Barkhausen

Die Autobahn ist sein Zuhause: Mohamed Khalil begleitet Schwertransporte durch Deutschland

Thomas Lieske

Mit diesem Fahrzeug setzt sich Mohamed Khalil hinter den Schwertransport. Die Tafel kann verschiedene Symbole anzeigen: entweder das Ausrufezeichen oder einen Hinweis auf Überholverbot, zum Beispiel, wenn die Fahrbahn zu eng wird. MT-Fotos: Thomas Lieske
Mit diesem Fahrzeug setzt sich Mohamed Khalil hinter den Schwertransport. Die Tafel kann verschiedene Symbole anzeigen: entweder das Ausrufezeichen oder einen Hinweis auf Überholverbot, zum Beispiel, wenn die Fahrbahn zu eng wird. MT-Fotos: Thomas Lieske

Porta Westfalica-Barkhausen (mt). Es ist verdammt eng. Mohamed Khalil zieht auf die linke Fahrspur und riegelt die Autobahn nach hinten ab. „Spur ist dicht", gibt er kurz durchs Funkgerät zu den beiden Schwertransportern vor ihm durch. Zu groß wäre das Risiko, dass ein Auto mit hoher Geschwindigkeit in einen der beiden Lkw mit Überbreite rauscht. Khalil ist als Schwertransportbegleiter für die Sicherheit des Konvois zuständig. Wenn es kracht, könnte auch er dafür verantwortlich sein. Eine knallharte Branche, in der der 34-jährige Familienvater aus Barkhausen arbeitet.

Es ist 22 Uhr. Vor einer Stunde ist der Konvoi in Siegen gestartet. Die Ladung, sogenannte Seekisten, geht zur Spedition Grass nach Petershagen. Gute 230 Kilometer wären das – eigentlich. Doch die genehmigte Route führt über Köln und ist doppelt so lang. „Wir können nicht den direkten Weg nehmen, denn für das Gewicht der Transporter ist der direkte Weg nicht ausgelegt", sagt er, während er und die beiden Lkw-Fahrer auf die Polizei warten. Die muss den Gegenverkehr auf zwei Autobahnbrücken sperren. Satte 75 Tonnen wiegen die beiden Schwerlastzüge jeweils, normale Lkw liegen bei maximal 40 Tonnen. „Wenn da ein Lkw im Gegenverkehr die Brücke passieren würde, wäre das zu viel", weiß der Barkhauser. Auch nach hinten muss er wieder absperren. Die Lastzüge müssen die Brücke einzeln überqueren. Jetzt ist volle Konzentration gefragt. Den Verkehr auf der dreispurigen Fahrbahn aufzuhalten, fordert nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern ist auch gefährlich. Immer wieder checkt Mohamed Khalil über den Rückspiegel, ob sich nicht doch ein Auto durchdrängeln will. „Das passiert immer wieder. Wir werden bedrängelt, beleidigt und manchmal auch bedroht", erzählt der 34-Jährige. Mittlerweile sehe er das aber recht gelassen. Als er vor drei Jahren anfing, habe ihn so etwas schon provoziert.

Schwertransportbegleiter auf der A2 (Plus-Inhalt)

Geschafft. Die Brücke liegt hinter dem Konvoi. Auf der anderen Seite blitzen noch die Blaulichter des Polizeiautos in der Dunkelheit. Zeit zum Durchschnaufen. Aber nur kurz, denn die nächste Brücke kommt in nur wenigen Kilometern. Fünfeinhalb Stunden Fahrt liegen noch vor ihnen. Jede einzelne Minute davon erfordert höchste Konzentration. Mitten in der Nacht.

Sein Sprinter ist auch gleichzeitig sein Zuhause: Die Ladefläche dient als Schlaf- und Kochplatz.
Sein Sprinter ist auch gleichzeitig sein Zuhause: Die Ladefläche dient als Schlaf- und Kochplatz.

Mohamed Khalil hatte nur wenige Stunden Schlaf. „Wenn ich mal vier Stunden am Stück schlafen kann, ist das für mich Luxus", sagt er und lächelt. Meist ist er sechs Tage die Woche irgendwo auf Deutschlands Autobahnen unterwegs – oft auf der A2. Ein Knochenjob. Kinder und Frau sieht er selten. Doch sie stehen hinter ihm. „Das zählt. Nur deshalb ist das für mich der beste Job der Welt", sagt er. Der Sprinter, mit dem er die Schwerlastzüge durch ganz Deutschland begleitet, er ist gleichzeitig Mohamed Khalils Zuhause. Darin verbringt er mehr Zeit als in seinem Wohnhaus in Barkhausen. Deshalb hat er sich den Wagen auf der Ladefläche zum Wohnmobil umgebaut. Mit Bett, Schränken, Mikrowelle, Kühlschrank und Kaffeemaschine. Er lebt quasi auf der Autobahn. „Dort will ich es dann zumindest so angenehm wie möglich haben", erzählt er. Und seine Familie? „Die fehlt. Bei meiner jüngsten Tochter habe ich viele Entwicklungsschritte verpasst", sagt er und hält kurz inne. „Das schmerzt oft."

Dafür ist das Telefonat mit seiner Frau Sabrina jeden Abend Pflicht. Ihr gehört das Transportbegleitunternehmen. Die Zeichen stehen auf Wachstum. Mittlerweile haben die beiden zwei weitere Fahrer, die in Deutschland verteilt leben. Ein weiteres Auto samt Fahrer ist in Planung. Die Auftragslage ist gut, die Wirtschaft brummt. Deshalb ist er viel unterwegs. Ein Leben ganz ohne Schwertransport und Autobahn? Für Mohamed Khalil wäre das unvorstellbar.

Das Funkgerät rauscht. Es reißt ihn aus seinen Gedanken. Lkw-Fahrer Michael von ganz vorne meldet sich zu Wort. „Der Standstreifen endet." Das reicht dem Begleiter als Info. Er zieht nach links rüber und sperrt die mittlere Spur ab. So können die beiden Lkw nach links ausweichen, um nicht die Leitplanke zu streifen. Der Funkkontakt zu den Lkw-Fahrern ist für den Begleiter extrem wichtig. „Ohne geht es nicht, wir müssen uns verständigen und blind vertrauen", erklärt der Barkhauser, während er auf seiner Signalanlage das Überholverbotszeichen anschaltet. Er ist froh, dass sich die Autofahrer in dieser Nacht an seine Vorgaben halten. Das sei längst nicht immer so.

Trotzdem: Bisher hatte Mohamed Khalil alles im Griff. „Es ist Gott sei Dank noch nie etwas passiert. Nicht mal eine Schramme", ist er stolz. Vor drei Jahren hat er sich zusammen mit seiner Frau das Geschäft Transguide Schwertransportbegleitung aufgebaut. Als Quereinsteiger musste er sich seine Kunden hart erkämpfen. Früher hat er Autos verkauft. Den Umgang mit Kunden kennt er. Und mit seiner sympathischen Art scheint er gut anzukommen. Die Lkw-Fahrer vor ihm, sie gehören zu seinen Lieblingsfahrern. Da wird die Funke auch schon mal für einen Witz oder für Privates genutzt. So wird der harte Job erträglicher. Ansonsten hält er sich mit Telefonieren, Kaffee und Zigaretten wach. Eine Nacht bei Tempo 80 auf der Autobahn kann verdammt lang werden.

Es ist 3.10 Uhr. Der Blinker geht nach rechts. Khalil und seine Kollegen verlassen die A2 in Porta Westfalica. Jetzt sind es noch wenige Kilometer bis nach Petershagen. Fast geschafft. Wieder einmal. Wie viele solcher Transporte er schon begleitet hat, weiß der Profi schon gar nicht mehr. Nur eines: Auch diesmal wird er wieder eine kurze Nacht. Ob er seine Kinder sehen wird? Vielleicht kurz am Frühstückstisch. Er schläft ausnahmsweise zu Hause. Schon in fünf Stunden geht es weiter nach Bad Fallingbostel. Der nächste Schwertransport wartet bereits. Doch Mohamed Khalil bleibt dabei: Für ihn ist es der beste Job der Welt.

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BarkhausenDie Autobahn ist sein Zuhause: Mohamed Khalil begleitet Schwertransporte durch DeutschlandThomas LieskePorta Westfalica-Barkhausen (mt). Es ist verdammt eng. Mohamed Khalil zieht auf die linke Fahrspur und riegelt die Autobahn nach hinten ab. „Spur ist dicht", gibt er kurz durchs Funkgerät zu den beiden Schwertransportern vor ihm durch. Zu groß wäre das Risiko, dass ein Auto mit hoher Geschwindigkeit in einen der beiden Lkw mit Überbreite rauscht. Khalil ist als Schwertransportbegleiter für die Sicherheit des Konvois zuständig. Wenn es kracht, könnte auch er dafür verantwortlich sein. Eine knallharte Branche, in der der 34-jährige Familienvater aus Barkhausen arbeitet. Es ist 22 Uhr. Vor einer Stunde ist der Konvoi in Siegen gestartet. Die Ladung, sogenannte Seekisten, geht zur Spedition Grass nach Petershagen. Gute 230 Kilometer wären das – eigentlich. Doch die genehmigte Route führt über Köln und ist doppelt so lang. „Wir können nicht den direkten Weg nehmen, denn für das Gewicht der Transporter ist der direkte Weg nicht ausgelegt", sagt er, während er und die beiden Lkw-Fahrer auf die Polizei warten. Die muss den Gegenverkehr auf zwei Autobahnbrücken sperren. Satte 75 Tonnen wiegen die beiden Schwerlastzüge jeweils, normale Lkw liegen bei maximal 40 Tonnen. „Wenn da ein Lkw im Gegenverkehr die Brücke passieren würde, wäre das zu viel", weiß der Barkhauser. Auch nach hinten muss er wieder absperren. Die Lastzüge müssen die Brücke einzeln überqueren. Jetzt ist volle Konzentration gefragt. Den Verkehr auf der dreispurigen Fahrbahn aufzuhalten, fordert nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern ist auch gefährlich. Immer wieder checkt Mohamed Khalil über den Rückspiegel, ob sich nicht doch ein Auto durchdrängeln will. „Das passiert immer wieder. Wir werden bedrängelt, beleidigt und manchmal auch bedroht", erzählt der 34-Jährige. Mittlerweile sehe er das aber recht gelassen. Als er vor drei Jahren anfing, habe ihn so etwas schon provoziert. Geschafft. Die Brücke liegt hinter dem Konvoi. Auf der anderen Seite blitzen noch die Blaulichter des Polizeiautos in der Dunkelheit. Zeit zum Durchschnaufen. Aber nur kurz, denn die nächste Brücke kommt in nur wenigen Kilometern. Fünfeinhalb Stunden Fahrt liegen noch vor ihnen. Jede einzelne Minute davon erfordert höchste Konzentration. Mitten in der Nacht. Mohamed Khalil hatte nur wenige Stunden Schlaf. „Wenn ich mal vier Stunden am Stück schlafen kann, ist das für mich Luxus", sagt er und lächelt. Meist ist er sechs Tage die Woche irgendwo auf Deutschlands Autobahnen unterwegs – oft auf der A2. Ein Knochenjob. Kinder und Frau sieht er selten. Doch sie stehen hinter ihm. „Das zählt. Nur deshalb ist das für mich der beste Job der Welt", sagt er. Der Sprinter, mit dem er die Schwerlastzüge durch ganz Deutschland begleitet, er ist gleichzeitig Mohamed Khalils Zuhause. Darin verbringt er mehr Zeit als in seinem Wohnhaus in Barkhausen. Deshalb hat er sich den Wagen auf der Ladefläche zum Wohnmobil umgebaut. Mit Bett, Schränken, Mikrowelle, Kühlschrank und Kaffeemaschine. Er lebt quasi auf der Autobahn. „Dort will ich es dann zumindest so angenehm wie möglich haben", erzählt er. Und seine Familie? „Die fehlt. Bei meiner jüngsten Tochter habe ich viele Entwicklungsschritte verpasst", sagt er und hält kurz inne. „Das schmerzt oft." Dafür ist das Telefonat mit seiner Frau Sabrina jeden Abend Pflicht. Ihr gehört das Transportbegleitunternehmen. Die Zeichen stehen auf Wachstum. Mittlerweile haben die beiden zwei weitere Fahrer, die in Deutschland verteilt leben. Ein weiteres Auto samt Fahrer ist in Planung. Die Auftragslage ist gut, die Wirtschaft brummt. Deshalb ist er viel unterwegs. Ein Leben ganz ohne Schwertransport und Autobahn? Für Mohamed Khalil wäre das unvorstellbar. Das Funkgerät rauscht. Es reißt ihn aus seinen Gedanken. Lkw-Fahrer Michael von ganz vorne meldet sich zu Wort. „Der Standstreifen endet." Das reicht dem Begleiter als Info. Er zieht nach links rüber und sperrt die mittlere Spur ab. So können die beiden Lkw nach links ausweichen, um nicht die Leitplanke zu streifen. Der Funkkontakt zu den Lkw-Fahrern ist für den Begleiter extrem wichtig. „Ohne geht es nicht, wir müssen uns verständigen und blind vertrauen", erklärt der Barkhauser, während er auf seiner Signalanlage das Überholverbotszeichen anschaltet. Er ist froh, dass sich die Autofahrer in dieser Nacht an seine Vorgaben halten. Das sei längst nicht immer so. Trotzdem: Bisher hatte Mohamed Khalil alles im Griff. „Es ist Gott sei Dank noch nie etwas passiert. Nicht mal eine Schramme", ist er stolz. Vor drei Jahren hat er sich zusammen mit seiner Frau das Geschäft Transguide Schwertransportbegleitung aufgebaut. Als Quereinsteiger musste er sich seine Kunden hart erkämpfen. Früher hat er Autos verkauft. Den Umgang mit Kunden kennt er. Und mit seiner sympathischen Art scheint er gut anzukommen. Die Lkw-Fahrer vor ihm, sie gehören zu seinen Lieblingsfahrern. Da wird die Funke auch schon mal für einen Witz oder für Privates genutzt. So wird der harte Job erträglicher. Ansonsten hält er sich mit Telefonieren, Kaffee und Zigaretten wach. Eine Nacht bei Tempo 80 auf der Autobahn kann verdammt lang werden. Es ist 3.10 Uhr. Der Blinker geht nach rechts. Khalil und seine Kollegen verlassen die A2 in Porta Westfalica. Jetzt sind es noch wenige Kilometer bis nach Petershagen. Fast geschafft. Wieder einmal. Wie viele solcher Transporte er schon begleitet hat, weiß der Profi schon gar nicht mehr. Nur eines: Auch diesmal wird er wieder eine kurze Nacht. Ob er seine Kinder sehen wird? Vielleicht kurz am Frühstückstisch. Er schläft ausnahmsweise zu Hause. Schon in fünf Stunden geht es weiter nach Bad Fallingbostel. Der nächste Schwertransport wartet bereits. Doch Mohamed Khalil bleibt dabei: Für ihn ist es der beste Job der Welt.