Vennebeck

Rituale für ein langes Leben: Marie Schröder feiert heute ihren 100. Geburtstag

Christine Riechmann

Lieblingsplatz auf dem Sofa: Marie Schröder erinnert sich an ein bewegtes Leben. MT- - © Foto: Christine Riechmann
Lieblingsplatz auf dem Sofa: Marie Schröder erinnert sich an ein bewegtes Leben. MT- (© Foto: Christine Riechmann)

Porta Westfalica-Vennebeck (mt). Kefir und Wacholderschnaps – offensichtlich eine gesunde Mischung. Schaut man Marie Schröder ins Gesicht, ist nichts von den 100 Jahren zu sehen, die die rüstig wirkende Dame erlebt hat. Weder tiefe Falten noch ein gebrechlich wirkender Körper zeichnen die Vennebeckerin. Zufrieden sitzt sie auf ihrem Sofa und erzählt von ihrem täglichen Ritual: am frühen Mittag ein Schnaps und abends Müsli mit dem dickflüssigen Sauermilchprodukt.

Auch wenn Marie Schröder nicht mehr so gut sieht und hört und etwas wackelig auf den Beinen steht, ist ihr größter Geburtstagswunsch in Erfüllung gegangen: ihren 100. noch gesund und mit vollem Verstand zu erleben. „Ich möchte noch alle Sinne beisammen haben“, hat sie immer gehofft.

Dass die gelernte Schneiderin ihr Jubiläum so munter erlebt, scheint nicht selbstverständlich: Drei Krebserkrankungen und einige andere gesundheitliche Probleme haben es ihr nicht immer leicht gemacht.

Der größte Schicksalsschlag in ihrem langen Leben sei allerdings der frühe Tod ihrer Mutter gewesen. Marie Schröder war gerade mal zehn Jahre alt, als diese starb. Da sie ohne Vater aufgewachsen war, kam sie in eine Pflegefamilie, zu einer Freundin ihrer verstorbenen Mutter.

Bei „Tante Schröder“ fand das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen ein neues Zuhause – und ihren späteren Ehemann: Mit dem Sohn des Hauses verstand sie sich prächtig und beim gemeinsamen Englisch lernen vor dem Radio kamen sie sich irgendwann näher. Am 12. Mai 1940, mit 21 Jahren, heiratete sie den zehn Jahre älteren Lackierermeister Wilhelm Schröder. 1943 kam Tochter Edeltraud auf die Welt, die Marie Schröder im Laufe der Jahre eine Enkeltochter und drei Urenkeltöchter schenkte.

Nachdem ihr Mann 1999 gestorben war, lebte die alte Dame allein. „Aber ich bin nicht allein“, sagt sie und lächelt. In ihrem Haus, in dem sie mit ihrer Tochter und dessen Mann wohnt, sei immer etwas los. Bereiten jetzt die Urenkel Trubel, hat Marie Schröder in früheren Jahren selbst dafür gesorgt. Von 1950 bis in die 90er Jahre hat sie einen Verkaufsraum für Malerartikel betrieben. Dort hat sie auch Tapeten, Bodenbeläge, Gardinen und Teppiche verkauft. Das sei ihr Ding gewesen, erinnert sich Tochter Edeltraud an die Zeit. Ihre Mutter hätte immer lieber dort gearbeitet als im Haushalt.

Auch einen Führerschein hat Marie Schröder früher als viele andere Frauen ihrer Generation gemacht – gemeinsam mit ihrem Mann: der ist durchgefallen, sie hat bestanden. „Auf meinen Führerschein war ich stolz“, erinnert sie sich.

Genauso gern wie an die vielen Jahre, die ihr Mann im Blasorchester gespielt hat. „Sie hat für ihr Leben gern Walzer getanzt“, berichtet Tochter Edeltraud. Noch heute hört sie mit großer Begeisterung André Rieu und Semino Rossi.

Beeindruckt ist Marie Schröder von den technischen Errungenschaften der heutigen Zeit – auch wenn sie mit Internet und Co. nichts am Hut hat. Für sie selbst ist das Radio die Erfindung schlechthin. Vom Telefon hält sie dagegen nicht so viel: „Das musste man ja bezahlen.“

Wenn Marie Schröder nicht auf dem Sofa sitzt, schläft sie oder sitzt bei gutem Wetter im Garten. Häufig spielt sie mit ihrer Tochter Skibbo, drei Mal in der Woche kommt eine Dame von der Diakonie und kümmert sich nachmittags um sie. Dann spielen sie „Mensch ärgere dich nicht“ oder Marie Schröder lässt sich die Zeitung vorlesen. Abends kommt oft ihre Enkelin, dann beten sie auch gemeinsam.

„Den Glauben nicht zu verlieren“, rät die 100-Jährige den jüngeren Menschen, die auch mal alt werden möchten. Wie lange sie noch leben will? „Das würde ich jetzt mal dem lieben Gott überlassen“, sagt sie und lächelt zufrieden.

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VennebeckRituale für ein langes Leben: Marie Schröder feiert heute ihren 100. GeburtstagChristine RiechmannPorta Westfalica-Vennebeck (mt). Kefir und Wacholderschnaps – offensichtlich eine gesunde Mischung. Schaut man Marie Schröder ins Gesicht, ist nichts von den 100 Jahren zu sehen, die die rüstig wirkende Dame erlebt hat. Weder tiefe Falten noch ein gebrechlich wirkender Körper zeichnen die Vennebeckerin. Zufrieden sitzt sie auf ihrem Sofa und erzählt von ihrem täglichen Ritual: am frühen Mittag ein Schnaps und abends Müsli mit dem dickflüssigen Sauermilchprodukt. Auch wenn Marie Schröder nicht mehr so gut sieht und hört und etwas wackelig auf den Beinen steht, ist ihr größter Geburtstagswunsch in Erfüllung gegangen: ihren 100. noch gesund und mit vollem Verstand zu erleben. „Ich möchte noch alle Sinne beisammen haben“, hat sie immer gehofft. Dass die gelernte Schneiderin ihr Jubiläum so munter erlebt, scheint nicht selbstverständlich: Drei Krebserkrankungen und einige andere gesundheitliche Probleme haben es ihr nicht immer leicht gemacht. Der größte Schicksalsschlag in ihrem langen Leben sei allerdings der frühe Tod ihrer Mutter gewesen. Marie Schröder war gerade mal zehn Jahre alt, als diese starb. Da sie ohne Vater aufgewachsen war, kam sie in eine Pflegefamilie, zu einer Freundin ihrer verstorbenen Mutter. Bei „Tante Schröder“ fand das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen ein neues Zuhause – und ihren späteren Ehemann: Mit dem Sohn des Hauses verstand sie sich prächtig und beim gemeinsamen Englisch lernen vor dem Radio kamen sie sich irgendwann näher. Am 12. Mai 1940, mit 21 Jahren, heiratete sie den zehn Jahre älteren Lackierermeister Wilhelm Schröder. 1943 kam Tochter Edeltraud auf die Welt, die Marie Schröder im Laufe der Jahre eine Enkeltochter und drei Urenkeltöchter schenkte. Nachdem ihr Mann 1999 gestorben war, lebte die alte Dame allein. „Aber ich bin nicht allein“, sagt sie und lächelt. In ihrem Haus, in dem sie mit ihrer Tochter und dessen Mann wohnt, sei immer etwas los. Bereiten jetzt die Urenkel Trubel, hat Marie Schröder in früheren Jahren selbst dafür gesorgt. Von 1950 bis in die 90er Jahre hat sie einen Verkaufsraum für Malerartikel betrieben. Dort hat sie auch Tapeten, Bodenbeläge, Gardinen und Teppiche verkauft. Das sei ihr Ding gewesen, erinnert sich Tochter Edeltraud an die Zeit. Ihre Mutter hätte immer lieber dort gearbeitet als im Haushalt. Auch einen Führerschein hat Marie Schröder früher als viele andere Frauen ihrer Generation gemacht – gemeinsam mit ihrem Mann: der ist durchgefallen, sie hat bestanden. „Auf meinen Führerschein war ich stolz“, erinnert sie sich. Genauso gern wie an die vielen Jahre, die ihr Mann im Blasorchester gespielt hat. „Sie hat für ihr Leben gern Walzer getanzt“, berichtet Tochter Edeltraud. Noch heute hört sie mit großer Begeisterung André Rieu und Semino Rossi. Beeindruckt ist Marie Schröder von den technischen Errungenschaften der heutigen Zeit – auch wenn sie mit Internet und Co. nichts am Hut hat. Für sie selbst ist das Radio die Erfindung schlechthin. Vom Telefon hält sie dagegen nicht so viel: „Das musste man ja bezahlen.“ Wenn Marie Schröder nicht auf dem Sofa sitzt, schläft sie oder sitzt bei gutem Wetter im Garten. Häufig spielt sie mit ihrer Tochter Skibbo, drei Mal in der Woche kommt eine Dame von der Diakonie und kümmert sich nachmittags um sie. Dann spielen sie „Mensch ärgere dich nicht“ oder Marie Schröder lässt sich die Zeitung vorlesen. Abends kommt oft ihre Enkelin, dann beten sie auch gemeinsam. „Den Glauben nicht zu verlieren“, rät die 100-Jährige den jüngeren Menschen, die auch mal alt werden möchten. Wie lange sie noch leben will? „Das würde ich jetzt mal dem lieben Gott überlassen“, sagt sie und lächelt zufrieden.