Porta Westfalica

Wie eine Steno-Expertin für die Kurzschrift kämpft

Dirk Haunhorst

Margarete Malohn hält die Stenografie für deutlich unterschätzt. Die Anfänge dieser hohen Schreibkultur reichen 3.000 Jahre zurück, sagt sie.
Margarete Malohn hält die Stenografie für deutlich unterschätzt. Die Anfänge dieser hohen Schreibkultur reichen 3.000 Jahre zurück, sagt sie.

Porta Westfalica (mt). Die Gemütslage des Berichterstatters schwankt zwischen schlechtem Gewissen und der Hoffnung, nicht ertappt zu werden. Diese Variante des Unwohlseins kennt jeder Schüler, der seine Hausaufgaben vergessen hat und bei Unterrichtsbeginn halb unter den Tisch abtaucht – um dann doch vom Lehrer aufgerufen zu werden. Erwischt.

Beim Besuch des Stenokurses im Senioren-Treffpunkt Hausberge-Lohfeld sitzt Lehrerin Margarete Malohn vor einem Dutzend Frauen und geht mit ihnen eine Übung durch. Dann wendet sie sich plötzlich dem Berichterstatter zu und stellt die befürchtete Frage. „Sie als Journalist müssen doch auch schnell schreiben. Können Sie eigentlich Steno?“ Interessierte Blicke richten sich auf den Besucher. „Steno? Äh, nee.“ Margarete Malohn schaut nach diesem Antwortversuch ein wenig mitleidig. Zum Glück verteilt sie keine Note.

Kurzschrift, Langschrift, Erklärungen: Die Stenogruppe arbeitet sich durchs Übungsheft.Neueinsteiger sind willkommen. MT-Fotos: Haunhorst
Kurzschrift, Langschrift, Erklärungen: Die Stenogruppe arbeitet sich durchs Übungsheft.Neueinsteiger sind willkommen. MT-Fotos: Haunhorst

Die 79-Jährige ist eine ausgewiesene Expertin für Kurzschrift und wirbt unermüdlich für die vielen Vorteile, die Steno mit sich bringt. „Das ist Denksport, das ist Konzentration“, ruft sie. Im evangelischen Gemeindehaus am Kirchsiek gibt Malohn ihr Wissen weiter. Es geht auch um Zwischensilben und Zwischenlaute, um Wortstämme und Wortarten. Steno ist gleichsam Deutsch für Fortgeschrittene. „Stenografen machen keine Deutschfehler“, behauptet die Expertin.

Steno ist die Kunst des Weglassens, der Mut zur Lücke. Durch diese rutscht zum Beispiel das O, das nicht geschrieben wird. Malohn spricht von „sinnbildlicher Vokalisation“, im Gegensatz zur buchstäblichen. Schon wieder etwas dazugelernt.

Nebenan im Tischrund sitzt Jutta Schulten, Steno-Anfängerin. Sie hatte keine Vorkenntnisse und macht gute Fortschritte. „Gehirntraining war meine Motivation, mich anzumelden“, sagt sie. „Kreuzworträtsel sind mir zu langweilig.“

Es spricht für Margarete Malohns pädagogische Fähigkeiten, dass sie Teilnehmerinnen mit völlig unterschiedlichem Vorwissen zum dauerhaften Mitmachen motiviert. Einige der Frauen beherrschen Kurzschrift seit Jahrzehnten, andere möchten verschüttetes Wissen wieder zutage fördern. Und alle loben die Lehrerin.

Die greift plötzlich zur Stoppuhr. Jetzt geht es um Zeit. Margarete Malohn mag ohnehin den Wettbewerb. Sie schaffe aus dem Stand 160 Silben in der Minute. „Aber noch besser bin ich im Computer-Schnellschreiben.“ Mit 360 Anschlägen in der Minute habe sie zuletzt bei einer Seniorenmeisterschaft den dritten Platz belegt.

Die Stenogruppe ist eigentlich keine reine Frauensache, Männer sind durchaus willkommen. „Zwei waren auch schon mal da“, berichtet Malohn. „Die dachten, sie könnten das schon alles.“ Die selbstbewusste Ankündigung hielt der Überprüfung jedoch nicht stand. „Sie hatten wohl doch nur sehr wenige Stunden“, stellt die Lehrerin mit einem Schmunzeln fest.

Wer Lust auf Steno hat, kann noch zu der Gruppe stoßen. „Ein paar Vorkenntnisse wären nicht schlecht“, sagt Margarete Malohn, „sie sind aber nicht Bedingung. Falls nötig, gebe ich auch ein bisschen Einzelunterricht.“ Das Kursende sei ohnehin nicht in Sicht: Wenn sie mit dem Unterrichtsheft durch sei, gehe es weiter. „Dann machen wir Eilschrift.“

Der Auto ist erreichbarunter Telefon (0571) 882-164oder Dirk.Haunhorst@MT.de

Der Stenografie-Kurs ist eingebunden in das Netzwerk Seniorentreffpunkt Hausberge-Lohfeld. Das Angebot ist kostenfrei, ein Mitmachen jederzeit möglich. Wer Interesse hat, kann sich bei Netzwerk-Sprecherin Doris Hartmann, Telefon (0571) 7840, melden.

Kursleiterin Margarete Malohn hat ihr umfangreiches Wissen über Stenografie in einem 96 Seiten starken Buch gebündelt. „Kleine komprimierte Geschichte der Stenografie“ lautet der Titel. Die Autorin setzt der oftmals gering geachteten Kurzschrift ein Denkmal und beschreibt die Verdienste der Stenografie um den Erhalt großer Kulturgüter. Das Buch kostet zehn Euro und ist bei der Verfasserin, Telefon (0571) 7 45 66, erhältlich.

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Porta WestfalicaWie eine Steno-Expertin für die Kurzschrift kämpftDirk HaunhorstPorta Westfalica (mt). Die Gemütslage des Berichterstatters schwankt zwischen schlechtem Gewissen und der Hoffnung, nicht ertappt zu werden. Diese Variante des Unwohlseins kennt jeder Schüler, der seine Hausaufgaben vergessen hat und bei Unterrichtsbeginn halb unter den Tisch abtaucht – um dann doch vom Lehrer aufgerufen zu werden. Erwischt. Beim Besuch des Stenokurses im Senioren-Treffpunkt Hausberge-Lohfeld sitzt Lehrerin Margarete Malohn vor einem Dutzend Frauen und geht mit ihnen eine Übung durch. Dann wendet sie sich plötzlich dem Berichterstatter zu und stellt die befürchtete Frage. „Sie als Journalist müssen doch auch schnell schreiben. Können Sie eigentlich Steno?“ Interessierte Blicke richten sich auf den Besucher. „Steno? Äh, nee.“ Margarete Malohn schaut nach diesem Antwortversuch ein wenig mitleidig. Zum Glück verteilt sie keine Note. Die 79-Jährige ist eine ausgewiesene Expertin für Kurzschrift und wirbt unermüdlich für die vielen Vorteile, die Steno mit sich bringt. „Das ist Denksport, das ist Konzentration“, ruft sie. Im evangelischen Gemeindehaus am Kirchsiek gibt Malohn ihr Wissen weiter. Es geht auch um Zwischensilben und Zwischenlaute, um Wortstämme und Wortarten. Steno ist gleichsam Deutsch für Fortgeschrittene. „Stenografen machen keine Deutschfehler“, behauptet die Expertin. Steno ist die Kunst des Weglassens, der Mut zur Lücke. Durch diese rutscht zum Beispiel das O, das nicht geschrieben wird. Malohn spricht von „sinnbildlicher Vokalisation“, im Gegensatz zur buchstäblichen. Schon wieder etwas dazugelernt. Nebenan im Tischrund sitzt Jutta Schulten, Steno-Anfängerin. Sie hatte keine Vorkenntnisse und macht gute Fortschritte. „Gehirntraining war meine Motivation, mich anzumelden“, sagt sie. „Kreuzworträtsel sind mir zu langweilig.“ Es spricht für Margarete Malohns pädagogische Fähigkeiten, dass sie Teilnehmerinnen mit völlig unterschiedlichem Vorwissen zum dauerhaften Mitmachen motiviert. Einige der Frauen beherrschen Kurzschrift seit Jahrzehnten, andere möchten verschüttetes Wissen wieder zutage fördern. Und alle loben die Lehrerin. Die greift plötzlich zur Stoppuhr. Jetzt geht es um Zeit. Margarete Malohn mag ohnehin den Wettbewerb. Sie schaffe aus dem Stand 160 Silben in der Minute. „Aber noch besser bin ich im Computer-Schnellschreiben.“ Mit 360 Anschlägen in der Minute habe sie zuletzt bei einer Seniorenmeisterschaft den dritten Platz belegt. Die Stenogruppe ist eigentlich keine reine Frauensache, Männer sind durchaus willkommen. „Zwei waren auch schon mal da“, berichtet Malohn. „Die dachten, sie könnten das schon alles.“ Die selbstbewusste Ankündigung hielt der Überprüfung jedoch nicht stand. „Sie hatten wohl doch nur sehr wenige Stunden“, stellt die Lehrerin mit einem Schmunzeln fest. Wer Lust auf Steno hat, kann noch zu der Gruppe stoßen. „Ein paar Vorkenntnisse wären nicht schlecht“, sagt Margarete Malohn, „sie sind aber nicht Bedingung. Falls nötig, gebe ich auch ein bisschen Einzelunterricht.“ Das Kursende sei ohnehin nicht in Sicht: Wenn sie mit dem Unterrichtsheft durch sei, gehe es weiter. „Dann machen wir Eilschrift.“ Der Auto ist erreichbarunter Telefon (0571) 882-164oder Dirk.Haunhorst@MT.de Der Stenografie-Kurs ist eingebunden in das Netzwerk Seniorentreffpunkt Hausberge-Lohfeld. Das Angebot ist kostenfrei, ein Mitmachen jederzeit möglich. Wer Interesse hat, kann sich bei Netzwerk-Sprecherin Doris Hartmann, Telefon (0571) 7840, melden. Kursleiterin Margarete Malohn hat ihr umfangreiches Wissen über Stenografie in einem 96 Seiten starken Buch gebündelt. „Kleine komprimierte Geschichte der Stenografie“ lautet der Titel. Die Autorin setzt der oftmals gering geachteten Kurzschrift ein Denkmal und beschreibt die Verdienste der Stenografie um den Erhalt großer Kulturgüter. Das Buch kostet zehn Euro und ist bei der Verfasserin, Telefon (0571) 7 45 66, erhältlich.