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Betreten erwünscht - ein Besuch des jüdischen Friedhofs

Hans-Martin Polte

Eine öffentliche Führung fand zuletzt am Tag des offenen Denkmals statt. Das Mausoleum der Familie Michelsohn war eine Station. - © polte
Eine öffentliche Führung fand zuletzt am Tag des offenen Denkmals statt. Das Mausoleum der Familie Michelsohn war eine Station. (© polte)

Porta Westfalica-Hausberge (pte). „Betreten erlaubt“ steht auf einer kleinen Bronzetafel am Eingang des alten jüdischen Friedhofs an der Kempstraße in Hausberge. Doch große Beachtung findet der etwas versteckt, oberhalb der Straße gelegene Friedhof bei Spaziergängern normalerweise nicht.

Um den Friedhof und seine Besonderheiten etwas mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, beteiligten sich Schüler der Arbeitsgemeinschaft „Jüdischer Friedhof Hausberge“ der Gesamtschule Porta am Tag des offenen Denkmals. Sie öffneten das alte Eisentor des Friedhofs und luden Besucher dazu ein, sich mit den alten jüdischen Grabmalen, die teilweise schon mehr als 150 Jahre lang dort stehen, zu beschäftigen.

Rechtzeitig vor diesem Termin hatten Mitarbeiter des städtischen Bauhofs 23 Grabsteine, die umzustürzen drohten, mit Pfählen gesichert und die heimische Steinmetzfirma Stendel.-Merks hatte es im Auftrag der Stadt übernommen, die teilweise hohen Grabsteine wieder mit festem Sockel zu versehen und standsicher zu machen. Der Stadtrat hatte dazu vor der Sommerpause einen Beschluss gefasst und für die Unterhaltungsarbeiten des Mahnmals am Grünen Markt und des Jüdischen Friedhofs insgesamt 30.000 Euro mithilfe einer überplanmäßigen Ausgabe bereitgestellt.

Mitarbeiter einer Steinmetzfirma stabilisierten vor wenigen Wochen die hohen Grabmale, die umzustürzen drohten. Der Stadt hatte zuvor eine Summe von knapp 15.000 Euro für die Arbeiten bewilligt. Fotos: Hans-Martin Polte - © polte
Mitarbeiter einer Steinmetzfirma stabilisierten vor wenigen Wochen die hohen Grabmale, die umzustürzen drohten. Der Stadt hatte zuvor eine Summe von knapp 15.000 Euro für die Arbeiten bewilligt. Fotos: Hans-Martin Polte (© polte)

Neben den professionellen Arbeiten ist das ehrenamtliche Engagement bemerkenswert. Jugendliche der Gesamtschul-AG kümmern sich bereits seit zehn Jahren um Garten- und Pflegearbeiten, so dass der Friedhof in einem ansehnlichen Zustand präsentiert wird. Die Schüler helfen damit der Stadt Porta Westfalica, die für die Pflege und Erhaltung des Friedhofs zuständig ist, dafür aber auf Landesmittel für Denkmalpflege zurückgreifen kann. Besitzer ist der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Westfalen und Lippe.

Wie der offizielle Name „Friedhof der jüdischen Gemeinden Minden und Hausberge“ andeutet, findet man dort Grabstätten von Mindener Juden wie auch von jüdischen Menschen, die im früheren Amt Hausberge gestorben sind. Über diese Besonderheit berichtet Pascal Conrad von der AG: „Der Friedhof besteht aus einem Mindener und einem Hausberger Teil. Auf der größeren Mindener Begräbnisstätte stehen Grabmale aus den Jahren 1821 bis 1894.“

„Das hängt damit zusammen, dass es in Minden seit Anfang des 19. Jahrhunderts keinen jüdischen Friedhof mehr gab. Der einzige Judenfriedhof musste nämlich der Erweiterung der Mindener Stadtmauer weichen“, ergänzt Karl-Wilfried Pultke. Geht man durch die Reihen der Grabmale, liest man bekannte Namen aus der Mindener Geschichte wie etwa die der Vorfahren des weltbekannten Anthropologen Franz Boas und des Begründers der Kinderheilkunde in den USA Abraham Jacobi.

Da es ab 1895 wieder einen jüdischen Friedhof in Minden gab, hatten danach nur noch wenige Mindener Juden ihre letzte Ruhestätte in Hausberge.

Etwas anders sieht es auf dem Hausberger Teil des Friedhofes aus, denn hier gibt es Grabplatten und Grabsteine, die vielfach auch jüngeren Datums sind. Sie erinnern oftmals an Menschen, die in Kriegen und Konzentrationslagern ums Leben gekommen sind. Die Sterbedaten in der Nazizeit und die aufgeführten Sterbeorte genügen, um dem Betrachter die schrecklichen Schicksale, die hinter den Namen stehen, vor Augen zu führen.

Schülerin Simone Costa macht auf eine Gedenktafel aufmerksam, die der Hausberger Otto Windmüller Anfang der 1960er Jahre auf dem Friedhof hat aufstellen lassen. „Otto Windmüller wurde 1941 mit seiner Frau Ruth und seinem kleinen Sohn Peter von den Nazis in das Ghetto Riga deportiert. Als einziger seiner Familie überlebte er und kehrte 1946 wieder nach Hausberge in sein Elternhaus Hauptstraße 80 zurück. Auf der Tafel erinnert er namentlich an seine Familienangehörigen, die alle in Konzentrationslagern ums Leben gekommen sind.“

Otto Windmöller selbst ist im April 1968 nach einem tragischen Verkehrsunfall vor den Toren Hausberges gestorben und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Minden beigesetzt, da nach 1939 keine Bestattungen mehr auf dem Hausberger Friedhof – bis auf eine Ausnahme – durchgeführt wurden.

Die schulische Friedhofs-Arbeitsgemeinschaft hat bereits weitere Pläne. So sollen sämtliche Grabsteine des jüdischen Friedhofs digital erfasst zu erfasst, dokumentiert und in einer Datenbank weltweit online zugänglich gemacht werden.

In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Stadt Porta, der Heimatförderung des Landes NRW und dem Förderverein der Gesamtschule hoffen Karl-Wilfried Pultke und die Schüler, noch in diesem Jahr mit der Realisierung der Pläne beginnen zu können. Ein Antrag auf Fördermittel beim Land ist bereits gestellt worden.

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