Eisbergen

Kein Arzt mehr für Eisbergen: Medizinische Versorgung in Porta in Gefahr

Thomas Lieske

Wer wird hier als nächster Arzt parken? Die Medizinpraxis in Eisbergen hat am gestrigen Montag ihren Betrieb eingestellt. Damit ist der 3.400-Einwohner-Stadtteil ohne Hausarzt. MT- - © Foto: Thomas Lieske
Wer wird hier als nächster Arzt parken? Die Medizinpraxis in Eisbergen hat am gestrigen Montag ihren Betrieb eingestellt. Damit ist der 3.400-Einwohner-Stadtteil ohne Hausarzt. MT- (© Foto: Thomas Lieske)

Porta Westfalica-Eisbergen (mt). Ein kurzes Tuten, das war's. Am Montagmittag ist die Hausarztpraxis in Eisbergen telefonisch nicht mehr zu erreichen. Damit ist das eingetreten, was viele befürchtet haben, der Arzt selbst aber gegenüber dem MT nie datieren wollte: Die ärztliche Versorgung in der Praxis ist seit Montag eingestellt. Der Ortsteil Eisbergen mit seinen 3.400 Einwohnern hat keinen Hausarzt mehr.

Für die Apothekerin Sabine Müller, die ihr Geschäft im gleichen Haus hat, gleicht das einer Katastrophe. Sie hat schon vor Monaten vor dem gewarnt, was nun eingetreten ist. „Hier leben viele ältere Menschen im Ort. Es gibt ein Wohnheim des DRK. Diese Leute brauchen dringend einen Arzt vor Ort“, betont Müller, die die Apotheke 2017 mit allen Mitarbeitern übernommen hat. „Damals im Glauben, dass wir mit der Arztpraxis zusammen funktionieren“, erklärt sie.

Aus gesundheitlichen Gründen soll sich das Arzt-Ehepaar nicht mehr in der Lage gesehen haben, die Praxis auf Dauer weiterzuführen. Ein dritter Arzt ist schon vor einiger Zeit nach Vlotho abgewandert. Eine konkrete Nachfolge? Fehlanzeige. Apothekerin Sabine Müller will das so für Eisbergen nicht hinnehmen. Deshalb hat sie eine ungewöhnliche Kampagne gestartet, um einen Arzt für Eisbergen zu finden – und zwar auf eigene Kosten. „Dafür zahle ich sehr viel Geld“, sagt sie. Unter anderem habe sie Anzeigen im Westfälischen Arztblatt geschaltet. Und: Sie hat eine Art Headhunter beauftragt. Also jemanden, der professionell nach einen Nachfolgearzt sucht. Schließlich gehe es irgendwie auch um ihre Existenz. „Die Initiative geht bisher nur von mir aus“, bemängelt Müller aus ihrer Sicht fehlendes Engagement von Stellen, die dafür eigentlich zuständig seien. Zudem übernehme ihre Apotheke vermehrt Botendienste, weil die vielen Patienten nun auf andere Ärzte in anderen Stadtteilen ausweichen müssen. „Die haben sich zwar kooperativ gezeigt und viele wollten Patienten aufnehmen. Doch das ist natürlich bei der Fülle schwierig. Viele Praxen sind einfach schon voll“, betont Müller. Zudem sei für ältere Leute der Weg in die anderen Ortsteile beschwerlich. Deshalb könne die einzig richtige Lösung aus ihrer Sicht nur eine Praxis in Eisbergen sein. „Es hat bereits Interessenten gegeben, aber die sind wieder abgesprungen. Dabei hätten sie hier regen Zulauf“, ist die Apothekerin überzeugt. „Die Praxis ist ideal und barrierefrei zugänglich.“

An der Tür der Praxis hängt nur noch ein DIN A4-Blatt. Man bedanke sich für das jahrelange Vertrauen. Unterlagen könnten sich Patienten in den kommenden Wochen zu den gewohnten Öffnungszeiten herausholen. Ein Praxisbetrieb finde ab dem 26. August nicht mehr statt. Die beiden für Ärzte reservierten Parkplätze: leer. Das wird wohl auch vorerst so bleiben. Ein Statement des Arztehepaares Gasthaus, das die Praxis betrieben hat, war nicht zu bekommen.

Bisher sah es mit der ärztlichen Versorgung in Porta Westfalica – und auch in Eisbergen – ganz gut aus: 19,5 Arztstellen für rund 36.000 Einwohner, die Quote lag damit bei 89 Prozent. Rein statistisch gesehen hatte Porta damit keine Unterversorgung, die ab 75 Prozent beginnt. Doch was ist aus dem mutmachenden Signal geworden, das Vanessa Pudlo als Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL), Ende Juni im MT-Gespräch andeutete? Damals erklärte sie, dass Porta nicht im Frühwarnsystem für Unterversorgung auftauche, weil sich etwas bei der ärztlichen Versorgung tue. Das klingt nun ganz anders: In Kürze wird die Stadt wieder im Frühwarnsystem auftauchen. „Die Schließung der Praxis führt zu einer neuen Bewertung der Situation“, erklärt Pudlo gegenüber dem MT. Die Quote sei nun schlechter. Deshalb stehe die Kassenärztliche Vereinigung derzeit sowohl mit der Stadt als auch mit anderen Medizinern in Kontakt, um zeitnah eine Lösung zu finden. Eine konkrete benennt Pudlo allerdings noch nicht.

Die Stadt Porta bestätigt entsprechende Gespräch mit der KVWL. Die Stadt, erklärt Bürgermeister Bernd Hedtmann (parteilos) auf MT-Nachfrage, wolle sich über Fördermöglichkeiten für neue Ärzte – auch finanzieller Art – durch die KVWL informieren. Die Stadt selbst sehe derzeit keine finanziellen Anreize für die Ansiedlung von neuen Arztpraxen vor, ergänzt Sprecherin Babette Lissner. Hedtmann bekräftigt, dass die Stadt Porta „durch die allgemeine Entwicklung“, auch in Eisbergen, „für das Problem sensibilisiert“ sei.

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EisbergenKein Arzt mehr für Eisbergen: Medizinische Versorgung in Porta in GefahrThomas LieskePorta Westfalica-Eisbergen (mt). Ein kurzes Tuten, das war's. Am Montagmittag ist die Hausarztpraxis in Eisbergen telefonisch nicht mehr zu erreichen. Damit ist das eingetreten, was viele befürchtet haben, der Arzt selbst aber gegenüber dem MT nie datieren wollte: Die ärztliche Versorgung in der Praxis ist seit Montag eingestellt. Der Ortsteil Eisbergen mit seinen 3.400 Einwohnern hat keinen Hausarzt mehr. Für die Apothekerin Sabine Müller, die ihr Geschäft im gleichen Haus hat, gleicht das einer Katastrophe. Sie hat schon vor Monaten vor dem gewarnt, was nun eingetreten ist. „Hier leben viele ältere Menschen im Ort. Es gibt ein Wohnheim des DRK. Diese Leute brauchen dringend einen Arzt vor Ort“, betont Müller, die die Apotheke 2017 mit allen Mitarbeitern übernommen hat. „Damals im Glauben, dass wir mit der Arztpraxis zusammen funktionieren“, erklärt sie. Aus gesundheitlichen Gründen soll sich das Arzt-Ehepaar nicht mehr in der Lage gesehen haben, die Praxis auf Dauer weiterzuführen. Ein dritter Arzt ist schon vor einiger Zeit nach Vlotho abgewandert. Eine konkrete Nachfolge? Fehlanzeige. Apothekerin Sabine Müller will das so für Eisbergen nicht hinnehmen. Deshalb hat sie eine ungewöhnliche Kampagne gestartet, um einen Arzt für Eisbergen zu finden – und zwar auf eigene Kosten. „Dafür zahle ich sehr viel Geld“, sagt sie. Unter anderem habe sie Anzeigen im Westfälischen Arztblatt geschaltet. Und: Sie hat eine Art Headhunter beauftragt. Also jemanden, der professionell nach einen Nachfolgearzt sucht. Schließlich gehe es irgendwie auch um ihre Existenz. „Die Initiative geht bisher nur von mir aus“, bemängelt Müller aus ihrer Sicht fehlendes Engagement von Stellen, die dafür eigentlich zuständig seien. Zudem übernehme ihre Apotheke vermehrt Botendienste, weil die vielen Patienten nun auf andere Ärzte in anderen Stadtteilen ausweichen müssen. „Die haben sich zwar kooperativ gezeigt und viele wollten Patienten aufnehmen. Doch das ist natürlich bei der Fülle schwierig. Viele Praxen sind einfach schon voll“, betont Müller. Zudem sei für ältere Leute der Weg in die anderen Ortsteile beschwerlich. Deshalb könne die einzig richtige Lösung aus ihrer Sicht nur eine Praxis in Eisbergen sein. „Es hat bereits Interessenten gegeben, aber die sind wieder abgesprungen. Dabei hätten sie hier regen Zulauf“, ist die Apothekerin überzeugt. „Die Praxis ist ideal und barrierefrei zugänglich.“ An der Tür der Praxis hängt nur noch ein DIN A4-Blatt. Man bedanke sich für das jahrelange Vertrauen. Unterlagen könnten sich Patienten in den kommenden Wochen zu den gewohnten Öffnungszeiten herausholen. Ein Praxisbetrieb finde ab dem 26. August nicht mehr statt. Die beiden für Ärzte reservierten Parkplätze: leer. Das wird wohl auch vorerst so bleiben. Ein Statement des Arztehepaares Gasthaus, das die Praxis betrieben hat, war nicht zu bekommen. Bisher sah es mit der ärztlichen Versorgung in Porta Westfalica – und auch in Eisbergen – ganz gut aus: 19,5 Arztstellen für rund 36.000 Einwohner, die Quote lag damit bei 89 Prozent. Rein statistisch gesehen hatte Porta damit keine Unterversorgung, die ab 75 Prozent beginnt. Doch was ist aus dem mutmachenden Signal geworden, das Vanessa Pudlo als Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL), Ende Juni im MT-Gespräch andeutete? Damals erklärte sie, dass Porta nicht im Frühwarnsystem für Unterversorgung auftauche, weil sich etwas bei der ärztlichen Versorgung tue. Das klingt nun ganz anders: In Kürze wird die Stadt wieder im Frühwarnsystem auftauchen. „Die Schließung der Praxis führt zu einer neuen Bewertung der Situation“, erklärt Pudlo gegenüber dem MT. Die Quote sei nun schlechter. Deshalb stehe die Kassenärztliche Vereinigung derzeit sowohl mit der Stadt als auch mit anderen Medizinern in Kontakt, um zeitnah eine Lösung zu finden. Eine konkrete benennt Pudlo allerdings noch nicht. Die Stadt Porta bestätigt entsprechende Gespräch mit der KVWL. Die Stadt, erklärt Bürgermeister Bernd Hedtmann (parteilos) auf MT-Nachfrage, wolle sich über Fördermöglichkeiten für neue Ärzte – auch finanzieller Art – durch die KVWL informieren. Die Stadt selbst sehe derzeit keine finanziellen Anreize für die Ansiedlung von neuen Arztpraxen vor, ergänzt Sprecherin Babette Lissner. Hedtmann bekräftigt, dass die Stadt Porta „durch die allgemeine Entwicklung“, auch in Eisbergen, „für das Problem sensibilisiert“ sei.