Philosoph Gebauer referiert über die religiöse Dimension des Fußballs Michael Grundmeier Porta Westfalica-Möllbergen (mig) Ein echter Fan nimmt viel auf sich, um seiner Mannschaft nahe zu sein. Auswärtsfahrten durch die gesamte Republik, hohe Niederlagen. All das kann ihn nicht erschüttern, jedenfalls nicht lange. Das „Schalke unser“ („und gib uns das zu Null“) zeigt, wie eng Glaube und Fußballkult miteinander verwoben sind. Prof. Dr. Gebauer von der Freien Universität Berlin hat das Phänomen untersucht. Woher rühren die Wurzeln dieses „Aberglaubens“, warum werden Spieler wie Götter verehrt? Darüber sprach Philosoph Gebauer im Foyer der Sparkassenarena im Vereinszentrum Möllbergen. Zunächst unternahm er eine Bestandsaufnahme und merkte an, dass Sport und Religion auch früher schon eng miteinander verbunden waren (etwa in der griechischen Athletik). Ähnliches gebe es heute immer noch, etwa wenn Fans von Olympique Marseille für ihr Team beten und den Gegner verfluchen. Der katholische Raum sei für diese Art der kultischen Verehrung besonders geeignet, doch sei dieses Phänomen auch anderswo anzutreffen. Wo Fußball gespielt wird, kann er zu einer Ersatzreligion werden, so Gebauer. Und wo Spieler besonders genial kicken, könne ein „Heiligenkult“ entstehen. „Gerade in der Fankultur gibt es viele liturgische Elemente – das reicht von den Gesängen bis hin zu Fußballmuseen, in denen Fußballschuhe wie Reliquien ausgestellt werden“, machte der Philosoph deutlich. Und in England ließen die treuesten Fans nach ihrem Tod ihre Asche auf dem „heiligen Rasen“ verstreuen. Gebauer hält fest, dass die Fußball-Religion auf der „echten“, christlichen Religion aufbaut. Die „Aufwertung des menschlichen in einen magischen Zweitkörper“ (Messi der zum Fußballgott wird) mache nur dann Sinn, wenn sich die „Menschen von Gott abgewendet haben, er aber zugleich noch anwesend ist“. Gebauer hat ein „nietzscheanisches Denken“ ausgemacht, das „außergewöhnliche Spieler zu Heiligen erklärt“. „Das sind die Leute, die Sachen machen, die man einfach nicht für möglich hält.“ Der Weitspringer, der plötzlich den Weltrekord um 56 Zentimeter übertrifft. Oder eben Messi, der einen Ball aus 25 Metern im Torwinkel versenkt. Hier spricht Gebauer von „Charisma“, ein „normaler Körper“ wird transzendiert, in einen „höheren“ verwandelt. „Man sieht, es gibt da jemanden, der etwas Außergewöhnliches macht und er macht es nicht nur einmal, er macht es immer wieder.“ Laut Gebauer entsteht Charisma immer in Wechselwirkung mit einer Gemeinde: „Es gibt eine Wechselwirkung zwischen dem, was jemand tut, und dem Empfinden der Gemeinde.“ Neben magischem Denken aus vorchristlicher Zeit spielten auch liturgische Elemente eine Rolle spielen. „Da wird eine Messe gefeiert – wir sprechen hier aber nicht von einer christlichen Messe. Diese Messe ist nur aus dem christlichen Glauben abgeleitet.“ Gebauer sieht deshalb auch keine „Konkurrenz“ zum christlichen Glauben. „Weil er die wichtigsten Glaubensinhalte nicht ersetzen kann und die Fans bei einer Katastrophe hilflos zurücklässt.“ Die Pastorin der evangelischen Kirchengemeinde Hausberge-Lohfeld, Katharina Kenter-Töns, kennt „Fußballreligion“ aus eigener Anschauung. Sie sei in Gelsenkirchen aufgewachsen, berichtete sie im Vereinszentrum, und wisse deshalb, wie ernst die Fans den Fußball nehmen. „Es gibt eine Kapelle im Stadion und ich habe von den beiden Pastoren, die dafür abgeordnet waren, erfahren, dass das immer eine Gratwanderung war.“ Ein anderer Zuhörer sprach den Fall „Hoeneß“ an. Hier gebe es auch „religiöse Züge“: „Er hat gebeichtet, dann gebüßt und wurde wieder aufgenommen.“ Ganz anders war die Situation, als Manuel Neuer von Schalke zu den Bayern gewechselt: „Da musste man Angst haben um das Leben des jungen Mannes.“ Viele hätten das als „Verrat“ angesehen.

Philosoph Gebauer referiert über die religiöse Dimension des Fußballs

Prof. Dr. Gunter Gebauer zieht Parallelen zwischen Fußball und Religion. Foto: Michael Grundmeier © Picasa

Porta Westfalica-Möllbergen (mig) Ein echter Fan nimmt viel auf sich, um seiner Mannschaft nahe zu sein. Auswärtsfahrten durch die gesamte Republik, hohe Niederlagen. All das kann ihn nicht erschüttern, jedenfalls nicht lange. Das „Schalke unser“ („und gib uns das zu Null“) zeigt, wie eng Glaube und Fußballkult miteinander verwoben sind.

Prof. Dr. Gebauer von der Freien Universität Berlin hat das Phänomen untersucht. Woher rühren die Wurzeln dieses „Aberglaubens“, warum werden Spieler wie Götter verehrt? Darüber sprach Philosoph Gebauer im Foyer der Sparkassenarena im Vereinszentrum Möllbergen. Zunächst unternahm er eine Bestandsaufnahme und merkte an, dass Sport und Religion auch früher schon eng miteinander verbunden waren (etwa in der griechischen Athletik). Ähnliches gebe es heute immer noch, etwa wenn Fans von Olympique Marseille für ihr Team beten und den Gegner verfluchen. Der katholische Raum sei für diese Art der kultischen Verehrung besonders geeignet, doch sei dieses Phänomen auch anderswo anzutreffen. Wo Fußball gespielt wird, kann er zu einer Ersatzreligion werden, so Gebauer. Und wo Spieler besonders genial kicken, könne ein „Heiligenkult“ entstehen. „Gerade in der Fankultur gibt es viele liturgische Elemente – das reicht von den Gesängen bis hin zu Fußballmuseen, in denen Fußballschuhe wie Reliquien ausgestellt werden“, machte der Philosoph deutlich. Und in England ließen die treuesten Fans nach ihrem Tod ihre Asche auf dem „heiligen Rasen“ verstreuen.

Gebauer hält fest, dass die Fußball-Religion auf der „echten“, christlichen Religion aufbaut. Die „Aufwertung des menschlichen in einen magischen Zweitkörper“ (Messi der zum Fußballgott wird) mache nur dann Sinn, wenn sich die „Menschen von Gott abgewendet haben, er aber zugleich noch anwesend ist“. Gebauer hat ein „nietzscheanisches Denken“ ausgemacht, das „außergewöhnliche Spieler zu Heiligen erklärt“. „Das sind die Leute, die Sachen machen, die man einfach nicht für möglich hält.“ Der Weitspringer, der plötzlich den Weltrekord um 56 Zentimeter übertrifft. Oder eben Messi, der einen Ball aus 25 Metern im Torwinkel versenkt. Hier spricht Gebauer von „Charisma“, ein „normaler Körper“ wird transzendiert, in einen „höheren“ verwandelt. „Man sieht, es gibt da jemanden, der etwas Außergewöhnliches macht und er macht es nicht nur einmal, er macht es immer wieder.“

Laut Gebauer entsteht Charisma immer in Wechselwirkung mit einer Gemeinde: „Es gibt eine Wechselwirkung zwischen dem, was jemand tut, und dem Empfinden der Gemeinde.“ Neben magischem Denken aus vorchristlicher Zeit spielten auch liturgische Elemente eine Rolle spielen. „Da wird eine Messe gefeiert – wir sprechen hier aber nicht von einer christlichen Messe. Diese Messe ist nur aus dem christlichen Glauben abgeleitet.“ Gebauer sieht deshalb auch keine „Konkurrenz“ zum christlichen Glauben. „Weil er die wichtigsten Glaubensinhalte nicht ersetzen kann und die Fans bei einer Katastrophe hilflos zurücklässt.“

Die Pastorin der evangelischen Kirchengemeinde Hausberge-Lohfeld, Katharina Kenter-Töns, kennt „Fußballreligion“ aus eigener Anschauung. Sie sei in Gelsenkirchen aufgewachsen, berichtete sie im Vereinszentrum, und wisse deshalb, wie ernst die Fans den Fußball nehmen. „Es gibt eine Kapelle im Stadion und ich habe von den beiden Pastoren, die dafür abgeordnet waren, erfahren, dass das immer eine Gratwanderung war.“

Ein anderer Zuhörer sprach den Fall „Hoeneß“ an. Hier gebe es auch „religiöse Züge“: „Er hat gebeichtet, dann gebüßt und wurde wieder aufgenommen.“ Ganz anders war die Situation, als Manuel Neuer von Schalke zu den Bayern gewechselt: „Da musste man Angst haben um das Leben des jungen Mannes.“ Viele hätten das als „Verrat“ angesehen.

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