Kommentar zu Lerbecks Hochhausquartier: Luft nach oben

Dirk Haunhorst

- © lehn
(© lehn)

Der schönste Ort in Porta? Geschmackssache. Bei vielen dürfte die Panoramaterrasse des Kaiser-Denkmals oder die Wittekindsburg oben auf der Liste stehen. Andere bevorzugen den Hausberger Marktplatz mit seiner Fachwerkkulisse. Und manchen ist vielleicht der einsame Platz irgendwo an der Weser in Costedt der liebste Ort. Weithin Einigkeit dürfte aber herrschen, wenn es um die mutmaßlich hässlichste Ecke Portas geht: das Hochhausquartier in Lerbeck.

Bausünde, Ghetto, sozialer Brennpunkt – die Etiketten für das Viertel, das als „Neu-Lerbeck“ bereits namentlich vom Altbereich abgrenzt wird, sind wenig schmeichelhaft. Es ist ein Ort, in dem vorwiegend arme Menschen eine Bleibe gefunden haben, unter ihnen zahlreiche Flüchtlinge. Es ist aber auch ein Ort, in dem haupt- und ehrenamtliche Helfer rund um das AWO-Begegnungszentrum Wertvolles leisten, damit trotz der Widrigkeiten das Zusammenleben von Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft einigermaßen funktioniert.

Wäre das Quartier ein Gefäß, würden Optimisten es vermutlich als halb voll bezeichnen. Manches bewegt sich in die richtige Richtung. Die städtische Jugendpflege bietet den Kindern mehr Spielmöglichkeiten, nach langem Hin und Her beschäftigt die Kommune in Zusammenarbeit mit der AWO endlich einen Quartiersmanager und vielleicht ist sogar Besserung für den größten Schandfleck in Sicht: Das seit Jahren leerstehende Hochhaus Georg-Rost-Straße 2 wird möglicherweise komplett saniert. Zumindest kündigt das der Miteigentümer an. Das wäre die beste Nachricht seit langem, denn solange ein riesiges Gebäude mitten im Quartier der Zerstörung und Verwahrlosung preisgegeben ist, wird sich das Image des Wohnblockviertels nicht bessern. Im Gegenteil.

Und so lange an der Georg-Rost-Straße den Worten der Immobilienbesitzer nicht Taten folgen, werden Realisten das Glas eher als halb leer betrachten. Die Probleme beginnen bei vermeintlichen Kleinigkeiten wie der mangelnden Erreichbarkeit des Quartiermanagers, der bislang sein privates Handy nutzen musste. Und sie enden längst nicht an dem seit Jahren defekten Fahrstuhl im siebenstöckigen Haus Nummer 4, wo schon mal Müll und Möbel aus den oberen Stockwerken fliegen, weil der Transport nach unten den Bewohnern zu mühsam erscheint. Kaum nachvollziehbar, dass sich die Stadt als Mieterin seit Jahren diese Fahrstuhlnummer vom Eigentümer gefallen lässt. Der fehlende Aufzug ist mehr als ein Komfortmangel, der mühsame Auf- und Abstieg könnte bei medizinischen Notfällen in oberen Stockwerken lebensbedrohliche Folgen haben.

Die Verantwortlichen im Rathaus beschäftigen sich gerne mit der Aufwertung ihrer touristischen Werbeträger. Es wird Zeit, dass sie sich mindestens genau intensiv den dringenden sozialen Aufgaben zu widmen. Ob das Glas in Neu-Lerbeck nun halb voll oder halb leer ist, spielt keine Rolle. Es gibt in jedem Fall viel Luft nach oben. ?Seite 16

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Kommentar zu Lerbecks Hochhausquartier: Luft nach obenDirk HaunhorstDer schönste Ort in Porta? Geschmackssache. Bei vielen dürfte die Panoramaterrasse des Kaiser-Denkmals oder die Wittekindsburg oben auf der Liste stehen. Andere bevorzugen den Hausberger Marktplatz mit seiner Fachwerkkulisse. Und manchen ist vielleicht der einsame Platz irgendwo an der Weser in Costedt der liebste Ort. Weithin Einigkeit dürfte aber herrschen, wenn es um die mutmaßlich hässlichste Ecke Portas geht: das Hochhausquartier in Lerbeck. Bausünde, Ghetto, sozialer Brennpunkt – die Etiketten für das Viertel, das als „Neu-Lerbeck“ bereits namentlich vom Altbereich abgrenzt wird, sind wenig schmeichelhaft. Es ist ein Ort, in dem vorwiegend arme Menschen eine Bleibe gefunden haben, unter ihnen zahlreiche Flüchtlinge. Es ist aber auch ein Ort, in dem haupt- und ehrenamtliche Helfer rund um das AWO-Begegnungszentrum Wertvolles leisten, damit trotz der Widrigkeiten das Zusammenleben von Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft einigermaßen funktioniert. Wäre das Quartier ein Gefäß, würden Optimisten es vermutlich als halb voll bezeichnen. Manches bewegt sich in die richtige Richtung. Die städtische Jugendpflege bietet den Kindern mehr Spielmöglichkeiten, nach langem Hin und Her beschäftigt die Kommune in Zusammenarbeit mit der AWO endlich einen Quartiersmanager und vielleicht ist sogar Besserung für den größten Schandfleck in Sicht: Das seit Jahren leerstehende Hochhaus Georg-Rost-Straße 2 wird möglicherweise komplett saniert. Zumindest kündigt das der Miteigentümer an. Das wäre die beste Nachricht seit langem, denn solange ein riesiges Gebäude mitten im Quartier der Zerstörung und Verwahrlosung preisgegeben ist, wird sich das Image des Wohnblockviertels nicht bessern. Im Gegenteil. Und so lange an der Georg-Rost-Straße den Worten der Immobilienbesitzer nicht Taten folgen, werden Realisten das Glas eher als halb leer betrachten. Die Probleme beginnen bei vermeintlichen Kleinigkeiten wie der mangelnden Erreichbarkeit des Quartiermanagers, der bislang sein privates Handy nutzen musste. Und sie enden längst nicht an dem seit Jahren defekten Fahrstuhl im siebenstöckigen Haus Nummer 4, wo schon mal Müll und Möbel aus den oberen Stockwerken fliegen, weil der Transport nach unten den Bewohnern zu mühsam erscheint. Kaum nachvollziehbar, dass sich die Stadt als Mieterin seit Jahren diese Fahrstuhlnummer vom Eigentümer gefallen lässt. Der fehlende Aufzug ist mehr als ein Komfortmangel, der mühsame Auf- und Abstieg könnte bei medizinischen Notfällen in oberen Stockwerken lebensbedrohliche Folgen haben. Die Verantwortlichen im Rathaus beschäftigen sich gerne mit der Aufwertung ihrer touristischen Werbeträger. Es wird Zeit, dass sie sich mindestens genau intensiv den dringenden sozialen Aufgaben zu widmen. Ob das Glas in Neu-Lerbeck nun halb voll oder halb leer ist, spielt keine Rolle. Es gibt in jedem Fall viel Luft nach oben. ?Seite 16