Hausberge

Nach 44 Jahren: Hans-Martin Polte nimmt Abschied von der Politik

Dirk Haunhorst

Vorm Rathaus: Die Termine dort werden seltener, nachdem Hans-Martin Polte sich von seiner letzten politischen Aufgabe, der Mitarbeit im Bezirksausschuss Hausberge-Holzhausen, verabschiedet hat. MT-Foto: Dirk Haunhorst - © Haunhorst
Vorm Rathaus: Die Termine dort werden seltener, nachdem Hans-Martin Polte sich von seiner letzten politischen Aufgabe, der Mitarbeit im Bezirksausschuss Hausberge-Holzhausen, verabschiedet hat. MT-Foto: Dirk Haunhorst (© Haunhorst)

Porta Westfalica-Hausberge (mt). Kommunalpolitik ist überall, man muss nur die Augen aufmachen. Manchmal reicht der Blick aus dem Fenster. Hans-Martin Polte kann von seiner Wohnung auf einen der Parkteiche schauen. „Völlig vergammelt“ sagt er. Polte hatte deshalb Ende vorigen Jahres im Bezirksausschuss gefordert, Landesgelder in die Pflege des ehemaligen Kurparks zu stecken. „Das war mein letzter politischer Antrag.“ Nach 44 Jahren verabschiedet sich der FDP-Politiker von der Kommunalpolitik, aus Altersgründen. Polte wird bald achtzig.

Als er 1974 seine politische Laufbahn startete, regierte in Bonn eine sozialliberale Koalition und in Hausberge hatten FDP-Leute das Sagen, allen voran Dr. Hermann Frohwitter und Karl Tönsmeier. Hausberge war die Hochburg der FDP und diese wiederum die treibende Kraft im Ort. Zugleich wurden Fliehkräfte spürbar, weil Auseinandersetzungen zwischen Zentrum und Peripherie die Anfänge der jungen Stadt Porta Westfalica prägten. „Als ich 1975 in den Rat gewählt wurde, merkte ich gleich, dass besonders wir Hausberger ganz schön Gegenwind bekamen“, erinnert sich Polte.

Neiddebatten begannen, weil 1973 im Zuge der Gebietsreform („Bielefeld-Gesetz“) Hausberge zusammen mit Holzhausen als zentralörtlicher Bereich ausgewiesen worden war. Ausbau und Verbesserung der Infrastruktur im Zentrum hatten Vorrang. „Besonders bei der 1978 begonnenen Stadtkernsanierung in Hausberge passten die Vertretern der anderen Ortsteile mit Argusaugen auf, dass nicht zu viele Gelder nach Hausberge flossen.“

Polte erinnert sich an viele spannende Debatten in den Anfangsjahren der blutjungen Stadt. Aufbruchstimmung paarte sich mit Gestaltungswillen, Politiker, so Polte, hätten damals vermutlich größere Entscheidungsspielräume gehabt als heute. Kontroversen begleiten die Errichtung des Gymnasiums, die zunächst ohne Oberstufe entstand, und später der Gesamtschule.

Umstritten auch das Großprojekt Weserbrücke und Weserauentunnel. Die FDP wehrte sich seinerzeit gegen die Ausrichtung der Brücke direkt auf den Kurort Hausberge. Selbst nach dem Beschluss zum Bau des Weserauentunnels plädierte der frühere Hausberger Bürgermeister Frohwitter vehement für einen Tunnel durch das Wiehengebirge mit Anschluss an die schon damals geplante Oeynhauser Nordumgehung.

Hans-Martin Polte war da weniger ideologisch als sein Parteifreund. Als der Auentunnel nach jahrzehntelangem Warten 2002 endlich eingeweiht wurde, um fortan besonders Barkhausen vom Schwerlastverkehr zu befreien, feierte Polte gemeinsam mit vielen Portanern im Tunnel. „Das hat an der Kommunalpolitik am meisten Spaß gemacht: Wenn die umstrittenen Projekte so oder so entschieden waren und die Einweihungen gefeiert wurden.“

Wer viel entscheidet, liegt bisweilen falsch. Selbstkritisch sagt Polte, dass die Politik bei der Errichtung des Wez-Marktes in Hausberge mehr auf die Verkehrsführung hätte achten müssen – etwa auf den großräumigen Ausbau der Ein- und Ausfahrt und bessere Bedingungen für querende Fußgänger. „Und die Laderampen hätten so gelegt werden müssen, dass die liefernden Lastwagen für den Verkehr auf der Straße nicht zum Hindernis werden.“

Die Erinnerung an viereinhalb Jahrzehnte Politik bringt manche Kuriosität zum Vorschein. „Anfang der achtziger Jahre ernannte mich der damalige Stadtdirektor Dr. Berger zum Selbstschutzberater“, berichtet Polte mit einem Schmunzeln. Mehrere Ratsmitglieder seien damals im Sauerland eine Woche lang ausgebildet worden, um im Fall einer nuklearen Katastrophe die Koordination von Schutzmaßnahmen zu übernehmen. Es habe dazu eine gesetzliche Vorgabe gegeben, die aber anscheinend nur in Porta umgesetzt worden sei. „Das einzige Material, das mir als Selbstschutzberater zur Verfügung stand, war mein Telefon“, beschreibt Polte die faktische Hilflosigkeit im Ernstfall. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 trat er offiziell von dem merkwürdigen Amt zurück – um auf die Sinnlosigkeit und Unwirksamkeit des Gesetzes hinzuweisen.

Kurioses hat Polte auch im Ratssaal erlebt. Manfred Kleemann, seinerzeit Fraktionsvorsitzender der CDU, brachte einige Monate lang seinen eigenen Stuhl mit in den Ratssaal. „Er protestierte damit gegen die neue, seiner Meinung nach zu teure Bestuhlung.“

Und seltsam das Verhalten eines früheren Stadtdirektors, der einer Grünen-Ratsfrau verbot, ihr Kleinkind während einer nicht-öffentlichen Sitzung im Ratssaal krabbeln zu lassen. Offenbar fürchtete der Verwaltungschef, dass das Kind irgendwelche Geheimnisse nach draußen tragen könnte.

Polte wird künftig politische Sitzungen allenfalls als Zuhörer verfolgen. „Ich bleibe kritischer Beobachter.“ Das Erscheinungsbild Hausberges liegt ihm besonders am Herzen. Deshalb schmerzt ihn, dass die Ratsmehrheit seinen Antrag zur Kurparkpflege vor ein paar Wochen abgelehnt hat. Polte hofft, dass dies nicht das letzte Wort gewesen ist. Vor einigen Tagen hat er Spaziergänger beobachtet, die an dem maladen Teich mit den umgestürzten Bäumen stehen blieben und das Szenario eine Weile betrachteten. „Da habe ich mich richtig geschämt, dass das dort so aussieht.“

Auch die Politik könne einen wertvollen Beitrag zum Stadtbild leisten. Hans-Martin Poltes Wunsch: „Es wäre schön, wenn es bis zur Kommunalwahl 2020 gelingen würde, in allen 15 Stadtteilen jeweils etwa drei Plakatwände aufzustellen, die Parteien bekleben können.“ Das Plakatieren außerhalb dieser Wände sollte dann untersagt werden, um die Flut von Wahlwerbung in der Stadt einzudämmen.

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (0571) 882 164 oder Dirk.Haunhorst@MT.de

Hans-Martin Polte gehörte insgesamt 24 Jahre dem Portaner Stadtrat an (1975 bis 1994 und 1999 bis 2004). Der FDP-Politiker gewann jeweils direkt den Wahlkreis Hausberge-Nord. 18 Jahre lang (1976 bis 1994) leitete er die FDP-Fraktion. 1999 trat Polte als Bürgermeisterkandidat der FDP an. In dieser Kommunalwahl gelang es CDU, FDP und Grünen zum ersten und bislang einzigen Mal, die SPD-Vorherrschaft in Porta zu brechen. Hilmar Wohlgemuth (CDU) wurde erster hauptamtlicher Bürgermeister, Polte sein erster (ehrenamtlicher) Stellvertreter. Mehr als sieben Jahre saß Polte für die FDP im Kreistag, von 2004 bis 2009 war er dort Fraktionsvorsitzender. Neben der politischen Tätigkeit und seinem Beruf als Lehrer engagierte sich Hans-Martin Polte in mehreren Vereinen, etwa dem Kunstkreis. 19 Jahre lang (1984 bis 2003) hatte er als Stadtmajor den Vorsitz im Hausberger Bürgerbataillon inne. Polte hat zwei umfangreiche heimatkundliche Bücher sowie etliche Berichte für das MT geschrieben – alles mit dem Ziel, wichtige Ereignisse und Entwicklungen in Hausberge festzuhalten. Hans-Martin Polte hat 2004 das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten und 2015 die Kulturplakette der Stadt Porta Westfalica.

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

HausbergeNach 44 Jahren: Hans-Martin Polte nimmt Abschied von der PolitikDirk HaunhorstPorta Westfalica-Hausberge (mt). Kommunalpolitik ist überall, man muss nur die Augen aufmachen. Manchmal reicht der Blick aus dem Fenster. Hans-Martin Polte kann von seiner Wohnung auf einen der Parkteiche schauen. „Völlig vergammelt“ sagt er. Polte hatte deshalb Ende vorigen Jahres im Bezirksausschuss gefordert, Landesgelder in die Pflege des ehemaligen Kurparks zu stecken. „Das war mein letzter politischer Antrag.“ Nach 44 Jahren verabschiedet sich der FDP-Politiker von der Kommunalpolitik, aus Altersgründen. Polte wird bald achtzig. Als er 1974 seine politische Laufbahn startete, regierte in Bonn eine sozialliberale Koalition und in Hausberge hatten FDP-Leute das Sagen, allen voran Dr. Hermann Frohwitter und Karl Tönsmeier. Hausberge war die Hochburg der FDP und diese wiederum die treibende Kraft im Ort. Zugleich wurden Fliehkräfte spürbar, weil Auseinandersetzungen zwischen Zentrum und Peripherie die Anfänge der jungen Stadt Porta Westfalica prägten. „Als ich 1975 in den Rat gewählt wurde, merkte ich gleich, dass besonders wir Hausberger ganz schön Gegenwind bekamen“, erinnert sich Polte. Neiddebatten begannen, weil 1973 im Zuge der Gebietsreform („Bielefeld-Gesetz“) Hausberge zusammen mit Holzhausen als zentralörtlicher Bereich ausgewiesen worden war. Ausbau und Verbesserung der Infrastruktur im Zentrum hatten Vorrang. „Besonders bei der 1978 begonnenen Stadtkernsanierung in Hausberge passten die Vertretern der anderen Ortsteile mit Argusaugen auf, dass nicht zu viele Gelder nach Hausberge flossen.“ Polte erinnert sich an viele spannende Debatten in den Anfangsjahren der blutjungen Stadt. Aufbruchstimmung paarte sich mit Gestaltungswillen, Politiker, so Polte, hätten damals vermutlich größere Entscheidungsspielräume gehabt als heute. Kontroversen begleiten die Errichtung des Gymnasiums, die zunächst ohne Oberstufe entstand, und später der Gesamtschule. Umstritten auch das Großprojekt Weserbrücke und Weserauentunnel. Die FDP wehrte sich seinerzeit gegen die Ausrichtung der Brücke direkt auf den Kurort Hausberge. Selbst nach dem Beschluss zum Bau des Weserauentunnels plädierte der frühere Hausberger Bürgermeister Frohwitter vehement für einen Tunnel durch das Wiehengebirge mit Anschluss an die schon damals geplante Oeynhauser Nordumgehung. Hans-Martin Polte war da weniger ideologisch als sein Parteifreund. Als der Auentunnel nach jahrzehntelangem Warten 2002 endlich eingeweiht wurde, um fortan besonders Barkhausen vom Schwerlastverkehr zu befreien, feierte Polte gemeinsam mit vielen Portanern im Tunnel. „Das hat an der Kommunalpolitik am meisten Spaß gemacht: Wenn die umstrittenen Projekte so oder so entschieden waren und die Einweihungen gefeiert wurden.“ Wer viel entscheidet, liegt bisweilen falsch. Selbstkritisch sagt Polte, dass die Politik bei der Errichtung des Wez-Marktes in Hausberge mehr auf die Verkehrsführung hätte achten müssen – etwa auf den großräumigen Ausbau der Ein- und Ausfahrt und bessere Bedingungen für querende Fußgänger. „Und die Laderampen hätten so gelegt werden müssen, dass die liefernden Lastwagen für den Verkehr auf der Straße nicht zum Hindernis werden.“ Die Erinnerung an viereinhalb Jahrzehnte Politik bringt manche Kuriosität zum Vorschein. „Anfang der achtziger Jahre ernannte mich der damalige Stadtdirektor Dr. Berger zum Selbstschutzberater“, berichtet Polte mit einem Schmunzeln. Mehrere Ratsmitglieder seien damals im Sauerland eine Woche lang ausgebildet worden, um im Fall einer nuklearen Katastrophe die Koordination von Schutzmaßnahmen zu übernehmen. Es habe dazu eine gesetzliche Vorgabe gegeben, die aber anscheinend nur in Porta umgesetzt worden sei. „Das einzige Material, das mir als Selbstschutzberater zur Verfügung stand, war mein Telefon“, beschreibt Polte die faktische Hilflosigkeit im Ernstfall. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 trat er offiziell von dem merkwürdigen Amt zurück – um auf die Sinnlosigkeit und Unwirksamkeit des Gesetzes hinzuweisen. Kurioses hat Polte auch im Ratssaal erlebt. Manfred Kleemann, seinerzeit Fraktionsvorsitzender der CDU, brachte einige Monate lang seinen eigenen Stuhl mit in den Ratssaal. „Er protestierte damit gegen die neue, seiner Meinung nach zu teure Bestuhlung.“ Und seltsam das Verhalten eines früheren Stadtdirektors, der einer Grünen-Ratsfrau verbot, ihr Kleinkind während einer nicht-öffentlichen Sitzung im Ratssaal krabbeln zu lassen. Offenbar fürchtete der Verwaltungschef, dass das Kind irgendwelche Geheimnisse nach draußen tragen könnte. Polte wird künftig politische Sitzungen allenfalls als Zuhörer verfolgen. „Ich bleibe kritischer Beobachter.“ Das Erscheinungsbild Hausberges liegt ihm besonders am Herzen. Deshalb schmerzt ihn, dass die Ratsmehrheit seinen Antrag zur Kurparkpflege vor ein paar Wochen abgelehnt hat. Polte hofft, dass dies nicht das letzte Wort gewesen ist. Vor einigen Tagen hat er Spaziergänger beobachtet, die an dem maladen Teich mit den umgestürzten Bäumen stehen blieben und das Szenario eine Weile betrachteten. „Da habe ich mich richtig geschämt, dass das dort so aussieht.“ Auch die Politik könne einen wertvollen Beitrag zum Stadtbild leisten. Hans-Martin Poltes Wunsch: „Es wäre schön, wenn es bis zur Kommunalwahl 2020 gelingen würde, in allen 15 Stadtteilen jeweils etwa drei Plakatwände aufzustellen, die Parteien bekleben können.“ Das Plakatieren außerhalb dieser Wände sollte dann untersagt werden, um die Flut von Wahlwerbung in der Stadt einzudämmen. Der Autor ist erreichbar unter Telefon (0571) 882 164 oder Dirk.Haunhorst@MT.de Hans-Martin Polte gehörte insgesamt 24 Jahre dem Portaner Stadtrat an (1975 bis 1994 und 1999 bis 2004). Der FDP-Politiker gewann jeweils direkt den Wahlkreis Hausberge-Nord. 18 Jahre lang (1976 bis 1994) leitete er die FDP-Fraktion. 1999 trat Polte als Bürgermeisterkandidat der FDP an. In dieser Kommunalwahl gelang es CDU, FDP und Grünen zum ersten und bislang einzigen Mal, die SPD-Vorherrschaft in Porta zu brechen. Hilmar Wohlgemuth (CDU) wurde erster hauptamtlicher Bürgermeister, Polte sein erster (ehrenamtlicher) Stellvertreter. Mehr als sieben Jahre saß Polte für die FDP im Kreistag, von 2004 bis 2009 war er dort Fraktionsvorsitzender. Neben der politischen Tätigkeit und seinem Beruf als Lehrer engagierte sich Hans-Martin Polte in mehreren Vereinen, etwa dem Kunstkreis. 19 Jahre lang (1984 bis 2003) hatte er als Stadtmajor den Vorsitz im Hausberger Bürgerbataillon inne. Polte hat zwei umfangreiche heimatkundliche Bücher sowie etliche Berichte für das MT geschrieben – alles mit dem Ziel, wichtige Ereignisse und Entwicklungen in Hausberge festzuhalten. Hans-Martin Polte hat 2004 das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten und 2015 die Kulturplakette der Stadt Porta Westfalica.