Lohfeld

Mission Muttermilch: Das "Ausbildungszentrum Stillen" aus Porta ist bundesweit einzigartig

Thomas Lieske

Vier Frauen, ein Gedanke: Kerstin Weinauge (von links), Birgit Heier, Zentrumsdirektorin Erika Nehlsen und Ines Albrecht möchten dem Thema Stillen mehr Gewicht geben. Sie organisieren das ganze Jahr über Fortbildungen für medizinisches Personal. MT- - © Foto: Thomas Lieske
Vier Frauen, ein Gedanke: Kerstin Weinauge (von links), Birgit Heier, Zentrumsdirektorin Erika Nehlsen und Ines Albrecht möchten dem Thema Stillen mehr Gewicht geben. Sie organisieren das ganze Jahr über Fortbildungen für medizinisches Personal. MT- (© Foto: Thomas Lieske)

Porta Westfalica-Lohfeld (mt). „Stillen macht die Welt zu einem friedlichen Ort." Erika Nehlsen zögert keine Sekunde, ihren Gedanken auszusprechen. Klar, als Direktorin und Gründerin des Ausbildungszentrums Laktation und Stillen darf man den Satz von der Lohfelderin durchaus erwarten. Schließlich will sie mit ihrem kleinen Team eine Botschaft in die Welt senden. „Stillen ist wichtig für die gesundheitliche, aber auch emotionale und psychische Entwicklung eines Kindes", sagt Nehlsen.

Seit 25 Jahren organisieren sie und ihr Team über das Ausbildungszentrum mit Sitz in Porta Westfalica und Emmerthal bei Hameln deshalb deutschlandweit Fortbildungen für medizinisches Personal zum Thema Stillen. In seiner Form ist das Ausbildungszentrum mit seiner Themenbreite und der Menge an Teilnehmern bundesweit einzigartig. Mit seinem Fachkongress, der alle zwei Jahre stattfindet, sogar europaweit. „Wir haben mal ganz klein in Minden angefangen", erinnert sich Kerstin Weinauge, die die Koordination des Kongresses in der Hand hat. Mittlerweile wäre Minden als Veranstaltungsort viel zu klein: Rund 1.300 Teilnehmer aus aller Welt erwarten die Frauen des Ausbildungszentrums in diesem Jahr. Da müsse man schon an die Freie Universität in Berlin ausweichen. Vier Hörsäle sind dann über drei Tage komplett belegt. Die Liste der Teilnehmer ist lang: Hebammen, Krankenpfleger, Ärzte, Sozialpädagogen, Psychologen, Therapeuten. Und mindestens genauso lang ist die Liste der Referenten. Sie kommen aus Berlin, Frankfurt, München, Greifswald, aber auch Greenwich und Cambridge. Das Netzwerk ist groß, „wir hatten auch schon Kollegen aus Australien und Amerika da", erzählt Erika Nehlsen. Das ist jedes Mal ein riesiger finanzieller Akt für das kleine Team – ein mittlerer sechsstelliger Betrag geht da über die Bühne. „Wir werden nicht von der Industrie gesponsert", erklärt die Direktorin, die 20 Jahre als Gutachterin für die Weltgesundheitsorganisation gearbeitet hat. „Das ist uns ganz wichtig."

Ein großer Gewinn bleibe nach dem Kongress aber nicht hängen, sagt Nehlsen. „Wir machen das aus Überzeugung, weil uns das Thema wichtig ist." Wer die Leiterin nach ihrer Motivation für den Aufbau des Zentrums fragt, merkt, dass ihr das Thema ein Herzensangelegenheit ist: „Ich konnte erst mein drittes Kind erfolgreich stillen. Damals gab es keinerlei Unterstützung bei diesem Thema." Sie begann, sich über Literatur weiterzubilden, fand viel aus dem englischsprachigen Raum. Die Idee war geboren.

Auch heute bekomme das Stillen maximal 20 Stunden in der Hebammenausbildung. „Viel zu wenig", kritisiert Nehlsen. „Bei unseren Fortbildungen füllen wir mit dem Thema 18 Tage. Und ich bin überzeugt, dass das dann noch nicht auserzählt ist", betont sie. In Hamburg, Berlin, München und Wächtersbach bei Frankfurt am Main laufen diese Fortbildungen über das ganze Jahr. Am Ende dürfen sich die Teilnehmer zertifizierte Stillberater nennen. 2.500 von ihnen hat das Institut bereits ausgebildet.

Manchmal melden sich auch Eltern, die Probleme mit dem Stillen haben. „Wichtigste Voraussetzung ist, dass die Gesellschaft das Thema ernst nimmt und Mütter tolerieren, die ihre Kinder stillen", betont Nehlsen. Auch in der Öffentlichkeit. „Das wird viel diskutiert. Aber ein Kind hat ein Grundrecht darauf, gestillt zu werden. Wem das nicht passt, soll weggucken." Stillen, sagt sie, trage zu einer besseren emotionalen und sozialen Entwicklung des Kindes bei. „Es hat viel Hautkontakt mit der Mutter." Dazu gebe es eine Reihe von medizinischen Vorteilen. Und mittlerweile hat sich das Ausbildungszentrum auch auf die sogenannte neonatale Begleitung von Eltern spezialisiert. Dabei gehe es darum, die Stresssituation auf Frühgeborenen-Intensivstationen aufzufangen und Eltern Handlungswege aufzuzeigen, mit denen sie spätere Bindungs- und Entwicklungsstörungen vermeiden.

Beim Kongress vom 26. bis 28. September, der in Kooperation mit der Charité in Berlin stattfindet, wird das wieder ein großes Thema sein. Bis dahin hat das kleine Team um Erika Nehlsen aber noch alle Hände voll zu tun.

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LohfeldMission Muttermilch: Das "Ausbildungszentrum Stillen" aus Porta ist bundesweit einzigartigThomas LieskePorta Westfalica-Lohfeld (mt). „Stillen macht die Welt zu einem friedlichen Ort." Erika Nehlsen zögert keine Sekunde, ihren Gedanken auszusprechen. Klar, als Direktorin und Gründerin des Ausbildungszentrums Laktation und Stillen darf man den Satz von der Lohfelderin durchaus erwarten. Schließlich will sie mit ihrem kleinen Team eine Botschaft in die Welt senden. „Stillen ist wichtig für die gesundheitliche, aber auch emotionale und psychische Entwicklung eines Kindes", sagt Nehlsen. Seit 25 Jahren organisieren sie und ihr Team über das Ausbildungszentrum mit Sitz in Porta Westfalica und Emmerthal bei Hameln deshalb deutschlandweit Fortbildungen für medizinisches Personal zum Thema Stillen. In seiner Form ist das Ausbildungszentrum mit seiner Themenbreite und der Menge an Teilnehmern bundesweit einzigartig. Mit seinem Fachkongress, der alle zwei Jahre stattfindet, sogar europaweit. „Wir haben mal ganz klein in Minden angefangen", erinnert sich Kerstin Weinauge, die die Koordination des Kongresses in der Hand hat. Mittlerweile wäre Minden als Veranstaltungsort viel zu klein: Rund 1.300 Teilnehmer aus aller Welt erwarten die Frauen des Ausbildungszentrums in diesem Jahr. Da müsse man schon an die Freie Universität in Berlin ausweichen. Vier Hörsäle sind dann über drei Tage komplett belegt. Die Liste der Teilnehmer ist lang: Hebammen, Krankenpfleger, Ärzte, Sozialpädagogen, Psychologen, Therapeuten. Und mindestens genauso lang ist die Liste der Referenten. Sie kommen aus Berlin, Frankfurt, München, Greifswald, aber auch Greenwich und Cambridge. Das Netzwerk ist groß, „wir hatten auch schon Kollegen aus Australien und Amerika da", erzählt Erika Nehlsen. Das ist jedes Mal ein riesiger finanzieller Akt für das kleine Team – ein mittlerer sechsstelliger Betrag geht da über die Bühne. „Wir werden nicht von der Industrie gesponsert", erklärt die Direktorin, die 20 Jahre als Gutachterin für die Weltgesundheitsorganisation gearbeitet hat. „Das ist uns ganz wichtig." Ein großer Gewinn bleibe nach dem Kongress aber nicht hängen, sagt Nehlsen. „Wir machen das aus Überzeugung, weil uns das Thema wichtig ist." Wer die Leiterin nach ihrer Motivation für den Aufbau des Zentrums fragt, merkt, dass ihr das Thema ein Herzensangelegenheit ist: „Ich konnte erst mein drittes Kind erfolgreich stillen. Damals gab es keinerlei Unterstützung bei diesem Thema." Sie begann, sich über Literatur weiterzubilden, fand viel aus dem englischsprachigen Raum. Die Idee war geboren. Auch heute bekomme das Stillen maximal 20 Stunden in der Hebammenausbildung. „Viel zu wenig", kritisiert Nehlsen. „Bei unseren Fortbildungen füllen wir mit dem Thema 18 Tage. Und ich bin überzeugt, dass das dann noch nicht auserzählt ist", betont sie. In Hamburg, Berlin, München und Wächtersbach bei Frankfurt am Main laufen diese Fortbildungen über das ganze Jahr. Am Ende dürfen sich die Teilnehmer zertifizierte Stillberater nennen. 2.500 von ihnen hat das Institut bereits ausgebildet. Manchmal melden sich auch Eltern, die Probleme mit dem Stillen haben. „Wichtigste Voraussetzung ist, dass die Gesellschaft das Thema ernst nimmt und Mütter tolerieren, die ihre Kinder stillen", betont Nehlsen. Auch in der Öffentlichkeit. „Das wird viel diskutiert. Aber ein Kind hat ein Grundrecht darauf, gestillt zu werden. Wem das nicht passt, soll weggucken." Stillen, sagt sie, trage zu einer besseren emotionalen und sozialen Entwicklung des Kindes bei. „Es hat viel Hautkontakt mit der Mutter." Dazu gebe es eine Reihe von medizinischen Vorteilen. Und mittlerweile hat sich das Ausbildungszentrum auch auf die sogenannte neonatale Begleitung von Eltern spezialisiert. Dabei gehe es darum, die Stresssituation auf Frühgeborenen-Intensivstationen aufzufangen und Eltern Handlungswege aufzuzeigen, mit denen sie spätere Bindungs- und Entwicklungsstörungen vermeiden. Beim Kongress vom 26. bis 28. September, der in Kooperation mit der Charité in Berlin stattfindet, wird das wieder ein großes Thema sein. Bis dahin hat das kleine Team um Erika Nehlsen aber noch alle Hände voll zu tun.