Kleinenbremen

Rollenspiele beleben Tourismus

Stefan Lyrath

Friedhelm Pape schlüpfte in die Rolle des Kleinenbremer Pfarrers Peter Florens Weddigen. Dieser setzt sich vor mehr als 200 Jahren gegenüber Behörden für bessere Lebensumstände ein. Foto: Stefan Lyrath - © Lyrath
Friedhelm Pape schlüpfte in die Rolle des Kleinenbremer Pfarrers Peter Florens Weddigen. Dieser setzt sich vor mehr als 200 Jahren gegenüber Behörden für bessere Lebensumstände ein. Foto: Stefan Lyrath (© Lyrath)

Porta Westfalica-Kleinenbremen (Ly). Um ein ausgewiesener „Kleinenbremen-Experte“ zu sein, muss man nicht im Bergdorf leben. Mehrere Dutzend Menschen, viele von außerhalb, haben am Sonntag die gleichnamige Urkunde erworben. Sie mussten dafür bei „Kleinenbremen entdecken“ drei Erlebnisbereiche (Bergwerk, Mühlen, Kirche) mit zusammen elf Stationen durchlaufen.

Dort wurden die Spaziergänger von insgesamt zehn Natur- und Landschaftsführern mit Informationen versorgt, erfuhren Wissenswertes über die jeweils zwei Mühlen und Backhäuser, Trachten, biologische Vielfalt oder die geologische Wand im Steinbruch des Besucher-Bergwerks, um nur einige Themen zu nennen. Für Verstärkung sorgten Teams des Kleinenbremer Heimatvereins sowie von Besucher-Bergwerk und Museum, beide gemeinsam mit der Kirchengemeinde die Gastgeber.

„Rund 70 Gäste aus Kleinenbremen und umliegenden Orten haben die Aktion wahrgenommen“, bilanziert Angelika Heine, Schriftführerin des Heimatvereins. „Eines unserer Ziele ist es, den Tourismus im Dorf zu beleben.“ Mit „Kleinenbremen entdecken“ sei das gelungen.

„Es hätten natürlich mehr Besucher sein können, aber wir sind zufrieden“, sagt Stadtheimatpfleger Herbert Wiese, der Besucher an einem kürzlich errichteten Gedenkstein vor der Kirche über Kleinenbremens Nazi-Vergangenheit informiert hatte. Als „ausgesprochen positiv“ empfindet Wiese die Zusammenarbeit mit Heimatverein, Kirche und den Machern des Besucher-Bergwerks, darunter Geschäftsführer Mirko Ignatz. „Genau so stelle ich mir das im Idealfall vor“, lobt er.

„Kleinenbremen entdecken“ ist die dritte Aktion dieser Art. Zunächst waren die zertifizierten Portaner Natur- und Landschaftsführer 2017 auf dem Wittekindsberg mit Kaiser-Wilhelm-Denkmal und Wittekindsburg im Einsatz, 2018 dann auf dem Jakobsberg, wo der Fernsehturm steht. Im kommenden Jahr könnte es zum Großen Weserbogen gehen. Dann wären jene Ausflugsziele durch, in denen Herbert Wiese die vier größten touristischen Highlights sieht.

Einige Landschaftsführer hatten sich am Sonntag verkleidet. So begrüßte Holger Hansing die Gäste in Gestalt von Hermann Löns, bekannt als Schriftsteller, Journalist und Heidedichter. In einem Vortrag wies Hansing auf die literarische Bedeutung des Mannes hin, der zwei Jahre lang als Zeitungsredakteur in Bückeburg gelebt hat. Der große Durchbruch von Löns, gefallen 1914 im ersten Weltkrieg, sei erst nach seinem Tod gekommen. Heute zähle er mit weit mehr als zehn Millionen verkauften Büchern zu den meistgelesen deutschsprachigen Autoren.

Die andere Seite belegte Hansing mit Zitaten: „Löns war Nationalist, Antisemit und und Sozialdarwinist.“ Seine Romane, besonders die Bauernchronik „Der Wehrwolf“, seien voller archaischer Blut-und-Boden-Romantik und menschenverachtender Beschreibungen.

Verkleidet hatte sich auch Friedhelm Pape. Er verkörperte Peter Florens Weddigen, von 1797 bis zu seinem Suizid im September 1809 Pfarrer in Kleinenbremen. „Er hat sich für Menschen eingesetzt und an Behörden geschrieben, um bessere Lebensumstände zu erreichen“, erzählt Pape. Darüber hinaus war der 1758 geborene Gottesmann als Publizist weit über die Grenzen des Bergdorfes hinaus bekannt. In etlichen Werken wandte sich Weddigen gegen den weit verbreiteten Aberglauben.

Er gab vor allem kurzlebige Zeitschriften und Kalender heraus, bevorzugt zur Geschichte Westfalens. Die meisten seiner Projekte hatten wenig Erfolg. Trotzdem wird Weddigen eine gewisse Bedeutung für die Lesekultur zugeschrieben, weil er als Herausgeber und Verleger in Kontakt zu den wichtigsten westfälischen Autoren stand.

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KleinenbremenRollenspiele beleben TourismusStefan LyrathPorta Westfalica-Kleinenbremen (Ly). Um ein ausgewiesener „Kleinenbremen-Experte“ zu sein, muss man nicht im Bergdorf leben. Mehrere Dutzend Menschen, viele von außerhalb, haben am Sonntag die gleichnamige Urkunde erworben. Sie mussten dafür bei „Kleinenbremen entdecken“ drei Erlebnisbereiche (Bergwerk, Mühlen, Kirche) mit zusammen elf Stationen durchlaufen. Dort wurden die Spaziergänger von insgesamt zehn Natur- und Landschaftsführern mit Informationen versorgt, erfuhren Wissenswertes über die jeweils zwei Mühlen und Backhäuser, Trachten, biologische Vielfalt oder die geologische Wand im Steinbruch des Besucher-Bergwerks, um nur einige Themen zu nennen. Für Verstärkung sorgten Teams des Kleinenbremer Heimatvereins sowie von Besucher-Bergwerk und Museum, beide gemeinsam mit der Kirchengemeinde die Gastgeber. „Rund 70 Gäste aus Kleinenbremen und umliegenden Orten haben die Aktion wahrgenommen“, bilanziert Angelika Heine, Schriftführerin des Heimatvereins. „Eines unserer Ziele ist es, den Tourismus im Dorf zu beleben.“ Mit „Kleinenbremen entdecken“ sei das gelungen. „Es hätten natürlich mehr Besucher sein können, aber wir sind zufrieden“, sagt Stadtheimatpfleger Herbert Wiese, der Besucher an einem kürzlich errichteten Gedenkstein vor der Kirche über Kleinenbremens Nazi-Vergangenheit informiert hatte. Als „ausgesprochen positiv“ empfindet Wiese die Zusammenarbeit mit Heimatverein, Kirche und den Machern des Besucher-Bergwerks, darunter Geschäftsführer Mirko Ignatz. „Genau so stelle ich mir das im Idealfall vor“, lobt er. „Kleinenbremen entdecken“ ist die dritte Aktion dieser Art. Zunächst waren die zertifizierten Portaner Natur- und Landschaftsführer 2017 auf dem Wittekindsberg mit Kaiser-Wilhelm-Denkmal und Wittekindsburg im Einsatz, 2018 dann auf dem Jakobsberg, wo der Fernsehturm steht. Im kommenden Jahr könnte es zum Großen Weserbogen gehen. Dann wären jene Ausflugsziele durch, in denen Herbert Wiese die vier größten touristischen Highlights sieht. Einige Landschaftsführer hatten sich am Sonntag verkleidet. So begrüßte Holger Hansing die Gäste in Gestalt von Hermann Löns, bekannt als Schriftsteller, Journalist und Heidedichter. In einem Vortrag wies Hansing auf die literarische Bedeutung des Mannes hin, der zwei Jahre lang als Zeitungsredakteur in Bückeburg gelebt hat. Der große Durchbruch von Löns, gefallen 1914 im ersten Weltkrieg, sei erst nach seinem Tod gekommen. Heute zähle er mit weit mehr als zehn Millionen verkauften Büchern zu den meistgelesen deutschsprachigen Autoren. Die andere Seite belegte Hansing mit Zitaten: „Löns war Nationalist, Antisemit und und Sozialdarwinist.“ Seine Romane, besonders die Bauernchronik „Der Wehrwolf“, seien voller archaischer Blut-und-Boden-Romantik und menschenverachtender Beschreibungen. Verkleidet hatte sich auch Friedhelm Pape. Er verkörperte Peter Florens Weddigen, von 1797 bis zu seinem Suizid im September 1809 Pfarrer in Kleinenbremen. „Er hat sich für Menschen eingesetzt und an Behörden geschrieben, um bessere Lebensumstände zu erreichen“, erzählt Pape. Darüber hinaus war der 1758 geborene Gottesmann als Publizist weit über die Grenzen des Bergdorfes hinaus bekannt. In etlichen Werken wandte sich Weddigen gegen den weit verbreiteten Aberglauben. Er gab vor allem kurzlebige Zeitschriften und Kalender heraus, bevorzugt zur Geschichte Westfalens. Die meisten seiner Projekte hatten wenig Erfolg. Trotzdem wird Weddigen eine gewisse Bedeutung für die Lesekultur zugeschrieben, weil er als Herausgeber und Verleger in Kontakt zu den wichtigsten westfälischen Autoren stand.