Holtrup

120 Mitarbeiter in Holtrup betroffen: IWM Automation vor dem Aus

Dirk Haunhorst

IWM Automation hat 1994 das Firmengebäude am Rehwinkel im Holtruper Gewerbegebiet bezogen. Im nächsten Jahr sollen hier die Lichter ausgehen. Foto: Gisela Schwarze - © schwarze
IWM Automation hat 1994 das Firmengebäude am Rehwinkel im Holtruper Gewerbegebiet bezogen. Im nächsten Jahr sollen hier die Lichter ausgehen. Foto: Gisela Schwarze (© schwarze)

Porta Westfalica-Holtrup (mt). Der Holtruper Anlagenbauer IWM Automation steht vor dem Aus. Davon sind 120 Mitarbeiter betroffen. Die Entscheidung hat der Verwaltungsrat der Max Automation in Düsseldorf getroffen. Die Schließung des Tochterunternehmens in Porta Westfalica sei erforderlich, „da der im September 2018 eingeleitete Verkaufsprozess nicht mit einem wirtschaftlich sinnvollen Ergebnis abgeschlossen werden kann“, meldet der börsennotierte Industrieanlagenanbieter, zu dem IWM seit 1998 gehört. Die Max-Gruppe hat in ihrem Kerngeschäft rund 1.200 Mitarbeiter und weltweit etwa 20 Standorte, überwiegend für den Vertrieb.

Die Schließung hängt offensichtlich mit der kriselnden Autoindustrie zusammen. Das Marktumfeld des auf Montageanlagen für den Bereich Automotive spezialisierten Unternehmens habe sich in den vergangenen Monaten noch einmal deutlich verschlechtert und negativ auf die Auftragseingänge ausgewirkt, so Max. Das Unternehmen rechnet in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht mit einer Erholung der Auftragslage.

Alle Aufträge von Kunden sowie Bestellungen bei Lieferanten würden zuverlässig und Zug um Zug abgearbeitet und Zahlungsverbindlichkeiten in der vertraglich vorgesehenen Frist bezahlt, versichert das Unternehmen. „Aus heutiger Sicht sollte die Schließung Ende 2020, voraussichtlich im dritten Quartal abgeschlossen sein.“

Die Beschäftigten seien vergangenen Freitag über die Schließung informiert worden, teilt das Unternehmen auf MT-Anfrage mit. „Allen Mitarbeitern, soweit rechtlich möglich, ist zum 30. September 2020 gekündigt worden.“ Die Kündigungsfrist von zwölf Monaten sei damit jeweils länger als die eigentlich bestehende Kündigungsfrist der betroffenen Mitarbeiter. Damit, so Max Automation, wolle man den Beschäftigten hinreichend Zeit geben , um eine neue Tätigkeit aufzunehmen.

Das Unternehmen äußert sich auf Nachfrage auch zu dem gescheiterten Verkaufsversuch. Demnach gebe es seit einem Jahr „ein breites Deinvestitionsprogramm“, das auch die IWM Automation GmbH umfasse. Der Verkaufsprozess sei eingeleitet worden, „allerdings entwickelt sich die Nachfragesituation hier sehr negativ“. Das Marktumfeld im Bereich Automotive habe sich in den vergangenen Monaten nochmals deutlich verschlechtert. Neue Auftragseingänge seien weitgehend ausgeblieben und es zeichne sich nicht ab, dass sich der Markt in den kommenden Monaten positiv entwickeln werde, so Max Automation. „Dies führt dazu, dass wir auch in den nächsten Jahren mit einer nachhaltigen Verlustsituation in diesem Unternehmen rechnen müssen. Dazu kommen Kosten für Investitionen und Restrukturierung. Das Unternehmen ist in diesem Marktumfeld derzeit nicht verkaufsfähig.“

Die Geschäftsführung in Holtrup war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar, Mitarbeiter wollten sich nicht äußern und verwiesen auf die IWM-Mutter in Düsseldorf.

Mit der Schließung von IWM Automation endet eine mehr als 40 Jahre dauernde Unternehmensgeschichte, die 1978 begann und über das Holtruper Gewerbegebiet Osterkamp (1984) an den heutigen Standort im Rehwinkel führte, wo 1994 der Neubau bezogen worden. Der Geschäftsführer und Gesellschafter hieß damals Ingo Wojtynia, Seine Initialen „IW“ bilden einen Teil des Firmennamens. Damals beschäftigte der Maschinenbauer bereits 80 Mitarbeiter, die hochautomatisierte Montage- und Schweißanlagen für die Automobil-, Elektro- und Konsumgüterindustrie bauten. Später firmierte IWM vor allem als Anlagenbauer für die Automobilindustrie.

Gemeinsam mit dem boomenden Automarkt wuchs auch IWM. Zu den Kunden des Anlagenbauers gehörten Volkswagen, Daimler und General Motors, außerdem Zulieferer der Industrie wie beispielsweise ZF in Lemförde oder Brose Fahrzeugteile. Ob Sitztechnik, Getriebe, Lenkungskomponenten und Elektromotoren für Lenkungen: Am Rehwinkel entstanden Anlagen, die Teile automatisiert zusammenbauten.

Vor einigen Jahren etablierte sich in Holtrup die Getriebemontage als neues Kernsegment. Das Unternehmen berichtete 2014 stolz über einen Großauftrag im zweistelligen Millionenbereich, der Planungssicherheit gebe. Die Automobilindustrie brummte, auch bei IWM standen die Zeichen auf Wachstum. 2012 nahm die Firma einen Hallenanbau mit 1.000 Quadratmetern in Betrieb, die Produktionsfläche wuchs auf 4.500 Quadratmeter, Büroräume wurden erweitert.

Auch aus Sicht der Portaner Verwaltung war der Holtruper Betrieb ein Vorzeige-Unternehmen: Als es Ende 2012 eine Förderung für die kränkelnde Breitbandversorgung der Stadt gab, händigte Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl Bürgermeister Stephan Böhme den Bescheid bei IWM Automation aus.

Zuletzt machte IWM im Mai 2018 Schlagzeilen, als der Zusammenschluss mit der Rohwedder Macro Assembly GmbH aus Bermatingen am Bodensee vollzogen wurde. „Zwei führende Anbieter anspruchsvoller Automatisierungs-Lösungen“, so die damalige Mitteilung, bildeten ein Unternehmen mit 300 Mitarbeitern an den Standorten Porta, Bermatingen und in Katowice in Polen. IWM Automation sollte sich dabei auf die Automobilindustrie und ihre Zulieferer fokussieren und komplexe Automatisierungs- und Applikationslösungen verwirklichen. Doch diese Veränderungen brachten offenbar nicht den gewünschten Erfolg. Nur wenige Monate später begannen die Verkaufsversuche.

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Holtrup120 Mitarbeiter in Holtrup betroffen: IWM Automation vor dem AusDirk HaunhorstPorta Westfalica-Holtrup (mt). Der Holtruper Anlagenbauer IWM Automation steht vor dem Aus. Davon sind 120 Mitarbeiter betroffen. Die Entscheidung hat der Verwaltungsrat der Max Automation in Düsseldorf getroffen. Die Schließung des Tochterunternehmens in Porta Westfalica sei erforderlich, „da der im September 2018 eingeleitete Verkaufsprozess nicht mit einem wirtschaftlich sinnvollen Ergebnis abgeschlossen werden kann“, meldet der börsennotierte Industrieanlagenanbieter, zu dem IWM seit 1998 gehört. Die Max-Gruppe hat in ihrem Kerngeschäft rund 1.200 Mitarbeiter und weltweit etwa 20 Standorte, überwiegend für den Vertrieb. Die Schließung hängt offensichtlich mit der kriselnden Autoindustrie zusammen. Das Marktumfeld des auf Montageanlagen für den Bereich Automotive spezialisierten Unternehmens habe sich in den vergangenen Monaten noch einmal deutlich verschlechtert und negativ auf die Auftragseingänge ausgewirkt, so Max. Das Unternehmen rechnet in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht mit einer Erholung der Auftragslage. Alle Aufträge von Kunden sowie Bestellungen bei Lieferanten würden zuverlässig und Zug um Zug abgearbeitet und Zahlungsverbindlichkeiten in der vertraglich vorgesehenen Frist bezahlt, versichert das Unternehmen. „Aus heutiger Sicht sollte die Schließung Ende 2020, voraussichtlich im dritten Quartal abgeschlossen sein.“ Die Beschäftigten seien vergangenen Freitag über die Schließung informiert worden, teilt das Unternehmen auf MT-Anfrage mit. „Allen Mitarbeitern, soweit rechtlich möglich, ist zum 30. September 2020 gekündigt worden.“ Die Kündigungsfrist von zwölf Monaten sei damit jeweils länger als die eigentlich bestehende Kündigungsfrist der betroffenen Mitarbeiter. Damit, so Max Automation, wolle man den Beschäftigten hinreichend Zeit geben , um eine neue Tätigkeit aufzunehmen. Das Unternehmen äußert sich auf Nachfrage auch zu dem gescheiterten Verkaufsversuch. Demnach gebe es seit einem Jahr „ein breites Deinvestitionsprogramm“, das auch die IWM Automation GmbH umfasse. Der Verkaufsprozess sei eingeleitet worden, „allerdings entwickelt sich die Nachfragesituation hier sehr negativ“. Das Marktumfeld im Bereich Automotive habe sich in den vergangenen Monaten nochmals deutlich verschlechtert. Neue Auftragseingänge seien weitgehend ausgeblieben und es zeichne sich nicht ab, dass sich der Markt in den kommenden Monaten positiv entwickeln werde, so Max Automation. „Dies führt dazu, dass wir auch in den nächsten Jahren mit einer nachhaltigen Verlustsituation in diesem Unternehmen rechnen müssen. Dazu kommen Kosten für Investitionen und Restrukturierung. Das Unternehmen ist in diesem Marktumfeld derzeit nicht verkaufsfähig.“ Die Geschäftsführung in Holtrup war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar, Mitarbeiter wollten sich nicht äußern und verwiesen auf die IWM-Mutter in Düsseldorf. Mit der Schließung von IWM Automation endet eine mehr als 40 Jahre dauernde Unternehmensgeschichte, die 1978 begann und über das Holtruper Gewerbegebiet Osterkamp (1984) an den heutigen Standort im Rehwinkel führte, wo 1994 der Neubau bezogen worden. Der Geschäftsführer und Gesellschafter hieß damals Ingo Wojtynia, Seine Initialen „IW“ bilden einen Teil des Firmennamens. Damals beschäftigte der Maschinenbauer bereits 80 Mitarbeiter, die hochautomatisierte Montage- und Schweißanlagen für die Automobil-, Elektro- und Konsumgüterindustrie bauten. Später firmierte IWM vor allem als Anlagenbauer für die Automobilindustrie. Gemeinsam mit dem boomenden Automarkt wuchs auch IWM. Zu den Kunden des Anlagenbauers gehörten Volkswagen, Daimler und General Motors, außerdem Zulieferer der Industrie wie beispielsweise ZF in Lemförde oder Brose Fahrzeugteile. Ob Sitztechnik, Getriebe, Lenkungskomponenten und Elektromotoren für Lenkungen: Am Rehwinkel entstanden Anlagen, die Teile automatisiert zusammenbauten. Vor einigen Jahren etablierte sich in Holtrup die Getriebemontage als neues Kernsegment. Das Unternehmen berichtete 2014 stolz über einen Großauftrag im zweistelligen Millionenbereich, der Planungssicherheit gebe. Die Automobilindustrie brummte, auch bei IWM standen die Zeichen auf Wachstum. 2012 nahm die Firma einen Hallenanbau mit 1.000 Quadratmetern in Betrieb, die Produktionsfläche wuchs auf 4.500 Quadratmeter, Büroräume wurden erweitert. Auch aus Sicht der Portaner Verwaltung war der Holtruper Betrieb ein Vorzeige-Unternehmen: Als es Ende 2012 eine Förderung für die kränkelnde Breitbandversorgung der Stadt gab, händigte Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl Bürgermeister Stephan Böhme den Bescheid bei IWM Automation aus. Zuletzt machte IWM im Mai 2018 Schlagzeilen, als der Zusammenschluss mit der Rohwedder Macro Assembly GmbH aus Bermatingen am Bodensee vollzogen wurde. „Zwei führende Anbieter anspruchsvoller Automatisierungs-Lösungen“, so die damalige Mitteilung, bildeten ein Unternehmen mit 300 Mitarbeitern an den Standorten Porta, Bermatingen und in Katowice in Polen. IWM Automation sollte sich dabei auf die Automobilindustrie und ihre Zulieferer fokussieren und komplexe Automatisierungs- und Applikationslösungen verwirklichen. Doch diese Veränderungen brachten offenbar nicht den gewünschten Erfolg. Nur wenige Monate später begannen die Verkaufsversuche.