Porta Westfalica

"Ich zieh durch" - Portaner Rathausmeister Pettenpaul geht in die Verlängerung

Dirk Haunhorst

Porta Westfalica (mt). Auf dem Flur vor dem Ratssaal hängen gerahmte Fotografien der bisherigen Portaner Bürgermeister. Helmut Pettenpaul blickt kurz hinüber, als er daran vorbeiläuft. „Die Bilder muss ich noch ein bisschen zusammenrücken“, sagte er. „Sonst hängt der nächste an der Klotür.“ Pettenpaul verzieht seine Miene. Typisch, seine Sprüche klingen beiläufig, nicht aufgesagt. Humor im Vorübergehen. Das Unverstellte hat er sich in fast vier Jahrzehnten Hausmeistertätigkeit bewahrt. Und nun kommt noch mindestens ein Jahr dazu. Pettenpaul macht seine Ankündigung wahr. „Rente? Ich zieh durch“, hat er mal auf die Frage nach dem Ruhestand gesagt.

Schwarzer Overall und Mütze sind sein Markenzeichen. Helmut Pettenpaul liebt die Vielseitigkeit seines Berufs und kennt keine Berührungsängste. Hier kümmert er sich um den Turmfalken-Nachwuchs unter dem Rathausdach. Foto (Archiv): Gisela Schwarze - © SChwarze
Schwarzer Overall und Mütze sind sein Markenzeichen. Helmut Pettenpaul liebt die Vielseitigkeit seines Berufs und kennt keine Berührungsängste. Hier kümmert er sich um den Turmfalken-Nachwuchs unter dem Rathausdach. Foto (Archiv): Gisela Schwarze (© SChwarze)

Andere überlegen sich frühzeitig Ausstiegsszenarien, fangen mit Mitte, Ende 50 an zu rechnen, ab wann es finanziell reichen könnte für ein Leben ohne berufliche Pflichten. Helmut Pettenpaul hat hingegen im Personalbüro gefragt, ob er weitermachen darf. 65 ist er inzwischen, Die reguläre Altersgrenze erreicht er im kommenden Februar. Bis September 2020 macht er auf jeden Fall weiter.

.Seine Ehefrau Karin findet das gut, obwohl sie selbst Ende dieses Monats in die passive Phase der Altersteilzeit eintritt. „Er hört dann ja mit dem jetzigen Bürgermeister auf“, sagt sie. „Das ist ein guter Abschluss.“ Die 62-Jährige arbeitet zurzeit in der Telefonzentrale des Rathauses ihre Nachfolgerin ein. Wer die 791-0 wählt, hört seit vielen Jahren zunächst Karin Pettenpaul. Sie ist die Stimme des Rathauses, ihr Mann das Gesicht. Noch.

„Die Vielseitigkeit.“ Das ist die knappe Antwort Helmut Pettenpauls auf die Frage, was er an seinem Beruf so liebt. Ein Hausmeister erledigt zumeist kleinere Reparaturen, Pettenpaul kümmert sich aber auch um größere Baustellen, die bisweilen im menschlichen Bereich liegen. So hat sein Fahrdienst schon so manchen Politiker und Verwaltungsmitarbeiter sicher nach Hause gebracht, wenn auf Feiern der Kontrollverlust drohte und manche bereits von Sinnen waren. „Ich hatte Leute im Auto, die konnten schon besser riechen als gucken.“ Pettenpaul hat sie gleichsam als Schutzbefohlene betrachtet und auf den Partys „geklaut“, wie er sagt, damit Körper und Ruf keinen allzu großen Schaden nehmen. Der Hausmeister als Leibwächter.

Vertragsverlängerungen sind in der Stadtverwaltung die Ausnahme. „Vereinzelt kommt es dazu, dass eine Weiterbeschäftigung über die Altersgrenze in Erwägung gezogen werden wird“, sagt Carsten Dierks, Sachgebietsleiter Innere Verwaltung. Sofern Arbeitgeber und Arbeitnehmer dies wollen, werde eine befristete Verlängerung ermöglicht. Deshalb sei auch der Fortsetzung der Hausmeistertätigkeit zugestimmt worden. Besonders freut sich Bürgermeister Bernd Hedtmann, dass er bis zum Ende seiner Amtszeit auf Pettenpaul zählen kann.

Die Bürgermeister konnten sich immer auf Pettenpaul verlassen, er hat gewissermaßen Adjutantenfunktion. Bei einem früheren Amtswechsel rief das scheidende Stadtoberhaupt den Hausmeister ins Büro. „Helmut, der neue Chef ist da. Ich übergebe dich.“ Ein Bürgermeister muss wissen, was im Rathaus läuft. Pettenpaul ist eine zuverlässige Quelle.

Für den Pressetermin hat sich der Hausmeister vorbereitet, er blättert sich durch einige Zeitungsartikel, in denen er zumindest eine Nebenrolle spielt. Einige Artikel handeln von Aprilscherzen, für die Pettenpaul gerne die passenden Zitate lieferte. „Früher war ich noch verrückter“, sagt er. Pettenpaul hat Koch gelernt, dann gekellnert. Vor gut 40 Jahren fing er im städtischen Bauhof an, bevor er ins Rathaus wechselte. Wie es sich für einen guten Hausmeister gehört, kann er handwerklich fast alles. Selbst vor Geburtshilfe scheut er nicht zurück. „Ich dreh auch das Kalb in der Kuh.“ Pettenpaul arbeitet dort, wo er gerade ist. Zu tun gibt es immer etwas. Ein eigenes Büro braucht er nicht. „Das ist die Küche“, sagt er.

Nächste Woche ist Stadtfest. Um die Vorbereitungen kümmern sich die Vereine, Pettenpaul hat damit eigentlich wenig zu tun. Aber er weiß natürlich, dass immer ein Notfall eintreten kann. Und dann ruft man ihn, der praktisch Tag und Nacht in Alarmbereitschaft ist. Wie damals am Stadtfestmorgen um 7 Uhr. „Helmut, du musst kommen!“ Was war passiert? „Drei Waffeleisen an der Verlängerungsdose. Dann macht's klack, klack, klack und nichts geht mehr.“ Bis Pettenpaul kam.

Im Rathaus wissen sie, was sie an ihrem Hausmeister haben. Vor einem Jahr, anlässlich seines 40. Dienstjubiläums, erhoben sich die Politiker und spendeten stehend Applaus. „Die treue Seele des Rathauses“ nannte ihn Bürgermeister Bernd Hedtmann und Grünen-Politiker Marc Weber sprach vom „besten Hausmeister aller Zeiten“. Pettenpaul wiegelte ab und sagte. „Ohne euch wäre ich nicht hier.“

So lange er Hausmeister ist, bleiben die Pettenpauls in ihrer Wohnung unter dem Rathausdach. Anschließend ziehen sie zu ihrer Tochter nach Eisbergen. Und dann? „Ja“, sagt Helmut Pettenpaul, „das ist das Problem.“ Er, der eigentlich nie Urlaub macht, weiß noch nicht so recht, was nach September 2020 wird; auch nicht, ob es überhaupt einen neuen Hausmeister gibt. Nach der Kommunalwahl dürfte sich zudem politisch einiges verändern. Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn Pettenpaul noch ein wenig bliebe. Gewissermaßen als erste Orientierungshilfe für den neuen Bürgermeister. Oder die neue Bürgermeisterin.

Vermutlich wurde Pettenpaul bei früheren Wechseln auch gar nicht dem neuen Dienstherrn übergeben. Sondern dieser dem Hausmeister.

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Porta Westfalica"Ich zieh durch" - Portaner Rathausmeister Pettenpaul geht in die VerlängerungDirk HaunhorstPorta Westfalica (mt). Auf dem Flur vor dem Ratssaal hängen gerahmte Fotografien der bisherigen Portaner Bürgermeister. Helmut Pettenpaul blickt kurz hinüber, als er daran vorbeiläuft. „Die Bilder muss ich noch ein bisschen zusammenrücken“, sagte er. „Sonst hängt der nächste an der Klotür.“ Pettenpaul verzieht seine Miene. Typisch, seine Sprüche klingen beiläufig, nicht aufgesagt. Humor im Vorübergehen. Das Unverstellte hat er sich in fast vier Jahrzehnten Hausmeistertätigkeit bewahrt. Und nun kommt noch mindestens ein Jahr dazu. Pettenpaul macht seine Ankündigung wahr. „Rente? Ich zieh’ durch“, hat er mal auf die Frage nach dem Ruhestand gesagt. Andere überlegen sich frühzeitig Ausstiegsszenarien, fangen mit Mitte, Ende 50 an zu rechnen, ab wann es finanziell reichen könnte für ein Leben ohne berufliche Pflichten. Helmut Pettenpaul hat hingegen im Personalbüro gefragt, ob er weitermachen darf. 65 ist er inzwischen, Die reguläre Altersgrenze erreicht er im kommenden Februar. Bis September 2020 macht er auf jeden Fall weiter. .Seine Ehefrau Karin findet das gut, obwohl sie selbst Ende dieses Monats in die passive Phase der Altersteilzeit eintritt. „Er hört dann ja mit dem jetzigen Bürgermeister auf“, sagt sie. „Das ist ein guter Abschluss.“ Die 62-Jährige arbeitet zurzeit in der Telefonzentrale des Rathauses ihre Nachfolgerin ein. Wer die 791-0 wählt, hört seit vielen Jahren zunächst Karin Pettenpaul. Sie ist die Stimme des Rathauses, ihr Mann das Gesicht. Noch. „Die Vielseitigkeit.“ Das ist die knappe Antwort Helmut Pettenpauls auf die Frage, was er an seinem Beruf so liebt. Ein Hausmeister erledigt zumeist kleinere Reparaturen, Pettenpaul kümmert sich aber auch um größere Baustellen, die bisweilen im menschlichen Bereich liegen. So hat sein Fahrdienst schon so manchen Politiker und Verwaltungsmitarbeiter sicher nach Hause gebracht, wenn auf Feiern der Kontrollverlust drohte und manche bereits von Sinnen waren. „Ich hatte Leute im Auto, die konnten schon besser riechen als gucken.“ Pettenpaul hat sie gleichsam als Schutzbefohlene betrachtet und auf den Partys „geklaut“, wie er sagt, damit Körper und Ruf keinen allzu großen Schaden nehmen. Der Hausmeister als Leibwächter. Vertragsverlängerungen sind in der Stadtverwaltung die Ausnahme. „Vereinzelt kommt es dazu, dass eine Weiterbeschäftigung über die Altersgrenze in Erwägung gezogen werden wird“, sagt Carsten Dierks, Sachgebietsleiter Innere Verwaltung. Sofern Arbeitgeber und Arbeitnehmer dies wollen, werde eine befristete Verlängerung ermöglicht. Deshalb sei auch der Fortsetzung der Hausmeistertätigkeit zugestimmt worden. Besonders freut sich Bürgermeister Bernd Hedtmann, dass er bis zum Ende seiner Amtszeit auf Pettenpaul zählen kann. Die Bürgermeister konnten sich immer auf Pettenpaul verlassen, er hat gewissermaßen Adjutantenfunktion. Bei einem früheren Amtswechsel rief das scheidende Stadtoberhaupt den Hausmeister ins Büro. „Helmut, der neue Chef ist da. Ich übergebe dich.“ Ein Bürgermeister muss wissen, was im Rathaus läuft. Pettenpaul ist eine zuverlässige Quelle. Für den Pressetermin hat sich der Hausmeister vorbereitet, er blättert sich durch einige Zeitungsartikel, in denen er zumindest eine Nebenrolle spielt. Einige Artikel handeln von Aprilscherzen, für die Pettenpaul gerne die passenden Zitate lieferte. „Früher war ich noch verrückter“, sagt er. Pettenpaul hat Koch gelernt, dann gekellnert. Vor gut 40 Jahren fing er im städtischen Bauhof an, bevor er ins Rathaus wechselte. Wie es sich für einen guten Hausmeister gehört, kann er handwerklich fast alles. Selbst vor Geburtshilfe scheut er nicht zurück. „Ich dreh auch das Kalb in der Kuh.“ Pettenpaul arbeitet dort, wo er gerade ist. Zu tun gibt es immer etwas. Ein eigenes Büro braucht er nicht. „Das ist die Küche“, sagt er. Nächste Woche ist Stadtfest. Um die Vorbereitungen kümmern sich die Vereine, Pettenpaul hat damit eigentlich wenig zu tun. Aber er weiß natürlich, dass immer ein Notfall eintreten kann. Und dann ruft man ihn, der praktisch Tag und Nacht in Alarmbereitschaft ist. Wie damals am Stadtfestmorgen um 7 Uhr. „Helmut, du musst kommen!“ Was war passiert? „Drei Waffeleisen an der Verlängerungsdose. Dann macht's klack, klack, klack und nichts geht mehr.“ Bis Pettenpaul kam. Im Rathaus wissen sie, was sie an ihrem Hausmeister haben. Vor einem Jahr, anlässlich seines 40. Dienstjubiläums, erhoben sich die Politiker und spendeten stehend Applaus. „Die treue Seele des Rathauses“ nannte ihn Bürgermeister Bernd Hedtmann und Grünen-Politiker Marc Weber sprach vom „besten Hausmeister aller Zeiten“. Pettenpaul wiegelte ab und sagte. „Ohne euch wäre ich nicht hier.“ So lange er Hausmeister ist, bleiben die Pettenpauls in ihrer Wohnung unter dem Rathausdach. Anschließend ziehen sie zu ihrer Tochter nach Eisbergen. Und dann? „Ja“, sagt Helmut Pettenpaul, „das ist das Problem.“ Er, der eigentlich nie Urlaub macht, weiß noch nicht so recht, was nach September 2020 wird; auch nicht, ob es überhaupt einen neuen Hausmeister gibt. Nach der Kommunalwahl dürfte sich zudem politisch einiges verändern. Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn Pettenpaul noch ein wenig bliebe. Gewissermaßen als erste Orientierungshilfe für den neuen Bürgermeister. Oder die neue Bürgermeisterin. Vermutlich wurde Pettenpaul bei früheren Wechseln auch gar nicht dem neuen Dienstherrn übergeben. Sondern dieser dem Hausmeister.