Holzhausen

Clown im Altenheim: Damit das Lachen nicht vergessen wird

Benjamin Piel

Doris Kaase setzt sich dafür ein, dass Demenzkranke und deren Angehörige ihre Lebensfreude nicht verlieren. MT- - © Foto: Benjamin Piel
Doris Kaase setzt sich dafür ein, dass Demenzkranke und deren Angehörige ihre Lebensfreude nicht verlieren. MT- (© Foto: Benjamin Piel)

Porta Westfalica-Holzhausen (mt). Demente Menschen haben mindestens zwei Probleme: dass sie vergessen und dass die anderen vergessen. Vergessen, dass der Demenzkranke Humor hat und Lust, etwas zu erleben. Wer an der Krankheit leidet, wird oft nicht mehr als vollwertige Person wahrgenommen, sondern als Fall, der auf seinem Stuhl hockt oder unruhig umherläuft und auf den Tod wartet. Da ist scheinbar nichts Schönes mehr. Die Demenz schwebt wie eine schwarze Wolke über allem. Humor? Ein Witz? Das scheint ganz weit weg zu sein. Muss es nicht, sagt Demenz-Beraterin Doris Kaase aus Holzhausen. „Lebensfreude für Erkrankte und Angehörige“, das hält die 60-Jährige für möglich. Auch deshalb ist sie als Clown in Altenheimen unterwegs.

Demenz und Humor – diese Kombination dürfte für die meisten Menschen nicht auf der Hand liegen.

Das ist mein Thema. Sei es in Kursen für pflegende Angehörige, sei es in Kursen für Pflegekräfte, sei es, wenn ich als Clown in Pflegeheimen unterwegs bin. Viele Angehörige wundern sich, wie viel in so einem Kurs gelacht werden kann. Das geht. Und übrigens: Anders geht es auch gar nicht.

Warum nicht?

Wer nicht mehr lachen kann, ist am Ende. Es ist falsch zu glauben, Menschen mit Demenz hätten keine Ressourcen mehr. Das stimmt nicht. Humor ist so eine Ressource. Es kann herrlich sein, wenn sie über ihre Vergesslichkeit lachen. Oder einmal war ich mit einem Demenzkranken in einem Gitarrenkonzert und plötzlich sagt er: „Wann hört die denn endlich auf zu üben?“ Da musste ich laut lachen. Solche Situationen entstehen immer wieder, weil diese Menschen ohne kognitive Blockade sprechen und sagen, was sie denken. Lachen auf Augenhöhe kann viel bewegen. Viele denken, mit der Diagnose Demenz sei das Leben zu Ende – aber das ist es eben nicht.

Das hört sich einfach an, aber es gibt ja auch viele leidvolle Situationen.

Natürlich und das ist ja gerade der Punkt: Angehörige powern sich oft aus, bis sie nicht mehr können. Meine Botschaft ist: Es gibt Lebensfreude trotz Demenz – für Erkrankte wie für Angehörige. Wer das außer Acht lässt, der hat auf die Dauer ein Problem und irgendwann unter Garantie verloren. Übrigens auch, weil Verkniffenheit, Humorlosigkeit und Anspannung sich eins zu eins auf den Patienten übertragen. Ja, Demenz ist ein ernstes Thema, aber das heißt im Umkehrschluss nicht, dass Angehörige nicht mehr lachen und fröhlich sein dürften oder dass Betroffene es nicht mehr könnten. Wenn der Quark statt Milch im Kaffee landet, dann ist es besser, darüber zu lachen als auszurasten.

Das mag beim ersten Mal noch witzig sein, aber beim siebten Mal dürfte der Frust beginnen.

Das stimmt, aber so weit sollte es gar nicht kommen. Denn dann sollte der Angehörige reagieren und den Quark weit weg von der Kaffeetasse stellen. Von so einer Korrektur profitiert ein Demenzkranker, von Ausrastern nicht. Denn die signalisieren ihm, dass er immer alles falsch macht, obwohl er es gar nicht falsch machen will. Das alles bekommt der Demenzkranke mit und es wirkt sich negativ aus. So eine Situation schaukelt sich hoch, bis es irgendwann nicht mehr geht. Humor dagegen kann viele Situationen positiv auflösen und erträglicher machen – für beide Seiten.

Lange war die Demenz ein Tabu. Hat sich das geändert?

Ja. Spätestens der Film „Honig im Kopf“ hat 2014 noch einmal eine ungeheuer positive Auswirkung gehabt. Was auch immer man von Til Schweiger halten mag, der das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, dieser Film hat den Nagel auf den Kopf getroffen und das Thema endgültig in die breite Öffentlichkeit gebracht. Das ist ein großer Verdienst. Als ich vor elf Jahren mit der Demenzberatung anfing, gab es noch Menschen, die ihre Angehörigkeit zu Hause versteckt haben. Das ist heute nicht mehr so.

Eine Frage, die schon noch häufig zu hören ist: Was soll man mit Demenzkranken noch machen? Die vergessen ja doch im nächsten Moment alles. Wie sehen Sie das?

Ganz anders. Gerade war ich mit einer Gruppe auf Langeoog im Urlaub. Wir hatten eine sehr gute Zeit miteinander, haben den Aufenthalt genossen. Ist das denn nichts? Doch, es ist Leben und Vergnügen im Augenblick. Ein Zen-Buddhist arbeitet sein ganzes Leben auf dieses Ziel hin und Kinder leben auch im Moment. Warum sollte ein Demenzkranker kein Recht mehr darauf haben, schöne Momente zu erleben? Es hilft Erkrankten wie Angehörigen, wenn ein Klima des Wohlfühlens entsteht.

Bedeutet das, dass Zuhause immerder bessere Ort ist?

Nein. Wenn es Zuhause nur noch Stress gibt und alle am Ende sind, dann kann es besser sein, wenn der Erkrankte ins Heim geht.

Apropos Pflegeheime: Sie sind dort als Clown unterwegs. Was soll das?

Ich habe schon länger Spaß daran gehabt, als Clown Ella aufzutreten, aber eher auf Kindergeburtstagen. Dann dachte ich mir: Clown und Demenz – das müsste man doch eigentlich zusammenbringen. Ich habe dann angefangen, zu Festen oder an einzelnen Tagen in Pflegeheime zu gehen. Mir geht es darum, mit den Menschen dort in Kontakt zu kommen. Die Begegnung funktioniert gut, denn Demenzkranke reagieren sehr unmittelbar. Besonders den Zugang über die Musik lieben viele, dann leuchten die Augen. Auch für die Pflegekräfte ist das eine gute Erfahrung. Ich weiß nie, was passiert. Einmal habe ich mit einem 100-Jährigen auf der Mundharmonika die Nationalhymne gespielt. Man umarmt mich, spricht mich an. Der Clown ist im Langzeitgedächtnis positiv besetzt, er knüpft an das Kindheitserlebnis an und vermittelt Heiterkeit. Es entsteht eine gute Atmosphäre. Und darauf kommt es an.

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HolzhausenClown im Altenheim: Damit das Lachen nicht vergessen wirdBenjamin PielPorta Westfalica-Holzhausen (mt). Demente Menschen haben mindestens zwei Probleme: dass sie vergessen und dass die anderen vergessen. Vergessen, dass der Demenzkranke Humor hat und Lust, etwas zu erleben. Wer an der Krankheit leidet, wird oft nicht mehr als vollwertige Person wahrgenommen, sondern als Fall, der auf seinem Stuhl hockt oder unruhig umherläuft und auf den Tod wartet. Da ist scheinbar nichts Schönes mehr. Die Demenz schwebt wie eine schwarze Wolke über allem. Humor? Ein Witz? Das scheint ganz weit weg zu sein. Muss es nicht, sagt Demenz-Beraterin Doris Kaase aus Holzhausen. „Lebensfreude für Erkrankte und Angehörige“, das hält die 60-Jährige für möglich. Auch deshalb ist sie als Clown in Altenheimen unterwegs. Demenz und Humor – diese Kombination dürfte für die meisten Menschen nicht auf der Hand liegen. Das ist mein Thema. Sei es in Kursen für pflegende Angehörige, sei es in Kursen für Pflegekräfte, sei es, wenn ich als Clown in Pflegeheimen unterwegs bin. Viele Angehörige wundern sich, wie viel in so einem Kurs gelacht werden kann. Das geht. Und übrigens: Anders geht es auch gar nicht. Warum nicht? Wer nicht mehr lachen kann, ist am Ende. Es ist falsch zu glauben, Menschen mit Demenz hätten keine Ressourcen mehr. Das stimmt nicht. Humor ist so eine Ressource. Es kann herrlich sein, wenn sie über ihre Vergesslichkeit lachen. Oder einmal war ich mit einem Demenzkranken in einem Gitarrenkonzert und plötzlich sagt er: „Wann hört die denn endlich auf zu üben?“ Da musste ich laut lachen. Solche Situationen entstehen immer wieder, weil diese Menschen ohne kognitive Blockade sprechen und sagen, was sie denken. Lachen auf Augenhöhe kann viel bewegen. Viele denken, mit der Diagnose Demenz sei das Leben zu Ende – aber das ist es eben nicht. Das hört sich einfach an, aber es gibt ja auch viele leidvolle Situationen. Natürlich und das ist ja gerade der Punkt: Angehörige powern sich oft aus, bis sie nicht mehr können. Meine Botschaft ist: Es gibt Lebensfreude trotz Demenz – für Erkrankte wie für Angehörige. Wer das außer Acht lässt, der hat auf die Dauer ein Problem und irgendwann unter Garantie verloren. Übrigens auch, weil Verkniffenheit, Humorlosigkeit und Anspannung sich eins zu eins auf den Patienten übertragen. Ja, Demenz ist ein ernstes Thema, aber das heißt im Umkehrschluss nicht, dass Angehörige nicht mehr lachen und fröhlich sein dürften oder dass Betroffene es nicht mehr könnten. Wenn der Quark statt Milch im Kaffee landet, dann ist es besser, darüber zu lachen als auszurasten. Das mag beim ersten Mal noch witzig sein, aber beim siebten Mal dürfte der Frust beginnen. Das stimmt, aber so weit sollte es gar nicht kommen. Denn dann sollte der Angehörige reagieren und den Quark weit weg von der Kaffeetasse stellen. Von so einer Korrektur profitiert ein Demenzkranker, von Ausrastern nicht. Denn die signalisieren ihm, dass er immer alles falsch macht, obwohl er es gar nicht falsch machen will. Das alles bekommt der Demenzkranke mit und es wirkt sich negativ aus. So eine Situation schaukelt sich hoch, bis es irgendwann nicht mehr geht. Humor dagegen kann viele Situationen positiv auflösen und erträglicher machen – für beide Seiten. Lange war die Demenz ein Tabu. Hat sich das geändert? Ja. Spätestens der Film „Honig im Kopf“ hat 2014 noch einmal eine ungeheuer positive Auswirkung gehabt. Was auch immer man von Til Schweiger halten mag, der das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, dieser Film hat den Nagel auf den Kopf getroffen und das Thema endgültig in die breite Öffentlichkeit gebracht. Das ist ein großer Verdienst. Als ich vor elf Jahren mit der Demenzberatung anfing, gab es noch Menschen, die ihre Angehörigkeit zu Hause versteckt haben. Das ist heute nicht mehr so. Eine Frage, die schon noch häufig zu hören ist: Was soll man mit Demenzkranken noch machen? Die vergessen ja doch im nächsten Moment alles. Wie sehen Sie das? Ganz anders. Gerade war ich mit einer Gruppe auf Langeoog im Urlaub. Wir hatten eine sehr gute Zeit miteinander, haben den Aufenthalt genossen. Ist das denn nichts? Doch, es ist Leben und Vergnügen im Augenblick. Ein Zen-Buddhist arbeitet sein ganzes Leben auf dieses Ziel hin und Kinder leben auch im Moment. Warum sollte ein Demenzkranker kein Recht mehr darauf haben, schöne Momente zu erleben? Es hilft Erkrankten wie Angehörigen, wenn ein Klima des Wohlfühlens entsteht. Bedeutet das, dass Zuhause immerder bessere Ort ist? Nein. Wenn es Zuhause nur noch Stress gibt und alle am Ende sind, dann kann es besser sein, wenn der Erkrankte ins Heim geht. Apropos Pflegeheime: Sie sind dort als Clown unterwegs. Was soll das? Ich habe schon länger Spaß daran gehabt, als Clown Ella aufzutreten, aber eher auf Kindergeburtstagen. Dann dachte ich mir: Clown und Demenz – das müsste man doch eigentlich zusammenbringen. Ich habe dann angefangen, zu Festen oder an einzelnen Tagen in Pflegeheime zu gehen. Mir geht es darum, mit den Menschen dort in Kontakt zu kommen. Die Begegnung funktioniert gut, denn Demenzkranke reagieren sehr unmittelbar. Besonders den Zugang über die Musik lieben viele, dann leuchten die Augen. Auch für die Pflegekräfte ist das eine gute Erfahrung. Ich weiß nie, was passiert. Einmal habe ich mit einem 100-Jährigen auf der Mundharmonika die Nationalhymne gespielt. Man umarmt mich, spricht mich an. Der Clown ist im Langzeitgedächtnis positiv besetzt, er knüpft an das Kindheitserlebnis an und vermittelt Heiterkeit. Es entsteht eine gute Atmosphäre. Und darauf kommt es an.