Porta Westfalica

"Schande einer Stadt": Spiegel-Artikel über Nazistollen sorgt für Diskussionen

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Ein Artikel über den Nazistollen im Jakobsberg sorgt derzeit für große Diskussionen im Netzt. Daran beteiligen sich auch heimische Politiker. - © Alex Lehn
Ein Artikel über den Nazistollen im Jakobsberg sorgt derzeit für große Diskussionen im Netzt. Daran beteiligen sich auch heimische Politiker. (© Alex Lehn)

Porta Westfalica (dh). Ein Artikel des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel" über die KZ-Außenlager an der Porta Westfalica sorgt für Diskussionen im Netz. Vor allem die Überschrift „Die Schande einer Stadt" wird auf der Facebook-Seite „Porta Westfalica – meine Heimat" kritisch diskutiert.

Mit Dr. Sylvia Arnold (Bündnis 90/Die Grünen) und Rolf Tebbe (FDP) beteiligen sich auch zwei Politiker an der Debatte. Tebbe bezeichnet den Titel als „überzogen und falsch", zumal die Stadt zur Zeit der NS-Verbrechen in KZ-Außenlagern noch gar nicht existierte. Arnold hält dem entgegen, dass die Summe persönlicher Schuld „die Stadt" sei.

 

Der Spiegel-Autor war anlässlich der Übergabe des Förderbescheids für die geplante Dokumentationsstätte in Porta gewesen (MT vom 18. Juli). Thomas lange, Geschäftsführer des Gedenkstättenvereins, hatte damals mit Medienvertretern über KZ-Außenlager an der Porta gesprochen und durch den Stollen geführt. Spiegel-Überschrift und Teil des Artikels finde er „nicht ganz so gut", sagte Lange gestern. Leser könnten den Eindruck gewinnen, dass die Aufarbeitung der KZ-Geschichte erst kürzlich begonnen habe. Doch Historiker und weitere Spurensucher hätten sich seit den achtziger Jahren mit Rüstungsstollen und KZ-Lagern beschäftigt. Die Arbeit des Gedenkstättenvereins verstetige seit 2009 die Erinnerungskultur.

Der Spiegel behauptet auch, dass bis heute keine Gedenktafel auf die entsetzlichen Geschehnisse hinweise. Das sei nicht richtig, sagt Lange und erwähnt Tafeln am Stolleneingang und Kaiserhof. Außerdem geben es das Mahnmal am Grünen Markt. Die vom Spiegel genannte Champignonzucht im Stollen, betrieben von einem Sprengmeister, hat es tatsächlich gegeben. Allerdings nicht, wie im Artikel erwähnt, in den 60er-Jahren, sondern bereits in den Fünfzigern. Er habe dem Spiegel Korrekturen zur Faktenliste zugeschickt, so Lange. Die seien offenbar nicht mehr berücksichtigt worden.

Irreführend

Kommentar von Dirk Haunhorst

Schlagzeilen bringen Aufmerksamkeit. So gesehen hat das Magazin „Der Spiegel" vieles richtig gemacht, als es einen aktuellen Artikel über die NS-Verbrechen an der Porta Westfalica mit „Die Schande einer Stadt" betitelte. Allerdings führt die reißerische Überschrift in die Irre.

Zum einen suggeriert sie die Kollektivschuld eines Gemeinwesens, das es zurzeit der unterirdischen Rüstungsproduktion 1944/45 nicht gegeben hat. Die Stadt Porta Westfalica wurde 1973 im Zuge der Gebietsreform gegründet. Zum anderen erweckt die Überschrift den Eindruck, dass sich die Stadt bis zum heutigen Tag nicht oder nur unzureichend um die Geschichte der KZ-Außenlager kümmert. Das wäre tatsächlich schändlich. Es trifft aber nicht zu.

Historiker und Hobbyforscher, etwa am Gymnasium, beschäftigen sich seit mehr als 30 Jahren mit den Verbrechen im „Nazistollen" und in den Lagern von Hausberge, Barkhausen und Lerbeck. Seit zehn Jahren bündelt der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte die Forschungsergebnisse – mit Unterstützung der Stadt, deren Bürgermeister Vereinsvorsitzender ist.

Der Verein hat viel Arbeit vor sich, wie die Pläne für ein Dokumentationszentrum am Jakobsstollen eindrucksvoll belegen. Medien müssen diese Arbeit kritisch begleiten. Allerdings taugt das Leid der KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter nicht zu dramaturgischen Verkürzungen. Zumal die „Schande einer Stadt" von jenen Nazis und Mitläufern ablenkt, die Mörder und Handlanger waren. Täter und Opfer haben Namen und Gesichter und sind keine Verwaltungseinheit. Zum Glück hält der Spiegel-Artikel nicht, was die Überschrift verspricht. Er beschreibt vor allem das Leid der KZ-Häftlinge, die im Stollen schufteten. Das Wissen darüber wächst – dank verantwortungsvoller Menschen in dieser Stadt.

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Porta Westfalica"Schande einer Stadt": Spiegel-Artikel über Nazistollen sorgt für DiskussionenPorta Westfalica (dh). Ein Artikel des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel" über die KZ-Außenlager an der Porta Westfalica sorgt für Diskussionen im Netz. Vor allem die Überschrift „Die Schande einer Stadt" wird auf der Facebook-Seite „Porta Westfalica – meine Heimat" kritisch diskutiert. Mit Dr. Sylvia Arnold (Bündnis 90/Die Grünen) und Rolf Tebbe (FDP) beteiligen sich auch zwei Politiker an der Debatte. Tebbe bezeichnet den Titel als „überzogen und falsch", zumal die Stadt zur Zeit der NS-Verbrechen in KZ-Außenlagern noch gar nicht existierte. Arnold hält dem entgegen, dass die Summe persönlicher Schuld „die Stadt" sei.   Der Spiegel-Autor war anlässlich der Übergabe des Förderbescheids für die geplante Dokumentationsstätte in Porta gewesen (MT vom 18. Juli). Thomas lange, Geschäftsführer des Gedenkstättenvereins, hatte damals mit Medienvertretern über KZ-Außenlager an der Porta gesprochen und durch den Stollen geführt. Spiegel-Überschrift und Teil des Artikels finde er „nicht ganz so gut", sagte Lange gestern. Leser könnten den Eindruck gewinnen, dass die Aufarbeitung der KZ-Geschichte erst kürzlich begonnen habe. Doch Historiker und weitere Spurensucher hätten sich seit den achtziger Jahren mit Rüstungsstollen und KZ-Lagern beschäftigt. Die Arbeit des Gedenkstättenvereins verstetige seit 2009 die Erinnerungskultur. Der Spiegel behauptet auch, dass bis heute keine Gedenktafel auf die entsetzlichen Geschehnisse hinweise. Das sei nicht richtig, sagt Lange und erwähnt Tafeln am Stolleneingang und Kaiserhof. Außerdem geben es das Mahnmal am Grünen Markt. Die vom Spiegel genannte Champignonzucht im Stollen, betrieben von einem Sprengmeister, hat es tatsächlich gegeben. Allerdings nicht, wie im Artikel erwähnt, in den 60er-Jahren, sondern bereits in den Fünfzigern. Er habe dem Spiegel Korrekturen zur Faktenliste zugeschickt, so Lange. Die seien offenbar nicht mehr berücksichtigt worden. Irreführend Kommentar von Dirk Haunhorst Schlagzeilen bringen Aufmerksamkeit. So gesehen hat das Magazin „Der Spiegel" vieles richtig gemacht, als es einen aktuellen Artikel über die NS-Verbrechen an der Porta Westfalica mit „Die Schande einer Stadt" betitelte. Allerdings führt die reißerische Überschrift in die Irre. Zum einen suggeriert sie die Kollektivschuld eines Gemeinwesens, das es zurzeit der unterirdischen Rüstungsproduktion 1944/45 nicht gegeben hat. Die Stadt Porta Westfalica wurde 1973 im Zuge der Gebietsreform gegründet. Zum anderen erweckt die Überschrift den Eindruck, dass sich die Stadt bis zum heutigen Tag nicht oder nur unzureichend um die Geschichte der KZ-Außenlager kümmert. Das wäre tatsächlich schändlich. Es trifft aber nicht zu. Historiker und Hobbyforscher, etwa am Gymnasium, beschäftigen sich seit mehr als 30 Jahren mit den Verbrechen im „Nazistollen" und in den Lagern von Hausberge, Barkhausen und Lerbeck. Seit zehn Jahren bündelt der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte die Forschungsergebnisse – mit Unterstützung der Stadt, deren Bürgermeister Vereinsvorsitzender ist. Der Verein hat viel Arbeit vor sich, wie die Pläne für ein Dokumentationszentrum am Jakobsstollen eindrucksvoll belegen. Medien müssen diese Arbeit kritisch begleiten. Allerdings taugt das Leid der KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter nicht zu dramaturgischen Verkürzungen. Zumal die „Schande einer Stadt" von jenen Nazis und Mitläufern ablenkt, die Mörder und Handlanger waren. Täter und Opfer haben Namen und Gesichter und sind keine Verwaltungseinheit. Zum Glück hält der Spiegel-Artikel nicht, was die Überschrift verspricht. Er beschreibt vor allem das Leid der KZ-Häftlinge, die im Stollen schufteten. Das Wissen darüber wächst – dank verantwortungsvoller Menschen in dieser Stadt.