Porta Westfalica

Die Grünen wollen Anwältin Anke Grotjohann als Bürgermeisterkandidatin nominieren

Dirk Haunhorst

Anke Grotjohann will sich als parteilose Kandidatin ums höchste städtische Amt bewerben. Die offizielle Nominierung soll im Herbst auf einer Stadtverbandsversammlung der Grünen folgen. - © Thomas Lieske
Anke Grotjohann will sich als parteilose Kandidatin ums höchste städtische Amt bewerben. Die offizielle Nominierung soll im Herbst auf einer Stadtverbandsversammlung der Grünen folgen. (© Thomas Lieske)

Porta Westfalica (mt). Anke Grotjohann muss Mittwochmittag ins Gefängnis, allerdings „nur" berufsbedingt. „Ich komme rein, aber auch wieder raus", sagt die Anwältin am Telefon. Trotz des Termins nimmt sie sich Zeit für ein kurzes Gespräch. Der Anlass ist kein geringer. Immerhin bewirbt sich die Eisbergerin ums höchste städtische Amt. Sie möchte 2020 Bürgermeisterin werden. Dass es ein neues Stadtoberhaupt geben wird, steht ohnehin fest. Denn Bürgermeister Bernd Hedtmann, wie Anke Grotjohann parteilos, tritt nicht mehr an.

Die Portaner Grünen haben Grotjohann zu ihrer Favoritin auserkoren. Die Umweltpartei geht diesmal einen eigenen Weg und wird keinen gemeinsamen Kandidaten mit der SPD auswählen, obwohl Sozialdemokraten und Grüne seit vielen Jahren eine funktionierende Fraktionsgemeinschaft bilden.

Dass die SPD ihrerseits die Grünen-Kandidatin unterstützt, gilt als ausgeschlossen. Das sagt Anke Grotjohann selbst. Die frühere Sozialdemokratin hatte die Stadt verklagt, als der Rat 2010 unter Führung der SPD das Aus für die Grundschule Möllbergen beschlossen hatte. Die Klage mehrerer Eltern scheiterte damals vor dem Verwaltungsgericht. Grotjohann beendete ihre SPD-Mitgliedschaft.

Die Juristin bezeichnet sich selbst als „hoffnungsfrohe Außenseiterin". Sie habe Spaß am politischen Gestalten und sei zudem motiviert, eine Verwaltung zu führen. Außerdem habe sie jetzt mit 53 Jahren das „richtige Alter" und die nötige Erfahrung. Der erste Anlauf vor nunmehr 18 Jahren sei von einer gewissen jugendlichen Naivität geprägt gewesen, meint sie heute.

2001 hieß sie mit Nachnamen noch Schwarz und war von SPD-Frauen sowie maßgeblichen Fraktionsmitgliedern wie dem Kleinenbremer Dieter Lichte unterstützt worden. Die Anwältin hatte bereits mehrere Parteiaufgaben inne, sie war unter anderem Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Eisbergen und gehörte dem Stadtverbandsvorstand an. In einem MT-Interview sagte sie Ende 2001, die Menschen müssten ihren Bürgermeister verstehen, er dürfe nicht auf einem Podest stehen. „Und er muss auch schützenfesttauglich sein. Ich denke, das bin ich", sagte Schwarz damals. Sie benannte auch eine wichtige Aufgabe, die sie im Fall ihrer Wahl angehen wollte: „Ich würde den Vereinen die Orte sichern, an denen sie sich treffen können." Ohne Vereine sterbe das Dorfleben, mahnte die damals 36-Jährige.

Sie und zwei weitere SPD-Kandidaten scheiterten dann im April 2002 bei der parteiinternen Vorauswahl an Stephan Böhme, den die Mehrheit der Portaner Wähler 2004 zum Bürgermeister machte und 2009 wiederwählte.

Zu aktuellen Inhalten ihres Programms als Bürgermeister-Kandidatin wollte sich Anke Grotjohann gestern noch nicht äußern. Dazu sei es zu früh, die einzelnen Punkte müssten mit dem Grünen-Stadtverband abgestimmt werden. Die offizielle Nominierung der Kandidatin ist auf einer Stadtverbandsversammlung im Herbst vorgesehen.

Die Kontakte zwischen Bündnis 90/ Die Grünen und Anke Grotjohann wurden im Stadtkulturring geknüpft. Dessen Vorsitz hat Grotjohann 2018 übernommen. In dem Gremium hat auch Dr. Sylvia Arnold einen Posten inne. Die Grünen-Ratsfrau und Stadtverbandsvorsitzende ist von der designierten Bürgermeister-Kandidatin überzeugt. „Sie ist eloquent und hat Persönlichkeit." Ein weiteres Argument ist die Qualifikation als Volljuristin mit Verwaltungserfahrung, die Grotjohann als Referendarin bei der Stadt Vlotho sowie beim Verwaltungsgericht sammelte.

Die Rechtsanwältin betreibt zusammen mit ihrem Ehemann eine Kanzlei in Barkhausen. Anke und Torsten Grotjohann haben eine Tochter.

Neues Selbstbewusstsein

Kommentar von Dirk Haunhorst

Die Nominierung einer eigenen Bürgermeisterkandidatin spricht für das neue Selbstbewusstsein der Portaner Grünen. Die Klima- und Umweltschutzdebatte hat der Partei auch auf lokaler Ebene viel Zustimmung gebracht, wie sich an Parteieintritten und den Ergebnissen der Europawahl ablesen lässt. Und wenn am nächsten Sonntag Kommunalwahl wäre, würde die politische Landschaft in Porta vermutlich gehörig durcheinander gewirbelt und die Vorherrschaft der Sozialdemokraten wohl enden – nicht ausschließlich, aber auch wegen der Grünen, die dann wohl in Porta nicht länger als Juniorpartner der SPD wahrgenommen würden.

Den Sozialdemokraten dürfte die Nominierung von Anke Grotjohann doppelt weh tun. Zum einen, weil die erhoffte Unterstützung für einen gemeinsamen Kandidaten fehlt. Die Grünen machen damit deutlich, dass sie von Grotjohann als Verwaltungschefin mehr halten als von den derzeit gehandelten SPD-Kandidaten Jörg Achilles und Friedrich Schmeding, die bereits vor fünf Jahren Interesse am Bürgermeisterposten bekundet hatten. Zum anderen, weil mit Anke Grotjohann ausgerechnet eine frühere Genossin antritt, die sich einst stark in der SPD engagierte, sich dann demonstrativ von ihr abwandte und sich nun vom politischen Partner auf den Schild heben lässt.

Anke Grotjohanns Chancen bei der Bürgermeisterwahl sind kaum einzuschätzen, so lange die Kontrahenten aus den anderen Parteien und politischen Gruppierungen noch unbekannt sind. Wenn bei früheren Kommunalwahlen kleine Parteien wie die Grünen eigene Bürgermeister-Kandidaten aufstellten, kamen diese kaum über ein achtbares Ergebnis hinaus, geschweige denn in die Stichwahl. Doch zwei Dinge liegen dieses Mal anders: Anke Grotjohann ist wie Amtsinhaber Bernd Hedtmann parteilos. Und die Grünen sind längst nicht mehr klein.

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Porta WestfalicaDie Grünen wollen Anwältin Anke Grotjohann als Bürgermeisterkandidatin nominierenDirk HaunhorstPorta Westfalica (mt). Anke Grotjohann muss Mittwochmittag ins Gefängnis, allerdings „nur" berufsbedingt. „Ich komme rein, aber auch wieder raus", sagt die Anwältin am Telefon. Trotz des Termins nimmt sie sich Zeit für ein kurzes Gespräch. Der Anlass ist kein geringer. Immerhin bewirbt sich die Eisbergerin ums höchste städtische Amt. Sie möchte 2020 Bürgermeisterin werden. Dass es ein neues Stadtoberhaupt geben wird, steht ohnehin fest. Denn Bürgermeister Bernd Hedtmann, wie Anke Grotjohann parteilos, tritt nicht mehr an. Die Portaner Grünen haben Grotjohann zu ihrer Favoritin auserkoren. Die Umweltpartei geht diesmal einen eigenen Weg und wird keinen gemeinsamen Kandidaten mit der SPD auswählen, obwohl Sozialdemokraten und Grüne seit vielen Jahren eine funktionierende Fraktionsgemeinschaft bilden. Dass die SPD ihrerseits die Grünen-Kandidatin unterstützt, gilt als ausgeschlossen. Das sagt Anke Grotjohann selbst. Die frühere Sozialdemokratin hatte die Stadt verklagt, als der Rat 2010 unter Führung der SPD das Aus für die Grundschule Möllbergen beschlossen hatte. Die Klage mehrerer Eltern scheiterte damals vor dem Verwaltungsgericht. Grotjohann beendete ihre SPD-Mitgliedschaft. Die Juristin bezeichnet sich selbst als „hoffnungsfrohe Außenseiterin". Sie habe Spaß am politischen Gestalten und sei zudem motiviert, eine Verwaltung zu führen. Außerdem habe sie jetzt mit 53 Jahren das „richtige Alter" und die nötige Erfahrung. Der erste Anlauf vor nunmehr 18 Jahren sei von einer gewissen jugendlichen Naivität geprägt gewesen, meint sie heute. 2001 hieß sie mit Nachnamen noch Schwarz und war von SPD-Frauen sowie maßgeblichen Fraktionsmitgliedern wie dem Kleinenbremer Dieter Lichte unterstützt worden. Die Anwältin hatte bereits mehrere Parteiaufgaben inne, sie war unter anderem Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Eisbergen und gehörte dem Stadtverbandsvorstand an. In einem MT-Interview sagte sie Ende 2001, die Menschen müssten ihren Bürgermeister verstehen, er dürfe nicht auf einem Podest stehen. „Und er muss auch schützenfesttauglich sein. Ich denke, das bin ich", sagte Schwarz damals. Sie benannte auch eine wichtige Aufgabe, die sie im Fall ihrer Wahl angehen wollte: „Ich würde den Vereinen die Orte sichern, an denen sie sich treffen können." Ohne Vereine sterbe das Dorfleben, mahnte die damals 36-Jährige. Sie und zwei weitere SPD-Kandidaten scheiterten dann im April 2002 bei der parteiinternen Vorauswahl an Stephan Böhme, den die Mehrheit der Portaner Wähler 2004 zum Bürgermeister machte und 2009 wiederwählte. Zu aktuellen Inhalten ihres Programms als Bürgermeister-Kandidatin wollte sich Anke Grotjohann gestern noch nicht äußern. Dazu sei es zu früh, die einzelnen Punkte müssten mit dem Grünen-Stadtverband abgestimmt werden. Die offizielle Nominierung der Kandidatin ist auf einer Stadtverbandsversammlung im Herbst vorgesehen. Die Kontakte zwischen Bündnis 90/ Die Grünen und Anke Grotjohann wurden im Stadtkulturring geknüpft. Dessen Vorsitz hat Grotjohann 2018 übernommen. In dem Gremium hat auch Dr. Sylvia Arnold einen Posten inne. Die Grünen-Ratsfrau und Stadtverbandsvorsitzende ist von der designierten Bürgermeister-Kandidatin überzeugt. „Sie ist eloquent und hat Persönlichkeit." Ein weiteres Argument ist die Qualifikation als Volljuristin mit Verwaltungserfahrung, die Grotjohann als Referendarin bei der Stadt Vlotho sowie beim Verwaltungsgericht sammelte. Die Rechtsanwältin betreibt zusammen mit ihrem Ehemann eine Kanzlei in Barkhausen. Anke und Torsten Grotjohann haben eine Tochter. Neues Selbstbewusstsein Kommentar von Dirk Haunhorst Die Nominierung einer eigenen Bürgermeisterkandidatin spricht für das neue Selbstbewusstsein der Portaner Grünen. Die Klima- und Umweltschutzdebatte hat der Partei auch auf lokaler Ebene viel Zustimmung gebracht, wie sich an Parteieintritten und den Ergebnissen der Europawahl ablesen lässt. Und wenn am nächsten Sonntag Kommunalwahl wäre, würde die politische Landschaft in Porta vermutlich gehörig durcheinander gewirbelt und die Vorherrschaft der Sozialdemokraten wohl enden – nicht ausschließlich, aber auch wegen der Grünen, die dann wohl in Porta nicht länger als Juniorpartner der SPD wahrgenommen würden. Den Sozialdemokraten dürfte die Nominierung von Anke Grotjohann doppelt weh tun. Zum einen, weil die erhoffte Unterstützung für einen gemeinsamen Kandidaten fehlt. Die Grünen machen damit deutlich, dass sie von Grotjohann als Verwaltungschefin mehr halten als von den derzeit gehandelten SPD-Kandidaten Jörg Achilles und Friedrich Schmeding, die bereits vor fünf Jahren Interesse am Bürgermeisterposten bekundet hatten. Zum anderen, weil mit Anke Grotjohann ausgerechnet eine frühere Genossin antritt, die sich einst stark in der SPD engagierte, sich dann demonstrativ von ihr abwandte und sich nun vom politischen Partner auf den Schild heben lässt. Anke Grotjohanns Chancen bei der Bürgermeisterwahl sind kaum einzuschätzen, so lange die Kontrahenten aus den anderen Parteien und politischen Gruppierungen noch unbekannt sind. Wenn bei früheren Kommunalwahlen kleine Parteien wie die Grünen eigene Bürgermeister-Kandidaten aufstellten, kamen diese kaum über ein achtbares Ergebnis hinaus, geschweige denn in die Stichwahl. Doch zwei Dinge liegen dieses Mal anders: Anke Grotjohann ist wie Amtsinhaber Bernd Hedtmann parteilos. Und die Grünen sind längst nicht mehr klein.