Porta Westfalica/Herford

MT-Serie A2 - hautnah: Risiko-Revier Autobahn

Thomas Lieske

Die beiden Autobahnpolizisten Thomas Schöttker (links stehend) und Carsten Goryniak (im Auto) sind oft zusammen auf der Autobahn 2 zwischen Bielefeld und Porta Westfalica unterwegs. Ihr Arbeitsplatz ist mitunter lebensgefährlich. MT-Foto Thomas Lieske
Die beiden Autobahnpolizisten Thomas Schöttker (links stehend) und Carsten Goryniak (im Auto) sind oft zusammen auf der Autobahn 2 zwischen Bielefeld und Porta Westfalica unterwegs. Ihr Arbeitsplatz ist mitunter lebensgefährlich. MT-Foto Thomas Lieske

Porta Westfalica/Herford (mt). Dass es an diesem Tag noch mehrmals auf den Autobahnen in der Region krachen wird, ahnen die beiden Autobahnpolizisten Thomas Schöttker und Carsten Goryniak am frühen Nachmittag noch nicht. Ihr Revier ist unter anderem die A2 von Bad Eilsen über Porta Westfalica, Herford und Bielefeld bis nach Herzebrock-Clarholz. 13 Kilometer davon liegen auf Portaner Gebiet. Da ist mitunter viel zu tun.

Die beiden Beamten fischen einen Bullifahrer aus dem Verkehr Schöttker hat beobachtet, wie der Mann auf der Autobahn auf seinem Handy herumtippte. Bei der Kontrolle gibt der Fahrer an, er habe das Smartphone als Navi genutzt. „Trotzdem: Das ist verboten“, bleibt Schöttker hart. Und das Smartphone ist nicht der einzige Verstoß. Bei näherem Hinsehen entdecken Goryniak und sein Kollege, dass die Ladung auf dem Anhänger fast gar nicht gesichert ist. Das sei so schon gefährlich genug, doch auf der Autobahn noch riskanter. Der Fahrer ist einsichtig und muss nachrüsten. Erst dann darf er weiterfahren.

Wenn Polizisten eine oder mehrere Fahrspuren auf der Autobahn sperren müssen, wird es für sie gefährlich. Foto: Barbara Franke/nw - © Barbara Franke
Wenn Polizisten eine oder mehrere Fahrspuren auf der Autobahn sperren müssen, wird es für sie gefährlich. Foto: Barbara Franke/nw (© Barbara Franke)

„Das Risiko ist die Geschwindigkeit“, erklärt Carsten Goryniak, der seit 2010 bei der Autobahnpolizei arbeitet. Handy am Steuer und nicht gesicherte Ladung: Beides hätte zu einem schweren Unfall führen können. Dann passiert es. Es kracht während der Schicht der beiden. Einmal auf der A33. Ein Lkw-Fahrer prallt aus ungeklärter Ursache gegen einen Brückenpfeiler. Und am späten Nachmittag auch auf der A2 zwischen Herford und Vlotho-West. Sowieso ist es die Woche der Unfälle. Am Montag verliert ein Lkw ebenfalls zwischen Herford und Vlotho-West einen Container mit Altreifen. Der stürzt eine Böschung runter. „Während der Unfallaufnahme haben wir einen Gaffer erwischt, der das Ganze mit seinem Handy filmte“, erklärt Goryniak. Am nächsten Tag kracht es auf der Gegenseite. Ein Kleintransporter fährt zwischen dem Kreuz Bad Oeynhausen und Vlotho auf einen Lkw auf und kippt um. Die Bergung ist schwierig. „Wir waren viele Stunden vor Ort“, erinnert sich Goryniak.

Unfallaufnahmen auf der Autobahn seien langwierig und „richtig gefährlich“, weiß der Polizeioberkommissar aus Erfahrung. Die haben die Beamten auch bei dem Lkw-Unfall gemacht. „Da hat uns jemand die Absperrleuchten kaputt gefahren“, sagt Goryniak. „Da hätte auch ein Polizist stehen können. Dann wäre das anders ausgegangen.“ Solche Situation erlebten die Beamten auf der A2 immer häufiger. „Die Autofahrer haben oft kein Gefühl dafür, mit welcher Geschwindigkeit sie an der Unfallstelle vorbeifahren sollen und verschätzen sich“, glaubt der Polizist. „Wenn man mal erlebt hat, wie es ist, wenn ein Lkw mit 90 km/h nur einen halben Meter an einem vorbei donnert, dann wird einem schon mulmig.“ Deshalb gilt bei Unfällen: großräumig absichern, schon mehrere hundert Meter vor der eigentlichen Unfallstelle.

Gefährliche Situationen haben er und Schöttker auch schon auf Portaner Autobahngebiet erlebt. Goryniak erinnert sich da zum Beispiel an den Großbrand beim Abfallentsorger Tönsmeier im Juli 2011. „Da haben wir die Autobahnabfahrt gesperrt. Und dann haben doch tatsächlich Autofahrer auf der Hauptfahrspur angehalten, um nach dem Weg zu fragen.“ Dazu falle ihm dann auch nichts mehr ein. Nicht auszudenken, wenn von hinten ein Auto oder Lkw gekommen wäre und den stehenden Pkw übersehen hätte.

Oft sind es aber nicht nur die Unfälle, mit denen es die Polizisten auf der A 2 zwischen Bielefeld und Porta Westfalica zu tun haben. Fußgänger auf der Fahrbahn, Pannenabsicherung, Staumanagement mit Ausschildern von Umleitungen und Warntafeln, und: „Wir müssen viel zu oft Gegenstände von der Fahrbahn räumen“, bemängelt Schöttker, der bereits seit 25 Jahren als Polizist auf der Autobahn unterwegs ist. Dann wird es richtig gefährlich. Die Polizisten nehmen dann den Verkehr auf, fahren in Schlangenlinien vor den auflaufenden Autos und Lkw und bremsen schließlich bis zum Stillstand ab. Dann muss es schnell gehen. „Wir müssen dann mitten auf der Autobahn aussteigen“, betont Carsten Goryniak.

Es ist jeden Tag aufs Neue gefährlich. „Es kam schon oft vor, dass wir oder Kollegen von uns nur durch Zufall oder Glück am Abend gesund nach Hause kamen“, weiß der Autobahnpolizist. Und trotzdem ist er von seiner Arbeit überzeugt, macht sie gern. Genauso sein Kollege. „Die Arbeit unterscheidet sich schon sehr von der in Stadt und auf Land“, weiß Goryniak. Vor allem die Geschwindigkeit der Fahrzeuge spiele eine große Rolle. Dafür sei das Arbeiten auf der Autobahn insgesamt freier. Man müsse schon dafür gemacht sein, dürfe das Risiko nicht scheuen und müsse trotzdem immer mit Vorsicht arbeiten.

Dabei sitzt den Polizisten immer die Zeit im Nacken. Denn ihr Anliegen ist es, die Autobahn so schnell wie möglich nach Unfällen, Vollsperrungen und anderen Behinderungen wieder befahrbar zu machen. „Natürlich haben wir Verständnis dafür, wenn die Feuerwehr an der Einsatzstelle ist und Platz braucht. Dann bleibt die Autobahn auch voll gesperrt“, sagt Goryniak. Da klappe die Absprache gut. Was immer noch nicht gut klappe, sei dagegen die Rettungsgasse. „Obwohl das in den Medien mittlerweile rauf und runter lief. Viele Leute bekommen das immer noch nicht hin, blockieren die Gasse oder machen sie hinter uns wieder zu“, kritisiert der Polizeioberkommissar.

Und wenn es mal keinen Unfall auf der A2 gibt, dann halten die Polizisten, die rund um die Uhr auf der Autobahn unterwegs sind, nach Verkehrssündern Ausschau. „Um Gefahren präventiv abzuwenden“, betonen die beiden Polizisten. Dabei gehen ihnen dann Leute wie der Bullifahrer ins Netz. Ihn erwarten nun vermutlich ein Punkt in Flensburg und wohl 100 Euro Bußgeld plus Verwaltungsgebühr. Ob das abschreckend wirkt? Die beiden Polizisten hoffen es zumindest. Dann müssen sie weiter. Es hat gekracht. Mal wieder.

Hier finden Sie weitere Serienteile

A2 – hautnah:

Sie ist die wichtigste Ost-West-Verbindung Richtung Paris oder Warschau – und gilt als eine der gefährlichsten Autobahnen Deutschlands: Auf rund 13 Kilo-metern Länge durchschneidet die A 2 auch Porta Westfalica.

Rund 300.000 Fahrzeuge passieren den Bereich täglich. Für die einen ist sie der Weg zur Arbeit, für die anderen der Arbeitsplatz. Die MT-Serie „A2 – hautnah“ erzählt von Menschen, in deren Leben die Autobahn eine große Rolle spielt: egal, ob Lebensretter, Straßenbauer oder jene, deren Gartenzaun direkt an der Autobahn steht. Heute: die Autobahnpolizei Bielefeld mit Sitz in Herford.

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Porta Westfalica/HerfordMT-Serie A2 - hautnah: Risiko-Revier AutobahnThomas LieskePorta Westfalica/Herford (mt). Dass es an diesem Tag noch mehrmals auf den Autobahnen in der Region krachen wird, ahnen die beiden Autobahnpolizisten Thomas Schöttker und Carsten Goryniak am frühen Nachmittag noch nicht. Ihr Revier ist unter anderem die A2 von Bad Eilsen über Porta Westfalica, Herford und Bielefeld bis nach Herzebrock-Clarholz. 13 Kilometer davon liegen auf Portaner Gebiet. Da ist mitunter viel zu tun. Die beiden Beamten fischen einen Bullifahrer aus dem Verkehr Schöttker hat beobachtet, wie der Mann auf der Autobahn auf seinem Handy herumtippte. Bei der Kontrolle gibt der Fahrer an, er habe das Smartphone als Navi genutzt. „Trotzdem: Das ist verboten“, bleibt Schöttker hart. Und das Smartphone ist nicht der einzige Verstoß. Bei näherem Hinsehen entdecken Goryniak und sein Kollege, dass die Ladung auf dem Anhänger fast gar nicht gesichert ist. Das sei so schon gefährlich genug, doch auf der Autobahn noch riskanter. Der Fahrer ist einsichtig und muss nachrüsten. Erst dann darf er weiterfahren. „Das Risiko ist die Geschwindigkeit“, erklärt Carsten Goryniak, der seit 2010 bei der Autobahnpolizei arbeitet. Handy am Steuer und nicht gesicherte Ladung: Beides hätte zu einem schweren Unfall führen können. Dann passiert es. Es kracht während der Schicht der beiden. Einmal auf der A33. Ein Lkw-Fahrer prallt aus ungeklärter Ursache gegen einen Brückenpfeiler. Und am späten Nachmittag auch auf der A2 zwischen Herford und Vlotho-West. Sowieso ist es die Woche der Unfälle. Am Montag verliert ein Lkw ebenfalls zwischen Herford und Vlotho-West einen Container mit Altreifen. Der stürzt eine Böschung runter. „Während der Unfallaufnahme haben wir einen Gaffer erwischt, der das Ganze mit seinem Handy filmte“, erklärt Goryniak. Am nächsten Tag kracht es auf der Gegenseite. Ein Kleintransporter fährt zwischen dem Kreuz Bad Oeynhausen und Vlotho auf einen Lkw auf und kippt um. Die Bergung ist schwierig. „Wir waren viele Stunden vor Ort“, erinnert sich Goryniak. Unfallaufnahmen auf der Autobahn seien langwierig und „richtig gefährlich“, weiß der Polizeioberkommissar aus Erfahrung. Die haben die Beamten auch bei dem Lkw-Unfall gemacht. „Da hat uns jemand die Absperrleuchten kaputt gefahren“, sagt Goryniak. „Da hätte auch ein Polizist stehen können. Dann wäre das anders ausgegangen.“ Solche Situation erlebten die Beamten auf der A2 immer häufiger. „Die Autofahrer haben oft kein Gefühl dafür, mit welcher Geschwindigkeit sie an der Unfallstelle vorbeifahren sollen und verschätzen sich“, glaubt der Polizist. „Wenn man mal erlebt hat, wie es ist, wenn ein Lkw mit 90 km/h nur einen halben Meter an einem vorbei donnert, dann wird einem schon mulmig.“ Deshalb gilt bei Unfällen: großräumig absichern, schon mehrere hundert Meter vor der eigentlichen Unfallstelle. Gefährliche Situationen haben er und Schöttker auch schon auf Portaner Autobahngebiet erlebt. Goryniak erinnert sich da zum Beispiel an den Großbrand beim Abfallentsorger Tönsmeier im Juli 2011. „Da haben wir die Autobahnabfahrt gesperrt. Und dann haben doch tatsächlich Autofahrer auf der Hauptfahrspur angehalten, um nach dem Weg zu fragen.“ Dazu falle ihm dann auch nichts mehr ein. Nicht auszudenken, wenn von hinten ein Auto oder Lkw gekommen wäre und den stehenden Pkw übersehen hätte. Oft sind es aber nicht nur die Unfälle, mit denen es die Polizisten auf der A 2 zwischen Bielefeld und Porta Westfalica zu tun haben. Fußgänger auf der Fahrbahn, Pannenabsicherung, Staumanagement mit Ausschildern von Umleitungen und Warntafeln, und: „Wir müssen viel zu oft Gegenstände von der Fahrbahn räumen“, bemängelt Schöttker, der bereits seit 25 Jahren als Polizist auf der Autobahn unterwegs ist. Dann wird es richtig gefährlich. Die Polizisten nehmen dann den Verkehr auf, fahren in Schlangenlinien vor den auflaufenden Autos und Lkw und bremsen schließlich bis zum Stillstand ab. Dann muss es schnell gehen. „Wir müssen dann mitten auf der Autobahn aussteigen“, betont Carsten Goryniak. Es ist jeden Tag aufs Neue gefährlich. „Es kam schon oft vor, dass wir oder Kollegen von uns nur durch Zufall oder Glück am Abend gesund nach Hause kamen“, weiß der Autobahnpolizist. Und trotzdem ist er von seiner Arbeit überzeugt, macht sie gern. Genauso sein Kollege. „Die Arbeit unterscheidet sich schon sehr von der in Stadt und auf Land“, weiß Goryniak. Vor allem die Geschwindigkeit der Fahrzeuge spiele eine große Rolle. Dafür sei das Arbeiten auf der Autobahn insgesamt freier. Man müsse schon dafür gemacht sein, dürfe das Risiko nicht scheuen und müsse trotzdem immer mit Vorsicht arbeiten. Dabei sitzt den Polizisten immer die Zeit im Nacken. Denn ihr Anliegen ist es, die Autobahn so schnell wie möglich nach Unfällen, Vollsperrungen und anderen Behinderungen wieder befahrbar zu machen. „Natürlich haben wir Verständnis dafür, wenn die Feuerwehr an der Einsatzstelle ist und Platz braucht. Dann bleibt die Autobahn auch voll gesperrt“, sagt Goryniak. Da klappe die Absprache gut. Was immer noch nicht gut klappe, sei dagegen die Rettungsgasse. „Obwohl das in den Medien mittlerweile rauf und runter lief. Viele Leute bekommen das immer noch nicht hin, blockieren die Gasse oder machen sie hinter uns wieder zu“, kritisiert der Polizeioberkommissar. Und wenn es mal keinen Unfall auf der A2 gibt, dann halten die Polizisten, die rund um die Uhr auf der Autobahn unterwegs sind, nach Verkehrssündern Ausschau. „Um Gefahren präventiv abzuwenden“, betonen die beiden Polizisten. Dabei gehen ihnen dann Leute wie der Bullifahrer ins Netz. Ihn erwarten nun vermutlich ein Punkt in Flensburg und wohl 100 Euro Bußgeld plus Verwaltungsgebühr. Ob das abschreckend wirkt? Die beiden Polizisten hoffen es zumindest. Dann müssen sie weiter. Es hat gekracht. Mal wieder. Hier finden Sie weitere Serienteile A2 – hautnah: Sie ist die wichtigste Ost-West-Verbindung Richtung Paris oder Warschau – und gilt als eine der gefährlichsten Autobahnen Deutschlands: Auf rund 13 Kilo-metern Länge durchschneidet die A 2 auch Porta Westfalica. Rund 300.000 Fahrzeuge passieren den Bereich täglich. Für die einen ist sie der Weg zur Arbeit, für die anderen der Arbeitsplatz. Die MT-Serie „A2 – hautnah“ erzählt von Menschen, in deren Leben die Autobahn eine große Rolle spielt: egal, ob Lebensretter, Straßenbauer oder jene, deren Gartenzaun direkt an der Autobahn steht. Heute: die Autobahnpolizei Bielefeld mit Sitz in Herford.