Porta Westfalica/ExterPorta Westfalica/Exter

Die Autobahnkirche in Exter ist ein Rastplatz für die Seele

Thomas Lieske

Die Autobahnkirche in Exter direkt an der A2 ist die erste evangelische in Deutschland. Derzeit ist sie noch eingerüstet, weil die Fassade einen neuen Anstrich bekommen hat. MT-Foto: Thomas Lieske - © Thomas Lieske/mt
Die Autobahnkirche in Exter direkt an der A2 ist die erste evangelische in Deutschland. Derzeit ist sie noch eingerüstet, weil die Fassade einen neuen Anstrich bekommen hat. MT-Foto: Thomas Lieske (© Thomas Lieske/mt)

Porta Westfalica/Exter (mt). Still ist es, nur zwei Kerzen brennen. Während auf der nur rund 100 Meter entfernten Autobahn 2 zig Tausende Autos vorbeirauschen, herrscht im Innenraum der Kirche absolute Stille. Kein Lärm kein Hupen, keine Abgase. Die Autobahnkirche Exter – zugleich die erste evangelische Autobahnkirche Deutschlands – bietet einen Ruhepol direkt neben einer der am meisten befahrenen Autobahnen Deutschlands. Hier kommt der Krach zum Stillstand. Es ist: das Paradies neben der (Autobahn-) Hölle.

Vor allem Männer machen an der Autobahnkirche Exter Rast, weiß Pfarrer Ralf Steiner. „Erfolgreiche Männer, die beruflich unter Druck stehen", erzählt Steiner im Gespräch mit dem MT. Das sei bei einer Befragung der dortigen Besucher durch die Fachhochschule Freiburg herausgekommen. Die Besucher würden die Autobahnkirche als „Tankstelle für die Seele" nutzen, „wo sie mal durchatmen und zur Ruhe kommen können". Dafür hat die Gemeinde sogar einen Picknickplatz hergerichtet.

Autobahnkirche Exter (Plus-Inhalt)
Information

Serie "A2 - hautnah"

Sie ist die wichtigste Ost-West-Verbindung Richtung Paris oder Warschau – und gilt als eine der gefährlichsten Autobahnen Deutschlands: Auf 13 Kilometern Länge durchschneidet die A2 auch den Raum Porta Westfalica.

Rund 300.000 Fahrzeuge passieren den Bereich täglich. Für die einen ist sie der tägliche Weg zur Arbeit, für die anderen Arbeitsplatz. „A2 – hautnah" erzählt von Menschen, in deren Leben die A2 eine große Rolle spielt: egal, ob Lebensretter, Straßenbauer oder jene, deren Gartenzaun an der Autobahn steht. Heute: zu Besuch in der Autobahnkirche Exter.

Etwa 50 Besucher kommen jeden Tag nach Exter, das sind fast 20.000 pro Jahr, sie bleiben durchschnittlich zehn bis 15 Minuten.Diejenigen, die mit Religion mehr am Hut haben, beten. „Die anderen schauen sich um und schreiben ins Anliegenbuch, zünden vielleicht eine Kerze an. Die meisten suchen die Stille."Für Pastor Ralf Steiner sind die Besucher seine „zweite Gemeinde". Manchmal kommen große Reisegruppen mit dem Busse, dann hält er Andachten, wenn die Besucher sich angemeldet haben. Aber was unterscheidet eine normale von einer Autobahnkirche? „Es gibt Kriterien. Sie darf höchstens 1.000 Meter von der Autobahn weg stehen, Busgruppen müssen hineinpassen, die nächste Autobahnkirche darf erst 80 Kilometer weiter stehen." Zudem müsse die Gemeinde ordentliche Toiletten vorhalten. Wie an einem normalen Rastplatz.

Die der Autobahnkirche Exter. - © Alexander Hoffmann/mt
Die der Autobahnkirche Exter. (© Alexander Hoffmann/mt)

44 Autobahnkirchen gibt es derzeit in Deutschland – „jede ist anders", sagt Steiner –, rund eine Million Menschen besuchen sie jährlich insgesamt. Die nächste Kirche an einer Autobahn ist bereits in Planung. Die in Exter ist eine von nur dreien entlang der gesamten Autobahn 2 im Bundesgebiet.

Die Kirche ist übrigens gleichzeitig Gemeindekirche, sie stammt aus dem Jahr 1666. Erst 1959 wurde sie zur Autobahnkirche gewidmet, als eine Art protestantisches Gegenstück zur ersten katholischen Autobahnkirche, die in Adelsried in Bayern steht. Damit feierte sie zu Pfingsten das 60-jährige Bestehen. Sie ist über die Autobahnabfahrt Vlotho-West zu erreichen und von dort aus gut ausgeschildert. Vor der Kirche hat die Gemeinde einen großen Parkplatz geschaffen, der sogar für den einen oder anderen Bus und Lkw Platz bietet. Sogar Elektroautos lassen sich direkt vor der Kirche laden.

Die Autobahnkirche ist vor allem ein Ort, um runterzukommen. Weg von der schnelllebigen Autobahn, weg vom Stress auf der Piste. Vor der schweren Kirchentür in Exter gibt ein Kreuzstein – gestiftet von der Familie Sargsjan/Hakobjan – einen letzten mahnenden Hinweis für die Weiterfahrt: „Zum Gedenken an die Opfer des Straßenverkehrs und als Mahnung zum rücksichtsvollen Autofahren", steht darauf geschrieben. Unübersehbar.

Am 7. Juli ist die Autobahnkirche Exter Ort für die Live-Übertragung des ZDF-Fernsehgottesdienstes. Es ist bereits das zweite Mal, dass das Fernsehteam aus der Kirche in Exter überträgt – eine Besonderheit.

MT-Interview mit Ulrich Tückmantel über sein Buch über Autobahnkirchen

Porta Westfalica/Exter (mt). Ein Buch über Autobahnkirchen? Ja, das gibt es. Der ehemalige Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung und jetziger neuer Pressesprecher der Bezirksregierung Münster, Ulrich Tückmantel, hat den ungewöhnlichen Inhalt zusammengetragen.

Wie sind Sie darauf gekommen, ausgerechnet über Autobahnkirchen zu schreiben?

Ulrich Tückmantel: Wir hatten eine Serie über moderne Kirchen im Rheinland gestartet. Dabei fiel der Fokus schnell auf Autobahnkirchen. Denn das Besondere ist: Sie sind europaweit einmalig nur in Deutschland zu finden. Kein anderes Land in Europa hat diese Sitte, im Gegensatz zu anderen infrastrukturellen Maßnahmen wie Tankstellen und Rasthöfe, übernommen. Dabei gibt es in Deutschland mit 44 mittlerweile relativ viele.

Kennen Sie jede einzelne persönlich?

Nein, es gibt noch einige, die ich gern sehen würde. Zum Beispiel die am Berliner Ring, dort ist eine tolle Kunstausstellung zu finden. Oder die an der A31 im Emsland. Nur: Da habe ich beruflich nie zu tun. Ich muss mir also irgendeine Ausrede einfallen lassen, um auch dort mal hinzukommen.

Wie haben Sie dann die vielen anderen Autobahnkirchen kennengelernt?

Ich muss zugeben, dass ich meine Reiserouten mit dem Auto schon so lege, dass ich zufällig an der einen oder anderen Autobahnkirche vorbeikomme.

Was fasziniert Sie so sehr an Autobahnkirchen, dass Sie sogar ein Buch darüber geschrieben haben?

Die Frage ist: Was erwarten wir von einer Autobahnkirche? Oft ist eben kein Pastor vor Ort, es gibt keine Seelsorge, die Leute bleiben meist 15 Minuten, zünden eine Kerze an und schreiben ins Anliegenbuch. Kurz: Sie finden dort Ruhe neben der Autobahn. Und nebenbei gibt es oft tolle Architektur oder Einrichtungen zu bestaunen.

Alle Artikel Artikel der MT-Serie finden Sie hier.

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Porta Westfalica/ExterPorta Westfalica/ExterDie Autobahnkirche in Exter ist ein Rastplatz für die SeeleThomas LieskePorta Westfalica/Exter (mt). Still ist es, nur zwei Kerzen brennen. Während auf der nur rund 100 Meter entfernten Autobahn 2 zig Tausende Autos vorbeirauschen, herrscht im Innenraum der Kirche absolute Stille. Kein Lärm kein Hupen, keine Abgase. Die Autobahnkirche Exter – zugleich die erste evangelische Autobahnkirche Deutschlands – bietet einen Ruhepol direkt neben einer der am meisten befahrenen Autobahnen Deutschlands. Hier kommt der Krach zum Stillstand. Es ist: das Paradies neben der (Autobahn-) Hölle. Vor allem Männer machen an der Autobahnkirche Exter Rast, weiß Pfarrer Ralf Steiner. „Erfolgreiche Männer, die beruflich unter Druck stehen", erzählt Steiner im Gespräch mit dem MT. Das sei bei einer Befragung der dortigen Besucher durch die Fachhochschule Freiburg herausgekommen. Die Besucher würden die Autobahnkirche als „Tankstelle für die Seele" nutzen, „wo sie mal durchatmen und zur Ruhe kommen können". Dafür hat die Gemeinde sogar einen Picknickplatz hergerichtet. Etwa 50 Besucher kommen jeden Tag nach Exter, das sind fast 20.000 pro Jahr, sie bleiben durchschnittlich zehn bis 15 Minuten.Diejenigen, die mit Religion mehr am Hut haben, beten. „Die anderen schauen sich um und schreiben ins Anliegenbuch, zünden vielleicht eine Kerze an. Die meisten suchen die Stille."Für Pastor Ralf Steiner sind die Besucher seine „zweite Gemeinde". Manchmal kommen große Reisegruppen mit dem Busse, dann hält er Andachten, wenn die Besucher sich angemeldet haben. Aber was unterscheidet eine normale von einer Autobahnkirche? „Es gibt Kriterien. Sie darf höchstens 1.000 Meter von der Autobahn weg stehen, Busgruppen müssen hineinpassen, die nächste Autobahnkirche darf erst 80 Kilometer weiter stehen." Zudem müsse die Gemeinde ordentliche Toiletten vorhalten. Wie an einem normalen Rastplatz. 44 Autobahnkirchen gibt es derzeit in Deutschland – „jede ist anders", sagt Steiner –, rund eine Million Menschen besuchen sie jährlich insgesamt. Die nächste Kirche an einer Autobahn ist bereits in Planung. Die in Exter ist eine von nur dreien entlang der gesamten Autobahn 2 im Bundesgebiet. Die Kirche ist übrigens gleichzeitig Gemeindekirche, sie stammt aus dem Jahr 1666. Erst 1959 wurde sie zur Autobahnkirche gewidmet, als eine Art protestantisches Gegenstück zur ersten katholischen Autobahnkirche, die in Adelsried in Bayern steht. Damit feierte sie zu Pfingsten das 60-jährige Bestehen. Sie ist über die Autobahnabfahrt Vlotho-West zu erreichen und von dort aus gut ausgeschildert. Vor der Kirche hat die Gemeinde einen großen Parkplatz geschaffen, der sogar für den einen oder anderen Bus und Lkw Platz bietet. Sogar Elektroautos lassen sich direkt vor der Kirche laden. Die Autobahnkirche ist vor allem ein Ort, um runterzukommen. Weg von der schnelllebigen Autobahn, weg vom Stress auf der Piste. Vor der schweren Kirchentür in Exter gibt ein Kreuzstein – gestiftet von der Familie Sargsjan/Hakobjan – einen letzten mahnenden Hinweis für die Weiterfahrt: „Zum Gedenken an die Opfer des Straßenverkehrs und als Mahnung zum rücksichtsvollen Autofahren", steht darauf geschrieben. Unübersehbar. Am 7. Juli ist die Autobahnkirche Exter Ort für die Live-Übertragung des ZDF-Fernsehgottesdienstes. Es ist bereits das zweite Mal, dass das Fernsehteam aus der Kirche in Exter überträgt – eine Besonderheit. MT-Interview mit Ulrich Tückmantel über sein Buch über Autobahnkirchen Porta Westfalica/Exter (mt). Ein Buch über Autobahnkirchen? Ja, das gibt es. Der ehemalige Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung und jetziger neuer Pressesprecher der Bezirksregierung Münster, Ulrich Tückmantel, hat den ungewöhnlichen Inhalt zusammengetragen. Wie sind Sie darauf gekommen, ausgerechnet über Autobahnkirchen zu schreiben? Ulrich Tückmantel: Wir hatten eine Serie über moderne Kirchen im Rheinland gestartet. Dabei fiel der Fokus schnell auf Autobahnkirchen. Denn das Besondere ist: Sie sind europaweit einmalig nur in Deutschland zu finden. Kein anderes Land in Europa hat diese Sitte, im Gegensatz zu anderen infrastrukturellen Maßnahmen wie Tankstellen und Rasthöfe, übernommen. Dabei gibt es in Deutschland mit 44 mittlerweile relativ viele. Kennen Sie jede einzelne persönlich? Nein, es gibt noch einige, die ich gern sehen würde. Zum Beispiel die am Berliner Ring, dort ist eine tolle Kunstausstellung zu finden. Oder die an der A31 im Emsland. Nur: Da habe ich beruflich nie zu tun. Ich muss mir also irgendeine Ausrede einfallen lassen, um auch dort mal hinzukommen. Wie haben Sie dann die vielen anderen Autobahnkirchen kennengelernt? Ich muss zugeben, dass ich meine Reiserouten mit dem Auto schon so lege, dass ich zufällig an der einen oder anderen Autobahnkirche vorbeikomme. Was fasziniert Sie so sehr an Autobahnkirchen, dass Sie sogar ein Buch darüber geschrieben haben? Die Frage ist: Was erwarten wir von einer Autobahnkirche? Oft ist eben kein Pastor vor Ort, es gibt keine Seelsorge, die Leute bleiben meist 15 Minuten, zünden eine Kerze an und schreiben ins Anliegenbuch. Kurz: Sie finden dort Ruhe neben der Autobahn. Und nebenbei gibt es oft tolle Architektur oder Einrichtungen zu bestaunen.