zu diesem Zeitpunkt nicht tun. Wie in solchen Fällen üblich, wird die Höhenrettungsgruppe der Feuerwehr Espelkamp zu Hilfe gerufen. Ein Polizeihubschrauber wird angefordert, um die Lage aus der Luft auszukundschaften. Inzwischen besteht auch per Mobiltelefon Kontakt zu den Eingeschlossenen. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Ein Höhenretter macht sich auf den Weg in die Baumkrone, während die Feuerwehr Scheinwerfer aufstellt, da es im Wald schnell spürbar dunkeler wird.

Rettungseinsatz abgestürztes Segelflugzeug in Porta (Plus-Inhalt)

Inzwischen ist klar, dass auch die Spezialisten nicht an die beiden Flugzeuginsassen herankommen, eine Rettung zu gefährlich ist: Die dünnen Äste in der Baumkrone würden das Gewicht der Retter nicht tragen können, die Absturzgefahr beim Ausstieg und Abseilen ist zu hoch. Immerhin besteht nun direkter Kontakt zwischen den Eingeschlossenen und den Rettern. Die ganze Zeit über bleibt der Mann in der Baumkrone an der Seite der beiden. Der Helfer versucht das Fluggerät so gut es geht mit Seilen zu sichern – mehr ist nicht möglich. Ein hinzugerufener Experte einer Autokran-Firma winkt nach der Begutachtung der Unfallstelle ab: Mit schwerem Gerät kommen die Retter hier nicht weiter.

Auch das Team im Polizeihubschrauber kann nicht helfen. Sie haben weder eine Seilwinde noch einen Lasthaken an ihrem Fluggerät. Unverrichteter Dinge dreht der Hubschrauber ab – doch weil klar ist, dass wohl nur noch eine Rettung aus der Luft infrage kommt, fordert die Leitstelle über die SAR-Leitstelle in Münster einen für eine solche Mission ausgerüsteten Rettungshubschrauber an, die in Deutschland von der Bundeswehr betrieben werden. Nur an fünf Standorten werden die Maschinen vorgehalten, die mit speziell ausgebildeten Teams bemannt sind. Aus Nörvenich westlich von Köln kommt der Such- und Rettungs-Hubschrauber „SAR 41", der beim taktischen Luftwaffengeschwaders 31 „Boelcke" stationiert ist. Dabei handelt es sich um einen Bell UH-1D, dem Hubschraubertyp der erstmals im Vietnamkrieg eingesetzt wurde und auch bei der Bundeswehr für viele verschiedene Zwecke eingesetzt wurde. An Bord sind neben dem Pilot und Bordtechniker noch ein Luftretter.

Weiter geht es nicht: Weil die Äste nach oben hin immer dünner werden, ist ein Abseilen der Insassen nicht möglich.
Weiter geht es nicht: Weil die Äste nach oben hin immer dünner werden, ist ein Abseilen der Insassen nicht möglich.

Es ist kurz vor 18 Uhr als das charakteristische „Teppichklopfer-Geräusch" zu hören ist. Dreimal überfliegt die Crew den Einsatzort und landet dann auf einer Wiese neben dem Waldstück. Schon vorab haben die Espelkamper Höhenretter ausgemacht, wer von ihnen sich vom Hubschrauber aus abseilen wird – Werner Klostermann, der dienstälteste Kollege, soll die Aufgabe übernehmen. Während er vom Luftretter in die besondere Technik und das Funkgerät eingewiesen wird, bespricht sich der Rest der Crew mit der Einsatzleitung.

Luftpolster stehen bereit, um im Falle eines Absturzes den Aufschlag wenigstens etwas abzufangen.
Luftpolster stehen bereit, um im Falle eines Absturzes den Aufschlag wenigstens etwas abzufangen.

Denn ganz so einfach wird die Mission auch mit dem speziell ausgerüsteten Hubschrauber nicht: Der starke Abwind der Rotorblätter könnte das nur mit Seilen gesicherte Segelflugzeug herunterdrücken und zum Absturz bringen. Die Maschine muss deshalb sehr hoch über den Wipfeln bleiben: 75 Meter Seil sind auf der Winde, bis auf etwa 40 Meter werd der Pilot die Maschine absenken – mehr nicht. Etwa um 18.30 Uhr ist es dann so weit: Der große Rotor des Hubschraubers beginnt sich zu drehen, SAR 41 hebt ab und fliegt in einem großen Bogen über die Absturzstelle. In der Dämmerung wird Klostermeier herabgelassen, baumelt am langen Seil hin und her über den Wipfeln. Dann ist er vom improvisierten Landeplatz aus nicht mehr zu sehen. Es dauert gefühlte Ewigkeiten, bis er die 17-Jährige am Seil gesichert hat und endlich beide gemeinsam nach oben gezogen werden. Nur Minuten später fliegt der Hubschrauber über der Wiese und lässt die beiden Passagiere am Haken herab. Es ist 18.45 Uhr, als die junge Frau am Boden von Helfern in Empfang genommen und dem Rettungsdienst übergeben wird.

In 35 Meter Höhe kaum zu sehen: Das Segelflugzeug steckt in der Krone einer mächtigen Buche. MT-Fotos: Jan Henning Rogge
In 35 Meter Höhe kaum zu sehen: Das Segelflugzeug steckt in der Krone einer mächtigen Buche. MT-Fotos: Jan Henning Rogge

Für Klostermann und die Hubschraubercrew geht es weiter zur zweiten Runde. Es wird nun immer dunkler, doch die starken Scheinwerfer am Rumpf des Hubschraubers beleuchten die Baumkronen. Wieder verschwindet der Höhenretter hinter den Wipfeln, wieder dauert es einige Minuten, bis zwei Menschen emporgezogen werden. Erst als beide von den Helfern am Boden in Empfang genommen werden, geht ein Aufatmen durch die Reihen der Rettungskräfte. Um 19 Uhr ist auch der junge Mann in Sicherheit. Beide werden vorsorglich ins Mindener Klinikum gebracht. Wenig später fliegt SAR 41 zurück nach Nörvenich, Das Feuerwehr-Großaufgebot ist noch etwa eine Stunde beschäftigt, bis alle Spuren des Einsatzes beseitigt sind. Das Ordnungsamt sperrt den Bereich ab, das Flugzeug bleibt zunächst im Baum. Spezialisten werden sich in den nächsten Tagen um die Bergung kümmern. Im Wald kehrt Ruhe ein.

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Porta WestfalicaAbgestürztes Segelflugzeug bleibt in Baumkrone hängen - Rettung kommt aus der LuftJan Henning RoggePorta Westfalica (mt). Als der Hubschrauber endlich zu hören ist, ist die Erleichterung spürbar. Schon seit Stunden hängt das Segelflugzeug im Baum. In der Kanzel gefangen sind eine 17-Jährige und ein 21-Jähriger aus dem Kreis Lüchow-Dannenberg. Gegen 13.30 Uhr waren sie vom Flugplatz in Vennebeck gestartet. Gegen 14.30 Uhr meldete sich dann ein Spaziergänger in der Leitstelle, nachdem er das Flugzeug am Mindener Weg nahe dem Fernsehturm in der Baumkrone entdeckt hatte. Sofort rückt die Feuerwehr mit mehreren Löschgruppen aus. Doch viel können die Einsatzkräfte nicht unternehmen: Von unten kaum zu erkennen, hängt der Flieger mit dem Bug nach unten in etwa 35 Meter Höhe in der Baumkrone. Weder eine Drehleiter noch sonstiges schweres Gerät kann zwischen den hohen Buchen eingesetzt werden, die tragbaren Leitern sind zu kurz. Schnell ist klar: Mit regulärem Gerät sind die eingeschlossenen Menschen dort oben nicht zu retten. Um die Gefahr bei einem eventuellen Absturz zumindest etwas zu mildern, stellen die Einsatzkräfte zwei große Luftkissen unterhalb des Flugzeuges auf. Mehr können sie zu diesem Zeitpunkt nicht tun. Wie in solchen Fällen üblich, wird die Höhenrettungsgruppe der Feuerwehr Espelkamp zu Hilfe gerufen. Ein Polizeihubschrauber wird angefordert, um die Lage aus der Luft auszukundschaften. Inzwischen besteht auch per Mobiltelefon Kontakt zu den Eingeschlossenen. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Ein Höhenretter macht sich auf den Weg in die Baumkrone, während die Feuerwehr Scheinwerfer aufstellt, da es im Wald schnell spürbar dunkeler wird. Inzwischen ist klar, dass auch die Spezialisten nicht an die beiden Flugzeuginsassen herankommen, eine Rettung zu gefährlich ist: Die dünnen Äste in der Baumkrone würden das Gewicht der Retter nicht tragen können, die Absturzgefahr beim Ausstieg und Abseilen ist zu hoch. Immerhin besteht nun direkter Kontakt zwischen den Eingeschlossenen und den Rettern. Die ganze Zeit über bleibt der Mann in der Baumkrone an der Seite der beiden. Der Helfer versucht das Fluggerät so gut es geht mit Seilen zu sichern – mehr ist nicht möglich. Ein hinzugerufener Experte einer Autokran-Firma winkt nach der Begutachtung der Unfallstelle ab: Mit schwerem Gerät kommen die Retter hier nicht weiter. Auch das Team im Polizeihubschrauber kann nicht helfen. Sie haben weder eine Seilwinde noch einen Lasthaken an ihrem Fluggerät. Unverrichteter Dinge dreht der Hubschrauber ab – doch weil klar ist, dass wohl nur noch eine Rettung aus der Luft infrage kommt, fordert die Leitstelle über die SAR-Leitstelle in Münster einen für eine solche Mission ausgerüsteten Rettungshubschrauber an, die in Deutschland von der Bundeswehr betrieben werden. Nur an fünf Standorten werden die Maschinen vorgehalten, die mit speziell ausgebildeten Teams bemannt sind. Aus Nörvenich westlich von Köln kommt der Such- und Rettungs-Hubschrauber „SAR 41", der beim taktischen Luftwaffengeschwaders 31 „Boelcke" stationiert ist. Dabei handelt es sich um einen Bell UH-1D, dem Hubschraubertyp der erstmals im Vietnamkrieg eingesetzt wurde und auch bei der Bundeswehr für viele verschiedene Zwecke eingesetzt wurde. An Bord sind neben dem Pilot und Bordtechniker noch ein Luftretter. Es ist kurz vor 18 Uhr als das charakteristische „Teppichklopfer-Geräusch" zu hören ist. Dreimal überfliegt die Crew den Einsatzort und landet dann auf einer Wiese neben dem Waldstück. Schon vorab haben die Espelkamper Höhenretter ausgemacht, wer von ihnen sich vom Hubschrauber aus abseilen wird – Werner Klostermann, der dienstälteste Kollege, soll die Aufgabe übernehmen. Während er vom Luftretter in die besondere Technik und das Funkgerät eingewiesen wird, bespricht sich der Rest der Crew mit der Einsatzleitung. Denn ganz so einfach wird die Mission auch mit dem speziell ausgerüsteten Hubschrauber nicht: Der starke Abwind der Rotorblätter könnte das nur mit Seilen gesicherte Segelflugzeug herunterdrücken und zum Absturz bringen. Die Maschine muss deshalb sehr hoch über den Wipfeln bleiben: 75 Meter Seil sind auf der Winde, bis auf etwa 40 Meter werd der Pilot die Maschine absenken – mehr nicht. Etwa um 18.30 Uhr ist es dann so weit: Der große Rotor des Hubschraubers beginnt sich zu drehen, SAR 41 hebt ab und fliegt in einem großen Bogen über die Absturzstelle. In der Dämmerung wird Klostermeier herabgelassen, baumelt am langen Seil hin und her über den Wipfeln. Dann ist er vom improvisierten Landeplatz aus nicht mehr zu sehen. Es dauert gefühlte Ewigkeiten, bis er die 17-Jährige am Seil gesichert hat und endlich beide gemeinsam nach oben gezogen werden. Nur Minuten später fliegt der Hubschrauber über der Wiese und lässt die beiden Passagiere am Haken herab. Es ist 18.45 Uhr, als die junge Frau am Boden von Helfern in Empfang genommen und dem Rettungsdienst übergeben wird. Für Klostermann und die Hubschraubercrew geht es weiter zur zweiten Runde. Es wird nun immer dunkler, doch die starken Scheinwerfer am Rumpf des Hubschraubers beleuchten die Baumkronen. Wieder verschwindet der Höhenretter hinter den Wipfeln, wieder dauert es einige Minuten, bis zwei Menschen emporgezogen werden. Erst als beide von den Helfern am Boden in Empfang genommen werden, geht ein Aufatmen durch die Reihen der Rettungskräfte. Um 19 Uhr ist auch der junge Mann in Sicherheit. Beide werden vorsorglich ins Mindener Klinikum gebracht. Wenig später fliegt SAR 41 zurück nach Nörvenich, Das Feuerwehr-Großaufgebot ist noch etwa eine Stunde beschäftigt, bis alle Spuren des Einsatzes beseitigt sind. Das Ordnungsamt sperrt den Bereich ab, das Flugzeug bleibt zunächst im Baum. Spezialisten werden sich in den nächsten Tagen um die Bergung kümmern. Im Wald kehrt Ruhe ein.