Porta Westfalica/Bad Eilsen

Vollsperrung auf der Autobahn - So verhält man sich richtig

Thomas Lieske

Szenen wie diese auf der Autobahn 2 sind immer wieder zu sehen: Steht der Verkehr auf der Autobahn, verlassen viele Autofahrer ihre Fahrzeuge, um sich die Beine zu vertreten. Laut Gesetz ist das aber verboten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa - © Julian Stratenschulte
Szenen wie diese auf der Autobahn 2 sind immer wieder zu sehen: Steht der Verkehr auf der Autobahn, verlassen viele Autofahrer ihre Fahrzeuge, um sich die Beine zu vertreten. Laut Gesetz ist das aber verboten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (© Julian Stratenschulte)

Porta Westfalica/Bad Eilsen (mt). Stillstand. Nichts geht mehr an diesem Sonntagabend auf der Autobahn 2 zwischen Porta Westfalica und Bad Eilsen. Die ersten werden ungeduldig: Was mag da vorne passiert sein? Es dauert keine zwei Minuten, da geht die erste Autotür auf. Die zweite, die dritte. Jetzt trauen sich viele. Der eine steckt sich eine Zigarette an, der andere springt über die Leitplanke, um seine Notdurft zu verrichten. Und wieder andere laufen hunderte Meter nach vorn, lassen ihr Auto zurück. Mitten auf der Autobahn. Doch wie verhält man sich richtig im Stau auf der Autobahn? Was ist erlaubt? Was nicht? Und darf man bei einer Vollsperrung das Auto verlassen?

Viele Autofahrer verlassen ihr Fahrzeug

Verkehrsexperte Ralf Collatz vom ADAC-Regionalclub Ostwestfalen-Lippe hat darauf eine klare Antwort: „Wer auf der Autobahn im Stau steht, darf das Auto grundsätzlich nicht verlassen." Ausnahmen gelten nur für die Absicherung eines Unfalls oder einer Panne. Und selbst dann gilt nach getaner Arbeit: ab hinter die Schutzplanke. An diesem Sonntag steht der Verkehr auf der A2 rund eine Stunde still. Einige halten es offenbar nicht aus und wählen den angrenzenden Wald als Toilette. Für andere ergibt sich ein nettes Gespräch mit dem Fahrer aus dem vorderen Auto. „Das ist eigentlich verboten. Die Polizei hat da natürlich einen Ermessensspielraum beim Ahnden", weiß Collatz. Er rät: Falls es gar nicht anders gehe, das Auto nur kurz zu verlassen und ansonsten immer am Fahrzeug zu bleiben – „niemals in die Rettungsgasse laufen".

Information
MT-Serie "A2 - hautnah"

Sie ist die wichtigste Ost-West-Verbindung Richtung Paris oder Warschau – und gilt als eine der gefährlichsten Autobahnen Deutschlands: Auf 13 Kilometern Länge durchschneidet die A2 auch den Raum Porta Westfalica. Rund 300.000 Fahrzeuge passieren den Bereich täglich. Für die einen ist sie der tägliche Weg zur Arbeit, für die anderen Arbeitsplatz. „A2 – hautnah" erzählt von Menschen, in deren Leben die A2 eine große Rolle spielt: egal, ob Lebensretter, Straßenbauer oder jene, deren Gartenzaun an der Autobahn steht. Heute: richtiges Verhalten im Stau.

Was ist mit der Rettungsgasse?

Ein gutes Stichwort. Eine simple Sache: Die Fahrzeuge auf der linken Spur fahren nach links, die Autos auf den rechten Spuren weichen nach rechts aus. An diesem Sonntag scheint das nicht ganz so einfach zu sein. Etlich haben ihr Fahrzeug stehen lassen, um ein Stück zu laufen. Plötzlich schallt ein lautes Horn über die Autobahn. Der Abschleppwagen. Der Fahrer versucht sich durch die ansatzweise gebildete Rettungsgasse zu kämpfen. Für wenige Meter braucht er viel Zeit. Manche Autos stehen so ungünstig, dass sie die Rettungsgasse komplett blockieren. „Das darf natürlich überhaupt nicht passieren", betont Collatz. Das kostet mindestens 200 Euro und einen Punkt in Flensburg. Wer dabei andere gefährdet oder sogar ein anderes Auto beschädigt, zahlt bis zu 320 Euro und bekommt einen Monat Fahrverbot. An diesem Sonntag hätte das für einige teuer werden können. „Der Abschlepper hätte auch ein Rettungsfahrzeug sein können", mahnt Collatz.

Und Rettung benötigt das Unfallopfer vier Kilometer weiter dringend. Nach einem Herzinfarkt ist sein Wagen in die Betonwand gekracht. Der Fahrer: bewusstlos. Die wenigen Ersthelfer, die überhaupt anhalten, kommen nicht an ihn ran, die Scheibe lässt sich nicht einschlagen. Sie müssen auf die Retter warten, die schließlich mit einem Brecheisen die Seitenscheibe zertrümmern. Es ist: Rettung in letzter Sekunde. Die Retter kamen nur schwer an die Unfallstelle heran.

Der „Kardinalfehler", so beschreibt es Collatz, liege darin, dass Autofahrer schon bei stockendem Verkehr zu dicht auf den Vordermann auffahren. „Wenn dann von hinten ein Rettungsfahrzeug kommt, können sie nicht mehr ausweichen." Von daher gelte: niemals die Lücke nach vorn zufahren.

Der Standstreifen ist absolut tabu

Sitzen bleiben also heißt die Devise – auch bei Stillstand. Doch was, wenn die Blase drückt, der nächste Rasthof nur 500 Meter weiter ist, man aber eine kurze Strecke über den Standstreifen fahren müsste, um die Autobahn zu verlassen? „Der Standstreifen ist absolut tabu", betont der ADAC-Verkehrsexperte. Das sei viel zu gefährlich. „Entweder, weil von hinten plötzlich Rettungsfahrzeuge kommen oder weil Personen über den Standstreifen ins Gebüsch laufen könnten."

Motorräder schlängeln sich durch – zurecht?

Das sei so eine Sache. „Noch ist es vom Gesetz her verboten, dass Motorradfahrer bei Stau vorbeiziehen dürfen", erklärt Collatz. Man arbeite aber daran, das zu erlauben. Denn: „Gerade im Sommer fehlt denen die Klimaanlage." Da sei es nur allzu verständlich, dass die Biker nicht in der prallen Sonne in voller Montur stehen bleiben möchten. Grundsätzlich gelte aber: wenn, dann bei langsamer Geschwindigkeit.

Bei allen Gesetzen: Auch Collatz weiß, dass die Polizei in den wenigsten Fällen eine Strafe verhänge: „Die Retter haben anderes zu tun. Es sei denn, jemand blockiert wirklich die Rettungsgasse." Oder jemand packt den Campingstuhl aus. Mitten auf der Autobahn? „Habe ich alles schon gesehen", sagt Collatz. In solchen „idiotischen Fällen", meint der Experte, gebe es dann auch keinen Ermessensspielraum mehr.

Hier gibt es alle Serienteile von "A2 hautnah"

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Porta Westfalica/Bad EilsenVollsperrung auf der Autobahn - So verhält man sich richtigThomas LieskePorta Westfalica/Bad Eilsen (mt). Stillstand. Nichts geht mehr an diesem Sonntagabend auf der Autobahn 2 zwischen Porta Westfalica und Bad Eilsen. Die ersten werden ungeduldig: Was mag da vorne passiert sein? Es dauert keine zwei Minuten, da geht die erste Autotür auf. Die zweite, die dritte. Jetzt trauen sich viele. Der eine steckt sich eine Zigarette an, der andere springt über die Leitplanke, um seine Notdurft zu verrichten. Und wieder andere laufen hunderte Meter nach vorn, lassen ihr Auto zurück. Mitten auf der Autobahn. Doch wie verhält man sich richtig im Stau auf der Autobahn? Was ist erlaubt? Was nicht? Und darf man bei einer Vollsperrung das Auto verlassen? Viele Autofahrer verlassen ihr Fahrzeug Verkehrsexperte Ralf Collatz vom ADAC-Regionalclub Ostwestfalen-Lippe hat darauf eine klare Antwort: „Wer auf der Autobahn im Stau steht, darf das Auto grundsätzlich nicht verlassen." Ausnahmen gelten nur für die Absicherung eines Unfalls oder einer Panne. Und selbst dann gilt nach getaner Arbeit: ab hinter die Schutzplanke. An diesem Sonntag steht der Verkehr auf der A2 rund eine Stunde still. Einige halten es offenbar nicht aus und wählen den angrenzenden Wald als Toilette. Für andere ergibt sich ein nettes Gespräch mit dem Fahrer aus dem vorderen Auto. „Das ist eigentlich verboten. Die Polizei hat da natürlich einen Ermessensspielraum beim Ahnden", weiß Collatz. Er rät: Falls es gar nicht anders gehe, das Auto nur kurz zu verlassen und ansonsten immer am Fahrzeug zu bleiben – „niemals in die Rettungsgasse laufen". Was ist mit der Rettungsgasse? Ein gutes Stichwort. Eine simple Sache: Die Fahrzeuge auf der linken Spur fahren nach links, die Autos auf den rechten Spuren weichen nach rechts aus. An diesem Sonntag scheint das nicht ganz so einfach zu sein. Etlich haben ihr Fahrzeug stehen lassen, um ein Stück zu laufen. Plötzlich schallt ein lautes Horn über die Autobahn. Der Abschleppwagen. Der Fahrer versucht sich durch die ansatzweise gebildete Rettungsgasse zu kämpfen. Für wenige Meter braucht er viel Zeit. Manche Autos stehen so ungünstig, dass sie die Rettungsgasse komplett blockieren. „Das darf natürlich überhaupt nicht passieren", betont Collatz. Das kostet mindestens 200 Euro und einen Punkt in Flensburg. Wer dabei andere gefährdet oder sogar ein anderes Auto beschädigt, zahlt bis zu 320 Euro und bekommt einen Monat Fahrverbot. An diesem Sonntag hätte das für einige teuer werden können. „Der Abschlepper hätte auch ein Rettungsfahrzeug sein können", mahnt Collatz. Und Rettung benötigt das Unfallopfer vier Kilometer weiter dringend. Nach einem Herzinfarkt ist sein Wagen in die Betonwand gekracht. Der Fahrer: bewusstlos. Die wenigen Ersthelfer, die überhaupt anhalten, kommen nicht an ihn ran, die Scheibe lässt sich nicht einschlagen. Sie müssen auf die Retter warten, die schließlich mit einem Brecheisen die Seitenscheibe zertrümmern. Es ist: Rettung in letzter Sekunde. Die Retter kamen nur schwer an die Unfallstelle heran. Der „Kardinalfehler", so beschreibt es Collatz, liege darin, dass Autofahrer schon bei stockendem Verkehr zu dicht auf den Vordermann auffahren. „Wenn dann von hinten ein Rettungsfahrzeug kommt, können sie nicht mehr ausweichen." Von daher gelte: niemals die Lücke nach vorn zufahren. Der Standstreifen ist absolut tabu Sitzen bleiben also heißt die Devise – auch bei Stillstand. Doch was, wenn die Blase drückt, der nächste Rasthof nur 500 Meter weiter ist, man aber eine kurze Strecke über den Standstreifen fahren müsste, um die Autobahn zu verlassen? „Der Standstreifen ist absolut tabu", betont der ADAC-Verkehrsexperte. Das sei viel zu gefährlich. „Entweder, weil von hinten plötzlich Rettungsfahrzeuge kommen oder weil Personen über den Standstreifen ins Gebüsch laufen könnten." Motorräder schlängeln sich durch – zurecht? Das sei so eine Sache. „Noch ist es vom Gesetz her verboten, dass Motorradfahrer bei Stau vorbeiziehen dürfen", erklärt Collatz. Man arbeite aber daran, das zu erlauben. Denn: „Gerade im Sommer fehlt denen die Klimaanlage." Da sei es nur allzu verständlich, dass die Biker nicht in der prallen Sonne in voller Montur stehen bleiben möchten. Grundsätzlich gelte aber: wenn, dann bei langsamer Geschwindigkeit. Bei allen Gesetzen: Auch Collatz weiß, dass die Polizei in den wenigsten Fällen eine Strafe verhänge: „Die Retter haben anderes zu tun. Es sei denn, jemand blockiert wirklich die Rettungsgasse." Oder jemand packt den Campingstuhl aus. Mitten auf der Autobahn? „Habe ich alles schon gesehen", sagt Collatz. In solchen „idiotischen Fällen", meint der Experte, gebe es dann auch keinen Ermessensspielraum mehr. Hier gibt es alle Serienteile von "A2 hautnah"